# taz.de -- Expertin über Geschlechtergerechtigkeit: Wie sexistisch ist die Klimakrise?
> Beim Kampf gegen die Erderhitzung geht Schutz von Frauen oft unter,
> kritisiert Sabine Minninger von Brot für die Welt.
(IMG) Bild: Eine Frau sitzt vor ihrem überfluteten Haus in einem Dorf in der Gemeinde Choumuhani in Bangladesch am 7. September 2024
taz: Frau Minninger, Frauen und Kinder sterben bei Naturkatastrophen
häufiger als Männer. Ist die [1][Klimakrise] sexistisch?
Sabine Minninger: Ja, die ist sogar hoch sexistisch. Oder besser: Die
Gesellschaft, die die Klimakrise verursacht und auf ihre Folgen reagiert,
die ist sexistisch. Frauen sind aufgrund von sozialen Konstrukten
benachteiligt – auch in der Klimakrise.
taz: Wie äußert sich die Geschlechterungleichheit?
Minninger: Man könnte denken, bei einem Sturm oder bei einer Überschwemmung
werden Männer doch genauso weggeschwemmt wie Frauen. Aber es ist eben so,
dass Frauen sich viel häufiger darum kümmern, im Katastrophenfall Kinder,
Haus und Hof in Sicherheit zu bringen, statt nur sich selbst. Wo Frauen vor
allem in häusliche Rollen gedrängt werden, haben sie auch oft weniger
Zugang zu den Warnsystemen. Aus Notunterkünften, die während
Extremwetterereignissen wie Zyklonen Schutz bieten sollen, gibt es zudem
immer wieder Berichte über sexualisierte Gewalt bis hin zu
Vergewaltigungen, denen Frauen ausgesetzt sind. Ich könnte noch viele
weitere Beispiele nennen.
taz: Sie befassen sich besonders in Hinblick auf Länder im Globalen Süden
damit, wie Klimaschutz, Klimaanpassung und der Umgang mit Schäden und
Verlusten durch die Klimakrise gelingen kann. Deutschland mit seinem
historisch, aktuell hohen CO2-Fußabdruck hat eine völkerrechtliche
Verpflichtung zur Unterstützung. Spielt Geschlechtergerechtigkeit in der
deutschen Entwicklungspolitik eine Rolle?
Minninger: Leider viel zu wenig. Das untersuchen wir jedes Jahr in unserem
Anpassungsindex. Da geht es darum, wie viel Geld Industrieländer für
Klimaanpassung in armen Ländern zahlen und wie gerecht das verteilt wird.
Ein Ergebnis des Index von 2025 war: Bei der Bereitstellung von Geld für
gendersensible Projekte lagen im Zeitraum von 2016 bis 2022 Kanada,
Luxemburg, Island und die USA unter Joe Biden vorne. Deutschland spielt nur
im Mittelfeld, genau wie die gesamte Europäische Union. Übrigens
priorisieren aber nicht nur die Geberstaaten das Thema nicht genug, sondern
auch die Nehmerstaaten. Das sehen wir zum Beispiel bei Jamaika, Eritrea,
Angola, Lesotho, der Dominikanischen Republik, dem Tschad. Wenn man da
guckt, wie viel Prozent der Gelder wirklich in Projekte gehen, die die
Bedürfnisse von Frauen in den Fokus nehmen, dann ist man da ganz schnell
bei 0,1 Prozent oder weniger angekommen.
taz: In der Ampelregierung wollten Außenministerin Annalena Baerbock
(Grüne) und Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) ausdrücklich
[2][feministische Politik] machen. Hat man das praktisch gemerkt?
Minninger: Ja. Ich nehme als zivilgesellschaftliche Vertreterin jedes Jahr
an den Weltklimakonferenzen teil, bei denen die Vereinten Nationen
Klimaschutz auf internationaler Ebene verhandeln. Annalena Baerbock und
Svenja Schulze haben da Lobbyarbeit für das Thema betrieben. Da mussten
nicht wir als Zivilgesellschaft erst mal der deutschen Verhandlungsführung
erklären, worum es geht.
taz: Und wie sind Ihre Erfahrungen bis jetzt mit [3][Schwarz-Rot]?
Minninger: So eine Regierung wechselt ja nie komplett das Personal aus. Die
Verhandlungsteams auf den Klimakonferenzen bestehen nicht nur aus den
Spitzenpolitikern, sondern aus vielen Fachleuten und Diplomaten. Von denen
sind viele geblieben. Und da hat die Bedeutung, die Frauen- und
Genderthemen während der Ampelregierung hatten, Spuren hinterlassen. Wenn
Bewusstsein einmal erweitert worden ist, ist es schwierig, das wieder
wegzubekommen. Ich hoffe, dass sich das auch in den Zahlen bei der
Finanzierung von Klimaprojekten niederschlägt.
9 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Schwerpunkt-Klimawandel/!t5008262
(DIR) [2] /Feministische-Aussenpolitik/!5841276
(DIR) [3] /Schwarz-Rot/!t6149852
## AUTOREN
(DIR) Susanne Schwarz
## TAGS
(DIR) Feministaz
(DIR) Feminismus
(DIR) Solidarität
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Feministaz
(DIR) Gender Pay Gap
(DIR) Feministaz
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gisele Pelicot und die Nachwirkungen: Wie sich Scham verwandeln lässt
Gisèle Pelicot hat einem Gefühl zu neuer Aufmerksamkeit verholfen – der
Scham. Aber was ist Scham? Wann ist sie fehl am Platz? Worin liegt ihre
Kraft?
(DIR) Gender Solidarity Gap: Frauen machen's vor
Obwohl Frauen benachteiligt werden, sind sie solidarischer. Von Organspende
bis zu gleicheren Löhnen: Fünf Studien zeigen, wie das konkret aussieht.
(DIR) Proteste am 8. März: Fallstrick Solidarität
Mit der großen Einigkeit ist am 8. März nicht überall zu rechnen. Auch beim
Internationalen Frauentag sorgt der Nahostkonflikt für Zwietracht.