# taz.de -- Kriegswinter in Kyjiw: Briefe aus der Dunkelheit
       
       > Bangen, dass der Laptop angeht. Yoga im Schein der Taschenlampe. Mit der
       > Wut des kleinen Bruders klarkommen. Unsere Autorin erzählt von ihrem
       > Alltag.
       
 (IMG) Bild: Unsere Autorin lebt in Kyjiw. Die Blackouts, die die Fotos auf dieser und den folgenden Seiten zeigen, hat sie selbst miterlebt
       
       Liebe Anna,
       
       wie geht‘s dir? Wie ist das Wetter in Berlin?
       
       [1][Heute sind es minus 17 Grad in Kyjiw,] die Sonne scheint, meine Wangen
       frieren und ich muss meine Hände in Handschuhen oder Jackentaschen
       verstecken.
       
       Den ganzen Vormittag über dachte ich, mein Laptop sei kaputt, weil er sich
       nicht mehr einschalten ließ. In letzter Zeit gehen hier viele elektronische
       Geräte kaputt, weil es immer wieder Netzschwankungen gibt. Sie
       funktionieren dann einfach nicht mehr, und man muss Geld sparen, um sich im
       Fall der Fälle ein neues kaufen zu können. Heute Morgen dachte ich, ich
       müsste meinen Laptop zur Reparatur bringen, und ich überlegte, wie viel
       Geld ich auf meinem Konto habe. Immerhin hatten die Netzschwankungen keinen
       Kurzschluss bei mir verursacht, und der Laptop war nicht in Flammen
       aufgegangen, wie es einigen Freund*innen und Kolleg*innen schon passiert
       ist.
       
       Ein Glück! Der Laptop funktioniert wieder. Diesmal ist die Krise
       abgewendet.
       
       Wie sehen deine Tage gerade aus?
       
       [2][Das Leben in Kyjiw] ist momentan wie ein Spaziergang auf sehr dünnem
       Eis, bei dem man nie weiß, ob man einbricht und ertrinkt, oder ob es nicht
       einfach nur ein schöner sonniger Tag werden wird. Jeden Morgen erwartet
       mich eine kleine traurige oder schöne Überraschung. Wenn ich um 6 Uhr in
       der Früh Yoga mache, frage ich mich, ob ich dieses Mal im Schein der
       Taschenlampe praktizieren muss. Oder wird es Strom geben und ich kann meine
       Übungen im luxuriösen Licht der Zimmerlampe machen?
       
       Sag mir, lässt du [3][deine Yogastunden] gerade ausfallen? Ich habe das
       Gefühl, dass meine Welt auseinanderbrechen würde, wenn ich damit aufhören
       würde.
       
       Der Struggle geht weiter, wenn ich Frühstück mache und nicht weiß, ob ich
       den Toaster und Sandwichmaker benutzen kann oder alles in der Bratpfanne
       zubereiten muss. Ich habe das Glück, in einem alten Haus mit Gasherd und
       Gasheizung zu wohnen, sodass ich auch bei Stromausfall selbst kochen und
       mich warm halten kann. Ich versuche mir immer bewusst zu machen, dass alles
       immer noch schlimmer sein könnte, wie bei einem meiner Freunde, bei dem
       alles nur elektronisch funktioniert.
       
       Wenn ich mich in Zukunft jemals dazu entschließen sollte, eine eigene
       Wohnung zu kaufen, wäre ein wichtiges Kriterium für mich, dass alle
       grundlegenden Bedürfnisse auch ohne Strom erfüllt werden können: Essen
       kochen, heizen, nicht zu hoch wohnen, damit kein Aufzug notwendig ist. Und
       die Wohnung sollte weit genug entfernt von Industrieanlagen und Kraftwerken
       liegen, die Russland mit Sicherheit ins Visier nehmen wird.
       
       Es ist schon interessant, wie das Leben im Krieg verändert, was einem
       wichtig ist. Was wäre dir wichtig, wenn du nach einer neuen Wohnung suchst?
       
