# taz.de -- Zukunft der Natur: Wie der Staat den Naturschutz verwaltet
       
       > Biologe Charlie Gardner fordert radikalen Wandel. Weg von zeitlich
       > begrenzten Projekten, hin zur Überlebensökologie. Doch die Politik denkt
       > anders.
       
 (IMG) Bild: Das Eppendorfer Moor bei Hamburg – das Naturschutzgebiet wurde 2014 erweitert
       
       Vergesst den ganzen Nonsens mit dem Natur- und Artenschutz, schreibt der
       britische Biologe Charlie Gardner von der University of Kent. So wie das
       bislang gedacht und gemacht werde, bringe das nichts.
       
       „Wir brauchen einen transformativen Wandel in unserem Umgang mit Natur, wir
       müssen uns vom Erhalt der Biodiversität zu einer Überlebensökologie
       bewegen“, sagt Gardner, dessen radikale Thesen auch hierzulande Ökologen
       und Biologinnen inspirieren. Doch das Handeln der deutschen und
       europäischen Politik bewegt sich bisher meilenweit entfernt von Gardners
       Forderungen.
       
       Wenn Gardner von Survival Ecology, von der Überlebensökologie spricht,
       meint er, die Ökosysteme so zu stärken, dass sie von sich aus in der Lage
       sind, sich an den Klimawandel anzupassen und weiterhin die Dienstleistungen
       zu erbringen, von denen das Leben auf der Erde abhängt. Trinkwasser,
       feinstaubfreie Atemluft, Nahrung. Dabei geht es Gardner nicht darum, diese
       Ökosystemdienstleistungen zu fördern – sondern das ökologische System
       ganzheitlich zu managen im Sinne aller Lebewesen.
       
       Das hört sich banal an, doch unter einem überlebensökologischen Ansatz
       werden Stadt und Natur, Mensch, Tier, Pflanze, Wald und Wiese
       zusammengedacht als ein System ökologischer Abhängigkeiten, ein
       supraökosystemisches Eins. Überlebensökologie setzt voraus, dass der Mensch
       sich zurücknimmt. Und keine Flächen und Ökosysteme renaturiert, sondern den
       Ökosystemen und den darin lebenden Tieren, Pflanzen, Pilzen, Bakterien die
       Flächen überlässt und sie selbst machen lässt.
       
       Möglicherweise steckt ein Hauch davon in der
       EU-Wiederherstellungsverordnung, nach der bis 2030 Wälder, Seen,
       Meeresgebiete, Flussauen großflächig wieder in einen natürlichen Zustand
       gebracht werden sollen. Doch gleichzeitig scheitern diese Bestrebungen
       immer wieder. Woran ist der Ansatz in der Vergangenheit gescheitert? Und
       was bräuchte es, damit er sich durchsetzt?
       
       ## Wenn Naturschutz zur Projektionitis wird
       
       Allein die Vorstellung, der Natur Flächen zurückzugeben, also ökologische
       Nischen zu schaffen, gilt im Gedankensystem deutscher Politik bereits als
       radikal. Denn dort lebt die Natur nur in Projekten auf. Von
       „Projektionitis“ spricht ein Mitarbeiter des Bundesumweltministeriums
       verzweifelt – auch staatliche Naturschützer wissen, dass sie biologische
       Vielfalt und die Ökosysteme mit Projekten nicht am Leben erhalten.
       
       Wider besseres Wissen scheint den Parteien und ihren Vertretern in Bundes-
       und Landesregierungen der politische Wille zu fehlen, den Verlust der
       biologischen Vielfalt aufzuhalten. Sie müssten das Land umkrempeln,
       Wirtschaft und Gesellschaft transformieren. Stattdessen gibt der Staat
       Naturschutzvereinen ein paar Jahre lang Geld für eine Wiedervernässung oder
       Renaturierung oder die Wiederansiedlung einer seltenen Tierart. Dann
       stellen die Naturschutzverbände ein Projektteam zusammen, arbeiten drei
       oder fünf Jahre den Projektplan ab und schreiben einen Bericht.
       
