# taz.de -- Politischer Wandel im Iran: Die Stunde der Opposition
> Das iranische Regime wirkt verwundbar wie lange nicht. Doch die
> entscheidende Frage lautet nicht, ob es stürzt – sondern wer bereitsteht,
> wenn es fällt.
(IMG) Bild: Die Volks-mudschaheddin sind medial sehr präsent, haben aber wegen ihrer früheren terroristischen Aktivitäten im Iran einen schlechten Ruf
Mit Feuerwerken und staatlich organisierte Kundgebungen hat der Iran am
Mittwoch den 47. Jahrestag der Islamischen Revolution gefeiert. Doch die
„Allahu akbar“-Rufe der Regimeanhänger auf den Straßen wurden übertönt
durch das, was Iraner von ihren Balkonen und aus ihren Fenstern riefen.
„Tod dem Diktator“, „kindertötende Islamische Republik“ und „Tod Khamenei“
hallte es durch die großen Städte des Landes.
Nach den landesweiten Protesten im Januar und dem Massaker an unbewaffneten
Demonstranten steckt das Regime in der wohl größten Krise seit seiner
Gründung 1979. Die Verhandlungen mit den USA [1][laufen zwar weiter]. Doch
ein amerikanischer Militärschlag ist noch nicht abgewendet. Die
Verhandlungen wirken eher wie eine Strategie, um Zeit zu gewinnen – für
beide Seiten.
Angesichts dessen bleibt die Frage nach einem möglichen „regime change“
offen – und damit auch die Frage, was nach einem Sturz des Regimes folgen
könnte. Die iranische Opposition spielt dabei eine entscheidende Rolle, vor
allem im Inland. Entscheidender Faktor, ob das Land im Chaos versinken
würde oder den Übergang zu einem neuen politischen System schaffen kann,
ist die Frage, wer ein Machtvakuum füllen könnte.
Vor allem im Ausland präsentiert sich die Opposition als tief zerstritten.
Konservative Anhänger des Kronprinzen Reza Pahlavi gingen teils aggressiv
gegen Andersdenkende vor. Aber auch linke Gruppen hetzen gegen
Pahlavi-Unterstützer und werfen ihnen vor, die alte Monarchie restaurieren
zu wollen, obwohl sich Pahlavi seit Jahren zu den Prinzipien einer
säkularen Demokratie bekennt.
Im Land selbst sieht es anders aus. Einerseits verhindert das Regime, dass
sich eine breit organisierte Opposition überhaupt formieren kann.
Andererseits führt dieser Druck auch dazu, dass Regimegegner aller Couleur
von Angriffen aufeinander weitgehend absehen.
Stattdessen konzentriert man sich auf das gemeinsame Ziel, die Islamische
Republik, die das Land mordend und folternd in den wirtschaftlichen Ruin
treibt, zu stürzen. So riefen etwa kurdische Parteien und der Kronprinz
Reza Pahlavi Anfang Januar zeitgleich zu Streiks und Protesten auf.
## Doch wer sind die Gruppen, die innerhalb Irans eine Rolle spielen?
## Reza Pahlavi
Die Rufe auf Irans Straßen waren unmissverständlich: „Lang lebe der Schah“
und „Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi wird zurückkehren“. Reza Pahlavi,
der Sohn des gestürzten Schahs, ist zur Galionsfigur des iranischen
Widerstands geworden.
Lange Zeit galt es als unwahrscheinlich, dass ausgerechnet der frühere
Kronprinz zum Hoffnungsträger des iranischen Widerstands werden würde. Nach
der Islamischen Revolution 1979 hatte er zunächst nur einen kleinen Kreis
von hartgesottenen Exil-Monarchisten als Gefolgschaft.
Doch wenn Pahlavi jetzt die Demonstranten hinter sich schart, hat das wenig
mit der Rückkehr zur Monarchie zu tun. Viele Iraner erkennen in ihm
inzwischen die einzige Oppositionsfigur, die sowohl den Wunsch nach
radikalem Wandel als auch politischen Pragmatismus und Geschick auf der
internationalen Bühne in Einklang bringt.
