# taz.de -- Debatte um Social-Media-Verbot: Ein Mindestalter löst keine Probleme
       
       > Das Nutzen von Social-Media-Plattformen kann süchtig machen – in jedem
       > Alter. Um Kinder und Jugendliche zu schützen, braucht es digitale
       > Bildung.
       
 (IMG) Bild: Wichtig ist die Erziehung im Umgang mit Medien und Mobiltelefonen: einfach mal eine Sendepause einlegen
       
       Die Zahlen sind mindestens beunruhigend: Mehr als ein Viertel der Kinder
       und Jugendlichen nutzt Social-Media-Dienste wie Instagram oder Tiktok in
       riskantem oder sogar krankhaftem Ausmaß. Letzteres betrifft einer neuen
       Studie zufolge rund 350.000 10- bis 17-Jährige. Die Zahlen stammen von der
       Krankenkasse DAK-Gesundheit und sind im Vergleich zum Vorjahr leicht
       gestiegen. Sie liefern damit eine perfekte Vorlage für das, was sich auch
       in Deutschland immer mehr abzeichnet: ein gesetzliches Mindestalter für die
       Nutzung von Social-Media-Plattformen.
       
       Die SPD hat sich gerade pro Mindestalter positioniert, bei der CDU wird die
       Entscheidung in Kürze erwartet, [1][Bundeskanzler Merz ist schon dafür.]
       Wenn sich auch die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission dafür
       ausspricht, könnte es schnell gehen mit einem Gesetz in Deutschland oder,
       rechtlich sicherer, dem Vorantreiben einer Altersgrenze auf EU-Ebene.
       
       Social-Media-Sucht, das geben auch immer wieder Jugendliche in Umfragen an,
       ist ein Problem. Das ist kein Wunder. Denn die Plattformen sind in ihrer
       gesamten Konzeption darauf ausgelegt, Sucht zu erzeugen. Das liegt am
       Geschäftsmodell: Aus persönlichen Daten wird über deren Vermarktung Geld
       gemacht. Und wann kommen die Plattformen an möglichst viele Daten? Wenn
       Nutzungsdauer und -intensität so hoch wie möglich sind. Alles ist also
       darauf ausgelegt, die Nutzenden lange im System zu halten: durch Autoplay,
       bei dem ein Video automatisch dem nächsten folgt. Durch endloses Scrollen,
       die Seite hat nach unten kein Ende. Durch Push-Nachrichten, die
       suggerieren, dass ständig neue, interessante, sehenswerte Dinge auf der
       Plattform passieren, die man keinesfalls verpassen darf und die jedes Mal
       einen Dopaminkick aktivieren. Durch Algorithmen, die polarisierende Inhalte
       pushen, weil diese Emotionen und Interaktionen begünstigen.
       
       Manche Menschen – junge, alte, mittelalte – reagieren auf dieses
       Suchtangebot resilient. Sie öffnen Tiktok, scrollen ein paar Minuten,
       lachen, schütteln den Kopf, schließen die App wieder. Doch das gelingt den
       wenigsten. Zu viele stellen fest, dass sie nur mal kurz ein Video auf
       Tiktok, einen Post auf Insta anschauen wollten – und dann sind schon wieder
       eine halbe Stunde oder auch mal fast ein halber Tag weg. Eine pathologische
       Nutzung kennzeichnet sich unter anderem dadurch, dass die Betroffenen
       negative Folgen in anderen Bereichen spüren. Sie vergessen Verabredungen
       oder Termine, kommen zu spät, erfüllen Aufgaben nicht mehr. Das kommt nicht
       [2][nur bei Kindern und Jugendlichen vor. Sondern auch bei Erwachsenen].
       
