# taz.de -- Kinder über Social-Media-Verbote: „Ich lade nichts von mir hoch, das ist gefährlich“
       
       > Braucht es ein Social-Media-Verbot für Kinder? Die taz hat mit denen
       > gesprochen, die es betrifft: Jungs und Mädchen zwischen 11 und 19.
       
 (IMG) Bild: Wer hat die Kontrolle? Der Algorithmus, der Gesetzgeber oder die Kids selbst?
       
       Ein Jugendclub in Berlin-Kreuzberg, im Offenen Bereich des Clubs treffen
       sich nachmittags Kinder und Jugendliche zu Billard, Kickern oder Abhängen.
       An diesem Freitag sind nur eine Handvoll Kids da – die Fastenzeit habe
       begonnen, Ramadan, da kämen viele Jugendliche nicht, erklärt die Leiterin
       der Einrichtung. Die Jungs, Mädchen sind nicht zu sehen, sitzen um einen
       großen Tisch im Eingangsbereich herum, albern miteinander, zeigen sich
       Videos auf ihren Handys. 
       
       taz: Welches Social Media nutzt ihr? 
       
       Can*, 13 Jahre: Instagram, Snapchat, Tiktok, Facebook.
       
       taz: Facebook?
       
       Can: Nee, Spaß.
       
       Yunus*, 15 Jahre: Ja, Insta und Snapchat. Und Tiktok.
       
       Can: Und Whatsapp natürlich.
       
       taz: Wie lange seid ihr täglich am Handy? 
       
       Yunus: Drei Stunden. Ich brauche noch Zeit für die Playstation. (grinst)
       
       Can: Man kann gucken, wie lange man am Handy ist. Aber mach’ ich nicht.
       
       Selim*, 12 Jahre: 1 Stunde 35 Minuten heute (zeigt eine Tracking-App auf
       seinem Smartphone)
       
       taz: Was ist für euch die wichtigste Plattform? 
       
       Yunus: Tiktok. (zustimmendes Nicken der anderen) Da kann man immer
       scrollen, das ist Ablenkung. Zeitvertreib. Gut für Ramadan.
       
       Selim: Meine Freunde und ich schicken uns da Memes, die wir witzig finden.
       Oder etwas über Animes, die wir lesen. In meiner Klasse hat ein Mädchen
       kein Handy. Aber sie wird deswegen nicht gemobbt oder so.
       
       taz: Macht das Endlosscrollen, dass die Seite nach unten kein Ende hat,
       süchtig? 
       
       Yunus: Ja.
       
       Can: Nein. Ich kann aufhören, kein Problem.
       
       Yunus: Doch, man will schon immer noch weiter gucken, weiter chillen. Es
       ist schwierig, aufzuhören. Aber ich mache auch andere Sachen. Ich gehe
       raus, ich zeichne. Ich kann mich anders beschäftigen.
       
       Selim: Ich kann aufhören. Ich merke selbst, wenn mir das Scrollen zu viel
       wird. In der Schule muss ich ja auch sechs, sieben Stunden ohne Handy sein.
       Abends muss ich um 22 Uhr ins Bett, aber ich kann das Handy zum Einschlafen
       weiter benutzen. Wenn ich nicht schlafen kann, schicke ich meinen Freunden
       Memes.
       
       taz: Die Regierung denkt über ein Social-Media-Verbot für Unter-14-Jährige
       nach. Sie sagt: Ihr seid zu viel am Handy, ihr seht dort Sachen, die für
       Kinder gefährlich sind. Can, Selim, euch würde das betreffen. 
       
       (kollektives, eher unbeeindrucktes Schulterzucken) 
       
       Can: Es gibt ja Fake-Ausweise und so.
       
       Yunus: Ja, das würden alle versuchen, zu umgehen.
       
       Mustafa, 13 Jahre*: Meine Mutter erlaubt mir Tiktok, mein Account läuft
       über sie.
       
       Yunus: Ich hatte mit sechs mein erstes Handy. Und dann hatte ich auch
       Tiktok, mit sieben oder acht Jahren. Mein Vater hat mir den Account
       gemacht. Der hat die Einstellungen aber zuerst so gemacht, dass ich nur
       Videos von Gamern oder so angezeigt bekommen habe. Keine krassen Sachen.
       
       taz: Was für krasse Sachen seht ihr auf Tiktok? 
       
       Mustafa: Es gibt solche Absturz-Accounts. Da werden komische Sachen
       gezeigt. Videos, die eigentlich privat sein sollten, gehen dann rum.
       