       Doch damit ist es noch nicht vorbei, denn als Nächstes muss ich
       herausfinden, wie ich meinen neunjährigen Bruder zur Schule bringe.
       Straßenbahnen und Trolleybusse fahren nicht mehr. Der Oberleitungsbus, den
       wir früher genommen haben, wurde nicht durch einen Ersatzbus ersetzt, und
       der andere Bus fährt in sehr großen Abständen, sodass wir jetzt mit einem
       Minibus zur U-Bahn fahren und dann noch für eine Station die U-Bahn nehmen
       müssen. Das ist teurer und dauert zehn Minuten länger. Ich hoffe, dass es
       bald wärmer wird und ich meinen Bruder überreden kann, zu Fuß zur Schule zu
       gehen.
       
       Eines Tages wurde die U-Bahn in Kyjiw für mehrere Stunden stillgelegt. Es
       war wie eine apokalyptische Alarmglocke, die ich zuletzt zu Beginn der
       Covid-Pandemie vernommen hatte. Aber diesmal handelte es sich um eine
       ungeplante Entscheidung, da es sich um einen technischen Defekt an zwei
       Stromleitungen handelte – eine zwischen Rumänien und Moldawien und eine
       zwischen dem westlichen und dem zentralen Teil der Ukraine.
       
       Die Menschen saßen also in den Zügen im Tunnel fest und wurden über die
       Gleise zur nächsten Stationen geleitet. Ich hoffe, dass zu diesem Zeitpunkt
       keine Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, in den Waggons
       saßen, denn dann wären sie zuerst im Waggon gefangen gewesen und hätten
       dann die Station nicht verlassen können, da auch die Aufzüge und
       Rolltreppen außer Betrieb waren. Mit einer Behinderung in Kyjiw zu leben,
       muss derzeit eine höllische Erfahrung sein.
       
       Leider muss ich los. Ich muss meinen Laptop aufladen, solange noch Strom da
       ist, damit er drei Stunden durchhält.
       
       Ich wünsche dir einen schönen sonnigen Tag!
       
       *** 
       
       Ich fühle mich wie eine Katastrophe. 
       
       Eher wie ein schwarzes Loch, 
       
       Nicht wie Hurrikan Katrina. 
       
       Ich sauge alles auf und 
       
       Am Ende, schrumpfe ich und werde zu einem Stern. 
       
       Ich werde nicht alles zerstören, 
       
       Flächen hinter mir zurücklassen 
       
       Aus zerbrochenem Glas. 
       
       Ich bin die Art von Katastrophe 
       
       Die alles zerstört, aber 
       
       Dann einen Besen nimmt 
       
       Und die Teile zusammenkehrt, 
       
       Damit niemand außer mir 
       
       Verletzt wird. 
       
       Eine vorsichtige Katastrophe. 
       
       Guten Morgen!
       
       Heute sind mir die Antidepressiva ausgegangen, und ich werde mir nachher
       neue besorgen.
       
       Ich weiß nicht, ob du jemals mit Depressionen zu tun hattest. Ich hoffe
       nicht.
       
       Ich habe depressive Episoden, was bedeutet, dass ich mich jedes Jahr im
       Herbst – manchmal schon vor September, manchmal erst danach – beginne,
       schlechter zu fühlen.
       
       Dieses Jahr begann es im August. Die Mutter meiner Freundin starb an Krebs,
       und ich war schon lange zuvor ihre Vertrauensperson gewesen, weil ich
       ungefähr wusste, was sie durchmachte, und ihr zuhörte, wenn sie mir von
       ihren Erfahrungen erzählte. Der Tod durch Krebs, der Verlust und die Trauer
       um jemanden, der an Krebs stirbt, sind eine ganz andere Erfahrung als der
       Verlust und die Trauer um jemanden, der unerwartet stirbt. Leider habe ich
       beides erlebt.
       