       Auch große Ideen zur klimakrisengerechten Transformation verpackt die
       Politik in Projekte. Die Ampelregierung hat ihre Natur- und
       Klimaschutzambitionen im [1][Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz]
       untergebracht, das CDU/CSU und SPD in der jetzigen Regierung weiterführen.
       Viele sinnvolle Ideen und Vorhaben stecken da drin, doch werden sie den
       ökologischen Umbau für die in der Klimakrise schwindenden Ökosysteme nicht
       voranbringen.
       
       Da werden zum Beispiel 5.000 Hektar Moor in den nächsten zehn Jahren
       vernässt. [2][Nasse Moore speichern mehr Kohlenstoff als Wälder], deshalb
       bieten Moore eine naturbasierte Lösung im Klimaschutz. Allerdings müsste
       Deutschland [3][jedes Jahr 50.000 Hektar nass machen], um mit dem Moor die
       Klimaziele zu erreichen.
       
       Innerhalb eines gedanklichen Systems könne ein Gedankengebäude nur mit
       einer Vision davon verändert werden, wie die Zukunft aussehen soll.
       Sinnvoll sei es, zurückzulassen, was man nicht mehr brauche, und sich ein
       Bild der erdachten Realität zu machen, so der Managementberater Otto
       Scharmer vom Massachusetts Institute of Technology.
       
       Für neues systemisches Denken in Organisationen hat Scharmer die Theorie U
       entworfen: wie in einem U auf der linken Seite das Alte beobachten und
       absteigen, die Zukunft in der Rundung des Us geistig präsent entwerfen und
       im rechten Bein aufsteigen und das Neue ausprobieren. Zu Ende gedacht,
       führe die Theorie U „vom Ego zum Ökosystembewusstsein“, sagt Scharmer.
       
       ## Zu viele Interessen, zu wenig Raum für die Natur
       
       Im Falle des gegenwärtigen Umgangs mit Natur ist so ein radikales
       gedankliches Ausmisten mit gewünschtem Neustart schwierig, denn so viele
       menschliche Interessen wollen sie nutzen. Landwirte wollen das Land mit
       Chemie und Maschinen beackern, Waldbesitzer mit schnell und gerade
       wachsenden Bäumen in Forsten Geld verdienen, Wasserkraftbetreiber die Bäche
       und Flüsse stauen. Zu der industriellen Landnutzung kommen Angler,
       Mountainbiker, Skiläufer und alle erdenklichen anderen Formen der
       Freizeitnutzung. Alle wollen Natur, aber so, wie sie sie brauchen.
       
       Die Natur aber braucht vor allem Raum. [4][Denn heiße Zeiten verändern das
       Leben]. Sie vernichten die Lebensgrundlage von ungezählten Arten unter den
       Tieren, Einzellern, Pflanzen, Pilzen. In Deutschland werden die Rotbuchen
       die Erwärmung und die Trockenheit kaum überleben, und ihr Verschwinden wird
       die Wälder in nicht vorhersehbarer Weise verändern.
       
       In den bereits warmen Wintern blühen Kräuter, Büsche, Bäume früher, Blätter
       sprießen, aufgewachte Insekten legen früher ihre Eier, die Larven schlüpfen
       zur Unzeit für die Vögel, die ihre Brut auf ihre Lebenszeit eingestellt
       haben. Wenn Nachtigallen, Trauerschnäpper, Fitis und andere Zugvögel aus
       Afrika zum Brüten kommen, sind Insekten und Larven schon von den
       nichtwandernden Vogelarten an ihre Jungen verfüttert. Die seit Urzeiten
       aufeinander abgestimmten ökologischen Prozesse laufen nicht mehr zusammen.
       
