# taz.de -- Barbara Honigmann „Mischka“: Zwischen Rosenhügeln und Ersatzmüttern
       
       > Ein internationales Kulturbürgertum, das nie eine konkrete Verortung
       > hatte: Barbara Honigmann beschreibt das jüdisch-kommunistische Milieu des
       > 20. Jahrhunderts.
       
 (IMG) Bild: Grenzen überschreiten: Barbara Honigmann, 1989
       
       Dass viele vor den [1][Nazis] geflohene Emigranten später in die DDR
       übersiedelten, hatte gute Gründe. Dieses Staatswesen konnte als
       Gegenentwurf zum Nationalsozialismus verstanden werden, und so bildete sich
       in Ostberlin ein spezifisches Bürgertum heraus, das so in der
       Bundesrepublik nicht existierte – denn da gab es ebenso wenig Juden wie
       Kommunisten.
       
       Solche „Kulturjuden“, wie sie es nennt, sind das Lebensthema der
       Schriftstellerin Barbara Honigmann. Die Ideologie des [2][SED-Staats]
       überdeckte bald alles, und die „zweite Generation“ der Juden nach der
       Shoah, zu der die Autorin sich zählt, fragt sich umso mehr: „Wer sind wir
       und was?“
       
       Barbara Honigmann hat in ihren Büchern immer wieder neue Aspekte ihrer
       Familiengeschichte in den Mittelpunkt gerückt, und es ging dabei jedes Mal
       darum, eine große Leerstelle zu umkreisen. Die aus [3][kommunistischer
       Überzeugung] in die DDR gekommenen Juden hatten, obwohl sie durchaus zur
       kulturellen Elite des neuen Staatswesens zu zählen waren, keinen Ort.
       
       ## Herkunft ohne Tradition
       
       Sie waren fremd, genauso wie ihre Kinder: „Eine Gruppe sind wir nicht, ein
       Volk schon gar nicht, nicht einmal ein Völkchen, das Gemeinsame ist nur
       unser Herkommen, aber zumeist ohne eine Tradition, ohne Überlieferung, ohne
       Religion sowieso. Die Eltern schwiegen meistens, oder sie redeten viel zu
       viel, und man mochte es dann oft nicht mehr hören.“
       
       Georg Honigmann, der Vater, war in der DDR ein bekannter Journalist, unter
       anderem Chefredakteur der BZ am Abend und Direktor des Kabaretts „Die
       Distel“. Seine zweite Ehefrau, Barbara Honigmanns Mutter Alice Kohlmann,
       hatte eine spektakuläre Vorgeschichte: Sie war von 1934 bis 1946 mit dem
       Doppelagenten Kim Philby verheiratet gewesen, den sie bei seinen
       prosowjetischen Aktivitäten unterstützte.
       
       Die äußeren Daten sind also ziemlich glamourös, die psychischen
       Befindlichkeiten dafür umso komplexer. Und das betrifft gerade auch die
       Kinder der Exilanten, die mit dem Verschweigen, dem Taktieren, der Suche
       nach der eigenen Positionierung aufgewachsen waren.
       
       ## Drei Prosastücke
       
       „Mischka“ ist der Titel des längsten der hier enthaltenen drei Prosastücke.
       In ihrer knappen, sachlichen, nie vordergründig emotionalen Sprache gelingt
       Honigmann ein eindrucksvolles Porträt aus einer Welt, die man kaum kennt
       und die heute nicht mehr vorstellbar ist.
       
       Mischka gehörte zu einem Kreis, der sich in Berlin in den Zwanzigerjahren
       fand und zu dem Personen aus allen Himmelsrichtungen gehörten, aus Brünn,
       Graz, Riga oder Kowno – Juden, die sich zur Linken zählten und in Berlin,
       das neben Moskau die Hauptstadt der kommunistischen Bewegung war, an der
       Imprekorr mitarbeiteten, der Zeitschrift der Kommunistischen
       Internationalen, die in etlichen Sprachen erschien.
       
       Barbara Honigmann beschreibt diese Personengruppe bis in die Gegenwart.
       Mischka stammte aus einer großbürgerlichen Familie in Riga und hieß
       eigentlich Wilhelmine Magidson, wurde in den Dreißigerjahren aus Berlin
       nach Moskau zurückbeordert und geriet dort mitten hinein in den
       stalinistischen Terror, samt Zuchthaus und zehnjähriger Verbannung in
       Sibirien. Die Autorin besuchte Mischka, die für sie zu einer Art
       Ersatzmutter wurde, in den Sechziger- und Siebzigerjahren oft in Moskau.
       
