# taz.de -- Kriegswinter in Kyjiw: Briefe aus der Dunkelheit
> Bangen, dass der Laptop angeht. Yoga im Schein der Taschenlampe. Mit der
> Wut des kleinen Bruders klarkommen. Unsere Autorin erzählt von ihrem
> Alltag.
(IMG) Bild: Unsere Autorin lebt in Kyjiw. Die Blackouts, die die Fotos auf dieser und den folgenden Seiten zeigen, hat sie selbst miterlebt
Liebe Anna,
wie geht‘s dir? Wie ist das Wetter in Berlin?
[1][Heute sind es minus 17 Grad in Kyjiw,] die Sonne scheint, meine Wangen
frieren und ich muss meine Hände in Handschuhen oder Jackentaschen
verstecken.
Den ganzen Vormittag über dachte ich, mein Laptop sei kaputt, weil er sich
nicht mehr einschalten ließ. In letzter Zeit gehen hier viele elektronische
Geräte kaputt, weil es immer wieder Netzschwankungen gibt. Sie
funktionieren dann einfach nicht mehr, und man muss Geld sparen, um sich im
Fall der Fälle ein neues kaufen zu können. Heute Morgen dachte ich, ich
müsste meinen Laptop zur Reparatur bringen, und ich überlegte, wie viel
Geld ich auf meinem Konto habe. Immerhin hatten die Netzschwankungen keinen
Kurzschluss bei mir verursacht, und der Laptop war nicht in Flammen
aufgegangen, wie es einigen Freund*innen und Kolleg*innen schon passiert
ist.
Ein Glück! Der Laptop funktioniert wieder. Diesmal ist die Krise
abgewendet.
Wie sehen deine Tage gerade aus?
[2][Das Leben in Kyjiw] ist momentan wie ein Spaziergang auf sehr dünnem
Eis, bei dem man nie weiß, ob man einbricht und ertrinkt, oder ob es nicht
einfach nur ein schöner sonniger Tag werden wird. Jeden Morgen erwartet
mich eine kleine traurige oder schöne Überraschung. Wenn ich um 6 Uhr in
der Früh Yoga mache, frage ich mich, ob ich dieses Mal im Schein der
Taschenlampe praktizieren muss. Oder wird es Strom geben und ich kann meine
Übungen im luxuriösen Licht der Zimmerlampe machen?
Sag mir, lässt du [3][deine Yogastunden] gerade ausfallen? Ich habe das
Gefühl, dass meine Welt auseinanderbrechen würde, wenn ich damit aufhören
würde.
Der Struggle geht weiter, wenn ich Frühstück mache und nicht weiß, ob ich
den Toaster und Sandwichmaker benutzen kann oder alles in der Bratpfanne
zubereiten muss. Ich habe das Glück, in einem alten Haus mit Gasherd und
Gasheizung zu wohnen, sodass ich auch bei Stromausfall selbst kochen und
mich warm halten kann. Ich versuche mir immer bewusst zu machen, dass alles
immer noch schlimmer sein könnte, wie bei einem meiner Freunde, bei dem
alles nur elektronisch funktioniert.
Wenn ich mich in Zukunft jemals dazu entschließen sollte, eine eigene
Wohnung zu kaufen, wäre ein wichtiges Kriterium für mich, dass alle
grundlegenden Bedürfnisse auch ohne Strom erfüllt werden können: Essen
kochen, heizen, nicht zu hoch wohnen, damit kein Aufzug notwendig ist. Und
die Wohnung sollte weit genug entfernt von Industrieanlagen und Kraftwerken
liegen, die Russland mit Sicherheit ins Visier nehmen wird.
Es ist schon interessant, wie das Leben im Krieg verändert, was einem
wichtig ist. Was wäre dir wichtig, wenn du nach einer neuen Wohnung suchst?
Doch damit ist es noch nicht vorbei, denn als Nächstes muss ich
herausfinden, wie ich meinen neunjährigen Bruder zur Schule bringe.
Straßenbahnen und Trolleybusse fahren nicht mehr. Der Oberleitungsbus, den
wir früher genommen haben, wurde nicht durch einen Ersatzbus ersetzt, und
der andere Bus fährt in sehr großen Abständen, sodass wir jetzt mit einem
Minibus zur U-Bahn fahren und dann noch für eine Station die U-Bahn nehmen
müssen. Das ist teurer und dauert zehn Minuten länger. Ich hoffe, dass es
bald wärmer wird und ich meinen Bruder überreden kann, zu Fuß zur Schule zu
gehen.
