# taz.de -- Retrospektive der Berlinale über 90er: Zwischen den Kontrasten schlingern
> Die Retrospektive der Berlinale blickt auf eine Zeit der Umbrüche. „Lost
> in the Nineties“ zeigt vielfältige Perspektiven aus Ost und West.
(IMG) Bild: Schwarze Schauspieler in Blackface: Tommy Davidson und Savion Glover in New Black Cinema-Film „Bamboozled“ (2000) von Spike Lee
Mit Filmen, Erinnerungen und Zukunftsträumen, die in den 1990er Jahren im
Austausch zwischen Ost und West plötzlich möglich wurden, hat Heleen
Gerritsen, die neue künstlerische Leiterin der [1][Deutschen Kinemathek],
durch ihre langjährige Arbeit für das Wiesbadener Go-East-Festival
Erfahrung. Für die Retrospektive der diesjährigen Berlinale greifen sie und
das Team um ihre Kuratorin Annika Haupts wegen der Sparvorgaben des Senats
zudem auf viele Filme des hauseigenen Archivs zurück.
Nicht zuletzt schafft die Kinemathek damit Aufmerksamkeit für das gewaltige
Potenzial restaurierter und wieder zugänglicher Filme aus den letzten
Jahrzehnten. Dennoch ist erstaunlich, wie heterogen die Retrospektive
ausfällt. Die unterschiedlichsten Themen, Filmgattungen und Formate
verbindet nur eines, das Interesse an individuellen Menschen statt der
politischen Großereignisse.
„Lost in the Nineties“ zielt auch auf ein Publikum, das über die
Chaos-Jahre nach dem Mauerfall und die Auflösung der Sowjetunion hinaus
andere Erinnerungen an die 1990er hat. Der Reihentitel „Lost in the
Nineties“ mag auch ein Schlingern zwischen den Kontrasten andeuten, denn
die Programme zum Zeitenbruch in Ost- und Westeuropa stehen US-Filmen
gegenüber, auf die Douglas Couplands Schlagwort Generation X zutrifft.
Gemeint sind diejenigen, die zwischen den gescheiterten Utopien ihrer
68er-Eltern und einem knallhart um sich greifen Marktkapitalismus ihre
eigenen kleinen Fluchten aus dem System probierten – im Sound der Raves und
MTV-Videos etwa.
Deutsche Befindlichkeiten rund um den Mauerfall, die Wiedervereinigung und
die nachwirkenden Erschütterungen bilden einen Schwerpunkt des Programms,
ein zweiter präsentiert Filme zum Zeitenumbruch in Osteuropa, ein dritter
Filme über die Nöte weißer Kids sowie drei Filme des New Black Cinema.
## Schwieriger Abschied von alten Gewissheiten
„Im Glanze dieses Glückes“ (1990) von Johann Feindt, Jeanine Meerapfel,
Helga Reidemeister, Dieter Schumann und Tamara Trampe und [2][„Berlin,
Bahnhof Friedrichstraße“ (1991) von Constanze Binder, Lilly Grote, Ulrike
Herdin und Julia Kunert,] beide heute ikonische Zeitdokumente, suchen die
Begegnung mit Menschen, die offen Auskunft geben über ihre wachsende
Skepsis nach dem euphorisch gefeierten Mauerfall. Die Furcht vor der
Zukunft und der schwierige Abschied von alten Gewissheiten werden spürbar.
In „Im Glanze dieses Glückes“ (eine Zeile aus der auch für die „neuen
Bürger“ vorgesehenen Nationalhymne) spottet eine Thüringer Gemeinde
karnevalistisch über das entlarvte DDR-Regime, steht eine
Staatsbürgerkundelehrerin vor den Scherben ihrer sozialistischen Utopie,
pöbeln Weintrinker an einem Wahlkampfstand der CDU über mögliche
Lynchaktionen und verheddert sich ein Stasi-Offizier in Rechtfertigungen.
Offen für Gespräche sind auch die Grenzer auf Abruf in „Berlin, Bahnhof
Friedrichstraße“, wo das Filmemacherinnenteam den emotional aufgeladenen
Abbau der Sperr- und Kontrollanlagen dokumentiert.
Andreas Dresens Antiheld in „So schnell geht es nach Istanbul“ (1991)
möchte den Lohn für seinen Fastfood-Job vervierfachen. Billig in Ostberlin
wohnen und wie vor dem Mauerbau harte D-Mark in Westberlin verdienen ist
die pfiffige Idee des jungen Türken. Doch die Bekanntschaft mit einer
spröden jungen Ostberlinerin misslingt. Bei Fertigstellung des
Abschlussfilms an der Babelsberger Filmhochschule hatte die Währungsunion
im Juli 1990 den Film zudem überholt. Andreas Dresens schöne Folgefilme
„Stilles Land“ (1992) oder „Nachtgestalten“ (1999) hätten seinen
melancholischen Humor vielleicht besser erzählt.
## Deutschland bleibt unheimlich
Auch [3][Jean-Luc Godards] „Allemagne neuf zéro“ (1991) schildert die
Zwischenwelt der letzten DDR-Monate. Im Winter 1990 schickte er Eddie
Constantine, der in „Alphaville – une aventure étrange de Lemmy Caution“
(1965) einen angeschlagenen Comic-Helden und FBI-Agenten gespielt hatte,
als dessen depressiven Wiedergänger durch ostdeutsche Landschaften.
