# taz.de -- Politik auf der 76. Berlinale: Leitung ohne Haltung
       
       > Zu Recht ehrt die Berlinale den politischen Spielfilm „Gelbe Briefe“ von
       > İlker Çatak. Doch sonst fehlt Mut zum Widerspruch bei unhaltbaren
       > Statements.
       
 (IMG) Bild: İlker Çatak erhielt für seinen Film „Gelbe Briefe“ verdient den Goldenen Bären
       
       Die Berlinale gilt als politisches Festival. Das aktuelle Programm
       bestätigt das. Unter den 276 Filmen aus 80 Ländern dieses Jahr gab es viele
       mit Bildern und Geschichten zu diversen politischen Themen. Laut
       Intendantin Tricia Tuttle spricht das Festival in vielen Stimmen und
       schafft so „Raum für Komplexität, Zuhören und dafür, den anderen menschlich
       zu machen“, wie sie in der Abschlussgala am Samstag sagte.
       
       Einen menschlichen Ansatz bietet der Film [1][„Gelbe Briefe“ von İlker
       Çatak], für den [2][der Regisseur verdient den Goldenen Bären bekam]. Sein
       Drama um ein Künstlerpaar an einem Theater in Ankara, das wegen eines
       unbotmäßigen Stücks Arbeit und Wohnung verliert, geht mit scharfem Blick
       für kleinste Verschiebungen der Frage nach, wie sich unterdrückte
       Meinungsfreiheit in autoritären Staaten auf das Private auswirkt.
       
       Çatak appellierte in seiner Dankesrede zu Recht daran, gegen die
       gemeinsamen Feinde zu kämpfen, die „Autokraten“, „Faschisten“ und
       „Nihilisten“. Wobei man Çatak nicht darin folgen muss, dass er im Film
       suggeriert, die freie Meinung sei in Deutschland ähnlich gefährdet wie in
       der Türkei.
       
       Die Berlinale sah sich diesmal überzogen mit [3][Kritik und unwahren
       Vorwürfen, das Festival übe Zensur aus, lasse Solidarität mit Palästina
       vermissen]. Dagegen sprechen die vielen Filme und Premieren, in denen genau
       das geschah. Bis hin zu dem in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023
       verbotenen Slogan „From the River to the Sea“, der im libanesischen
       Dokumentarfilm „The Day of Wrath: Tales from Tripoli“ von Rania Rafei in
       einer Szene an einer Mauer prangt.
       
       Eine Grenze überschritt der palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib,
       der für „Chronicles From the Siege“ den Preis für das beste Spielfilmdebüt
       erhielt. Er warf in seiner Rede der Regierung Deutschlands vor, „Partner
       des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein, und kündigte an: „Wir werden uns
       an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden
       erinnern, der gegen uns war und der geschwiegen hat.“
       
       Das ist keine kontroverse Rede. Es ist eine Drohung. Der zuvor anwesende
       Umweltminister Carsten Schneider verließ aus Protest den Saal. Dass die
       Intendantin der Berlinale, Tricia Tuttle, selbst nicht widersprach, ist ein
       moralisches Versagen.
       
       22 Feb 2026
       
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