# taz.de -- Die DDR: Irgendwann kommt was
       
       > Eine große Müdigkeit prägte die letzten Jahre der DDR. Die kollektive
       > Erschöpfung ist bis heute zu spüren – und hat auch politische Folgen.
       
 (IMG) Bild: In der Bewegungslosigkeit festgefroren: unser Autor als Kind mit Mutter und Tante
       
       Es gibt ein Foto von mir, aufgenommen ungefähr Mitte der 80er-Jahre. Ich
       bin keine zehn Jahre alt und stehe vor einem grau verputzten Haus, links
       ein Schaufenster mit einem Schild „PGH Backwaren“, ein paar Broten und
       Semmeln in der Auslage. Meine Mutter und meine Tante kommen gerade aus der
       Tür heraus, die drei Steinstufen herunter, sie haben eingekauft, vermutlich
       ist es Nachmittag und wir werden gleich Kaffee trinken und Kuchen essen.
       
       Ich weiß nicht mehr, wo dieses Foto aufgenommen wurde. Woran ich mich
       allerdings erinnere, ist das Gefühl der Erschöpfung, das mich jedes Mal
       beim Betrachten des Fotos befiel und das dafür sorgte, dass ich es ganz
       schnell wieder weglegen musste. Ich stehe mittig am unteren Rand des
       Bildes, mit hängenden Schultern und einem Blick, der bedeutet: Was soll ich
       bitte hier? Ich bin in der Bewegungslosigkeit festgefroren und bereit
       wegzusinken – hinaus aus dem Bild, in eine Zeit, die sich noch bewegen
       kann. Das Gefühl, das dieses Foto transportiert, hat sich mir bis heute
       eingebrannt.
       
       Egal wo: In den sommerglühenden Dorfstraßen, auf den Äckern und an den
       Feldrändern, in den Höfen und Hinterhöfen, auf den Sportplätzen,
       Appellplätzen, Aufmarschierplätzen, im Konsum, in der HO
       (Handelsorganisation), in den Freibädern und unter den aufgebockten Pkw an
       einem Sonntagnachmittag, in der Schlange vorm Weißwarengeschäft, in der
       Schlange vorm Fleischer, vorm Bäcker, vorm Fischladen, in der ins Nichts
       führenden und aus dem Nichts kommenden Schlange oder einfach in den
       verpesteten Straßen der kleinen Industriestadt – die Männer im, wie es
       heißt, besten Alter zwischen vierzig und fünfzig sahen immer schon aus wie
       Greise.
       
       Und das lag nicht ausschließlich daran, dass erwachsene Männer für ein Kind
       immer alt aussehen, alt und furchteinflößend. Sondern es lag auch daran,
       dass das Land, aus dem diese Männer kamen und in dem sie herumliefen und
       herumlebten, ein im völligen Abstieg begriffenes Land war. Ein Land, das
       nur noch siechend auf seine Erlösung, auf den finalen Rettungsschuss
       wartete. Ein Land mit einer „in Bezug auf die entwickelten westlichen
       Nationen relativ abnehmende(n) durchschnittliche(n) Lebenserwartung“, wie
       der [1][Soziologe und Publizist Wolfgang Engler] in seiner etwas pathetisch
       betitelten Ethnologie „Die Ostdeutschen, Kunde von einem verlorenen Land“
       ganz beiläufig notiert. Die DDR in ihrem Endstadium war ein Land, dessen
       Müdigkeit und Verfall auf die in ihm lebenden Menschen abfärbte, die
       ihrerseits müde und verfallen durch den Tag schwappten, der ein Tag war,
       dessen Ende man herbeisehnte, aber niemals wirklich erwartete.
       
       ## Hoffnung wurde von Erschöpfung ersetzt
       
       Diese Müdigkeit war keine individuelle, keine psychologische, sondern eine
       strukturelle Müdigkeit. Sie war nicht Ausdruck von Faulheit oder Trägheit,
       sondern das Ergebnis eines jahrzehntelangen Umgangs mit Forderungen, die
       ihrerseits entweder aus Unter- oder Überforderungen bestanden; eines Lebens
       unter Bedingungen, die jedes Versprechen auf Zukunft entwerteten, ehe es
       ausgesprochen war. Vielleicht, so könnte man sagen, war diese Gesellschaft
       eine, die das Prinzip Hoffnung durch das Prinzip Erschöpfung ersetzt hatte.
       Der Mensch, dieser geschundene, vom Produktionsplan genormte Organismus,
       war im Grunde nichts anderes als eine wandelnde Sollgröße. Seine Funktion
       bestand darin, zu funktionieren.
       