       Selim: Ich finde, Instagram sollte für Kinder verboten werden. Ich habe mal
       auf Insta ein heftiges Video gesehen, da wurde jemand krass geschlagen,
       richtig brutal verprügelt. Da habe ich die App gelöscht. Aber Tiktok ist in
       Ordnung. Da kriege ich eigentlich nur lustige Sachen.
       
       Yunus: Ich informiere mich auch auf Tiktok. Da gibt’s auch nützliche
       Tutorials. Infos, die man für die Schule braucht.
       
       Selim: Ich lade nichts von mir selbst hoch. Und ich kommentiere nichts. Ich
       habe auch keine Online-Freunde, das ist gefährlich.
       
       taz: Könnt ihr Fakes unterscheiden von echten Inhalten? 
       
       Yunus: Das nervt. In letzter Zeit ist gefühlt alles KI. Wenn ich zum
       Beispiel einen Auto-Stunt gucke, und jemand fährt über Absperrungen drüber
       und dann sind die einfach weg. Das ist Fake. Aber oft kann man es kaum
       unterscheiden.
       
       taz: Die Leute, die ein Verbot fordern, sagen: Dann machen die Jugendlichen
       wieder mehr andere Sachen, mehr Sport, es wird wieder mehr geredet in den
       Familien. Was meint ihr? 
       
       (längeres Schweigen) 
       
       Can: Ich rede doch dann nicht mehr mit meinen Eltern. Ich würde (denkt
       nach) Fußball spielen gehen.
       
       *Namen zum Schutz der Persönlichkeit geändert 
       
       ## „Social Media kann wirklich eine Sucht sein“ 
       
       Liuka Körbes, 19, ist Studentin und lebt in Berlin. Mit ihrer Band probt
       sie in einem Jugendclub in Berlin-Kreuzberg 
       
       „Ich hätte mir rückblickend ein Social-Media-Verbot für mich selbst
       gewünscht. Ich habe mir Instagram runtergeladen, da war ich zwölf. Damals
       gab es noch keine Reels, also Kurzvideos. Ich habe Insta genutzt, um mit
       Freunden in Kontakt zu sein oder um Fotos hochzuladen. Problematisch wurde
       es, als der Content immer mehr wurde, als die Reels dazukamen.
       
       Da habe ich schon eine gewisse Abhängigkeit entwickelt, würde ich sagen.
       Ich glaube, es ist richtig, Jugendliche davor schützen zu wollen, von
       diesem ganzen Content bombardiert zu werden. Der Algorithmus gerade von
       Tiktok ist krass, wie schnell der weiß, was du magst, was du sehen willst.
       Zugleich denke ich: Social Media ist so wichtig, um miteinander in Kontakt
       zu bleiben. Und man kann dort Leute finden, die ähnliche Struggles haben
       wie man selbst.
       
       Ich habe mir inzwischen eine Zeitsperre eingestellt, eine Stunde am Tag für
       Instagram und Tiktok. Nur meine WG-Mitbewohnerin und meine Mutter haben den
       Code, falls ich noch ganz dringend jemandem antworten muss.
       
       Es muss mehr darüber gesprochen werden, dass Social Media wirklich eine
       Sucht sein kann. Meine Eltern zum Beispiel kennen Tiktok nicht. Sie konnten
       mir da überhaupt nicht helfen. Bei mir war es so, dass der Algorithmus mir
       schnell sehr viele Videos angezeigt hat, die Drogen und Alkohol
       verherrlicht haben. Und mir, ich sage mal, auch nicht sehr positiven
       Content reingespielt hat: Videos, wo suggeriert wurde, das Leben macht eh
       keinen Sinn, wo Menschen Suizidgedanken teilen. Das tat mir überhaupt nicht
       gut.
       
       ## Es bedeutet auch Teilhabe
       
       Und auch das Vergleichen mit anderen Leuten: Man bekommt dort diese
       Influencer präsentiert, mit ihren perfekten Leben und ihren perfekten
       Körpern. Als 13-Jährige sieht man aber einfach noch nicht so aus. Aber man
       bekommt diese Körper präsentiert, und diese Tagesroutinen, wo Leute um
       sechs Uhr aufstehen, dann eine Stunde Sport machen und hinterher ein super
       krass gesundes Frühstück essen und dann zehn Stunden für die Uni lernen.
       Man bekommt ständig eine vermeintliche Wirklichkeit vorgespielt, die nicht
       realistisch ist.
       
