# taz.de -- Die Wahrheit: Mit Kaiser Merz durchs Zeitengewitter​
       
       > So wird 2026: Ein dringend notwendiger Ausblick auf ein Jahr im
       > Ausnahmezustand ganz und gar vollkommener Stille​.
       
 (IMG) Bild: Friedrich Merz mutiert in 2026 zu Friedrich IV. Und Macron? Perdu
       
       Es schlägt ein wie ein sanfter Paukenschlag oder angestupster Gong: Das
       laufende Jahr wird ein Jahr der leisen Töne! Als chinesisches Jahr des
       Faultiers beginnt es behutsam, zergeht fast auf der Zunge, will aber kaum
       vergehen und erhebt sich damit über den immer reißenderen Fluss der Zeit.
       Dafür sorgen nicht zuletzt die Chinesen selbst, die zur Abwechslung
       unchinesisch vornehm auftreten und den monströsen Radau ihrer Powerpolitik
       für ein komplettes Jahr aussetzen. Statt die Welt mit lärmenden
       Plastikgegenständen zu überschwemmen und sich überall da an die Spitze zu
       setzen, wo Elektromotoren in Richtung Zukunft brausen, machen sie einfach
       mal halblanglang – selbst bei Halbleitern, quasi Viertelleitern.
       
       Statt sich die Welt mit aggressiver Höflichkeit und pikanten Bratnudeln zu
       unterwerfen, machen sie sich also deren Bewohner zu besten Freunden. In
       ihren Riesenfabriken produzieren sie beruhigende Stillemodule mit
       Überschalldämpfern; solarbetriebene Meditationsroboter bringen akustischen
       Frieden. Um dem Westen auch in puncto Verkehrsberuhigung davonzuziehen,
       schmöken sie in ihren Sänften Opiumpfeifchen und verzichten sogar aufs
       lautstarke Hupen beim Überqueren der Taiwanstraße. Aber ganz typisch für
       China: auch da wieder uneinholbar an der Weltspitze.
       
       Schlechte Nachrichten bringt das Jahr dagegen für Europa. Für die einen ist
       der traditionsreiche Halbkontinent die Wiege der Zivilisation und letzte
       Bastion demokratischer Vielfalt, für die anderen eine lästige Marotte
       seiner weißen, primitiven Ureinwohner. Nochmals andere sehen in ihm den
       bleichen Wurmfortsatz einer dunklen Macht, aber welcher genau? Da können
       wahrscheinlich schon wieder nicht mehr alle mitgehen – so gespalten ist
       Europa inzwischen, seine Zungen sind es erst recht.
       
       Eigentlich ist die eingeklemmte Lage der Föderation im Frühjahr 2026
       richtig beschissen. Zwickmühle wäre ein taktvoller Hilfsausdruck. Von einer
       gemeinsamen Politik gegenüber inneren und äußeren Feinden von rechts und
       superrechts darf nur geträumt werden. Dem stehen Minderheitenveto,
       unfassbare Bürokratie und offene Korruption entgegen – Ursula von der Leyen
       muss sich zu Recht Fragen gefallen lassen. Sie antwortet nicht, weil ihr
       Handy schon wieder verschwunden ist. Über diese Bankrotterklärung lachen
       sich andere, erfolgreichere Kontinente ein weiteres Jahr lang schlapp und
       dehnen sich dabei weiter aus. Selbst schuld, Europa!
       
       Deutschland, das europäische Reich der Mitte, muss darum auf eigene Faust
       gegen die Bedrohungen aus Ost und West fighten. Als Lehre aus dem
       unbefriedigend verlaufenden Ukrainekrieg wird der preußische Militarismus
       wieder eingeführt. Mietskasernen werden entmietet und als Kasernen genutzt.
       Schrittweise, also im Stechschritt, gilt Militärrecht.
       
       Die Rüstungsindustrie ersetzt die kaputte Autoindustrie und macht
       Bombenumsätze. Am Ende des Jahres beherrschen Pickelhauben das Stadtbild,
       und das Spießrutenlaufen ist nicht mehr nur Metapher für faule
       Journalisten, sondern wird an ihnen schmerzhaft exerziert. Schönen Dank
       noch mal, Kaiser Friedrich IV.!
       
