# taz.de -- Unternehmen und Artensterben: Denn sie wissen nicht so genau, was sie tun
       
       > Der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrats schaut auf die Wirtschaft.
       > Demnach ignorieren Unternehmen oft ihren Einfluss auf die biologische
       > Vielfalt.
       
 (IMG) Bild: Ohne Apfelbaum keine Ernte für die Wirtschaft. So steht es bildlich und zugespitzt gesprochen im neuen IPBES-Bericht
       
       Die Unternehmen der Welt setzen die Axt an den Baum, auf dem sie sitzen.
       Stellen wir uns vor, es wäre ein Apfelbaum. Wie schnell die Unternehmen
       abstürzen, wie viele Äpfel sie verlieren und ob sie den Schatten des Baums
       im Sommer nicht noch brauchen könnten – das können Wissenschaftler
       berechnen, aber nicht verständlich machen. Das ist in etwa die Aussage des
       [1][Berichts zur „Bewertung von Unternehmen und Biodiversität“, die der
       Weltbiodiversitätsrat (IPBES – sprich: Ipes) am Montag veröffentlicht hat.]
       
       Drei Jahre lang haben 79 Experten aus 35 Ländern und allen Regionen der
       Welt, darunter Wissenschaftler und Vertreter der Privatwirtschaft, in
       Absprache mit indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften an dem Bericht
       gearbeitet. Vergangene Woche diskutierten sie auf einer Konferenz in
       Manchester mit Delegierten aus 150 Mitgliedsstaaten des IPBES. Der Rat
       fungiert als Bindeglied zwischen Wissenschaft, Zivilgesellschaft,
       Wirtschaft und Politik – ähnlich wie der [2][Weltklimarat (IPCC)] für das
       Klima.
       
       Wichtigste Erkenntnis der Debatte: Unternehmen fehlt es oft an Daten und
       Wissen, um zu verstehen, wie ihr Handeln die biologische Vielfalt
       beeinflusst – und wie sehr sie selbst davon abhängen. Weniger als 1 Prozent
       der börsennotierten Firmen thematisieren in ihren Berichten die
       Auswirkungen auf die Biodiversität.
       
       Eine kürzlich durchgeführte Umfrage unter Finanzinstituten, die 30 Prozent
       der weltweiten Marktkapitalisierung repräsentierten, erklärt, wieso das so
       sein könnte: Der Zugang zu zuverlässigem Wissen über Biodiversität und die
       Gründe und Zusammenhänge ihrer Krise seien zu schlecht. Deswegen würde sie
       von den Unternehmen nicht stärker kommuniziert – und naturbezogene Risiken
       nicht gemanagt.
       
       ## 7,3 Billionen gegen die Natur, 220 Milliarden für die Natur
       
       Dabei gehöre „der Verlust der biologischen Vielfalt zu den größten
       Bedrohungen für die Wirtschaft“, sagt Stephen Polasky,
       Wirtschaftswissenschaftler an der Universität von Minnesota und
       Co-Vorsitzender des Treffens. Selbst Unternehmen, die sich unabhängig von
       der biologischen Vielfalt wähnen, sind gefährdet. [3][Denn sie brauchten
       gute Umweltbedingungen wie Hochwasserschutz oder Wasserversorgung und
       immaterielle Werte wie Raum für Erholung, um existieren zu können.]
       
       Laut Bericht flossen 2023 weltweit 7,3 Billionen US-Dollar aus öffentlichen
       und privaten Mitteln in Aktivitäten, die der Natur schaden. Dem standen nur
       220 Milliarden US-Dollar für den Schutz und die Wiederherstellung der
       Biodiversität gegenüber.
       
       Um das zu ändern, schlagen die Experten 100 Maßnahmen vor. Regierungen
       sollen Biodiversitätskriterien in die Raumplanung an Land und auf See
       einbinden, sie in Genehmigungsverfahren, öffentliche Beschaffung und
       Unternehmensführung integrieren. Zudem sollen sie mithilfe moderner
       Technologien verlässliche Daten zur Biodiversität erheben und
       bereitstellen. Finanzinstitute sollen durch Gesetze und freiwillige
       Initiativen naturbezogene Risiken berücksichtigen.
       
       „Wichtig ist, dass der politische Fokus nicht nur auf Problemminderung im
       Hinblick auf bestehende Wirtschaftsansätze gerichtet wird“, kommentiert
       Sarah Jastram, Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Hamburg
       School of Business Administration. Ebenso wichtig sei es, regenerative
       Geschäftsmodelle zu fördern, um eine nachhaltige Transformation der
       Wirtschaft zu erreichen.
       
       ## Wissenschaftliche Literatur nicht für Unternehmen verfasst
       
       „Hierfür sind die entsprechenden Anreizsysteme und Förderung von
       Best-Practice-Ansätzen relevant“, sagt Jastram. „In diesem Kontext ist es
       wichtig und richtig, dass der Report förderliche Rahmenbedingungen betont.
       Aber dieses muss deutlich stärker auf innovative, regenerative und
       transformative Geschäftsmodelle ausgerichtet sein, als es in dem Report
       bisher dargestellt ist.“
       
       „Daten und Wissen sind oft isoliert“, sagte Ximena Rueda, Co-Vorsitzende
       des Bewertungsgremiums und Wirtschaftswissenschaftlerin an der Universidad
       de los Andes im kolumbianischen Bogotá. „Wissenschaftliche Literatur ist
       nicht für Unternehmen geschrieben. Der Mangel an Übersetzung und
       Aufmerksamkeit für die Bedürfnisse der Unternehmen hat die Aufnahme
       wissenschaftlicher Erkenntnisse verlangsamt“, sagt Rueda. Am besten
       versteht den Apfelbaum eben der, der ihn gepflanzt und gepflegt hat.
       
       9 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://zenodo.org/records/18538597
 (DIR) [2] /IPCC/!t5023439
 (DIR) [3] /Welt-Biodiversitaetsrat/!6054385
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heike Holdinghausen
       
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