       ## Von den Stalinisten „liquidiert“
       
       Zu jenem Kreis gehörte aber auch Irén: Diese kehrte aus dem Exil nach
       Budapest zurück, zählte dann zur Nomenklatura der ungarischen
       kommunistischen Partei und lud den alten Freundeskreis jedes Jahr in die
       Residenzen der Partei auf dem Budapester Rosenhügel oder an den Plattensee
       ein. Dass ihr Mann, ein avantgardistischer Lyriker, bereits in den
       Dreißigerjahren in Paris von den Stalinisten „liquidiert“ wurde und nicht
       eines natürlichen Todes starb, wollte sie lange nicht wahrhaben.
       
       Und es gab auch Hilde, die als Brunhilde Rothstein im galizischen Tarnopol
       geboren wurde: Sie hatte in Frankfurt am Main gelebt, sprach bis zum
       Schluss Hessisch, wurde dann in Ostberlin Chefredakteurin eines viel
       gelesenen Magazins und hielt Kontakt zu Verwandten in Israel. Zur
       Zentralfigur dieser auseinandergesprengten, ihre jüdische Herkunft durch
       kommunistische Überzeugungen überlagernden Gruppe wird in Barbara
       Honigmanns Prosastück Mischka in Moskau.
       
       In ihr sammeln sich alle Widersprüche, scheinen sich aber durch eine
       freischwebende Existenz aufzulösen. Dass Mischka als Tochter eines
       baltischen Holzfabrikanten in einer Acht-Zimmer-Wohnung aufgewachsen war
       und von einer englischen Nanny und einer französischen Nounou in englischer
       und französischer Sprache erzogen wurde, strahlte sie auch in Moskau noch
       aus. Sie stand für ein internationales Kulturbürgertum, das nie eine
       konkrete Verortung kannte.
       
       ## Lew Kopelew oder Jewgenija Ginsburg
       
       Ihre Wohnung war ein Treffpunkt der Dissidenten, hier verkehrten Lew
       Kopelew oder Jewgenija Ginsburg, und das Taganka-Theater von Juri Ljubimow
       spielte dann auch für die Besucherin Barbara Honigmann eine große Rolle.
       Die Lesungen und Diskussionen bei Mischka fanden natürlich auf Russisch
       statt, aber mit der Autorin sprach sie Deutsch: „Mischkas Deutsch klang,
       als ob es ihre Muttersprache wäre, und das war sie ja wohl auch.“
       
       Barbara Honigmann kontrastiert das Porträt dieser international vernetzten
       jüdisch-kommunistischen Diaspora mit zwei anderen, kürzeren Prosastücken.
       In „Max und Yvette“ werden weitere jüdische Biografien des 20. Jahrhunderts
       verhandelt, dieses Mal abseits kommunistischer Ideen.
       
       Die Autorin, die in den Achtzigerjahren aus der DDR nach Straßburg
       übersiedelte, trifft dort Max und Yvette, Juden, deren Vorfahren aus
       Osteuropa in den Westen gegangen waren und durch die Dimensionen des
       sephardischen und aschkenasischen Judentums aufscheinen. Wenn man von Max
       und Yvette zum Schabbes eingeladen wird, kann es sein, dass man dort einen
       echten, originalen „gefillten Fisch“ serviert bekommt, dessen Rezept
       allmählich verschwindet und der ein Sinnbild für das nicht mehr existente
       osteuropäische Judentum ist.
       
       Das letzte der drei Stücke, „Peter Thomas Klaus Wolfgang“, behandelt mit
       vier Protagonisten das Problem jener „zweiten Generation“, der Kinder der
       ehemaligen jüdischen Exilanten und Überlebenden der Lager.
       
       ## Exzessive Energieschübe
       
       Einer der berühmtesten darunter ist Thomas Brasch, und auch auf ihn trifft
       zu, was Barbara Honigmann generell über diesen Typus sagt: „Oftmals
       schwankten sie zwischen Größenwahn und Depression, konnten tagelang nicht
       aus ihren Betten aufstehen, um dann eines Morgens, von exzessiven
       Energieschüben getrieben, durch die Stadt zu toben und wichtige,
       weltverändernde Wahrheiten, Forschungsprojekte und Dichtungen zu
       verkünden.“
       
       Es sind eindringliche Skizzen, die Barbara Honigmann hier vorlegt, und auch
       wenn sie sich mit Wertungen fast vollständig zurückhält und genaue
       Beobachtungen und Szenen sprechen lässt, ist eines immer spürbar: Ihr
       Überschreiten mehrerer Grenzen in den Achtzigerjahren, ihre Integration in
       die jüdische Gemeinde in Straßburg war die Suche nach einem Fluchtpunkt,
       die durch ihre vielfältigen Familien- und Politikprägungen ausgelöst wurde.
       
       „Mischka“ richtet ein fein justiertes literarisches Mikroskop auf schwierig
       zu umreißende, zeitgeschichtlich aber äußerst aufgeladene Bereiche, die oft
       aus dem Blickfeld geraten, und erfasst dadurch umso intensiver
       exemplarische Schicksale des 20. Jahrhunderts.
       
       11 Feb 2026
       
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