# taz.de -- Die Wahrheit: Frau Chrupalla, die Charlotte und die Bas
       
       > Dokumentarfilme in der Nachfolge von „Melania“: Eine frauenbewegte
       > Bilderflut steht vor der Tür des begeisterten Kinopublikums.
       
       Der sagenhafte Erfolg der Amazon-Doku „Melania“, die nach dem
       Premierenwochenende überraschend auf Platz 3 der US-Kinocharts steht, ruft
       unzählige Nachahmer auf den Plan. Die Idee dahinter ist aber auch zu
       verlockend: Die Frauen an der Seite der mächtigsten Männer der Welt werden
       mit der Filmkamera bei ihren ganz normalen Alltagsverrichtungen begleitet
       und endlich mal als Menschen ernst genommen. Die daraus gewonnenen
       wunderschönen Bilder werden in eine zeitgemäße Hochglanzästhetik gekleidet,
       ein Riesenpublikum wird angezogen, und der fette Rubel rollt los – für
       diese Rechte blättert einfach jeder zukunftsorientierte Fernsehanbieter
       freudig einen gewaltigen Batzen an US-Dollars hin.
       
       Auch deshalb steht der mächtige Springer-Konzern soeben in Verhandlungen,
       an deren Ende die womöglich größte Summe steht, die hierzulande je in
       Dokumentationsrechte investiert wurde. „Frau Chrupalla“, der umfassende
       Einblick in das Leben der Ehefrau des AfD-Vorsitzenden, soll nach zwei
       Wochen Kinoauswertung exklusiv vom Flaggschiffsender Welt-TV ausgestrahlt
       werden. Für die Rechte sei, so wird gemunkelt, eine Summe von umgerechnet
       18 Millionen Euro im Gespräch. Fürs Marketing sollen anschließend noch mal
       25 Millionen verballert werden.
       
       Die Doku wird Frau Chrupalla – wie sie genannt wird, weil niemand ihren
       Vornamen kennt – 30 Tage lang dabei zeigen, wie sie ihr anstrengendes Leben
       bewältigt. Die Funktionärsgattin brettert beispielsweise stundenlang mit
       ihrem BMW X7 in halsbrecherischem Tempo durch Ostsachsen und wird in
       Görlitz ausgedehnt im Modehaus am Postplatz shoppen gehen. Zudem wird sie
       sich wochenlang minutiös auf den kommenden Bundesparteitag der AfD in
       Erfurt vorbereiten, auf dem ihr Gatte vermutlich als Co-Chef der
       Rechtsextremen wiedergewählt werden wird.
       
       ## Ausgewalzte Skrupel
       
       Zwar fährt sie nach vielen, lang ausgewalzten Skrupeln letztlich nicht hin,
       weil sie sich aus den politischen Geschäften ihres Ehemanns raushalten
       möchte. Ihren besonderen Reiz zieht die über weite Strecken blaustichige
       Doku jedoch daraus, dass Frau Chrupalla, die bislang vollkommen unbekannt
       ist, auch weiterhin vollkommen unbekannt bleibt. In kaum einer Szene ist
       sie richtig zu erkennen, und in den wenigen anderen trägt sie eine
       Lackierermaske aus dem Betrieb ihrer geliebten „Tino-Maus“.
       
       Gefilmt ist das Ganze allerdings brillant. Die edle Inszenierung versprüht
       subtile Eleganz und unverhüllte Fremdenfeindlichkeit. Ruhige Szenen (Frau
       Chr. rührt gemütlich in ihrem Nachmittagsmuckefuck) wechseln sich ab mit
       spannungsgeladenen (Frau Chr. tritt einem Bettler den Hut weg). Dazwischen
       sehen wir schnell geschnittene Abfolgen von Großstadtszenen, Rapsfeldern
       und Grenzwachttürmen – weiß der Kuckuck, was das alles bedeuten soll! Der
       Erfolg an den Kinokassen und bei den kostenpflichtigen Streamingabrufen
       wird dem für Springer sehr teuren Unternehmen jedenfalls recht geben.
       
       Deutschlands Kanzler Friedrich Merz hingegen, gestraft mit unverdient
       schlechten Umfragewerten, wittert im heißen Trend eine großartige Chance,
       seine Beliebtheit zu steigern. „Charlotte“, das Dokudrama um eine Juristin
       aus dem Sauerland, die es dank unermüdlichem Fleiß und rechtschaffenem
       Charakter zur Richterin und sogar zur Direktorin eines Amtsgerichts in der
       westfälischen Provinz schafft, soll den Umschwung bringen. Das Land soll
       davon überzeugt werden, dass dieser Kanzler sein Herz am rechten Fleck
       investiert hat.
       
       In dieser kochenden Mixtur aus Sinn und Sinnlichkeit, aus Ratio und Emotio,
       ist er letzten Endes auch nur ein Mensch wie du und ich. Warum? Cherchez la
       femme! Charlotte Merz kauft ihrem Mann also eine neue Krawatte, quält die
       Kuckucksuhr und füttert die Kinder, die sich wegen ihres erwachsenen Alters
       schreiend dagegen wehren. Dazwischen organisiert sie das Gerichtswesen in
       Arnsberg im Alleingang neu, indem sie die 60-Stunden-Woche einführt und für
       jeden genommenen Urlaubstag einen Tag Hausarrest und 20 Peitschenhiebe
       verfügt.
       
       ## Ergreifendes Porträt
       
       Leider interessiert sich für dieses ergreifende Porträt derzeit kein
       Streaminganbieter. Selbst ZDFinfo hat den Emissären aus dem Kanzleramt
       soeben die Tür vor der Nase zugeknallt. Der starrsinnige Merz wird sich von
       seinem Vorhaben jedoch nicht abbringen lassen. „Charlotte“ wird gerade zu
       einem Podcast umgeschnitten, der den Lebensweg dieser vorbildlichen Frau
       feiert und auf das Feminismuskonto des bei Frauen recht unbeliebten
       CDU-Vorsitzenden einzahlt. Bei Spotify wurde angefragt. Die Antwort steht
       noch aus.
       
       Einen völlig anderen Weg wählt deshalb Sozialministerin Bärbel Bas, die
       statt einer öden Doku über ihren nicht oder nicht öffentlich vorhandenen
       Gatten mit dem genderneutral betitelten „Bas“ Furore machen will. Und das
       auf dem coproduzierenden Sender RTL Zwei! Geschlagene 90 Minuten hält sie
       eine packende Rede über dies und das und die Zukunft der Sozialdemokratie
       in einer globalisierten Welt, während sie in ihrem Garten Blumen jätet und
       Unkraut gießt. Doch was ist das? Man traut seinen Augen kaum. Plötzlich
       ändert sich wie in einem David-Lynch-Film das Setting total und Ferdinand
       Lassalle, August Bebel und Wilhelm Liebknecht übernehmen das Ruder und
       steuern durch die Bilderflut.
       
       Symbolisiert das den Anbruch eines neuen, alten sozialdemokratischen
       Zeitalters? Zaghaft beglückt, ja regelrecht beschwingt verlassen die
       Premierengäste den Saal. Eine schöne Vorstellung, eine liebenswerte Utopie,
       die im pragmatischen Alltag überhaupt keine Filmrolle spielt! Dafür wurden
       Dokus erfunden.
       
       7 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mark-Stefan Tietze
       
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