# taz.de -- Ärztin im Krieg in der Ukraine: „Wir sind es gewohnt, mit gefährlichen Situationen umzugehen“
       
       > Die Chirurgin Nataliia Tetruieva hat in einer Kinderklinik in Kyjiw
       > gearbeitet, als dort eine Rakete einschlug. Ihre Devise: lernen, teilen,
       > weitergeben.
       
 (IMG) Bild: Natali Tetrujewa in einem der Behandlungsräume des Kinder-krankenhauses
       
       Tief eingebrannt in ihr Gedächtnis hat sich der 8. Juli 2024. Nataliia
       Tetruieva war gerade auf dem Weg in den Operationssaal, als eine [1][Rakete
       in der Kinderklinik Ochmatdyt in Kyjiw einschlug]. Zu diesem Zeitpunkt
       fanden wichtige Operationen statt, sagt sie, die Kinder seien unter Narkose
       gewesen. Schnell habe man die Patient:innen aus dem gefährdeten Gebäude
       an einen sicheren Ort bringen müssen, erzählt sie weiter. Eine Kollegin
       starb bei der Evakuierung.
       
       Operieren in Kriegszeiten? Muss eine Ärztin das aushalten? „Wir
       Medizinerinnen und Mediziner sind es doch gewohnt, mit lebensgefährlichen
       Situationen umzugehen“, sagt Tetruieva. Sie ist eine der renommiertesten
       Chirurginnen der Ukraine, arbeitet seit Jahrzehnten als Ärztin. Ihre
       Aufgabe sei es auch zu verhindern, dass Panik und Chaos in Notlagen
       ausbricht, sagt sie – so auch am 24. Februar 2022, dem Tag als Russland
       Kyjiw und andere ukrainische Städte angriff.
       
       Wenn Tetruieva dies sagt, klingt das nüchtern und selbstverständlich.
       [2][Und ist es doch nicht in einem Land, das seit 1.472 Tagen unter
       Dauerbeschuss ist]. In den ersten Kriegsmonaten kamen nicht nur – wie sonst
       – Kinder mit angeborenen Gesichts- und Kieferfehlbildungen in das
       Krankenhaus, sondern auch Verletzte ganz unterschiedlichen Alters aus Kyjiw
       und Umgebung.
       
       Viele längerfristig geplante Operationen an Kindern mussten verschoben
       werden. Tetruieva handelte direkt nach Beginn der russischen Vollinvasion;
       sie rief ihre Patient:innen an, um zu klären, wer sofort operiert
       werden muss und bei wem ein Aufschub aus medizinischer Sicht vertretbar
       ist.
       
       Nataliia Tetruieva ist Profi auf ihrem Fachgebiet. Seit 1991 ist sie
       leitende Chirurgin der Abteilung für plastische und rekonstruktive
       Mikrochirurgie in Ochmatdyt, dem größten Kinderkrankenhaus der Ukraine. In
       dieser Zeit begann sie auch, ein interdisziplinäres Zentrum für Kiefer- und
       Gesichtschirurgie für Kinder aufzubauen.
       
       Tetruieva operiert Kinder mit angeborenen Fehlbildungen,
       Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, Tumoren und schweren Gesichtsverletzungen.
       „Das Wichtigste bei dieser schwierigen Arbeit ist Teamarbeit“, sagt
       Tetruieva. Logopäd:innen, Chirurg:innen, Kieferorthopäd:innen,
       Psycholog:innen, Operationstechnische Assistent:innen und auch
       diejenigen, die Freizeitprogramme für die Kinder während der Behandlung
       organisieren, müssen zusammenarbeiten. „Die weitere Entwicklung der
       Patientinnen und Patienten ist genauso wichtig wie die Behandlung von
       Kiefer- und Gesichtsfehlbildungen“, sagt Tetruieva. Selbst nach
       erfolgreichen Operationen kämpften viele Kinder noch mit Sprachstörungen.
       
       Im Jahr 2022 wurde die Chirurgin [3][von der Organisation Women in Global
       Health] zur „Heldin der Gesundheit“ gekürt. Ausgezeichnet wurde sie für
       ihre Arbeit unter den schwierigen Kriegsbedingungen. Noch immer sei es eine
       Herausforderung, rechtzeitig Hilfe für Patient:innen aus den
       Frontgebieten und besetzten Gebieten zu organisieren. Tetruieva und ihr
       Team machen Schulungen für Fachleute aus der ganzen Ukraine, sie bieten
       Onlinekurse für Patient:innen mit Logopäd:innen an.
       
       Seit Beginn der russischen Vollinvasion hat sich der Arbeitsmarkt auf ihrem
       Feld verändert. Deutlich mehr Frauen haben verantwortliche Jobs im
       Gesundheitswesen übernommen. Das sei eine gute Entwicklung, sagt Tetruieva
       – denn noch immer existierten viele Stereotypen über Ärzte und Ärztinnen.
       
       Dabei sei es wichtiger denn je, gleiche Chancen für alle Fachkräfte
       unabhängig von ihrem Geschlecht zu gewährleisten, nur so könne ein stabiles
       und effektives Gesundheitssystem in der Ukraine bestehen. Lernen, teilen
       und weitergeben, dieses Motiv zieht sich durch Tetruievas ganzes Leben.
       Vielleicht betont sie auch deshalb immer wieder, dass das Krankenhaus trotz
       des Kriegs versucht, Kontakte zu Fachleuten in den USA und in Europa zu
       halten und auf moderne Behandlungsansätze zu setzen.
       
       Heute ist Tetruieva 77 Jahre alt. Eigentlich könnte sie in Rente gehen.
       Doch sie bleibt im Dienst, operiert weiter, macht Sprechstunden für
       Patient:innen, forscht und teilt ihr Wissen auf internationalen
       Konferenzen.
       
       Inzwischen hat das Krankenhauspersonal auch wieder seine reguläre Arbeit
       aufgenommen. Normalität im Ausnahmezustand. Es gibt einen Satz, den
       Nataliia Tetruieva von den Kindern, die zu ihr kommen, immer wieder gehört
       hat: „Ich möchte auch so aussehen wie die anderen.“ In der Chirurgie geht
       es um weit mehr als Äußerlichkeiten, um Selbstvertrauen, mehr
       Lebensqualität.
       
       Und gerade in diesen Zeiten will Tetruieva dazu ihren Beitrag leisten.
       
       6 Mar 2026
       
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