Eines Tages wurde die U-Bahn in Kyjiw für mehrere Stunden stillgelegt. Es
war wie eine apokalyptische Alarmglocke, die ich zuletzt zu Beginn der
Covid-Pandemie vernommen hatte. Aber diesmal handelte es sich um eine
ungeplante Entscheidung, da es sich um einen technischen Defekt an zwei
Stromleitungen handelte – eine zwischen Rumänien und Moldawien und eine
zwischen dem westlichen und dem zentralen Teil der Ukraine.
Die Menschen saßen also in den Zügen im Tunnel fest und wurden über die
Gleise zur nächsten Stationen geleitet. Ich hoffe, dass zu diesem Zeitpunkt
keine Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, in den Waggons
saßen, denn dann wären sie zuerst im Waggon gefangen gewesen und hätten
dann die Station nicht verlassen können, da auch die Aufzüge und
Rolltreppen außer Betrieb waren. Mit einer Behinderung in Kyjiw zu leben,
muss derzeit eine höllische Erfahrung sein.
Leider muss ich los. Ich muss meinen Laptop aufladen, solange noch Strom da
ist, damit er drei Stunden durchhält.
Ich wünsche dir einen schönen sonnigen Tag!
***
Ich fühle mich wie eine Katastrophe.
Eher wie ein schwarzes Loch,
Nicht wie Hurrikan Katrina.
Ich sauge alles auf und
Am Ende, schrumpfe ich und werde zu einem Stern.
Ich werde nicht alles zerstören,
Flächen hinter mir zurücklassen
Aus zerbrochenem Glas.
Ich bin die Art von Katastrophe
Die alles zerstört, aber
Dann einen Besen nimmt
Und die Teile zusammenkehrt,
Damit niemand außer mir
Verletzt wird.
Eine vorsichtige Katastrophe.
Guten Morgen!
Heute sind mir die Antidepressiva ausgegangen, und ich werde mir nachher
neue besorgen.
Ich weiß nicht, ob du jemals mit Depressionen zu tun hattest. Ich hoffe
nicht.
Ich habe depressive Episoden, was bedeutet, dass ich mich jedes Jahr im
Herbst – manchmal schon vor September, manchmal erst danach – beginne,
schlechter zu fühlen.
Dieses Jahr begann es im August. Die Mutter meiner Freundin starb an Krebs,
und ich war schon lange zuvor ihre Vertrauensperson gewesen, weil ich
ungefähr wusste, was sie durchmachte, und ihr zuhörte, wenn sie mir von
ihren Erfahrungen erzählte. Der Tod durch Krebs, der Verlust und die Trauer
um jemanden, der an Krebs stirbt, sind eine ganz andere Erfahrung als der
Verlust und die Trauer um jemanden, der unerwartet stirbt. Leider habe ich
beides erlebt.
Im August sind zwei Erkenntnisse endgültig zu mir durchgedrungen. Als
Erstes, dass meine Eltern tot sind. Meine Mutter ist vor zweieinhalb Jahren
gestorben, mein Vater vor sechs Monaten. Die zweite Erkenntnis, die sich
aus der ersten ergab, war, dass ich die Vormundschaft für meinen jüngeren
Bruder übernommen hatte. Die dritte, die sich aus den ersten beiden ergab,
dass ich nun die Älteste in der Familie war und deshalb teilweise auch für
die Betreuung meiner Großmütter verantwortlich, auch wenn diese Aufgabe
noch nicht so schwer wog.
Das war zu viel für mich. Gleichzeitig begann sich der emotionale Zustand
meines Bruders zu verschlechtern, er bekam heftige Wutanfälle, und ich
dachte, ich würde verrückt werden.
Ich hatte keine Kraft mehr. Ich lief nur noch herum und weinte, versuchte,
lange Spaziergänge zu machen, zu zeichnen und mit meinen Freund*innen zu
reden, aber es reichte nicht aus.
Meine Depression machte alles noch schlimmer.