       In den Gesichtern der Männer, von denen ich spreche, lag der Ausdruck
       stiller Ergebenheit, der bei manchen in Bitterkeit, bei anderen in einen
       eigentümlichen Gleichmut umschlug. Ihre Gesichter erzählten vom täglichen
       Trott, vom ewigen „Mach mal“ und „Geht schon“ und von einer Form des
       Schweigens, die keine Tugend, sondern eine Überlebensstrategie war. In
       einer Welt, in der Sprache ständig besetzt war – politisch, ideologisch,
       administrativ –, wurde das Schweigen zu einer Art Gegenrede. Wer schwieg,
       der stimmte nicht zu, aber widersprach auch nicht. Schweigen war ein
       dialektischer Zustand, eine Form von Flucht in einen autopoietischen Raum –
       in eine Selbstbezogenheit, die keine strukturelle Veränderung von außen
       zulässt. Ein Rückzug auf das Ich, das einen, wenn man genau hinhörte, nur
       allzu oft zurück anschwieg.
       
       Als Kind dachte ich, dass alles so seine Ordnung habe. Dass Männer so
       aussehen, so reden, so gehen, dass sie so trinken, so atmen, so müde sind.
       [2][Die DDR war], aus Kinderperspektive, kein politisches System, sondern
       ein Aggregatzustand. Sie war das Klima, in dem man aufwuchs, so wie andere
       im feuchten Dschungelklima oder im Trockensavannenklima aufwachsen. Und wie
       jedes Klima hatte sie ihre typischen Krankheiten, ihre Vegetationsformen,
       ihre langsamen Erschöpfungsprozesse. Das Land war müde, ja, aber die
       Müdigkeit war träge, fast gemütlich, nicht dramatisch. Es war eine
       Müdigkeit, die keine Katastrophe war, sondern vielleicht die Bedingung der
       Verhinderung noch größerer real existierender Katastrophen.
       
       Heute, im Rückblick, erscheint mir diese Müdigkeit nicht mehr nur als eine
       historische, sondern als eine existenzielle Kategorie. Der Sozialismus, so
       wie er sich in den späten Achtzigerjahren in der DDR zeigte, war
       gewissermaßen das politische Äquivalent einer stur am Laufen gehaltenen
       Industriebrache. Alles pfiff auf dem letzten Loch, die Kessel dampften und
       zischten und standen kurz vorm Zerbersten, aber irgendwo fand sich immer
       unverhofft ein Werkstoff, den man zum Ersatzteil umfunktionieren konnte.
       Irgendjemand fand am Schluss doch immer ein Ventil, um den Druck wieder
       abzulassen. Die Kessel explodierten vorerst nicht.
       
       Denn da (und obwohl) alles eingerichtet und alles geregelt war, ahnte man,
       dass es nicht mehr lange so weitergehen konnte, weil alles Eingerichtete
       und alles Geregelte wie ein unendlich andauerndes Provisorium erschien. Es
       war eine Zeit des Wartens – worauf, das wusste niemand so genau. Vielleicht
       wartete man gar nicht auf etwas, sondern einfach darauf, dass das Warten
       endlich vorbei war.
       
       Mein Vater sagt, „Irgendwann kommt was“ sei ein Satz gewesen, der die Runde
       machte. Als Hoffnung und Drohung, als Prophezeiung und Witz. Ich weiß
       nicht, ob das stimmt oder ob sich mein Vater das ausgedacht hat, weil er
       vielleicht im hohen Alter seine Ader fürs Geschichtenerzählen entdeckt hat.
       Je länger ich aber über den Satz nachdenke, desto eindeutiger erscheint er
       mir als Mentalitätsanalyse – die kürzeste, die vielleicht jemals gegeben
       wurde.
       
       Die Müdigkeit hatte sich, ohne dass man es sofort merkte, in die Körper
       eingeschrieben. Die Gesichter der Männer, aber auch die der Frauen,
       erzählten davon in einer Sprache, die nicht gesprochen, sondern nur gedacht
       wurde. Das Gesicht war das Archiv der Arbeit. Die Hände waren ihre Chronik.
       Wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, wie der Plan, die Norm, der
       Schichtwechsel, der graue Winter und der schlechte Schnaps in die Poren
       eingesickert waren.
       