       Im August sind zwei Erkenntnisse endgültig zu mir durchgedrungen. Als
       Erstes, dass meine Eltern tot sind. Meine Mutter ist vor zweieinhalb Jahren
       gestorben, mein Vater vor sechs Monaten. Die zweite Erkenntnis, die sich
       aus der ersten ergab, war, dass ich die Vormundschaft für meinen jüngeren
       Bruder übernommen hatte. Die dritte, die sich aus den ersten beiden ergab,
       dass ich nun die Älteste in der Familie war und deshalb teilweise auch für
       die Betreuung meiner Großmütter verantwortlich, auch wenn diese Aufgabe
       noch nicht so schwer wog.
       
       Das war zu viel für mich. Gleichzeitig begann sich der emotionale Zustand
       meines Bruders zu verschlechtern, er bekam heftige Wutanfälle, und ich
       dachte, ich würde verrückt werden.
       
       Ich hatte keine Kraft mehr. Ich lief nur noch herum und weinte, versuchte,
       lange Spaziergänge zu machen, zu zeichnen und mit meinen Freund*innen zu
       reden, aber es reichte nicht aus.
       
       Meine Depression machte alles noch schlimmer.
       
       Ich vermisste nicht nur meine Eltern, sondern begann auch, mir Vorwürfe zu
       machen, für all die Male, in denen ich nicht genug mit meinem Vater
       gesprochen hatte, für all die Male, in denen ich nicht in derselben Stadt
       wie meine Mutter geblieben war. All das wurde in meiner Vorstellung
       plötzlich zur Ursache für ihren Tod.
       
       Alle meine Strategien, wie ich mich gut um meinen jüngeren Bruder kümmern
       konnte, brachen in sich zusammen. Die Dinge, die meine Eltern für meine
       Schwester und mich getan hatten, funktionierten bei ihm nicht, und die
       neuen wurden mit Vorwürfen quittiert, ich sei eine schreckliche Schwester.
       
       Mein rationaler Verstand wusste, dass ich alles richtig machte, meine
       Freund*innen wurden nicht müde zu wiederholen, dass ich sehr stark war und
       mich gut schlug, und dass sie da waren, um mir zu helfen, aber manchmal
       hasste ich mich dafür, nicht gut genug zu sein. Rückblickend bin ich meinem
       Umfeld unendlich dankbar, dass es mich die ganze Zeit über so sehr
       unterstützt hat.
       
       Ich weiß nicht, ob das für dich überhaupt Sinn ergibt. Jetzt, wo es mir
       viel besser geht, verstehe ich nicht, wie der Weg von einem Urteil zum
       nächsten so kurz sein konnte, und wo meine eigentlich recht positive innere
       Stimme geblieben war, die mich sonst vor meinen inneren Dämonen schützt.
       Aber damals schlief sie, und die Dämonen triumphierten.
       
       Die Dinge begannen sich zu verbessern, als ich anfing, jede Woche eine
       Psychotherapeut*in aufzusuchen, Antidepressiva zu nehmen und Elternkurse
       des Sozialdienstes zu besuchen. Nichts hilft mir emotional so sehr mit
       meinem Bruder, wie zu wissen, dass auch viele ältere Menschen, die schon
       mehr als ein Kind großgezogen haben, nicht wissen, wie sie mit ihren jungen
       Kindern umgehen sollen. Außerdem begann ich mich bei der Betreuung mehr auf
       andere zu verlassen: auf Freund*innen der Familie etwa oder meine
       Großmutter. Und dann half mir noch etwas anderes: Ich weinte viel, und mit
       den Tränen löste sich auch ein Teil der Schwere in mir auf.
       
       Jetzt ist alles besser. [4][In Kyjiw] ist es zwar derzeit dunkel, aber ich
       halte mich nicht mehr für einen schrecklichen Menschen, und das macht
       vieles einfacher.
       
       Hallo Anna!
       
       Draußen ist es wärmer geworden, und der schreckliche Eisregen ist
       zurückgekehrt. Ukrainische Threads sind gerade voll von Memes darüber, wie
       die Einwohner*innen Kyjiws jetzt nicht nur versuchen, nicht durch die
       russischen Bombardements und den Mangel an Strom und Heizung zu sterben,
       sondern auch nicht durch das Ausrutschen auf vereisten Gehwegen, wenn sie
       nach draußen gehen. Zwar tun die Versorgungsunternehmen ihr Bestes, indem
       sie Streusalz verteilen, doch bei dieser Niederschlagsmenge reicht es nicht
       aus.
       