       ## Kann Haftbefehl Merz jetzt noch stoppen?
       
       Einzig Haftbefehl, die authentische Stimme unter Deutschlands Rappern,
       könnte den entfesselten Polit-Babo Merz auf seinem Triumphzug ins Gestern
       jetzt noch stoppen, aber Aykut Anhan hat eigene Probleme. Eine zweite
       Netflix-Doku fällt ins Wasser, weil seine Nase nicht mehr mitspielt. Sie
       fordert eine so hohe eigene Gage, dass man das Budget auch gleich in den
       Main werfen könnte. Aykut macht genau das, rastet am Offenbacher Ufer aber
       wieder total aus, was nur psychologisch zu erklären ist. Hinterher ist
       alles voller Blut und weißem Pulver, Genaueres sieht man nicht.
       Anschließend tritt Deutschlands einziger Weltstar dem Mormonentum bei,
       kommt zu allen Terminen zu früh und schrottet die Planungen der deutschen
       Musikindustrie für Jahre.
       
       Zurück zu Merz. Der Sozialstaat wird dieses Jahr, wie schon vor
       Kaiserzeiten vorgesehen, wirklich abgebaut. Wir können ihn uns nicht mehr
       leisten, sagen viele aus Merz’ alter Nachbarschaft in Arnsberg-Niedereimer
       und anderen Kastellen im Land, weil wir sonst unseren Drittwagen, unsere
       Viertjacht oder unseren Fünftprivatjet abgeben müssten. Die SPD fühlt sich
       gemeint und schlägt beschämt die Augen nieder. Sie löst sich sofort auf und
       tritt der kaiserlichen Union als eigene, besonders konfliktscheue
       Parteigliederung bei („sozialdemokratischer Flügel“).
       
       Kaiser Friedrich kennt ebenfalls keine Parteien mehr, nur noch Deutsche,
       grüßt alle anderen morgens nicht einmal. Er wird zusehends versponnener,
       erbaut um sich mittelalterliche Schlösser und Altstädte, driftet in
       Fantastereien ab („Deutschlands Zukunft liegt unter dem Wasser!“).
       
       ## Merz nimmt langsam niemand mehr ernst
       
       Langsam nimmt „den Alten“ niemand mehr ernst – spätestens als er Frankfurts
       Hochhäuser rückbauen lässt. Lange hat Friedrich IV. freilich nicht mehr zu
       leben, da er in eine Bärenfalle läuft, die Kronprinz Jens im Schlosshof
       versehentlich hat stehen lassen. Aua, aua, aua – Merz will seine Freiheit
       auf keinen Fall aufgeben! Er reißt und rupft das Bein, wie immer herrisch
       und ungeduldig, ab – und ist tot. Typisch Mann!
       
       Leider jedoch hat der lange Lulatsch in seiner letzten Rede noch einen
       folgenschweren Fehler begangen. Der Kaiser kann halt von seiner unseligen
       Angewohnheit nicht lassen, jedes Lob als krasse Abwertung von jemand
       anderem zu formulieren. Als er beim Versuch, das deutsche Handwerk zu
       umschmeicheln, die gesamte Götterschar im Olymp beleidigt, lässt diese, als
       sie mit der für Handwerker typischen Verspätung davon hört, das jüngste
       Gericht herniederfahren.
       
       Merz kriegt davon zwar nichts mit, der Rest der Welt aber auch nicht lange.
       Unschön eigentlich, so kann man ein Jahr in diesen aufmunterungsbedürftigen
       Tagen nicht enden lassen, doch so steht es geschrieben. Die wohltuende
       Stille, die die Chinesen zu Jahresbeginn heraufbeschworen haben, entpuppt
       sich leider als Grabesruhe. Einziger Lichtblick: Jens Spahn regiert
       nirgends. Das Leben findet vielleicht doch einen Weg.
       
       1 Jan 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mark-Stefan Tietze
       
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