       Diese Körper waren keine Orte der Freiheit, sondern der Pflichterfüllung.
       Vielleicht waren sie auch das Letzte, worüber man überhaupt noch verfügen
       konnte. Die in [3][Günter Krawutschkes „Gesichter der Arbeit. Fotografien
       aus Industriebetrieben der DDR]“ zusammengestellten Bilder von Arbeitern
       und ihren Arbeitsorten – die meisten davon zu DDR-Zeiten unveröffentlicht –
       legen Zeugnis ab von diesen Körpern, diesen Gesichtern, die ansonsten im
       leisen Dahinströmen der Zeit leise versunken wären. Sie wirken nicht nur
       wie aus einer anderen Welt, sie sind es. Und man fragt sich beim Betrachten
       der Gestalten und Gesichter, wie es diesen Menschen ergangen ist, als nach
       1990 ihre Arbeit, ihre Lebensstruktur, ihr Dasein als Individuum und
       Kollektiv zerschlagen wurde.
       
       Denn der eigene Körper war das Einzige, was in diesem Land wirklich einem
       selbst gehörte – und selbst das nur bedingt. Man musste ihn arbeitsfähig
       halten, funktionsbereit. Krankheit war ein Problem, aber sie war auch eine
       Gelegenheit, sich zu entziehen. Wer „krankgeschrieben“ war, hatte für ein
       paar Tage die Möglichkeit, an der Oberfläche der Gesellschaft
       entlangzutreiben wie ein Stück Holz auf einem breiten, trägen Fluss. Man
       war nicht mehr Teil der Bewegung, aber auch nicht draußen. Man war befreit
       und gefangen zugleich. Denn in der fadenscheinigen Freiheit pochte das
       schlechte Gewissen an die Vernachlässigung der Pflicht – gegenüber den
       Kollegen, letztlich gegenüber der Gesellschaft.
       
       Und so wurde Krankheit gewissermaßen zur Schuld, die einem im Nacken saß
       und den Gang beugte – worin die realsozialistische Gesellschaftsstruktur
       der DDR frappierend jenen hyperkapitalistischen Strukturen gleicht, die
       heute weltweit zu erleben und zu erleiden sind. Die Ausbeutung der eigenen
       Arbeitskraft ist nicht nur zur geforderten moralischen Maxime, sondern zum
       verinnerlichten Pflichtbewusstsein geronnen, das jedem, der sich der
       Funktionslogik der Selbstausbeutung, und sei es nur für kurz, entziehen
       will, die Schuld des schlechten Gewissens aufbürdet.
       
       Mein Vater soll hier ein weiteres Mal als Beispiel herhalten. Als er sich,
       schon im wiedervereinigten Deutschland, die letzten schlechten Zähne alle
       auf einmal ziehen ließ – 14 an der Zahl –, um sich endlich seine dritten,
       unempfindlichen einsetzen zu können, da ließ er sich nicht etwa
       krankschreiben. Er ging um 7 Uhr zum Zahnarzt, absolvierte die Behandlung
       und ging dann ohne Zähne und mit 14 frischen Wunden zur Spätschicht. Der
       Zahnarzt konnte ihn nicht davon abbringen.
       
       Ich erinnere mich an die Nachmittage, an denen die Männer, die sich von der
       Frühschicht erholt hatten, in den Gärten saßen. Sie redeten wenig, tranken
       Bier aus halb warmen Flaschen, rauchten Zigaretten, deren Qualm selbst im
       Freien erbärmlich stank. Ihre Gesichter glänzten vom Schweiß, und manchmal
       lachten sie, aber das Lachen hatte etwas Mechanisches, Klirrendes.
       
       Man kann heute behaupten, dass die Menschen dieser Generation Opfer der
       Geschichte waren, aber das wäre zu einfach. Sie waren auch ihre Komplizen.
       Sie wussten, dass etwas nicht stimmte, aber sie wussten ebenso, dass alles,
       was danach kommen konnte, vielleicht schlimmer sein würde. In dieser
       Mischung aus Resignation und Stolz lag etwas, das man vielleicht
       ostdeutsche Würde nennen könnte – eine Würde, die nicht auf Erfolg, sondern
       auf Ertragen beruhte. Eine Würde des Untertanen vielleicht, aber immerhin
       mehr als nichts.
       
