# taz.de -- Artenvielfalt und Unternehmen: Vogelzählen als Geschäftsmodell
> Wissenschaftler arbeiten intensiv an besseren Methoden, um Biodiversität
> zu messen. Daraus entstehen erste Geschäftsmodelle für Start-ups.
(IMG) Bild: Ein Rotkehlchen im Garten: Das Start-up Hula Earth nutzt Sensoren und Satelliten, um KI-gestützt Vögel zu zählen
Wie stark hängen Unternehmen von der Artenvielfalt ab – und wie sehr
beeinflusst ihr Wirtschaften diese Vielfalt? Der am Montag erscheinende
Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES beleuchtet diese Fragen.
[1][Ähnlich wie der IPCC für die Klimapolitik liefert IPBES den Regierungen
die Basis für ihre Naturschutzstrategien.]
Und auch Unternehmen haben die Relevanz der IPBES-Forschung für sich
entdeckt: „Wir haben in Daten des Fisch-Monitorings schon vor zwei Jahren
abgelesen, dass die Bestände des Atlantischen Kabeljaus in Gefahr geraten
würden“, sagt Julius Palm, stellvertretender Geschäftsführer des
Lebensmittelproduzenten followfood. Man habe die Lieferkette auf
Pazifischen Kabeljau umgestellt – „ein sehr aufwändiger Prozess“, so Palm.
Als im Sommer 2025 die offiziellen Zahlen die Überfischung des Atlantischen
Kabeljaus zeigten, „da waren wir schon woanders“, so Palm.
[2][Während die schwarz-rote Bundesregierung und die EU-Kommission Gesetze
zum Schutz der Biodiversität als Hindernis für Wirtschaftswachstum
betrachten und sie im Infrastruktur-Zukunftsgesetz oder der Reform der
Wasserrahmenrichtlinie abschwächen wollen], sieht followfood in der
Artenvielfalt die Grundlage seines Geschäfts. „Je mehr Biodiversität ein
Ökosystem hat, desto stabiler ist unsere Lebensmittelproduktion“, erklärt
Palm. „Der Faktor Biodiversität ist entscheidend dafür, wie wir langfristig
planen und wirtschaften können.“
Da sich Artenvielfalt schwer messen lässt, arbeitet followfood
„input-basiert“: Es prüft also, welche Bewirtschaftungsformen die
Biodiversität fördern. „Die Böden von biologisch zertifizierten
Landwirtschaftsbetrieben weisen nachweisbar mehr Bodenlebewesen auf als die
konventioneller“, so Palm, „und nicht selektive Fangmethoden mit viel
Beifang verursachen die größten Schäden in den Fischbeständen, darum wird
unser Thunfisch per Hand gefangen.“
Auch der Regensburger Projektentwickler Ratisbona berücksichtigt bei der
Planung der Gebäude für große Handelsketten wie Edeka, Rewe oder Penny
Naturschutzanliegen. „Der größte Hebel sind die Außenanlagen“, sagt Julia
Vesenjak, Nachhaltigkeitsmanagerin des Familienunternehmens. Parkplätze und
Freiflächen um Einkaufsmärkte machen zwei Drittel der Gesamtfläche aus.
„Wir planen dort grundsätzlich mit Blühwiesen, Habitatszonen, Steinhaufen,
Sträucher, die der natürlichen Flora und Fauna vor Ort entsprechen“, so
Vesenjak.
## Gleiche Problemstellung wie bei der Klimakrise
Draußen Blühwiesen, drinnen Produkte der konventionellen
Lebensmittelindustrie. Es wiederhole sich bei der Biodiversität „die
Problemstellung, die wir bei der Klimakrise beobachten: Langfristige
Risiken werden gegen kurzfristige Entlastung ausgespielt“ heißt es vom
Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft, „das Thema bekommt keine Agenda.“
Gesetzgeberisch sei in den letzten Jahren zu wenig passiert. „Das EU Nature
Restoration Law und die Nationale Biodiversitätsstrategie sind klar in der
Problemanalyse“, so der Wirtschaftsverband, „in der praktischen Umsetzung
steckt das Thema in den Kinderschuhen.“
Dabei machen Messung und Monitoring von Biodiversität Fortschritte. Anders
als Treibhausgasemissionen, die sich pro Tonne CO₂ darstellen ließen, sei
„Artenvielfalt komplexer, schwerer auf eine Kennzahl herunterzubrechen“,
sagt Julia Roblick, beim Start-up Hula Earth für Geschäftsentwicklung
zuständig. Das Münchner Unternehmen nutzt Sensoren und Satelliten, um mit
KI Vorkommen von Vögeln oder Fledermäusen zu erfassen.
Vor allem Unternehmen sowie Betreiber von Solar- und Windparks beauftragen
Hula Earth, um die Biodiversität ihrer Standorte zu prüfen. Das Start-up
überwacht inzwischen rund 10.000 Hektar. „Wir versuchen, es für die
Unternehmen so einfach zu möglich zu machen“, sagt Roblick, „wir tracken
viele Indikatoren, versuchen diese aber zu verheiraten.“ Am Ende komme dann
doch so etwas wie eine Kennzahl für Biodiversität heraus.
Für verlässliche Aussagen sei es jedoch entscheidend, über lange Zeiträume
mit denselben Methoden zu messen, betont Jörg Kleinschmit, Leiter der
Abteilung Waldnaturschutz der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt
Baden-Württemberg. Er war Teil der Bund-Länder-Arbeitsgruppe „NabioWald“,
die ein nationales Biodiversitätsmonitoring für Wälder entwickelt hat.
Es baut auf bestehenden Monitoringansätzen auf, etwa der Bundeswaldinventur
oder dem Brutvogel-Monitoring. Bislang würden die Daten einzeln erfasst,
aber nicht zusammengeführt, sagt Kleinschmit. Dies solle sich künftig
ändern: „Wir müssen Biodiversitätselemente und die sie beeinflussenden
Treiber gemeinsam erheben, um Ursache-Wirkungsbeziehungen klarzumachen“,
sagt der Forstwissenschaftler. So erfasse das Monitoring häufiger Brutvögel
bislang nicht, in welchen Wäldern gezählt würden. „So sehen wir, dass die
Zahl einzelner Arten sinkt oder steigt, aber wir wissen nicht, warum“, so
Kleinschmit. Werde der Wald dunkler und dichter oder fehlten Waldränder als
Übergang zum Offenland?
Das Interesse der Waldbesitzer am Artenmonitoring sei groß, doch zugleich
fürchten sie, dass seltene Arten ihre Nutzungsmöglichkeiten einschränken
könnten. Hier setzt die „Inwertsetzung“ von Ökosystemdienstleistungen an.
„Wir müssen definieren, was uns gesellschaftlich der Schutz der
Biodiversität, die Leistungen des Waldes als CO2- und Wassersenke und seine
Erholungsfunktion wert sind“, sagt Kleinschmit. „Finanzielle Anreize für
die Waldbesitzenden wären wünschenswert.“
Den Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES werden sich der Forstmann
Kleinschmit sowie die Manager Palm und Vesenjak genau anschauen. „Wir
müssen Entwicklungen im Blick haben, sowohl fachlich als auch ihr Einfluss
auf die Regulatorik“, sagt Vesenjak, „das ist Teil unseres
Risikomanagements“.
9 Feb 2026
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