Ich vermisste nicht nur meine Eltern, sondern begann auch, mir Vorwürfe zu
machen, für all die Male, in denen ich nicht genug mit meinem Vater
gesprochen hatte, für all die Male, in denen ich nicht in derselben Stadt
wie meine Mutter geblieben war. All das wurde in meiner Vorstellung
plötzlich zur Ursache für ihren Tod.
Alle meine Strategien, wie ich mich gut um meinen jüngeren Bruder kümmern
konnte, brachen in sich zusammen. Die Dinge, die meine Eltern für meine
Schwester und mich getan hatten, funktionierten bei ihm nicht, und die
neuen wurden mit Vorwürfen quittiert, ich sei eine schreckliche Schwester.
Mein rationaler Verstand wusste, dass ich alles richtig machte, meine
Freund*innen wurden nicht müde zu wiederholen, dass ich sehr stark war und
mich gut schlug, und dass sie da waren, um mir zu helfen, aber manchmal
hasste ich mich dafür, nicht gut genug zu sein. Rückblickend bin ich meinem
Umfeld unendlich dankbar, dass es mich die ganze Zeit über so sehr
unterstützt hat.
Ich weiß nicht, ob das für dich überhaupt Sinn ergibt. Jetzt, wo es mir
viel besser geht, verstehe ich nicht, wie der Weg von einem Urteil zum
nächsten so kurz sein konnte, und wo meine eigentlich recht positive innere
Stimme geblieben war, die mich sonst vor meinen inneren Dämonen schützt.
Aber damals schlief sie, und die Dämonen triumphierten.
Die Dinge begannen sich zu verbessern, als ich anfing, jede Woche eine
Psychotherapeut*in aufzusuchen, Antidepressiva zu nehmen und Elternkurse
des Sozialdienstes zu besuchen. Nichts hilft mir emotional so sehr mit
meinem Bruder, wie zu wissen, dass auch viele ältere Menschen, die schon
mehr als ein Kind großgezogen haben, nicht wissen, wie sie mit ihren jungen
Kindern umgehen sollen. Außerdem begann ich mich bei der Betreuung mehr auf
andere zu verlassen: auf Freund*innen der Familie etwa oder meine
Großmutter. Und dann half mir noch etwas anderes: Ich weinte viel, und mit
den Tränen löste sich auch ein Teil der Schwere in mir auf.
Jetzt ist alles besser. [4][In Kyjiw] ist es zwar derzeit dunkel, aber ich
halte mich nicht mehr für einen schrecklichen Menschen, und das macht
vieles einfacher.
Hallo Anna!
Draußen ist es wärmer geworden, und der schreckliche Eisregen ist
zurückgekehrt. Ukrainische Threads sind gerade voll von Memes darüber, wie
die Einwohner*innen Kyjiws jetzt nicht nur versuchen, nicht durch die
russischen Bombardements und den Mangel an Strom und Heizung zu sterben,
sondern auch nicht durch das Ausrutschen auf vereisten Gehwegen, wenn sie
nach draußen gehen. Zwar tun die Versorgungsunternehmen ihr Bestes, indem
sie Streusalz verteilen, doch bei dieser Niederschlagsmenge reicht es nicht
aus.
Gestern hat mir mein*e nichtbinäre Freund*in, dey beim Militär dient,
geschrieben. Mehrere Tage hintereinander habe ich mich mitten am Tag dabei
ertappt, wie ich dachte, dass ich es nicht überleben würde, wenn demm etwas
zustößt. Ich saß da und überlegte, welche der möglichen Optionen die beste
wäre. Ich denke, wenn ich beim Militär dienen würde, wäre eine Verletzung
besser als der Tod oder die Gefangenschaft. Kriegsgefangenschaft wäre die
schlimmste Option, die es gibt. Ich muss mein*e Freund*in fragen, was dey
darüber denkt. Ich bin sehr froh, dass die Freund*in lebt und demm nichts
dergleichen passiert ist. Allerdings vermute ich, dass dey jetzt ähnlich
schreckliche Dinge erlebt, nämlich den Tod, die Verwundung und die
Gefangenschaft von Kamerad*innen. Und das ist furchtbar!
Ich möchte ihnen all ihre Schmerzen, Erinnerungen und Flashbacks nehmen.