       Wenn ich heute versuche, diesen Zustand zu beschreiben, fehlt mir ein Wort
       dafür. Es war keine Angst, keine Hoffnungslosigkeit, auch kein Fatalismus.
       Es war eine schmale Öffnung im Zwischenraum dieser drei Begriffe, aus der
       immer so etwas wie ein stures Verlangen nach Leben hervorleuchtete.
       Vielleicht das Bewusstsein, dass das eigene Leben keine Geschichte war,
       sondern ein Zustand. Im Spätsozialismus ostdeutschen Zuschnitts war der
       Bezug zur Welt manchmal seltsam ausgehöhlt, das Handeln im Großen wurde zum
       bloßen Vollzug. Im Kleinen blühte es daher manchmal umso farbenfroher auf.
       
       Wie sollte aus einem Zustand eine Historie werden? Das ist vielleicht die
       größte Zumutung, die die Wiedervereinigung mit sich brachte: die plötzliche
       Forderung, das eigene Leben als erzählbar, als nacherzählbar und also
       nacherlebbar zu begreifen – und die, die potenziell an so einer Geschichte
       hätten interessiert sein sollen, interessierten sich, wenn überhaupt,
       hauptsächlich für Industriebetriebe, die sie für den symbolischen Wert
       einer D-Mark erwerben konnten. Das Leben musste auf einmal Bedeutung haben,
       eine Richtung, ein Ziel. Eine friedliche Revolution vom Zaun gebrochen und
       zu Ende gebracht zu haben, war da längst nicht mehr ausreichend, weil viel
       zu nah an der Gegenwart. Wer keine Geschichte hatte, war plötzlich
       verdächtig. Und so begann, im Rückblick, ein fieberhaftes Nachholen von
       Geschichten, ein Erzählen, das manchmal an Selbstrechtfertigung grenzte.
       Die Müdigkeit wich der Erzählung – aber in der Erzählung blieb sie als
       Schatten.
       
       Vielleicht liegt darin das eigentliche Drama der ostdeutschen Erfahrung:
       Dass sie sich nicht erzählen lässt, ohne dass etwas verloren geht. Dass
       jedes Wort, das man über sie verliert, zugleich ein Stück ihrer
       Wirklichkeit zerstört. Vielleicht erklärt das auch, warum so viele
       ostdeutsche Erinnerungen in der Literatur nicht in der ersten, sondern in
       der zweiten Person erzählt werden: „Du warst“, „Du wusstest“, „Du hast
       geschwiegen“. Das Ich ist erschöpft, das Du tritt an seine Stelle.
       
       [4][Nach der Wende], als das Land, das es nicht mehr gab, plötzlich zum
       Gegenstand einer nie enden wollenden Debatte wurde, verwandelte sich die
       alte Müdigkeit in etwas Neues. Sie war nicht verschwunden, sie hatte nur
       die Form gewechselt. Aus der Müdigkeit wurde Ironie. Ironie als
       Überlebensform, als Abwehr, als späte Selbstermächtigung. Man lachte jetzt
       über das, worunter man jahrzehntelang gelitten hatte. Man nannte es
       „Ostalgie“, und dieses Wort hatte etwas von einer milden Krankheit, die man
       sich leisten konnte, solange sie nicht ernsthaft wurde.
       
       Diejenigen, die früher geschwiegen hatten, begannen zu sprechen. Aber ihre
       Sätze blieben kurz. Sie erzählten von Brigaden, von Planerfüllung, von der
       Lehrzeit, vom Betriebsausflug an die Mecklenburgische Seenplatte. Sie
       erzählten es mit einem Unterton, der gleichzeitig Rechtfertigung und
       Selbstparodie war. Es war, als hätte die Geschichte ihnen ein Mikrofon in
       die Hand gedrückt, das sie aber nicht halten wollten. Und so redeten sie,
       wie sie früher geschwiegen hatten: kontrolliert, abgewogen, mit einem Ohr
       auf der eigenen Stimme. Hörte der Feind immer noch mit? Und welcher Feind
       war gemeint?
       