       Gestern hat mir mein*e nichtbinäre Freund*in, dey beim Militär dient,
       geschrieben. Mehrere Tage hintereinander habe ich mich mitten am Tag dabei
       ertappt, wie ich dachte, dass ich es nicht überleben würde, wenn demm etwas
       zustößt. Ich saß da und überlegte, welche der möglichen Optionen die beste
       wäre. Ich denke, wenn ich beim Militär dienen würde, wäre eine Verletzung
       besser als der Tod oder die Gefangenschaft. Kriegsgefangenschaft wäre die
       schlimmste Option, die es gibt. Ich muss mein*e Freund*in fragen, was dey
       darüber denkt. Ich bin sehr froh, dass die Freund*in lebt und demm nichts
       dergleichen passiert ist. Allerdings vermute ich, dass dey jetzt ähnlich
       schreckliche Dinge erlebt, nämlich den Tod, die Verwundung und die
       Gefangenschaft von Kamerad*innen. Und das ist furchtbar!
       
       Ich möchte ihnen all ihre Schmerzen, Erinnerungen und Flashbacks nehmen.
       Ich glaube aber, dass sie sie niemals aufgeben würden, weil sie es als
       Verrat an ihren im Einsatz getöteten Mitstreiter*innen betrachten würden.
       Ich versuche gerade herauszufinden, wie ich für sie da sein kann, ohne die
       Hölle, die sie durchmachen, zu leugnen. Ich möchte nicht, dass sie das
       Gefühl bekommen, meine Versuche sie abzulenken, seien respektlos ihren
       Erfahrungen gegenüber.
       
       Gleichzeitig ist der Tod viel näher gekommen. Eines Tages flog eine Drohne
       in ein Haus neben dem meiner Freundin, nur wenige Meter entfernt. Es hätte
       auch ihr Haus sein können, und es ist unklar, ob sie das überlebt hätte.
       Und jetzt mache ich mir Sorgen um jede*n einzelne*n, um meine Freund*in an
       der Front und um meine Freund*innen in Charkiw, Kyjiw, Odessa und Lwiw,
       denn jeden Tag könnten mich ihre Angehörigen anrufen und mir mitteilen,
       dass sie tot sind, und allein der Gedanke, dass eine*m von ihnen etwas
       zustoßen könnte, zerreißt mich.
       
       Ich weiß nicht, wie oft ich meine Augen geschlossen und mir vorgestellt
       habe, wie die Explosion das Fensterglas auf meine Decke schmettern, sie
       zerreißen und meinen Körper verletzen würde. Ich stellte mir vor, wie eine
       Rakete meinen Balkon und mein Zimmer zerstören – und ein Loch hinterlassen
       würde.
       
       Ich stellte mir vor, wie Menschen nach meiner Leiche suchen würden oder wie
       ich noch am Leben wäre und sie mich suchen würden. Ich stellte mir meine
       Beerdigung vor und wer kommen würde.
       
       Der Krieg bringt den Tod näher und zwingt einen, sich die Hände zu reichen.
       Jetzt seid ihr Freund*innen, sagt er zu uns. Das stimmt.
       
       Ich denke gerade viel darüber nach, was mich am Leben hält. [5][Endlose
       Verhandlungsrunden halten mich nicht am Leben]. Ich mache mir nicht einmal
       mehr die Mühe, zu überprüfen, worauf sie sich einigen, denn das ist alles
       nur ein Zirkus. Die Russen wollen den Krieg nicht beenden, und sie haben
       auch keinen Grund dazu. Solange es für sie mehr Vorteile gibt, den Krieg
       fortzusetzen, als ihn zu beenden, werden sie nicht aufhören, aber so tun,
       als seien ihnen die Verhandlungen wichtig.
       