       Tatsächlich hat mir Social Media auch wiederum geholfen, mich genau davon
       zu distanzieren. Ich bin dann denen gefolgt, die diese falschen Vorbilder
       auf Tiktok kritisiert und ihre Körper ohne Photoshop präsentiert haben.
       Oder ich habe mir auf Youtube Videoessays angeschaut, wo Leute erklärt
       haben, wie Creatorinnen eigentlich ihren Content produzieren, was daran
       alles fake ist.
       
       Wenn ich mal Kinder habe, werde ich ihnen erst mit 14 Jahren Social Media
       erlauben. Ich werde mit ihnen über eine Zeitsperre reden und auch, warum
       das richtig ist: Weil diese ganzen Firmen – Meta und so – uns nichts Gutes
       wollen. Das wird sich auch nicht ändern, glaube ich, solange man sie nicht
       zwingt. Tiktok zum Beispiel fragt dich nach einer Stunde, ob du
       weitermachen willst. Aber das kann man einfach wegklicken.
       
       Den Vergleich mit Alkohol und Zigaretten, den viele jetzt machen, finde ich
       trotzdem schief. Nicht alles an Social Media ist schlecht. Man kann sich
       dort präsentieren mit seiner Kunst, zum Beispiel. Man kann Gleichgesinnte
       finden. Das ist auch ein Geschenk. Social Media bedeutet auch Teilhabe. Im
       Gegensatz zu Alkohol und Zigaretten kann es auch positiv genutzt werden.
       
       Am Ende muss jeder selbst irgendwann seine Balance finden. Nur, vielleicht
       besser erst mit 14 Jahren als mit 12.“ Protokoll: Anna Klöpper
       
       ## „Das fände ich schon bevormundend“ 
       
       Thea, 16 Jahre, besucht die 11. Klasse einer Sportschule in der Nähe von
       Frankfurt und macht professionell Trampolinturnen 
       
       „Social Media gehört für mich zum Alltag dazu. Wenn ich meine
       Bildschirmzeit anschaue, bin ich so bei zwei bis drei Stunden am Tag für
       Tiktok, Instagram und Snapchat. Ich finde, das ist nicht wenig, aber auch
       nicht extrem viel – eher durchschnittlich für mein Alter.
       
       Wie viel wir es nutzen, wird schon versucht, einzuschränken, zum Beispiel
       von der Schule. Da gibt es ein Ampelsystem. In den Fluren hängt zum
       Beispiel eine grüne Ampel, da darf man aufs Schulportal oder Sachen für die
       Schule machen. In der Mensa ist rot, da ist das Handy komplett verboten. In
       Klassenräumen darf man es nur mit Erlaubnis benutzen. Aber vor allem in der
       Oberstufe ist das alles nicht mehr so streng.
       
       Früher wurden Handys sogar bis Ende der Woche eingezogen, das hat aber
       nicht gut funktioniert, auch weil viele von uns lange Schulwege haben und
       auf ein Handy angewiesen sind. Ich finde es grundsätzlich okay, wenn es
       Regeln gibt, aber sie sollten realistisch sein und auch kontrolliert werden
       können. Was zum Beispiel funktionieren könnte, ist, dass die Lehrerin alle
       Bildschirme der Ipads sieht, mit denen man arbeitet. Da ist es dann ja
       leicht zu überprüfen, ob man gerade die Aufgabe löst oder Subwaysurfer
       zockt.
       
       Ein komplettes Social-Media-Verbot unter 16 sehe ich kritisch. Wenn ich mir
       vorstelle, ich wäre 14 und dürfte plötzlich nichts mehr nutzen, fände ich
       das schon bevormundend. Ich glaube auch nicht, dass es wirklich
       funktionieren würde, weil man es leicht umgehen kann, zum Beispiel über die
       Accounts der Eltern oder mit technischen Tricks.
       
       ## Wir fanden das seltsam
       
       Sinnvoller fände ich Aufklärung in der Schule, so wie bei Drogenprävention
       – also erklären, welche Risiken es gibt und wie Algorithmen funktionieren.
       Ein Verbot, wie es jetzt in der Politik besprochen wird, ist bei uns kein
       Thema, nicht in der Schule und auch nicht, wenn ich mit meinen Freundinnen
       rede. Wobei, einmal habe ich mit meiner besten Freundin telefoniert und
       darüber gesprochen. Die war da nämlich gerade in Australien und da stand es
       gerade bevor, dass es eins geben würde. Wir fanden das seltsam.
       