       In den neuen Zeiten war Reden ein Zwang geworden. Jeder musste seine
       Geschichte erzählen, um sie in den Markt der Deutungen einzuspeisen.
       Diejenigen, die keine Geschichte hatten, fielen durch. Der Osten wurde,
       frei nach Wolfgang Engler, zur größten biografischen Baustelle Europas, auf
       der nun Stück für Stück weiter an der eigenen doppelten Biografie gebaut
       werden musste. Die Soziologen nannten es „Transformation“, aber für die
       meisten war es einfach ein zweites Leben, das sich in das erste
       hineinschob, ohne es zu ersetzen.
       
       Ich erinnere mich an die frühen [5][Neunzigerjahre], an die Gesichter der
       Männer, die jetzt nicht mehr grau von Arbeit, sondern grau von
       Arbeitslosigkeit waren. Der Unterschied war kaum sichtbar, aber er war
       spürbar. Früher war man müde, weil man zu viel tun musste; jetzt war man
       müde, weil man nichts mehr tun konnte, nichts mehr tun durfte und gerade
       deshalb umso heftiger in eine mentale Verschleißmaschinerie hineinglitt,
       die unaufhörlich mahlte und mahlte. Die Körper, die früher die Normen
       erfüllten, wurden jetzt von der Marktwirtschaft für überflüssig erklärt.
       Man sprach von „Anpassung“, aber das bedeutete oft: die eigene
       Lebensgeschichte als Betriebsunfall begreifen zu lernen.
       
       Vielleicht ist es kein Zufall, dass in dieser Zeit so viele
       autobiografische Romane entstanden – Texte, die das Alte festhalten
       wollten, während es unter den Händen verschwand. Die Literatur wurde zu
       dem, was sie schon immer (auch) war: zu einem Ersatzgedächtnis, zu einem
       Raum, in dem man das erzählen konnte, was draußen keinen Ort mehr hatte.
       Aber auch sie war müde, wie die Menschen, von denen sie sprach. Sie schrieb
       gegen das Vergessen, aber das Vergessen war schneller.
       
       Es gibt ein Foto meines Vaters aus dieser Zeit. Er steht auf einem Hof,
       hinter ihm ein halb zerfallener Schuppen, in der Hand eine Bierflasche. Er
       trägt ein kariertes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, die Haut braun vom
       Sommer. Er schaut in die Kamera, aber nicht wirklich. Es ist dieser Blick,
       den viele Menschen auf den Fotos jener Jahre haben: ein Blick, der nicht
       weiß, wohin er gehört. Der Osten war nicht mehr da, der Westen noch nicht
       angekommen. Es war ein Blick aus der Zwischenzeit. Es scheint in jeder
       ostdeutschen Familie ganze Fotoalben voller solcher Blicke zu geben. Sie
       bilden das visuelle Archiv des Übergangs – eine Ikonografie der
       Orientierungslosigkeit.
       
       Diese Zwischenzeit ist nie ganz vergangen. Sie hat sich nur verlagert – von
       der politischen in die seelische Geografie. Die Müdigkeit, die früher
       kollektiv war, ist heute individuell. Damals war man müde vom Staat; heute
       ist man müde von sich selbst. Aber die Struktur bleibt dieselbe: das
       Gefühl, dass etwas in einem erschöpft ist. Und man weiß nicht genau, was es
       ist oder woher es kommt – und schon gar nicht weiß man, wie man diese
       Müdigkeit wieder los wird. Vor lauter Müdigkeit will man am liebsten gar
       nicht mehr schlafen, weil man fürchtet, man wache nicht wieder auf. Die
       Freiheit hat die Erschöpfung nicht aufgehoben, sie hat sie privatisiert.
       
       Der Osten hatte diese Form der Selbstverausgabung schon, bevor sie global
       wurde. Was wiederum ziemlich paradox klingt, wenn man sich klar macht, dass
       der Osten dem Westen als ein Hort der Faulheit galt und in Teilen immer
       noch gilt, was in der Siegerrhetorik des Wirtschaftswunders in etwa so
       klingen musste: Ist nicht das Reich der Planwirtschaft auch an der
       Unproduktivität seiner Individuen gescheitert, die im eigentlichen Sinne
       (und das ist vielerorts ausschließlich der ökonomische Sinn) gar keine
       Individuen waren, sondern reine Auftragsempfänger?
       