       Nun lässt sich argumentieren, dass Erwachsene Suchtdinge machen dürfen, die
       für sie und andere negative Folgen haben: Rauchen, Alkohol trinken, in
       Wingsuits von Klippen springen. Doch selbst, wenn man das so sieht, ist es
       mit Social Media etwas anderes als etwa beim Rauchen. Da gilt: Je älter
       Menschen sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie damit anfangen –
       das ist zumindest eine der Präventionsstrategien. Bei Social Media hingegen
       ist es keine realistische Option, nicht damit anzufangen. Die Plattformen
       sind längst viel zu sehr in unserem Leben verwurzelt. Der Arbeitgeber will
       via Tiktok neue Kund:innen finden, die Wissenschaftlerin hat ihre
       Community auf Bluesky, auf Instagram gibt’s das gehypte Kuchenrezept.
       [3][Wer jünger als etwa 25 ist, bezieht oft eh einen guten Teil seiner
       Nachrichten von Social-Media-Plattformen.]
       
       Mit dem Erreichen eines gesetzlichen Mindestalters würden also Menschen von
       einem Tag auf den anderen dieser Parallelwelt ausgesetzt, ohne vorher
       gelernt zu haben, wie man sie sinnvoll nutzt und die eigene Resilienz
       gegenüber dem Suchtpotenzial und anderen negativen Effekten schärft. Dazu
       kommt: 13-Jährige lassen sich vermutlich noch auf eine elternbegleitete
       Lernphase zum Umgang mit den Plattformen ein. Aber 15-Jährige? In
       Australien ist das Mindestalter 16, Frankreich will 15 Jahre.
       
       Sucht ist nur ein Teil des Dramas. Social-Media-Nutzung beeinflusst die
       Körperbilder, das Schlafverhalten, Politik und Demokratie, soziale
       Beziehungen. Soll das wirklich so weiterlaufen für alle ab 14, 15 oder 16?
       Daher ist ein Mindestalter nicht mehr als Aktionismus. Geeignet, um ein
       paar Symptome ein bisschen zu lindern, aber ohne die Ursache anzugehen.
       Besser wäre es, das Geschäftsmodell, das auf maximaler Ausbeutung der
       persönlichen Daten beruht, anzugreifen – flankiert mit Maßnahmen gegen
       Auswüchse wie Autoplay und standardmäßig aktivierte Push-Nachrichten. Ein
       unbequemer Weg, vor allem mit der aktuellen Besetzung im Weißen Haus in den
       USA. Aber einer, der mehr Schutz schaffen würde für alle.
       
       20 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Social-Media/!6155612
 (DIR) [2] /Folgen-von-Social-Media-Nutzung/!6155942
 (DIR) [3] /Debatte-um-Social-Media-Verbot/!6155970
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Svenja Bergt
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social Media
 (DIR) Verbot
 (DIR) Sucht
 (DIR) Jugendliche
 (DIR) Kinder
 (DIR) GNS
 (DIR) Videospiele
 (DIR) CDU
 (DIR) Social Media
 (DIR) Social Media
 (DIR) Kanzler Merz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Altersbeschränkungen im Internet: Russlands Umgang mit Roblox ist kein Vorbild
       
       Russland hat die Spieleplattform Roblox verboten, auch weil dort Kinder
       sexuell belästigt werden. Doch solche Verbote treffen auch die Falschen.
       
 (DIR) CDU-Parteitag: Christdemokraten wollen ein Social-Media-Verbot für Kinder
       
       Auf dem Parteitag in Stuttgart fordert die CDU ein Social-Media-Verbot für
       Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren. Seltsamerweise ohne Debatte.
       
 (DIR) Folgen von Social-Media-Nutzung: Zuckerberg verteidigt Meta im Prozess um Suchtpotenzial
       
       Online-Plattformen wird in einer US-Klage vorgeworfen, dass ihre Dienste
       süchtig machten. Nun trat Meta-Chef Mark Zuckerberg in den Zeugenstand.
       
 (DIR) Social-Media-Verbot: Mit Kinderschutz gegen Kinderrechte
       
       Auch Kanzler Friedrich Merz fordert ein Social-Media-Verbot für Jugendliche
       unter 14 Jahre. Dabei ignoriert er das Kinderrecht auf Zugang zu Medien.
       
 (DIR) Auswirkungen von Social Media: Merz zeigt „Sympathien“ für Verbot
       
       „Persönlichkeitsdefizite und Probleme im Sozialverhalten“ wären laut dem
       Bundeskanzler Gründe für ein Verbot der Apps für Kinder und Jugendliche.