Ich glaube aber, dass sie sie niemals aufgeben würden, weil sie es als
Verrat an ihren im Einsatz getöteten Mitstreiter*innen betrachten würden.
Ich versuche gerade herauszufinden, wie ich für sie da sein kann, ohne die
Hölle, die sie durchmachen, zu leugnen. Ich möchte nicht, dass sie das
Gefühl bekommen, meine Versuche sie abzulenken, seien respektlos ihren
Erfahrungen gegenüber.
Gleichzeitig ist der Tod viel näher gekommen. Eines Tages flog eine Drohne
in ein Haus neben dem meiner Freundin, nur wenige Meter entfernt. Es hätte
auch ihr Haus sein können, und es ist unklar, ob sie das überlebt hätte.
Und jetzt mache ich mir Sorgen um jede*n einzelne*n, um meine Freund*in an
der Front und um meine Freund*innen in Charkiw, Kyjiw, Odessa und Lwiw,
denn jeden Tag könnten mich ihre Angehörigen anrufen und mir mitteilen,
dass sie tot sind, und allein der Gedanke, dass eine*m von ihnen etwas
zustoßen könnte, zerreißt mich.
Ich weiß nicht, wie oft ich meine Augen geschlossen und mir vorgestellt
habe, wie die Explosion das Fensterglas auf meine Decke schmettern, sie
zerreißen und meinen Körper verletzen würde. Ich stellte mir vor, wie eine
Rakete meinen Balkon und mein Zimmer zerstören – und ein Loch hinterlassen
würde.
Ich stellte mir vor, wie Menschen nach meiner Leiche suchen würden oder wie
ich noch am Leben wäre und sie mich suchen würden. Ich stellte mir meine
Beerdigung vor und wer kommen würde.
Der Krieg bringt den Tod näher und zwingt einen, sich die Hände zu reichen.
Jetzt seid ihr Freund*innen, sagt er zu uns. Das stimmt.
Ich denke gerade viel darüber nach, was mich am Leben hält. [5][Endlose
Verhandlungsrunden halten mich nicht am Leben]. Ich mache mir nicht einmal
mehr die Mühe, zu überprüfen, worauf sie sich einigen, denn das ist alles
nur ein Zirkus. Die Russen wollen den Krieg nicht beenden, und sie haben
auch keinen Grund dazu. Solange es für sie mehr Vorteile gibt, den Krieg
fortzusetzen, als ihn zu beenden, werden sie nicht aufhören, aber so tun,
als seien ihnen die Verhandlungen wichtig.
Die Beerdigungen, die ich fast jedes Mal sehe, wenn ich zum Büro in der
Nähe der St.-Michaels-Kathedrale gehe, halten mich nicht am Leben. Ich
versuche, nicht darüber nachzudenken, dass ich nicht weiß, wie viele
Soldat*innen auf unserer Seite tatsächlich getötet worden sind. Selenskyj
sagte kürzlich, es seien mehr als 55.000, aber ich glaube, die Zahl ist
etwa fünfmal höher, wenn nicht sogar zehnmal. Ich gehe nicht auf Instagram,
weil ich Angst habe, auf Beerdigungen von Freund*innen und Bekannten zu
stoßen – immer, und immer wieder. Ich weiß, dass Vermeidung keine gute
Strategie ist, aber… Ich möchte verstehen, wie man die Erinnerung an die
Getöteten und Verstorbenen auf bedeutungsvolle Weise ehren kann. Hinter
jedem Namen der Getöteten und Verstorbenen standen Leben, Hobbys,
Interessen, Familie und Freund*innen.
[6][Die Frage, über die ich viel nachdenke, ist, wie man sie im Alltag
weiterhin in Erinnerung behalten kann.] An der Mohyla-Akademie arbeiten
meine Freund*innen an einem Projekt zum Gedenken an die verstorbenen
Mohyla-Studierenden und Dozierenden – und organisieren Themenabende. Wir
haben das Brettspiel Go gespielt, weil einer der verstorbenen Professoren
es liebte, und wir haben [7][über Mariam Naiems Buch] über Dekolonisierung
diskutiert, weil einer der verstorbenen Studenten es liebte, komplexe und
relevante Themen zu diskutieren. Ich empfehle meinen Freund*innen, die
Bücher zu lesen, die meine Eltern liebten. Und ich höre mir im Auto
zusammen mit meiner Schwester die Musik an, die sie liebten, und singe mit.
