# taz.de -- Die Wahrheit: Entzaubern mit Zahlen
       
       > Vor dem Superwahljahr 2026 glühen bei den Umfrageinstituten die Drähte
       > heiß in den berechnenden Maschinen und Köpfen.
       
       Auf den Fluren der Institute für Demoskopie geht es seit Jahresbeginn zu
       wie in einem überfüllten Taubenschlag (56 Prozent Zustimmung) oder
       Ameisenhaufen (28 Prozent unentschieden). Es herrschen Gewusel, Gewimmel,
       unbeschreiblicher Gestank! Das Superwahljahr ist angebrochen, und
       Deutschlands demokratische Kräfte schauen auf den Ausstoß der
       Umfrageindustrie wie zitternde Kaninchen auf ein Nest von Königskobras,
       wenn man den aktuell erhobenen Zahlen glauben darf.
       
       „Schade für die Demokratie, aber ein Gottesgeschenk für uns“, strahlt
       Manfred Güllner, prominentester Kopf seiner Branche. In seinem Berliner
       Infas-Institut dreht er frisch hereingekommene Daten durch eine
       hochkomplexe Apparatur, die intern nur „Fleischwolf“ genannt wird. Stern
       und RTL erwarten nämlich heute Abend die aktuelle Sonntagsfrage, deren
       Ergebnisse vom Meister persönlich noch mit einer Prise Chili und ein paar
       Zentnern Salz abgeschmeckt werden müssen.
       
       Ähnlich läuft es bei den Mitwettbewerbern. In allen Instituten wird
       telefoniert, gerechnet, geschrien und getobt, um an das begehrte
       Datenmaterial zu gelangen. Dann rattert Volkes Stimme als Rohstoff durch
       die Rechner, wird obszönen statistischen Verfahren unterzogen,
       kleingerechnet und mit Stickstoff aufgeschäumt. Und die Chefs in den Büros
       feilen, ehe sie zum nächsten TV-Auftritt eilen, an ihren mahnenden Worten
       oder lassen sich schnell noch etwas Filler unter die Haut spritzen – je
       nachdem, wie man fragt.
       
       ## Flut von Erkenntnissen
       
       Dass das Gewerbe so ungemein dynamisch pulsiert, kommt nicht von ungefähr,
       sondern aus der heiklen politischen Stimmung. Wichtige Landtagswahlen
       stehen an in den Bindestrichländern Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz,
       Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Zum Teil drohen diese in die
       Hände der Ultrarechten zu fallen, im Osten sogar in die der AfD.
       
       Zudem wird in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt, es sieht, analog
       zur derzeit von Anarchisten teilweise verdunkelten Kapitale, dort düster
       aus für die einst etablierten Parteien der Mitte. Und sonst? Gibt es in
       Bayern, Hessen und Niedersachsen Kommunalwahlen, die einige von ihnen
       hinwegfegen werden.
       
       Die Institute stehen angesichts dieser Flut von Ereignissen unter enormem
       Druck. Die entscheidende Frage ist: Wer kann bei all der Konkurrenz die
       besten Zahlen für die AfD vorlegen? Wer kann die alarmierendste
       Zukunftsvision erstellen, die den Rechtsauslegern am meisten Honig um den
       Mund schmiert? Und mit den düstersten Prognosen ganz nach vorne in die
       Schlagzeilen kommen – höchstwahrscheinlich sogar in die Gunst der neuen
       Herrschaft?
       
       ## Drähte nach ganz oben
       
       Insa-Chef Hermann Binkert hat ausgezeichnete Kontakte zur rechtsextremen
       Partei und liegt auch stets vorn, wenn es gilt, namentlich erwähnt zu
       werden. Er hat die AfD schon bei 69 Prozent gesehen und ist jederzeit
       bereit, noch eine Schippe draufzulegen. Er prophezeit: Es wird ein knappes
       Rennen; Weidel ist noch lange nicht Kanzlerin. Und möchte die törichten
       Kollegen vor jeder Form von Siegesgewissheit warnen. Insa, grinst er, habe
       den ultimativen Joker, „den Draht nach ganz oben“.
       