Neben dem Bekenntnis zu Säkularismus und Demokratie schätzen viele Iraner
auch seinen Patriotismus: Nach dem Überfall der Saddam-Truppen auf Iran
1980 bot sich Pahlavi dem neuen Regime an, als ausgebildeter Pilot die
Grenzen zu schützen. Die Mullahs, die gerade erst seinen Vater aus dem Land
gejagt hatten, lehnten das Angebot jedoch ab.
Pahlavis tatsächlicher Einfluss innerhalb Irans wird weiterhin debattiert.
Doch ein Blick auf die Zugriffszahlen seiner Video-Botschaften zeigt:
Nachdem das iranische Regime über zwei Wochen lang das Internet
ausgeschaltet hatte, sanken die Zugriffe auf Pahlavis Videos vom fast
dreistelligen Millionenbereich (90 Millionen für seinen Protestaufruf) auf
eine einstellige Millionenzahl im niedrigen Bereich. Die überwiegende
Mehrzahl seines Publikums scheint also tatsächlich in Iran zu leben.
## Kurdische Gruppen
Kurden machen mindestens 10 Prozent der iranischen Bevölkerung aus. Als
säkular-demokratisch geprägte Gesellschaft und als ethnische Minderheit
stehen sie gleich in doppelter Opposition zur zentralistischen
Mullah-Herrschaft.
Obwohl kurdische Parteien verboten sind, existieren sie im Untergrund
weiter, sind stark vernetzt und organisieren sich hauptsächlich aus dem
irakischen Kurdistan. Die bekannteste ist die sozialdemokratische
Komala-Partei, deren Anführer Abdulla Mohtadi Kontakte zu Reza Pahlavi
pflegt. Unter den Hardlinern aus beiden Lagern ist die Kooperation
allerdings umstritten, da die Schah-Monarchie und die kurdische
Autonomiebewegung sich bis 1979 als Feinde gegenüberstanden.
## Zivilgesellschaft und Aktivisten
Die Tatsache, dass es trotz der allgegenwärtigen Repression überhaupt eine
[2][Zivilgesellschaft] gibt, ist eigentlich ein Wunder. Aber sie existiert
nicht nur, sondern ist auch stark aktiv: von den zahlreichen Gewerkschaften
und Studentenorganisationen bis hin zu den kompetenten Lokalverwaltungen,
die demokratisch gewählt sind und das Land am Laufen halten.
Bereits während der Islamischen Revolution haben die dezentrale Verwaltung
und die starke Zivilgesellschaft einen relativ nahtlosen Übergang zu einem
neuen politischen System möglich gemacht. Und auch jetzt darf man hoffen,
dass sie im Falle eines Regimewechsels einen Kollaps wie in Libyen oder
Irak verhindern würde.
Dazu kommen zahlreiche iranische Künstler, Sänger, Journalisten,
Frauenrechtlerinnen und Umweltaktivisten, die wegen ihrer Kritik am Regime
große Teile ihres Lebens im Gefängnis verbracht haben. So wurde die
Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi
erst im Dezember erneut festgenommen. Das Nobelpreiskomitee berichtet
seitdem von brutalen Misshandlungen: Regimekräfte sollen sie bei den Haaren
so heftig über den Boden geschleift haben, dass „Teile ihrer Kopfhaut
aufgerissen und offene Wunden verursacht wurden“.
## Volksmudschaheddin
Medial sehr präsent sind die Volksmudschaheddin, auch bekannt als
„Nationaler Widerstandsrat Iran“. Die Gruppe mit marxistisch-islamistischer
Vergangenheit präsentiert sich als demokratische Alternative, steht aber
aufgrund von sektenhaften Strukturen in der Kritik. Dennoch überzeugt sie
immer wieder ehemalige Politiker für ihre Veranstaltungen. So trat bei
einer Demonstration am Brandenburger Tor am 8. Februar der ehemalige
Kanzleramtschef Peter Altmeier als Redner auf.
Im Iran selbst haben die Volksmudschaheddin wegen ihrer früheren
terroristischen Aktivitäten und der Unterstützung für Saddam im
Iran-Irak-Krieg keinen guten Ruf. Auch unter Exil-Iranern ist der Zuspruch
beschränkt. Obwohl die Großdemonstration am Brandenburger Tor seit Wochen
geplant war und die Veranstalter 100.000 Menschen erwartet hatten, kamen
nur 10.000 – laut Veranstalter sind sie „nicht rechtzeitig in Berlin
angekommen“.
14 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Teseo La Marca
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