       Ich würde sagen, Social Media macht mich und meine Freundinnen eher
       glücklich als unglücklich. Klar vergleicht man sich manchmal, gerade mit 13
       oder 14, aber in meinem Freundeskreis hat das niemanden komplett
       runtergezogen. Social Media hilft mir auch, mit Freunden in Kontakt zu
       bleiben. Über Snapchat sehe ich zum Beispiel auf der Map, wo bestimmte
       Freunde sind. Das ist praktisch, wenn man sich spontan treffen will. Wenn
       das alles wegfallen würde, würde sich mein Alltag schon verändern. Ich
       würde es natürlich überleben, aber es wäre anders.
       
       Natürlich gibt es auch negative Seiten. Ich kenne Leute, die sehr abhängig
       sind oder denen bestimmte Inhalte nicht guttun, vor allem wenn sie eh schon
       mentale Probleme haben. Ich bekomme viel Sport-Content angezeigt, weil ich
       viel trainiere. Klar, da schaue ich mir auch mal was ab. Ich habe
       angefangen, morgens Rote-Bete-Saft zu trinken, weil andere Sportler das
       empfehlen. Es schmeckt nicht besonders gut, aber schaden wird es schon
       nicht. Da bin ich vielleicht leicht zu beeinflussen. Gleichzeitig nehme ich
       nicht alles an – irgendwelche Fitness-Trends wie ständig Kreatin würde ich
       nicht einfach so machen, sondern nur nach Rücksprache mit unserer
       Ernährungsberatung.
       
       Ich hatte auch schon eine Phase, in der ich gemerkt habe, dass ich zu viel
       am Handy war. Dann habe ich angefangen zu, lesen, auch auf dem Weg zur
       Schule. Das hat mir gezeigt, dass ich ganz gut selbst steuern kann, wie
       viel ich Social Media nutze.“ Protokoll: Ann-Kathrin Leclère
       
       ## „Es passieren auch schlimme Dinge im Internet“ 
       
       Lea, 11 Jahre alt, Schülerin und Youtuberin aus Berlin 
       
       „Ich habe seit ungefähr einem Jahr einen Youtube-Kanal. In den Videos
       spiele ich meistens Robloxspiele und erzähle dabei Dinge. Ich habe 663
       Abonnenten, die auch regelmäßig kommentieren. Es gibt sehr nette
       Kommentare, aber auch welche von Hatern. Manchmal finde ich das traurig,
       aber meistens nervt es mich einfach nur. Und manchmal wehre ich mich auch
       und sage etwas Gemeines zurück.
       
       Mir macht es Spaß zu sehen, dass Leute mir Likes geben und damit zeigen,
       dass sie meine Videos mögen. Aber es passieren auch schlimme Dinge im
       Internet. Man kann sich etwa als 14-jähriger Junge ausgeben, obwohl man ein
       40-jähriger Mann ist. Online geht alles viel leichter, Mobbing, Belästigung
       … man weiß ja nicht, wer hinter dem Bildschirm ist. Und manche Kinder haben
       von ihren Eltern nicht erklärt bekommen, dass sie ihre Adresse nicht
       verraten oder sich mit Fremden nicht in echt treffen sollen.
       
       Trotzdem finde ich nicht, dass Social Media verboten werden sollte,
       zumindest nicht für Kinder über 11 Jahre. Aber es sollte Regeln geben. Bei
       Snapchat kann Dich zum Beispiel jeder anrufen oder adden. Das ist
       gefährlich.
       
       Wenn man sich unwohl fühlt, dann sollte man die Person blockieren und am
       besten mit seinen Eltern reden. Für jedes Kind sollte es jemanden geben,
       mit dem man darüber reden kann, was einem auf Social Media passiert. Das
       müssen nicht die Eltern sein, wenn man sich mit denen nicht gut versteht.
       Eine gute Freundin oder ein spezieller Vertrauenslehrer, der sich damit
       auch auskennt, wären auch okay. Oder Kinder aus der Oberstufe könnten
       Ansprechpersonen sein.
       
       An unserer Schule wird über die Gefahren des Internets geredet, nicht
       regelmäßig, aber ab und zu. Trotzdem glaube ich nicht, dass alle meine
       Mitschüler die Gefahren von Social Media gut genug einschätzen können.“
       Protokoll: Sunny Riedel
       
       3 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
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