# taz.de -- Teilzeit-Debatte: Der Verlust, wenn Arbeit (nicht) verweigert wird
> Schon vor 120 Jahren wünschten sich die Menschen, weniger zu arbeiten.
> Von jenen, die diesem Wunsch nachgehen konnten, profitiert unsere Kultur
> bis heute.
(IMG) Bild: Verdingte sich in Teilzeit bei einer Versicherungsanstalt: Franz Kafka
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Begriff „Lifestyle“ in der deutschen
Sprache noch gänzlich unbekannt. Wohl aber existierte schon damals das
heutzutage von der Mittelstands- und Wirtschaftsunion gebrandmarkte
Phänomen, die eigene Arbeitszeit so verringern zu wollen, dass sich der
Anteil der freien Zeit erhöhe, wobei der Begriff „Teilzeit“ offenbar
ungebräuchlich war. Typisch dafür ist eine Episode aus dem Jahr 1908.
In einem dazu erschienenen Bericht über die Teilzeitarbeitsaufnahme zweier
Freunde ist nicht die Rede davon, dass dies der Aus-, Fort- und
Weiterbildung, der Pflege von Angehörigen oder der Kindererziehung dienlich
sein sollte, wie es der CDU-Wirtschaftsflügel ausdrücklich billigt. Nein,
die beiden Betroffenen gedachten ganz offen, ihre Arbeitsleistung zu
verringern, um ihren privaten Interessen nachzugehen.
Dazu schreibt der eine der beiden Freunde: „Was wir beide mit heißer
Inbrunst anstrebten, war ein Posten mit ‚einfacher Frequenz‘ – also Dienst
von früh bis 2 oder 3 Uhr mittags und nachmittags frei. Posten im
Privatdienst, die Vormittag und Nachmittag Dienststunden hatten, ließen vom
Tag nichts Zusammenhängendes mehr für literarische Arbeit, Spaziergänge,
Lektüre, Theater usw. übrig.“
## Kultur als Lifestyle
[1][Ein klassischer Fall von Lifestyle-Teilzeit also,] ein
ungerechtfertigter Anspruch, der die Wirtschaft gefährdet, das Land dem
Untergang zutreibt und der Verlotterung der Arbeitswelt Vorschub leistet.
Der eine Freund arbeitete bald wie gewünscht in Teilzeit als Postbeamter
und frönte am Nachmittag seiner Leidenschaft, dem Schreiben.
Der andere Freund, auch er ein Jurist, der 1906 zum Doktor der Rechte
promoviert worden war, verdingte sich in Teilzeit bei einer
Arbeiterunfallversicherungsanstalt. Ihm gelang seine Freizeitbeschäftigung
nur mäßig, denn „dazu bedurfte es einer Folge von vielen Stunden, um den
großen Schwung, in den ihn seine schaffende Kraft brachte, sich gehörig
steigern und dann wieder abklingen zu lassen“, wie dessen Freund schreibt.
Dies aber sei „in dem kurzen Nachmittag“ unmöglich gewesen.
Dem Versicherungsmitarbeiter gelang es infolgedessen nur in seltenen
Fällen, seine Romane zu einem Abschluss zu bringen. Als er 1924 in einem
Pflegeheim nahe Wien verstarb, hinterließ er eine Reihe unvollständiger
Werke. Sein Freund bemühte sich, diese dennoch zu publizieren, doch die
Wirkung blieb zunächst auf einen kleinen Kreis beschränkt.
## Es wäre geradezu kafkaesk
Der eine Freund, der diese Episode von 1908 knapp 30 Jahre später
beschrieb, trug den Namen Max Brod, heute ein nahezu in Vergessenheit
geratener Schriftsteller aus Prag, der seine Bücher auf Deutsch verfasste.
Brod ist 1939 den Nazis nach Palästina entkommen und 1968 in Tel Aviv
verstorben. Sein Freund von der Versicherungsanstalt hieß [2][Franz Kafka.]
Würde es nach dem CDU-Wirtschaftsflügel gehen, könnten wie bei der Lektüre
der „Verwandlung“ nicht erschauern, den „Process“ nicht atemlos verfolgen
und uns im „Schloss“ nicht verlaufen. Ja, den Begriff „kafkaesk“ gäbe es
gar nicht. Das aber wäre wirklich kafkaesk.
13 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Hillenbrand
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