Vielleicht stapft er aber auch nur als die Projektion von Hanns Zischler,
einem prototypischen Intellektuellen, durch die realen Szenerien der
deutschen Klassik und Romantik. Begleitet wird er dabei von Claudia
Michelsen, die in wechselnden Kostümen archetypische Musen vergangener
Kunstwelten verkörpert. In Clips aus historischen deutschen Filmen und
Literaturzitaten hinterlässt Godards fremder Blick eine verrätselte
Botschaft über ein Deutschland, das ihm unheimlich bleibt.
„Sunny Point“ (1995) von Wolfgang Vogel ist eine der wenigen Komödien der
Retrospektive. Ein bankrotter Werbefilmproduzent in Westberlin will noch
einmal die üppigen Subventionen der Stadt kassieren und inszeniert eine
Wiederholung seiner einst lebensgefährlichen Flucht aus der DDR – umsonst,
denn ausgerechnet am Abend der Maueröffnung versucht er, durch die Spree zu
schwimmen.
„Gorilla Bathes at Noon“ (1993) des serbischen Regisseurs Dušan Makavejev
lässt einen in Deutschland hängengebliebenen Sowjetoffizier durch das
wiedervereinigte Berlin taumeln. Obdachlos in eine verstaubte
Märchen-Subkultur geraten, bleibt der naive Tor ein unverbrüchlicher
Lenin-Fan. Als dessen Ebenbild in einer genialen quasidokumentarischen
Szene von seinem Friedrichshainer Sockel geholt wird, steht sogar Stalin
aus dem Propagandafilm „Der Fall von Berlin“ (1950) wieder auf.
## Verleugnete Ausbeutung schwer arbeitender Frauen
Unter den Filmen aus Osteuropa ragt „Raspad/Der Zerfall“ (1990) des
ukrainischen Regisseurs Mykhailo Belikov heraus. Ohne Zensur in der
Schlussphase des Sowjetimperiums opulent realisiert, schildert das Drama
die Ignoranz eines staatsnahen Journalisten und der Parteioberen nach der
Super-GAU des Atomreaktors in Tschernobyl.
Als feministisches Pamphlet von Filmemacherinnen aus Belarus drängt
„Orangene Westen“ (1993) in die gleiche Richtung. Aus Reiseeindrücken des
Minsker Studios Tatjana montierte ihr Kollege Yuri Khashevatsky einen
Rundumschlag gegen die verleugnete Ausbeutung schwer arbeitender Frauen in
der Sowjetgesellschaft.
„D’Est“ (1993), ein meditativer Filmessay der [4][belgischen Regisseurin
Chantal Akerman], fängt umgekehrt Eindrücke von einer langen Reise durch
Polen, die Ukraine und das postsowjetische Russland ein. Mit der Kamera
gewinnt sie aus dem Auto heraus bleibende Zeitzeugnisse, wenn sie die
stille Rastlosigkeit der Passanten mit leeren Einkaufstaschen festhält.
Werner Herzogs Dokumentarfilm „Glocken aus der Tiefe“ (1993) spürt
fasziniert der wieder offen ausgelebten mystischen Religiosität in Sibirien
nach. Harun Farocki und Andrej Ujica analysieren im einzigen explizit
politischen Film „Videogramme einer Revolution“ (1992) anhand der
Kamerapositionen des rumänischen Fernsehens Schritt für Schritt den
dramatischen Verlauf des revolutionären Sturzes von Präsident Nicolae
Ceauşescu in Bukarest im Dezember 1989.
## Entspanntes Nichtstun, endloses Räsonieren
Absolut konträr die Independent-Filme aus den USA: In Richard Linklaters
Komödiendebüt „Slacker“ (1990) verbringen seine Kumpels in einer Kette
schräger Episoden den Tag mit entspanntem Nichtstun, endlosem Räsonieren
oder Filmedrehen. Daisy von Scherler Mayers freches „Party Girl“ (1995)
kämpft in ausgefeilten Rededuellen und hipper Vintage-Mode fürs ungehemmte
Feiern, bis der Groschen fällt und sie zur Bewährung das Ordnen einer
Bibliothek mithilfe perfekter Zettelkästen für sich entdeckt.
Anders als die Filme über unangepasste weiße Kids kreisen die
Black-Cinema-Beiträge eindringlich um Rassismus und selbstzerstörerische
Gewalt. Neben den Coming-of-Age-Dramen „Boyz n the Hood“ (John Singleton
1991) und „Juice“ (Ernest R. Dickerson 1992) ist „Bamboozled“ (2000), ein
mit innovativen digitalen Minikameras gedrehter Film von Spike Lee, die
Wiederentdeckung wert.
Pierre Delacroix, einziger Schwarzer Produzent im TV-Sender seines brutal
erfolgshungrigen Chefs, entwickelt als vermeintliche Mediensatire eine
Minstrel Show. Selbst die Tapdancer der Schwarzen New Yorker Community
schwärzen sich darin die Gesichter und malen übelste rassistische Klischees
breit aus, bis der Star aussteigt und sich das provozierende Rezept gegen
Delacroix wendet.
12 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Claudia Lenssen
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