       Die Beerdigungen, die ich fast jedes Mal sehe, wenn ich zum Büro in der
       Nähe der St.-Michaels-Kathedrale gehe, halten mich nicht am Leben. Ich
       versuche, nicht darüber nachzudenken, dass ich nicht weiß, wie viele
       Soldat*innen auf unserer Seite tatsächlich getötet worden sind. Selenskyj
       sagte kürzlich, es seien mehr als 55.000, aber ich glaube, die Zahl ist
       etwa fünfmal höher, wenn nicht sogar zehnmal. Ich gehe nicht auf Instagram,
       weil ich Angst habe, auf Beerdigungen von Freund*innen und Bekannten zu
       stoßen – immer, und immer wieder. Ich weiß, dass Vermeidung keine gute
       Strategie ist, aber… Ich möchte verstehen, wie man die Erinnerung an die
       Getöteten und Verstorbenen auf bedeutungsvolle Weise ehren kann. Hinter
       jedem Namen der Getöteten und Verstorbenen standen Leben, Hobbys,
       Interessen, Familie und Freund*innen.
       
       [6][Die Frage, über die ich viel nachdenke, ist, wie man sie im Alltag
       weiterhin in Erinnerung behalten kann.] An der Mohyla-Akademie arbeiten
       meine Freund*innen an einem Projekt zum Gedenken an die verstorbenen
       Mohyla-Studierenden und Dozierenden – und organisieren Themenabende. Wir
       haben das Brettspiel Go gespielt, weil einer der verstorbenen Professoren
       es liebte, und wir haben [7][über Mariam Naiems Buch] über Dekolonisierung
       diskutiert, weil einer der verstorbenen Studenten es liebte, komplexe und
       relevante Themen zu diskutieren. Ich empfehle meinen Freund*innen, die
       Bücher zu lesen, die meine Eltern liebten. Und ich höre mir im Auto
       zusammen mit meiner Schwester die Musik an, die sie liebten, und singe mit.
       Ich spreche mit meinem Bruder über sie und seine Erinnerungen, die er noch
       nicht vergessen hat.
       
       Meine Freund*innen, Kolleg*innen, Familie, Katzen und die Malerei halten
       mich am Leben. Und, um ganz ehrlich zu sein, ich liebe kalte, verschneite
       Winter. Dieser Winter ist genau so, und mein Bruder und ich gehen oft
       Schlitten fahren und Snowtubing, und ich setze mein Gesicht oft der
       Wintersonne aus, die mich zwar nicht wärmt, aber ungemein tröstet. Ich gehe
       gerne in mein Büro im Zentrum von Kyjiw. Ich arbeite derzeit als
       internationale Analystin und auch als Soziologin – und verbringe dann den
       ganzen Tag mit meinen Kolleg*innen, um über unsere Forschungsarbeiten zu
       diskutieren. Dabei lerne ich so viele neue und interessante Dinge über die
       Welt. Und obwohl ich manchmal sehr traurig bin über das, was ich lese und
       hinterher realisiere, würde ich meine analytische Arbeit gegen nichts
       anderes eintauschen wollen.
       
       Meine schwarze Katze Kora und meine schwarz-weiße Katze Sam sind ebenfalls
       eine große Inspirationsquelle. Kora kommt zu allen meinen Arbeits- und
       Studiencalls dazu. Sie klettert in die Kamera, wenn ich in meinem
       Spanischkurs neue Grammatik übe, und kommt, um mich zu küssen, wenn ich ein
       Zoommeeting zu einem Arbeitsprojekt habe. Und Sam kann sehr schön Liegen.
       Hahaha, es klingt seltsam, aber er sieht aus wie eine Traumkatze, wenn er
       mit seinem Kopf unter den Pfoten versteckt auf meinem Bett ruht. Ich
       zeichne ihn und Kora oft.
       