       Vielleicht bleibt am Ende nicht die Geschichte bestehen als betrachtbarer
       Raum in der Zeit, sondern die Atmosphäre, die in diesem Raum geherrscht
       hat. Der Geruch von feuchtem Beton nach einem Sommerregen. Das Summen der
       Transformatoren hinter der Schule. Der Geschmack von abgestandenem Bier in
       der Dorfkneipe, wo die Tapete sich an manchen Stellen schon von der Wand
       löst.
       
       Wenn ich heute an das Haus denke, in dem ich aufgewachsen bin bzw. an die
       55 qm große Wohnung, in der wir zu sechst lebten, dann denke ich vor allem
       an die Wohnzimmerwand, die zur Wetterseite hin lag. So oft diese Wand auch
       frisch überstrichen oder tapeziert wurde – nach kurzer Zeit zeigte sich
       immer wieder der Schimmel in großen, schwarzen Flecken, die Tapete wellte
       sich, es roch nach Moder. Solche Dinge prägen sich ein, nicht weil sie
       besonders waren, sondern weil sie die Form des Lebens trugen, das man
       damals führte – ein Leben ohne Glanz, aber mit Gravitation.
       
       Manchmal mit zu viel Gravitation, weswegen das unablässige „Training des
       aufrechten Gangs“ zur Notwendigkeit wurde, wollte man nicht an irreparabler
       Rückgratverkrümmung verenden. In Volker Brauns berühmtem, gleichnamigen
       Gedicht heißt es: „...Nicht die Einheit und Reinheit findet ihr bei mir/
       Sondern die Gemeinsamkeit/ Von Wasser und Schmutz …“ Der aufrechte Gang ist
       nichts, was einem einfach geschenkt wird, und er geht, im
       gesellschaftlichen Sinn, weit über evolutionär-biologische
       Anpassungsfortschritte hinaus – ja, er kann sogar als die Negation der
       Anpassung an die Verhältnisse erscheinen, die man zuweilen nur geduckt
       aushält und überlebt.
       
       Manchmal denke ich, dass die ganze [6][Erinnerung an die DDR] aus solchen
       atmosphärischen Sedimenten besteht. Kein System, keine Ideologie, kein Plan
       – sondern der Staub, der sich auf den Dingen absetzte. Und vielleicht ist
       das die eigentliche Wahrheit jeder untergegangenen Ordnung: dass sie in
       ihren kleinsten Partikeln überlebt. In den Floskeln, die man noch benutzt,
       ohne zu wissen, woher sie stammen. In der Art, wie Menschen auf eine Frage
       nicht antworten, sondern sie mit einer Gegenfrage entwaffnen. In der
       Beharrlichkeit, mit der man das Wort eigentlich benutzt – ein Wort, das
       immer schon einen Rest von Misstrauen in sich trägt.
       
       Die Generation, die damals in ihren Vierzigern und Fünfzigern war, ist
       heute fast verschwunden. Ihre Kinder sind in einem anderen Land älter
       geworden, aber das Land in ihnen ist geblieben. Man erkennt es an den
       Sätzen, an der Art zu zweifeln, an der Weigerung, Begeisterung vorbehaltlos
       zuzulassen. Vielleicht ist das, was man „ostdeutsche Mentalität“ nennt,
       nichts anderes als der Nachhall einer kollektiven Übermüdung – ein stilles
       Misstrauen gegenüber allem, was zu laut, zu hell, zu sicher klingt – und
       sich deshalb auf absurde Weise oftmals in der Befürwortung besonders lauter
       und greller politischer Programmatik niederschlägt.
       
       In der grundlegenden historischen Müdigkeit der Menschen scheint eine
       besonders tiefe Wut zu schlafen, die sich, wenn sie erwacht, gegen alles
       richtet, was den Schlaf stören könnte. Die Müdigkeit hindert einen
       schließlich nicht nur daran, sein Leben voll zu entfalten, sie legt sich
       auch schützend um einen, wenn das Leben allzu unwirtlich und beängstigend
       zu werden droht.
       
