# taz.de -- Kyjiw und der Krieg gegen Iran: Risiken und Chancen
> In der Ukraine werden Ängste laut, der Krieg in Nahost könnte sich auf
> Waffenlieferungen auswirken. Selenskyj bietet die Entsendung von
> Drohnenexperten an.
(IMG) Bild: Ukrainischer Soldat im Gebiet Saporischschja (22.2.2026)
Dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sind
Reaktionsschnelligkeit und Anpassungsfähigkeit nicht abzusprechen, wenn es
denn die Situation erfordert – zumal im fünften Jahr von Russland
vollumfänglicher Invasion.
Das ist auch jetzt wieder so. Nur wenige Tage nach dem Beginn
US-amerikanischer und israelischer Angriffe auf Iran ist die
Berichterstattung über das Kriegsgeschehen in der Ukraine in deutschen
Medien merklich in den Hintergrund getreten.
Und nicht nur das: Von einer weiteren Runde der sogenannten bisher
ergebnislosen Verhandlungen unter Beteiligung der USA und Russlands über
ein Ende des Krieges in der Ukraine ist nicht mehr die Rede. Auch Gespräche
über die Modalitäten eines EU-Beitritts Kyjiws sind derzeit in Brüssel kein
Top-Thema.
Und Selensjyj? Er tritt die Flucht nach vorne an. Gegenüber der
US-Nachrichtenagentur Bloomberg verwies er auf das Know-how ukrainischer
Spezialisten beim Abfangen von Drohnen. Besonders im Umgang mit iranischen
Shaheds habe man einzigartige Erfahrungen. Diese Fachleute könne Kyjiw in
den Nahen Osten entsenden.
## Nur mit Gegenleistung
Doch das Angebot gilt nur, wenn es eine Gegenleistung gibt: Die Staatschefs
der betroffenen Länder, wie die vereinigten Arabischen Emirate, Katar und
Saudi-Arabien – Selenskyj attestiert ihnen gute Beziehungen zu Moskau –,
müssten Russland zu einem einmonatigen Waffenstillstand bewegen.
Gleichzeitig sieht er die Ukraine vor neuen Herausforderungen. Der
italienischen Zeitung Corriere della Sera sagte Selenskyj in einem
Telefoninterview, Kyjiw könne Schwierigkeiten bei der Bereitstellung von
Raketen und anderen Luftverteidigungssystemen bekommen. Möglicherweise
benötigten die USA und ihre Verbündeten im Nahen Osten beispielsweise
Patriot-Raketen zur Selbstverteidigung, sagte er.
Die Frage, wie und ob sich der Krieg im Nahen Osten bereits auf jetzt
vorhandene Defizite der ukrainischen Luftverteidigung auswirken könnte,
beschäftigt so manche Experten und Kommentatoren in der Ukraine.
Für die Ukraine habe die amerikanische Operation eine doppelte Dimension:
eine strategische Chance, einen der wichtigsten militärischen Partner des
Kremls zu schwächen, und das taktische Risiko eines vorübergehenden
Defizits in der Luftverteidigung aufgrund einer globalen Überlastung der
Systeme, schreibt der Militärexperte Dmitri Snegirew in einem Beitrag für
das ukrainische Nachrichtenportal focus.ua.
„Die US-Operation gegen Iran ist also keine isolierte Angelegenheit im
Nahen Osten. Sie ist Teil einer umfassenderen geopolitischen
Umstrukturierung, in der sich Iran, Russland, die Ukraine und das globale
Luftverteidigungssystem in derselben strategischen Gleichung wiederfinden.“
## Geringer Einfluss auf die Frontlage
Auch der Politikwissenschaftler Wolodymyr Fessenko sieht den Umstand, dass
sich die Bestände an Patriot-Luftverteidigungsraketen erschöpfen könnten,
als Risiko für die Ukraine an. Das gelte insbesondere dann, wenn sich
dieser Krieg in die Länge ziehe.
Doch selbst in diesem Fall werde das nur einen geringen Einfluss auf die
Situation an der Front haben, dafür aber umso mehr [1][auf die Abwehr
russischer Angriffe auf das ukrainische Hinterland], schreibt er in einem
Kommentar für das Nachrichtenwebseite Novoje vremja.
Gleichzeitig kommt er zu dem Schluss, dass der Krieg der USA gegen Iran
zumindest indirekt objektive geopolitische Widersprüche zwischen den USA
und Russland offengelegt habe. Die Ukraine werde versuchen, dies zu ihrem
Vorteil zu nutzen.
„Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, die USA würden Putin
gegenüber genauso vorgehen wie in Venezuela und Iran. Doch das Misstrauen
zwischen ihnen wird sich infolge des Iran-Krieges merklich verschärfen“,
schreibt Fessenko.
Auch unter Studenten an der Technischen Universität der westukrainischen
Stadt Luzk ist der Krieg gegen Iran während einer Vorlesung über
Militärgeschichte an diesem Dienstag das bestimmende Thema. „Die steigenden
Treibstoffpreise, werden die Profite der Russen erhöhen“, sagt ein Student,
dessen Vater derzeit an der Front in der Nähe von Kupjansk kämpft. „Das
wird ihnen ermöglichen, ihre Aggression in der Ukraine fortzusetzen.“
4 Mar 2026
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(DIR) Barbara Oertel
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