Ich spreche mit meinem Bruder über sie und seine Erinnerungen, die er noch
nicht vergessen hat.
Meine Freund*innen, Kolleg*innen, Familie, Katzen und die Malerei halten
mich am Leben. Und, um ganz ehrlich zu sein, ich liebe kalte, verschneite
Winter. Dieser Winter ist genau so, und mein Bruder und ich gehen oft
Schlitten fahren und Snowtubing, und ich setze mein Gesicht oft der
Wintersonne aus, die mich zwar nicht wärmt, aber ungemein tröstet. Ich gehe
gerne in mein Büro im Zentrum von Kyjiw. Ich arbeite derzeit als
internationale Analystin und auch als Soziologin – und verbringe dann den
ganzen Tag mit meinen Kolleg*innen, um über unsere Forschungsarbeiten zu
diskutieren. Dabei lerne ich so viele neue und interessante Dinge über die
Welt. Und obwohl ich manchmal sehr traurig bin über das, was ich lese und
hinterher realisiere, würde ich meine analytische Arbeit gegen nichts
anderes eintauschen wollen.
Meine schwarze Katze Kora und meine schwarz-weiße Katze Sam sind ebenfalls
eine große Inspirationsquelle. Kora kommt zu allen meinen Arbeits- und
Studiencalls dazu. Sie klettert in die Kamera, wenn ich in meinem
Spanischkurs neue Grammatik übe, und kommt, um mich zu küssen, wenn ich ein
Zoommeeting zu einem Arbeitsprojekt habe. Und Sam kann sehr schön Liegen.
Hahaha, es klingt seltsam, aber er sieht aus wie eine Traumkatze, wenn er
mit seinem Kopf unter den Pfoten versteckt auf meinem Bett ruht. Ich
zeichne ihn und Kora oft.
Mein orangefarbener Mantel und meine orangefarbene Wintermütze trösten mich
auch. Wenn ich von schwarzen Mänteln und Jacken umgeben bin und die meisten
um mich herum düster die Tage bis zum Ende des Winters zählen, erlaube ich
mir, den Schnee zu genießen, die Hände meiner Freund*innen zu halten, damit
ich nicht ausrutsche, Random-Bücher zu lesen, lustige Bilder zu zeichnen
und Serien zu schauen, damit ich mitten in der Nacht mit einer Freundin
darüber diskutieren kann.
Das Leben ist kompliziert, aber es ist nicht unerträglich. Oft macht es
Spaß, wenn man sich erlaubt, all das wahrzunehmen, was einem noch Freude
bereitet. Manchmal ist es schrecklich, und man möchte sich im Schnee
vergraben und erfrieren. Aber meistens möchte man das nicht.
Wir werden weiterhin Widerstand leisten, egal was passiert.
❊❊❊
Hey du,
wie geht es dir? Schneit es bei dir genauso viel wie hier in Kyjiw? Seit
einigen Tagen gibt es bei mir zu Hause mehr als acht Stunden Strom pro Tag,
und ich finde erstens, dass das zu viel Strom ist. Denn auf einmal habe ich
Zeit, alles zu erledigen, was ich erledigen muss, und alle meine Geräte
aufzuladen. Was für eine surreale Erfahrung, dass weniger als acht Stunden
Strom pro Tag für mich mittlerweile normal sind. Alles, was darüber
hinausgeht, fühlt sich nicht richtig und fair an. Zweitens spüre ich, dass
ein neuer massiver Angriff auf die Infrastruktur bevorsteht. In ein paar
Tagen sollen die Temperaturen wieder unter minus 15 Grad Celsius fallen,
sodass dies wahrscheinlich der Zeitpunkt für den russischen Angriff sein
wird. Ich hoffe, wir haben genug Luftabwehrraketen und Abfangdrohnen, um
uns zu schützen.
Seit mehreren Tagen versuche ich, mich an meinen Schreibtisch zu setzen, um
dir über den Entwurf zum neuen Zivilgesetzbuch zu schreiben, aber es ärgert
mich so sehr, dass ich es bis zum letzten Moment aufgeschoben habe.
