# taz.de -- Social Media abschalten: „Verantwortungsvolle Nutzung ist eine Illusion“
       
       > Diego Hidalgo Demeusois ruft mit dem „Off February“ zur temporären App-
       > und Social-Media-Diät auf. Was kann seine Aktion wirklich bewirken?
       
 (IMG) Bild: Diego Hidalgo Demeusois sieht uns als Versuchskaninchen hochqualifizierter Entwickler*innen
       
       taz: Herr Hidalgo Demeusois, Sie sind Gründer der Off-Bewegung und haben
       dieses Jahr den Off February ins Leben gerufen. Die Idee ist, für 28 Tage
       die Social-Media-Apps vom Smartphone zu deinstallieren. War es sehr
       schlimm? 
       
       Diego Hidalgo Demeusois: Für mich nicht, ich habe gar kein Smartphone.
       Schon Anfang der nuller Jahre habe ich mich soziologisch mit den
       Auswirkungen digitaler Technologien beschäftigt. Später, als Unternehmer,
       erhielt ich täglich rund 130 E-Mails, eine permanente Stressquelle. Die
       wollte ich nicht dabeihaben, wenn ich mit Familie und Freunden unterwegs
       war. [1][Schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones] im Raum trägt dazu
       bei, den Cortisolspiegel zu erhöhen. Also habe ich mich dagegen
       entschieden.
       
       taz: Mit dem Off February sollten nun auch andere ein so ruhiges Leben wie
       Sie führen. Wie lief die Aktion denn? 
       
       Hidalgo Demeusois: Sie war ein großer Erfolg, es haben Menschen aus 46
       Ländern auf fünf Kontinenten offiziell teilgenommen. Außerdem haben wir
       Hunderte von Nachrichten erhalten von Leuten, die uns beschreiben, wie sich
       ihr Alltag dank der gewonnenen Zeit verbessert hat – und zwar nicht nur
       quantitativ, auch die Qualität ihrer Zeit hat sich verbessert. Nun warten
       wir auf die Auswertung des Off-February-Barometers, das wir mit
       Unterstützung von Gesundheitsfachleuten und einem Forschungsteam der
       Universität Angers entwickelt haben. Es soll die Auswirkungen der
       Initiative auf das Wohlbefinden messen.
       
       taz: In vielen Religionen wird gefastet, um Körper und Geist zu reinigen.
       Warum tut uns gemeinsamer Verzicht gut? 
       
       Hidalgo Demeusois: Individuell scheitern viele an ihren Vorsätzen, als
       Kollektiv haben wir stärkere Hebel zur Veränderung. [2][Studien zum Dry
       January zeigen, dass schon ein Monat Alkoholverzicht positive Effekte hat]
       – und viele Menschen danach weniger davon konsumieren. Genau darauf setzt
       der Off February. Durch die ganzen Apps auf dem Smartphone lagern wir immer
       mehr Aufgaben an Maschinen aus und verlernen kognitive Fähigkeiten. Unserem
       Gehirn tut es gut, diese neuronalen Verbindungen mal wieder stärker selbst
       zu benutzen.
       
       taz: Sie sind nicht nur Unternehmer und Autor, sondern auch Diplomat des
       Souveränen Malteserordens. Wie geht das ohne Smartphone? 
       
       Hidalgo Demeusois: Es irritiert meinen Botschafter manchmal ein wenig, aber
       abgesehen davon sehr gut (lacht). Ein Smartphone hat natürlich Vorteile,
       doch in meiner Kosten-Nutzen-Abwägung überwiegt das Leben ohne. Dabei bin
       ich gar kein Technikfeind. Tatsächlich bin ich einen Großteil des Tages
       online und sitze am Computer. Die meisten Vorteile des Digitalen lassen
       sich nutzen, ohne dass die Technologie in alle Winkel und jeden Moment
       unseres Lebens eindringt. Ein Laptop setzt sich in der Regel nicht mit an
       den Familientisch, in die U-Bahn oder in eine Warteschlange.
       
       taz: Die französische Nationalversammlung hat im Januar einen Gesetzentwurf
       für ein Verbot sozialer Medien für unter 15-Jährige verabschiedet, der
       Senat muss noch zustimmen. Auch in Deutschland wird ein ähnliches Verbot
       diskutiert. Wie stehen Sie dazu? 
       
       Hidalgo Demeusois: Die Off-Bewegung setzt sich für ein Verbot sozialer
       Netzwerke für unter 18-Jährige ein und begrüßt jeden Schritt in diese
       Richtung. Zugleich wird es immer schwieriger zu definieren, was überhaupt
       ein soziales Medium ist, da diese zunehmend von KI durchdrungen werden,
       während KI-Plattformen selbst „soziale“ Funktionen übernehmen. Aus unserer
       Sicht bräuchte es deshalb ein gesetzliches Mindestalter für den Besitz
       eines Smartphones, anstatt die Beschränkung nur auf bestimmte Plattformen
       zu begrenzen.
       
       taz: Ist die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken keine rein individuelle
       Verantwortung? 
       
       Hidalgo Demeusois: Natürlich kann jeder selbst bewusste Entscheidungen
       treffen. Doch auch die Industrie hat eine Verantwortung, die sie häufig auf
       Nutzer:innen schiebt. Wenn man einem 13-Jährigen, dessen präfrontaler
       Cortex sich neurobiologisch noch nicht vollständig entwickelt hat, sagt:
       „Du darfst Tiktok nutzen, aber bitte nur ein paar Minuten am Tag und schau
       dir etwas Sinnvolles an“, dann ignoriert man die Realität. Die Plattform
       hat selbst berechnet, ab wie vielen Videos man sehr wahrscheinlich abhängig
       wird: 260 Videos. Das entspricht etwa 35 Minuten. Eine „verantwortungsvolle
       Nutzung“ ist daher eine Illusion.
       
       taz: Apropos Illusion – Sie sind auch Zauberer. Was haben soziale Medien
       mit Magie zu tun? 
       
       Hidalgo Demeusois: Wie wir Zauberer sind auch die sozialen Medien Meister
       der Ablenkung. Wenn wir einen Trick vorführen, lenken wir die
       Aufmerksamkeit der Zuschauer in eine bestimmte Richtung, während das
       eigentliche Geschehen woanders stattfindet. Wenn jemand aus dem Publikum
       etwa eine Karte auswählen soll, hat die Person das Gefühl, sie trifft eine
       freie Entscheidung. Dabei sind wir ihr meist einen Schritt voraus und haben
       sie beeinflusst, ohne dass sie es gemerkt hat. Im Gegensatz zu den sozialen
       Medien hat die Zaubershow allerdings einen klaren Anfang und ein klares
       Ende. Außerdem steht dir dort ein einzelner Magier gegenüber – und nicht
       Tausende unsichtbare, hochqualifizierte Entwickler, die neueste
       neurowissenschaftliche Erkenntnisse an dir erproben, um dein Verhalten zu
       steuern.
       
       1 Mar 2026
       
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