# taz.de -- 1.469 Tage Krieg in der Ukraine: Tarnnetze knüpfen in Lübeck
       
       > Nadija hat es trotz Krieg jahrelang in Kyjiw ausgehalten. In diesem
       > Winter wurde es ihr zu viel. Jetzt baut sie in Lübeck eine neue Existenz
       > auf.
       
 (IMG) Bild: Nadija aus Kyjiw knüpft jetzt Tarnnetze in Lübeck
       
       Ihr Name Nadija bedeutet auf Deutsch „Hoffnung“ und gerade die Hoffnung ist
       die Kraft, die sie antreibt. Mit über 50 Jahren hat die Ukrainerin noch mal
       einen Neustart im Leben gewagt: Vor einigen Wochen ist sie aus Kyjiw nach
       Lübeck gekommen.
       
       „Ich habe gezielt nach einer Stadt mit einer aktiven ukrainischen
       Gemeinschaft gesucht. Meine Landsleute, die schon früher geflohen sind,
       haben mir dabei geholfen“, erzählt Nadija. „Sie sagten, dass hier in Lübeck
       Tarnnetze geknüpft und in die Ukraine geschickt werden, dass die Abläufe
       bereits etabliert sind. Aber immer noch werden helfende Hände gebraucht“,
       ergänzt sie.
       
       ## Tarnnetze knüpfen als Freiwillige
       
       Gleich mit Beginn der russischen Großinvasion 2022 ging Nadija zum
       Freiwilligenzentrum in ihrer Stadt Kaniw, wo sich gleichgesinnte Frauen
       versammelten und [1][unter anderem Tarnnetze knüpften].
       
       Als der Schock der ersten Wochen der russischen Aggression vorbei war,
       wurde ihr klar, dass sie in ihrem eigentlichen Beruf nützlicher sei. Und so
       begann sie, als Buchhalterin in einer neuen Firma zu arbeiten, die in Kyjiw
       Schutzhüllen für kugelsichere Westen herstellte. Die Stoffreste aus der
       Werkstatt nahm sie mit und schickte sie an ihre Freundinnen, die weiterhin
       Netze knüpften.
       
       So vergingen für sie drei Kriegsjahre. Das Leben wurde jedoch immer
       schwieriger, Stress und Müdigkeit nahmen proportional zur Zunahme der
       russischen Angriffe auf ukrainische Städte zu. Als Nadija erkannte,
       [2][dass sie ein weiteres Jahr in Kyjiw mit ständigen Stromausfällen nicht
       aushalten würde], beschloss sie, die Ukraine zu verlassen. Sie fand
       Bekannte, die in Deutschland Wohltätigkeitsveranstaltungen organisierten
       und Tarnnetze knüpften
       
       Die Gemeinschaft in Lübeck wurde von geflüchteten Ukrainern und solchen,
       die bereits seit über 20 Jahren in der Stadt lebten, gegründet. Sie bauten
       selbst eine Maschine zum Knüpfen der Netze und Rahmen, auf die diese
       gespannt werden. Die Zusammensetzung der Gruppe hat sich im Laufe der fast
       vierjährigen Kriegshandlungen allmählich verändert. Derzeit besteht ein
       aktiver Kern von etwa 15 bis 20 Personen, die sich dreimal pro Woche
       treffen, überwiegend ältere Menschen. Die Jüngeren kommen in ihrer Freizeit
       nach der Arbeit oder dem Studium.
       
       ## Deutsch lernen in der Bibliothek
       
       „In meiner Freizeit gehe ich in die Bibliothek. Dort lerne ich in aller
       Ruhe selbstständig Deutsch. Ich muss erst im Frühjahr einen Sprachkurs
       besuchen, aber bis dahin möchte ich meine Sprachkenntnisse so weit wie
       möglich verbessern.“ Nadija ist 51 Jahre alt und hofft, so schnell wie
       möglich Deutsch zu lernen, um dann als Buchhalterin arbeiten zu können.
       
       Nach ihrer Ankunft in Deutschland lebte sie in Flüchtlingslagern, jetzt hat
       sie ein 2 mal 2 Meter großes Zimmer in einem Modulbau und verbringt daher
       mehr Zeit in der Bibliothek sowie in den Räumlichkeiten, die die
       Kirchengemeinde dem Freiwilligenzentrum zur Verfügung stellt. Hier
       unterhält sie sich mit Landsleuten – und knüpft Netze.
       
       „Unser Zentrum arbeitet eng mit Menschen in der Ukraine zusammen, die sich
       um das Material für die Herstellung kümmern. Was wir mit unseren eigenen
       Händen hergestellt haben, schicken wir direkt dorthin, wo gerade Schutz
       gebraucht wird“, erzählt Nadija.
       
       „Jetzt kann ich sagen, dass der Stress und der Burn-out, die ich in der
       Ukraine hatte, hinter mir liegen. Ich habe mich emotional davon gelöst,
       kann etwas Neues lernen. Und möchte nun wieder sowohl für die Ukraine als
       auch für Deutschland, das mich aufgenommen hat, nützlich sein.“
       
       3 Mar 2026
       
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