Es ist gut, dass es sich derzeit nur um einen Gesetzentwurf handelt, der
noch nicht in der Werchowna Rada verabschiedet und vom Präsidenten
unterzeichnet wurde, aber die Tatsache, dass dieser Gesetzentwurf vom
Sprecher der Rada ausgearbeitet wurde, macht diese Situation traurig und
bedrohlich. In dem neuen, seit Ende Januar vorliegenden Entwurf [8][sollen
gleichgeschlechtliche Beziehungen von „faktische Familiengemeinschaften“
ausgeschlossen werden]. Das wäre ein klares Nein zum Fortschritt.
Nur dank vieler Proteste wurde im vergangenen Jahr das Gesetz, das die
Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden einschränken sollte,
zurückgenommen. Seither denke ich, es kann alles sehr schnell gehen. Ich
fürchte mich davor, eines Tages in einem Land aufzuwachen, in dem es nicht
möglich ist, sich während der Schwangerschaft und ein Jahr danach scheiden
zu lassen, in dem inakzeptable Verjährungsfristen für häusliche Gewalt
gelten, in dem Frauen eine moralische Hölle durchmachen müssen, wenn sie
eine Abtreibung vornehmen lassen wollen und in dem die Rechte von
LGBTQ+-Paaren nicht geschützt werden. Und in dem ich weiterhin nicht das
Recht haben werde, eine Person meines eigenen Geschlechts zu heiraten.
Ich weiß nicht… Ich bin verärgert über diesen Gesetzentwurf. Ich halte ihn
für einen großen Rückschritt. Ganz zu schweigen davon, dass er die
Umsetzung der Istanbul-Konvention und unsere Verpflichtungen im Rahmen der
europäischen Integration untergräbt. Seit mehreren Jahren in Folge nehmen
wir an der Pride-Parade im Juni teil, um gleichgeschlechtliche
Partnerschaften zu legalisieren, insbesondere damit
LGBTQ+-Militärangehörige und ihre Partner*innen sich um ihre Angehörigen im
Krankenhaus kümmern, Entscheidungen für sie treffen und gemeinsam eine
Zukunft aufbauen können, ohne befürchten zu müssen, dass ihr ganzes Leben
wie ein Kartenhaus zusammenbricht, sobald eine*r von ihnen in Gefahr gerät.
Ich bin sehr wütend. Jetzt habe ich mich selbst aus der Fassung gebracht.
Aber ich folge allen LGBTQ+-Organisationen und feministischen
Organisationen, die derzeit in der Ukraine am aktivsten sind. Sie schreiben
Artikel und Posts und bitten die Menschen, Briefe an Abgeordnete zu
schreiben. Auch ich habe ihnen geschrieben. Ich hoffe, dass wir alle
gemeinsam Druck auf die Abgeordneten ausüben können, damit sie den
Gesetzentwurf zurückziehen. Und dass es gar nicht erst wieder zu neuen
Protesten am Iwan-Franko-Schauspielhaus kommen muss, wo die Massenproteste
gegen die Entmachtung der Antikorruptionsbehörden stattfanden.
Einen schönen Tag aus der noch demokratischen Ukraine!
P.S. Weißt du, ich möchte einfach morgens aufwachen und feststellen, dass
wir als Land Tag für Tag ein Stückchen näher daran kommen, das Leben, das
ich und viele meiner Freund*innen aus der LGBTQ+-Community führen, als Norm
zu akzeptieren. Ich möchte nicht nur Einladungen zu den Hochzeiten meiner
heterosexuellen Freund*innen erhalten, sondern auch zu den staatlich
anerkannten Hochzeiten meiner queeren Freund*innen, und ich möchte keine
Angst haben, über meine eigene Hochzeit nachzudenken, die hoffentlich eines
Tages stattfinden wird.
In den letzten Jahren hatte ich mehr Freund*innen aus der LGBTQ+-Community
als heterosexuelle Freund*innen, und es ist für uns alle schmerzhaft und
belastend, rechtlich unsichtbar zu sein. Daher hoffe ich, dass dieser
schlechte Entwurf des neuen Zivilgesetzbuchs ein Anstoß sein wird, ihn noch
mal zu überarbeiten, und dabei die neuen Anforderungen der Gesellschaft
berücksichtigt werden, anstatt zum vergangenen Jahrhundert zurückzukehren.
2 Mar 2026
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