       Alles, was diese doppelte Funktion der Müdigkeit zu bedrohen scheint, wird
       als Feind markiert. Die hohe prozentuale Zustimmung zu rechtskonservativer
       [7][bis rechtsextremer] [8][Politik] lässt sich nicht aus einer
       Sozialisierung und mit einem Leben im real existierenden Sozialismus
       erklären – aber vielleicht aus einer Apologie der Müdigkeit und der immer
       noch schwärenden Angst vor dem Wachsein. Sie kommt mir wie eine besonders
       verachtenswerte und zugleich verständliche Angst vor, weil sie vergessen
       will, dass Wachsein und Müdigkeit niemals getrennt voneinander auftreten
       können und das eine im anderen immer schon als Keim vorhanden ist.
       
       Es gibt, so scheint mir, zwei Arten, mit dieser Vergangenheit umzugehen.
       Die eine besteht darin, sie zu verklären, sie in warme, nostalgische Farben
       zu tauchen, um sie so nicht nur erträglich, sondern vor sich selbst
       leichter verantwortbar zu machen. Die andere besteht darin, sie analytisch
       zu zergliedern, bis nichts als ein sozialhistorisches Fossil bleibt. Ich
       neige zu keiner von beiden. Ich glaube, dass Erinnerung immer beides ist:
       Rettung und Verrat. In dem Moment, in dem man sich erinnert, beginnt man zu
       ordnen – und was man ordnet, verliert seine Unschuld.
       
       Die Müdigkeit ist gewandert, hat ihre Kleidung gewechselt, aber ihr Kern
       ist gleich geblieben: die Ahnung, dass das Leben selbst ein System sein
       könnte, das sich irgendwann überlebt. Und so stelle ich mir manchmal vor,
       die Männer von damals, die grauen, stillen Figuren aus meiner Kindheit,
       würden heute noch einmal durch ihre alten Straßen gehen. Sie würden die
       Häuser nicht wiedererkennen, die Supermärkte, die Werbeflächen, die neuen
       Fassaden, die ganze saubere, digitalisierte Normalität. Aber vielleicht
       würden sie trotzdem nicken. Sie würden sagen: „So ist das eben jetzt.“ Kein
       Urteil, keine Nostalgie, nur ein Satz, der das Leben auf seine nüchterne
       Formel bringt.
       
       Dieser Satz, als Quintessenz einer überlieferten und fortdauernden
       Müdigkeit, kann allzu schnell auch das Hinnehmen der Zustände, wie sie
       sind, bedeuten. Und man müsste ihn ergänzen um den zuvor schon zitierten
       Satz meines Vaters: „Irgendwann kommt was.“ Bloß dass „irgendwann“ schon
       sehr bald sein könnte und das, was da kommt, nichts Gutes sein wird, wenn
       man sich gemütlich in seiner Müdigkeit einrichtet, ohne auch mal die Decken
       auszuschütteln.
       
       Wenn in Kürze – wonach es leider aussieht – Europa flächendeckend in
       autoritäre Strukturen und Regime umkippt; wenn der ethnopluralistische
       Albtraum eines „Europas der Völker“ mehr und mehr Gestalt annehmen sollte,
       dann ließe sich nicht von einer Tragödie sprechen, schon gar nicht von
       einer nationalen, denn schicksalhaft (ein furchtbar klapperndes Wort) wäre
       an diesem Fortgang der Geschichte rein gar nichts. Jede Bevölkerung wählt
       die Art und Weise ihres Untergangs, oder, um es freundlicher auszudrücken:
       ihrer Regierung schließlich selbst.
       
       Am Ende liegt der Trost der Müdigkeit vielleicht nur in der letzten Lektion
       aus jenem untergegangenen Land: dass jede Ordnung, sei sie politisch,
       gesellschaftlich oder persönlich, irgendwann müde wird. Dass man nur leben
       kann, wenn man weiß, dass alles, was wir Leben nennen, zur Ruhe kommen und
       zu Ende gehen wird. Ein Wissen um die Endlichkeit, das sanft ist, nicht
       bitter.
       
       Lars Reyer, geboren 1977 in Werdau bei Zwickau. Studium der Philosophie,
       Anglistik und Ethnologie in Münster. Danach Studium am Deutschen
       Literaturinstitut Leipzig. Sein Debüt „Der lange Fußmarsch durch die Stadt
       bei Nacht“ erschien 2006. 2013 veröffentlichte er den Gedichtband „Magische
       Maschinen“, 2023 den Gedichtband „Falsche Kathedralen“.
       
       24 Feb 2026
       
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