       Mein orangefarbener Mantel und meine orangefarbene Wintermütze trösten mich
       auch. Wenn ich von schwarzen Mänteln und Jacken umgeben bin und die meisten
       um mich herum düster die Tage bis zum Ende des Winters zählen, erlaube ich
       mir, den Schnee zu genießen, die Hände meiner Freund*innen zu halten, damit
       ich nicht ausrutsche, Random-Bücher zu lesen, lustige Bilder zu zeichnen
       und Serien zu schauen, damit ich mitten in der Nacht mit einer Freundin
       darüber diskutieren kann.
       
       Das Leben ist kompliziert, aber es ist nicht unerträglich. Oft macht es
       Spaß, wenn man sich erlaubt, all das wahrzunehmen, was einem noch Freude
       bereitet. Manchmal ist es schrecklich, und man möchte sich im Schnee
       vergraben und erfrieren. Aber meistens möchte man das nicht.
       
       Wir werden weiterhin Widerstand leisten, egal was passiert.
       
       ❊❊❊
       
       Hey du,
       
       wie geht es dir? Schneit es bei dir genauso viel wie hier in Kyjiw? Seit
       einigen Tagen gibt es bei mir zu Hause mehr als acht Stunden Strom pro Tag,
       und ich finde erstens, dass das zu viel Strom ist. Denn auf einmal habe ich
       Zeit, alles zu erledigen, was ich erledigen muss, und alle meine Geräte
       aufzuladen. Was für eine surreale Erfahrung, dass weniger als acht Stunden
       Strom pro Tag für mich mittlerweile normal sind. Alles, was darüber
       hinausgeht, fühlt sich nicht richtig und fair an. Zweitens spüre ich, dass
       ein neuer massiver Angriff auf die Infrastruktur bevorsteht. In ein paar
       Tagen sollen die Temperaturen wieder unter minus 15 Grad Celsius fallen,
       sodass dies wahrscheinlich der Zeitpunkt für den russischen Angriff sein
       wird. Ich hoffe, wir haben genug Luftabwehrraketen und Abfangdrohnen, um
       uns zu schützen.
       
       Seit mehreren Tagen versuche ich, mich an meinen Schreibtisch zu setzen, um
       dir über den Entwurf zum neuen Zivilgesetzbuch zu schreiben, aber es ärgert
       mich so sehr, dass ich es bis zum letzten Moment aufgeschoben habe.
       
       Es ist gut, dass es sich derzeit nur um einen Gesetzentwurf handelt, der
       noch nicht in der Werchowna Rada verabschiedet und vom Präsidenten
       unterzeichnet wurde, aber die Tatsache, dass dieser Gesetzentwurf vom
       Sprecher der Rada ausgearbeitet wurde, macht diese Situation traurig und
       bedrohlich. In dem neuen, seit Ende Januar vorliegenden Entwurf [8][sollen
       gleichgeschlechtliche Beziehungen von „faktische Familiengemeinschaften“
       ausgeschlossen werden]. Das wäre ein klares Nein zum Fortschritt.
       
       Nur dank vieler Proteste wurde im vergangenen Jahr das Gesetz, das die
       Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden einschränken sollte,
       zurückgenommen. Seither denke ich, es kann alles sehr schnell gehen. Ich
       fürchte mich davor, eines Tages in einem Land aufzuwachen, in dem es nicht
       möglich ist, sich während der Schwangerschaft und ein Jahr danach scheiden
       zu lassen, in dem inakzeptable Verjährungsfristen für häusliche Gewalt
       gelten, in dem Frauen eine moralische Hölle durchmachen müssen, wenn sie
       eine Abtreibung vornehmen lassen wollen und in dem die Rechte von
       LGBTQ+-Paaren nicht geschützt werden. Und in dem ich weiterhin nicht das
       Recht haben werde, eine Person meines eigenen Geschlechts zu heiraten.
       
