# taz.de -- Einsatz von Tausalz in Berlin: Fragwürdiges Wundermittel
> Nach der Freigabe von Tausalz hagelt es Kritik. Umweltverbände sehen
> offenen Rechtsbruch des Senats, der Mieterverein ein Versagen von
> Vermieter:innen.
(IMG) Bild: Die BSR hat noch die ein oder andere Hand Tausalz übrig, gibt es aber nicht raus
Die Kritik an der Freigabe von Tausalz reißt nicht ab. Nachdem sich am
Wochenende bereits Bundespolitiker:innen verschiedener Parteien über
die mit drastischen Worten verkündete Anordnung belustigt hatten – der
Tenor: Berlin ist ein „Failed State“, der nicht einmal mit ein bisschen
Winter klarkommt –, gibt es nun auch inhaltliche Einwände aus der Berliner
Stadtgesellschaft.
Die Senatsumweltverwaltung hatte am Freitag – nach einer Aufforderung durch
den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner (CDU) – [1][eine
Allgemeinverfügung erlassen], die die Verwendung von Tausalz erlauben soll.
Eigentlich ist das laut dem Berliner Naturschutzgesetz und dem
Straßenreinigungsgesetz verboten. Nur für die Stadtreinigung BSR gibt es
Ausnahmen. In einer Mitteilung hatte die Verwaltung die Verfügung damit
begründet, dass es das Abgeordnetenhaus verpasst habe, die entsprechenden
Gesetze zu verändern – weshalb der Senat jetzt „die exekutiven
Möglichkeiten vollumfänglich“ ausschöpfe.
Dieses Vorgehen sei „ganz klar nicht zulässig“, sagt hingegen
Nabu-Geschäftsführerin Melanie von Orlow zur taz. Man könne nicht einfach
geltendes Recht per Allgemeinverfügung aushebeln. Das sei ein „Vorgehen,
wie wir es von Herrn Trump erwarten würden“. Den Menschen werde vermittelt,
dass alle eisbedingten Verletzungen entstünden, weil das Salz nicht
freigegeben wurde. „Aber die schlimmen Fälle sind nicht die Schuld des
Nicht-Salzens, sondern liegen daran, dass hier über Monate nichts gelaufen
ist“, so von Orlow. Der Nabu prüfe gerade mögliche rechtliche Schritte.
Tausalz gilt als extrem umweltschädlich. Weil das Salz in den Boden
sickert, wird es von Stadtbäumen aufgenommen. Das sei für die [2][ohnehin
klimagestressten Bäume] „pures Gift“, teilt der BUND mit. Im Sommer würden
Astabbrüche drohen, die Menschen gefährden und Sachschäden verursachen
könnten. Die Organisation fordert vom Senat ein Pflegeprogramm, um „bei den
Berliner Straßenbäumen zu retten, was zu retten ist“. So könnte eine
intensive Bewässerung nach der Frostperiode helfen, das Salz weg von den
Bäumen in tiefere Bodenschichten zu spülen.
## Die Vorräte gehen aus
Tatsächlich erscheint auch zunehmend fraglich, ob es sich beim Salz
wirklich um das vom Senat angepriesene Wundermittel handelt. BSR-Sprecherin
Frauke Bank sagt zur taz, die BSR weise darauf hin, „dass der Einsatz von
Salz nicht immer hilft.“ In der aktuellen Situation mit gefestigten
Eisschichten drohe Salz das Eis nur anzutauen, bevor es anschließend wieder
gefriert. „Auch wenn es körperlich anstrengend ist: Das Wichtigste ist, die
Eisplatten wirklich aufzubrechen, abzutragen, und dann gleichmäßig
nachzustreuen“, so Bank. Neben regulärem Split könne dafür auch etwa Sand
verwendet werden.
Inzwischen läuft die große Mobilisierung gegen das Glatteis an. Am Sonntag
hatte die Umweltverwaltung angekündigt, die BSR werde den Bezirken
Streumittel und Räumfahrzeuge zur Verfügung zu stellen. Auch sollten
Mitarbeiter:innen aus dem Grünflächen- und Ordnungsämtern zur
Eisbekämpfung abgezogen werden. Etwa in Mitte waren am Montag laut Bezirk
Hundert Beschäftigte im Einsatz. Der Bezirk klagt allerdings über
mangelndes Streugut. Tatsächlich ist Tausalz inzwischen vielerorts
ausverkauft – und auch anderes Streugut wird knapp.
Die BSR stellt nun insgesamt 100 Tonnen Streugut kostenfrei zur Verfügung,
die ausschließlich an den Betriebshöfen in der Forckenbeckstraße in
Wilmersdorf, der Mühlenstraße in Friedrichshain und der Nobelstraße in
Neukölln abgeholt werden können. Der Löwenanteil davon geht aber an die
Bezirke. „Wir geben kein Salz heraus“, betont Bank gegenüber der taz. Die
BSR müsse selbst schauen, dass ihre Vorräte nicht ausgehen.
Derweil zeigen sich die Bezirke überfordert damit, die Einhaltung der
Räumpflicht zu kontrollieren, die für Hauseigentümer:innen gilt. Wie
RBB und Tagesspiegel berichten, fehlt es überall am Personal, um den zuhauf
eingehenden Hinweisen über ungeräumte Gehwege nachzugehen. Sebastian
Bartels vom Berliner Mieterverein beklagt eine systematische
Pflichtverletzung von Vermieter:innen: „Alle Mieter:innen bezahlen über
ihre Betriebskostenabrechnung für den Winterdienst, aber sehr oft kommen
Vermieter:innen dieser Aufgabe nicht nach“, kritisiert er gegenüber der
taz.
Bartels hätte eine pragmatische Lösung: „Statt umweltschädliches Streusalz
einzusetzen, könnte das Ordnungsamt doch einmal zwei Wochen lang ihre
Beschäftigten von der Falschparkkontrolle abziehen, und nur noch
kontrollieren, ob Hauseigentümer:innen ihrer Verantwortung
nachkommen.“ Und auch für Mieter:innen sieht Bartels Möglichkeiten, sich
zu wehren: „Wenn der Vermieter nicht streut, können Mieter:innen ihre
Miete angemessen absenken, oder, falls gar nichts passiert, die Position
Winterdienst einfach aus den Betriebskosten streichen“, so Bartels.
2 Feb 2026
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(DIR) Timm Kühn
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