       Roland Abold von Infratest dimap verantwortet dagegen den
       ARD-Deutschlandtrend und kann sich derart politische Parteinahme noch nicht
       leisten. Mehr als 65 Prozent traut er den Faschisten auf Bundesebene nicht
       zu, in den östlichen Bundesländern hält er ihren Durchmarsch allerdings für
       ausgemacht. Tut ihm auch leid, aber kein Wunder, wenn sich die
       Regierungsparteien so dermaßen blöd anstellen. Einem von seiner Oligarchie
       ausgeplünderten Land weiteren Verzicht zuzumuten, meint er vorsichtig,
       können sich eben nur rechte Volkstribunen leisten, nicht lächerliche Loser
       wie Merz oder Klingbeil.
       
       Dem widerspricht Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim
       energisch. Er hat soeben das aktuelle ZDF-Politbarometer fertiggestellt und
       weiß: „Die deutsche Bevölkerung ist überwiegend vernünftig, neigt nur zum
       Rechtsautoritarismus, wenn er weltweit im Trend liegt. Die aktuell
       Herrschenden und Kanzler Merz können da nicht viel machen, außer ihn nach
       Kräften zu fördern. Es macht halt Freude, Minderheiten zu quälen.“ Er werde
       sich im Regierungsalltag dann schon von selbst entzaubern, der Höcke.
       
       „Papperlapapp!“, wendet Renate Köcher vom Institut für Demoskopie
       Allensbach ein. Sie hält die Frage für falsch gestellt: „Eine Mehrheit will
       die Welt brennen sehen. Ein Erdrutschsieg ist praktisch unausweichlich. Wer
       jetzt nicht AfD wählt, hat nicht alle Tassen im Schrank.“ Am Ende des
       Jahres werde die alte Bundesrepublik Geschichte sein, mit ihr die Union,
       die SPD und ihre sozialistischen Helfershelfer. Ihren eigenen Sympathien
       verordnet sie eine Schweigespirale.
       
       Die krasse Außenseiterposition vertritt zum Schluss Newcomer Civey. Chefin
       Janina Mütze lacht: „Wenn Umfragen etwas ändern würden, wären sie längst
       verboten!“ Die derzeitige Situation findet sie spannend: „Am Ende ist es
       egal, wer gewinnt. Hauptsache, die Kasse klingelt.“
       
       ## Überwiegend Hass
       
       Im Kanzleramt sorgen die täglichen Katastrophen jedoch für Alarmstimmung.
       Friedrich Merz weiß: Jede triumphale Umfrage für die AfD stärkt die Ränder
       – und zwar die Ränder seines sich mählich ausdehnenden Zorns auf die
       Sozialdemokraten. Ohne diese Losertruppe, mit der er leider zu koalieren
       gezwungen ist, hätte er die rechtsradikale Partei längst gegen die Wand
       regiert!
       
       Doch Merz stellt sich in nachdenklichen Momenten auch bohrende Fragen:
       Könnte er den Vizekanzler unter Chrupalla machen? Würde es ihm auf diese
       raffinierte Weise gelingen, wenigstens eine Kanzlerin Weidel zu verhindern?
       46 Prozent der Deutschen würden dies begrüßen! 31 Prozent lehnen es ab, 23
       Prozent sind noch unentschieden. Für die Erhebung wurden vom Mittwoch
       vergangener Woche bis Montag 1.184 Wahlberechtigte befragt.
       
       Doch unklar bleibt bis zuletzt: Hält die Koalition die ganzen miserablen
       Umfrageergebnisse überhaupt aus? Verschwindet die SPD noch vor den
       Märzwahlen freiwillig in einem Loch? Und stützt die Union Friedrich Merz
       weiter als Kanzler, wenn sie erfährt, dass 90 Prozent der Bundesbürger ihn
       ganz oder überwiegend hassen? Allerletzte Frage: Ach, nö. Schluss jetzt.
       
       10 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mark-Stefan Tietze
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wahlen
 (DIR) Meinungsforschung
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahlen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Pfandflaschen
 (DIR) Lachgas
 (DIR) Satire
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Pfandastischer Ärger
       
       Deutschland immer gereizter und gespaltener: Nach dem Stadtbild wird nun
       erbittert ums Leergut und die Automatenblockierer gestritten.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Weltflucht in den Kicheranfall
       
       Immer mehr junge Leute verfallen dem Lachgas. Ein Verbot durch die Behörden
       steht unmittelbar bevor und ist nicht mehr aufzuhalten.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Au wei, Dubai! Es ist vorbei, bye, bye!
       
       Wahrheit investigativ: Was ist eigentlich los mit der Dubai-Schokolade? Tut
       sich noch irgendetwas beim süßesten Hype der letzten Zeit?