       Ich weiß nicht… Ich bin verärgert über diesen Gesetzentwurf. Ich halte ihn
       für einen großen Rückschritt. Ganz zu schweigen davon, dass er die
       Umsetzung der Istanbul-Konvention und unsere Verpflichtungen im Rahmen der
       europäischen Integration untergräbt. Seit mehreren Jahren in Folge nehmen
       wir an der Pride-Parade im Juni teil, um gleichgeschlechtliche
       Partnerschaften zu legalisieren, insbesondere damit
       LGBTQ+-Militärangehörige und ihre Partner*innen sich um ihre Angehörigen im
       Krankenhaus kümmern, Entscheidungen für sie treffen und gemeinsam eine
       Zukunft aufbauen können, ohne befürchten zu müssen, dass ihr ganzes Leben
       wie ein Kartenhaus zusammenbricht, sobald eine*r von ihnen in Gefahr gerät.
       
       Ich bin sehr wütend. Jetzt habe ich mich selbst aus der Fassung gebracht.
       Aber ich folge allen LGBTQ+-Organisationen und feministischen
       Organisationen, die derzeit in der Ukraine am aktivsten sind. Sie schreiben
       Artikel und Posts und bitten die Menschen, Briefe an Abgeordnete zu
       schreiben. Auch ich habe ihnen geschrieben. Ich hoffe, dass wir alle
       gemeinsam Druck auf die Abgeordneten ausüben können, damit sie den
       Gesetzentwurf zurückziehen. Und dass es gar nicht erst wieder zu neuen
       Protesten am Iwan-Franko-Schauspielhaus kommen muss, wo die Massenproteste
       gegen die Entmachtung der Antikorruptionsbehörden stattfanden.
       
       Einen schönen Tag aus der noch demokratischen Ukraine!
       
       P.S. Weißt du, ich möchte einfach morgens aufwachen und feststellen, dass
       wir als Land Tag für Tag ein Stückchen näher daran kommen, das Leben, das
       ich und viele meiner Freund*innen aus der LGBTQ+-Community führen, als Norm
       zu akzeptieren. Ich möchte nicht nur Einladungen zu den Hochzeiten meiner
       heterosexuellen Freund*innen erhalten, sondern auch zu den staatlich
       anerkannten Hochzeiten meiner queeren Freund*innen, und ich möchte keine
       Angst haben, über meine eigene Hochzeit nachzudenken, die hoffentlich eines
       Tages stattfinden wird.
       
       In den letzten Jahren hatte ich mehr Freund*innen aus der LGBTQ+-Community
       als heterosexuelle Freund*innen, und es ist für uns alle schmerzhaft und
       belastend, rechtlich unsichtbar zu sein. Daher hoffe ich, dass dieser
       schlechte Entwurf des neuen Zivilgesetzbuchs ein Anstoß sein wird, ihn noch
       mal zu überarbeiten, und dabei die neuen Anforderungen der Gesellschaft
       berücksichtigt werden, anstatt zum vergangenen Jahrhundert zurückzukehren.
       
       2 Mar 2026
       
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 (DIR) Ärztin im Krieg in der Ukraine: „Wir sind es gewohnt, mit gefährlichen Situationen umzugehen“
       
       Die Chirurgin Nataliia Tetruieva hat in einer Kinderklinik in Kyjiw
       gearbeitet, als dort eine Rakete einschlug. Ihre Devise: lernen, teilen,
       weitergeben.
       
 (DIR) 1.469 Tage Krieg in der Ukraine: Tarnnetze knüpfen in Lübeck
       
       Nadija hat es trotz Krieg jahrelang in Kyjiw ausgehalten. In diesem Winter
       wurde es ihr zu viel. Jetzt baut sie in Lübeck eine neue Existenz auf.
       
 (DIR) Solidaritätsmarsch in der Slowakei: Kaum Unterstützung für Ficos Alleingang
       
       Tausende Menschen protestierten gegen den russlandfreundlichen Kurs der
       Regierung in Bratislava und zeigen ihre Unterstützung für die Ukraine.
       
 (DIR) Ganz Europa kauft russische Energie: Moskaus fleißige Zahlmeister
       
       Nicht nur die Slowakei und Ungarn kaufen Energie aus Russland. Auch andere
       europäische Staaten, darunter Deutschland, füllen Putins Kriegskasse.