       Eigentlich versuchen die EU-Staaten seit der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie
       der EU von 1992, typische Lebensräume (Habitat) und die darin lebenden
       Tiere (Fauna) und Pflanzen (Flora) zu erhalten. Also nicht länger Störche
       zu schützen, sondern Flussauen, auf deren nassen Wiesen die Störche Frösche
       finden. Doch die FFH-Richtlinie hat weder das Artensterben aufgehalten noch
       Ökosysteme vor dem Verfall bewahrt und schützt nicht einmal die Natur in
       den geschützten Gebieten. 80 Prozent der unter FFH-Schutz stehenden
       Lebensraumtypen in Deutschland sind in einem „nicht günstigen Zustand“,
       heißt es im Bundesamt für Naturschutz (BfN).
       
       Die Natur, besser noch die biologische Vielfalt und die von den Ökosystemen
       bereitgestellten Dienstleistungen wie Trinkwasser, reine Atemluft,
       bestäubende Insekten, soll nun die EU-Wiederherstellungsverordnung bis 2030
       retten. Die hat seit August 2024 automatisch in allen Mitgliedsländern
       Gesetzeskraft. Je nach Ökosystem sollen 20 bis 30 Prozent wieder ökologisch
       in einen natürlichen Zustand hergestellt sein. Das bedeutet vor allem: mehr
       Platz und Ruhe für die Natur. Trägt die Wiederherstellungsverordnung also
       den radikalen Geist einer Ökologie des Überlebens?
       
       ## Überlebensökologie ist eine Art zu denken
       
       Die staatlichen Naturschützer stellen seit Herbst Listen mit den Gebieten
       zusammen, in denen sie die Natur wieder herstellen wollen. Bis September
       2026 muss die Bundesregierung der EU melden, welche großflächigen
       Naturräume fortan renaturiert werden. Zum Beispiel im Wald, um die
       schwindenden Gemeinschaften der Waldvögel zu stärken. Das BfN setzt alle
       Wälder Deutschlands auf die Liste. Das ist ein Drittel des Landes, und rein
       formal erfüllt Deutschland bereits mit den staatlichen Wäldern und
       Schutzgebieten die Kriterien der Wiederherstellungsverordnung.
       
       Doch wie genau die Ökosysteme wiederherstellt werden, damit die jeweils
       dort lebenden Waldvögel einen für sie passenden Lebensraum finden, wollen
       die staatlichen Naturschützer in späteren Arbeitsschritten und projekthaft
       in einzelnen Gebieten untersuchen. Gerade so, wie sie in der Vergangenheit
       bereits erfolglos vorgegangen sind.
       
       „Überlebensökologie ist eine Art zu denken, weniger ein Plan oder eine
       Toolbox“, sagt Biologe Gardner. Sie soll den gedanklichen Raum eröffnen, in
       dem Visionen und Pläne für hoffnungsvolles Handeln entstehen. Und ist es
       nicht das, was wir brauchen, wenn das alte System scheitert?
       
       Machen, handeln, anfangen, stärkt das Gefühl der eigenen Wirksamkeit und
       nährt die Hoffnung, die im Ungewissen liegende Zukunft zu meistern. Und was
       wäre in Deutschland alles möglich, wenn Bäume, Büsche, Kräuter in den
       Städten wachsen, wo Autos parken? Ein Blätterschirm würde dann das Leben
       und Treiben beschatten und kühlen. Äpfel, Grünkohl, Tomaten, Kartoffeln
       würden zwischen den Häusern wachsen.
       
       Flüsse mäanderten wieder durch die Landschaft, dort wo Menschen nicht
       zwingend bis in die Aue bauen müssen. Bäume könnten wachsen, bis sie dick
       und kräftig sind und den Stürmen der heißen Zeiten widerstehen. In Seen
       tummelten sich wieder Fische. Dichte Wälder würden wieder die Umgebung
       kühlen und mit den Mooren das Grundwasser für alle sichern, der Waldboden
       würde unter jedem Schritt federn.
       
       22 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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