# taz.de -- Jetzt doch Streusalz in Berlin: Kai Wegner rutscht schon wieder aus
> Berlins Regierender Bürgermeister appelliert ans Abgeordnetenhaus und
> erntet Spott. Acht Monate vor der Wahl erlebt die Stadt eine
> Wegner-Dämmerung.
(IMG) Bild: Lieber ein Nickerchen, als ernsthaft regieren – Kai Wegner
Selbst Armin Laschet macht sich über ihn lustig. „Es ist keine
überraschende Wetterkrise: Man nennt es Winter“, postete der
CDU-Bundestagsabgeordnete und ehemalige Kanzlerkandidat auf X. Der
Adressat: Laschets Parteifreund, Berlins Regierender Bürgermeister Kai
Wegner.
Wegner, die Tennisaffäre während des Stromausfalls noch immer in den
Knochen, ist schon wieder ausgerutscht. „Wir erleben in Berlin extreme
Wetterbedingungen – mit Eisregen und anhaltendem Frost“, postete der
Berliner Regierungschef am Donnerstag auf X. „Ich appelliere an das
Abgeordnetenhaus, den Einsatz von Tausalz in Berlin in Ausnahmen möglich zu
machen.“
Wegners frommer Wunsch: „Wir müssen die gefährliche Lage auf Gehwegen,
Treppen und Straßen entschärfen. Es ist unsere Pflicht, dass die Menschen
auch im Winter gut und sicher durch die Stadt kommen.“
Was Wegner dabei übersieht: Nicht das Abgeordnetenhaus ist verantwortlich
dafür, dass Menschen „gut und sicher“ über Berlins Gehwege kommen. Es sind
die Hausbesitzer, deren verdammte Pflicht es ist, Schnee zu schippen oder
Eis zu räumen. Warum also appelliert Wegner ans Parlament statt sich mit
einer Schippe oder einem Pickel auf den Weg zu machen?
Nicht nur Parteifreund Laschet erinnerte an die geltende Gesetzeslage,
sondern auch SPD-Fraktionschef Raed Saleh, dessen Partei seit 2023 mit
Wegners CDU regiert. „Selbstverständlich hat bei uns der Schutz von Leib
und Leben Vorrang vor anderen Erwägungen, was wir im Gesetzgebungsverfahren
berücksichtigen werden“, ließ Saleh am Donnerstagabend etwas umständlich
formuliert mitteilen. „Wir erwarten jedoch von der Verwaltung sofortiges
Handeln. Dazu gehören insbesondere, Räumpflichten zum Beispiel durch
Kontrollen durchzusetzen und Ersatzvornahmen technisch und materiell
abzusichern.“
## Am Freitag die Rolle rückwärts
Sofortiges Handeln ist für die SPD das entscheidende Wort. „Ein komplettes,
mehrwöchiges Gesetzgebungsverfahren abzuwarten, ist weder nötig noch
zumutbar.“ An die zuständige CDU-Verkehrssenatorin geht der Hinweis Salehs:
„Auch Frau Senatorin Bonde sollte wissen, dass unsere Geduld begrenzt ist
und der kalendarische Winter am 1. Dezember 2025 begonnen hat.“
Inzwischen hat die Verkehrssenatorin in ihren Kalender geschaut und
vielleicht auch aus ihrem Bürofenster. Am Freitagnachmittag jedenfalls hat
Ute Bonde beschlossen, doch Streusalz auf den Gehwegen einzusetzen.
Rechtliche Grundlage sei eine von ihr erlassene Allgemeinverfügung.
Kurze Zeit später folgte eine Pressemitteilung aus dem Roten Rathaus: „Die
Sicherheit und Gesundheit der Berlinerinnen und Berliner haben für mich
oberste Priorität“, ließ Kai Wegner mitteilen. „Deshalb habe ich die
Verkehrssenatorin heute angewiesen, unverzüglich eine Allgemeinverfügung zu
erlassen, die Privatpersonen und der BSR den Einsatz von Tausalz auf
Gehwegen zur Beseitigung der Eisdecke ermöglicht.“
Ihm sei bewusst, so Wegner, „dass dieser Weg mit rechtlichen Unsicherheiten
verbunden ist“. Dennoch halte er ihn „in dieser besonderen Lage für
geboten“.
Wieder einmal eine besondere Lage also, in der Kai Wegner keine besonders
gute Figur macht. Auch wenn er mit dem Hinweis auf eine „Anweisung“
wenigstens ein bisschen Führungsstärke demonstrieren will.
## Wegner plötzlich ohne Instinkt
Ausgerutscht ist nicht nur der Regierende Bürgermeister. In den Kliniken
der von Glatteis betroffenen Regionen, das berichtet der
Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß,
herrsche Hochbetrieb. „Die Krankenhäuser berichten von verstärkter
Belastung der Notaufnahmen und der stationären Bereiche durch
Glätteunfälle.“
Vor allem Berlin sei davon betroffen, so Gaß. „Leider muss man als
Fußgänger in Berlin auch den Eindruck haben, dass die Stadt und die
privaten Grundstückseigentümer es nicht schaffen, ihrer
Verkehrssicherungspflicht nachzukommen.“
Nun könnte man fragen: Was ist so falsch daran, in Notlagen auch auf
Gehwegen Streusalz aufzubringen? Die Antwort kommt von Umweltverbänden und
Grünen: Wer jetzt Streusalz fordert, darf sich im Frühjahr und Sommer nicht
über ein massives Sterben der Straßenbäume beklagen. Dann nämlich kann
angereichertes Salz den Wurzeln der Bäume das Wasser entziehen. Wie die
dann zusätzlich zu Hitze und Trockenheit auf den Stress reagieren, kann
sich jeder ausmalen.
Statt also nun per Allgemeinverfügung doch Streusalz auf die Gehwege zu
bringen, könnte man umgekehrt fragen: Warum nicht diejenigen, die auf
vereisten Gehwegen unterwegs sind, auf die Straßen lassen? Warum nicht
Pop-up-Bürgersteige auf den Fahrbahnen markieren?
Soweit reicht die Fantasie eines Kai Wegner und einer Ute Bonde natürlich
nicht. Das könnte sich womöglich noch rächen. Einigen Prognosen zufolge
könnte der Dauerfrost in Berlin bis in den März hinein anhalten oder immer
wiederkehren. Zum Mieten- und Mobilitätswahlkampf, der Berlin bevorsteht,
könnte sich auch die Frage gesellen, ob Kai Wegner noch der Richtige ist.
Die SPD geht als Koalitionspartner inzwischen merklich auf Distanz. Und die
Opposition wittert ihre Chance: „Statt an die eigene Koalition per Insta zu
appellieren, sollte der Regierende das THW, den Katastrophenschutz, die BSR
und die Feuerwehr umgehend zu einem Krisengipfel einladen“, fordert Tobias
Schulze, Fraktionsvorsitzender der Linkspartei.
Bereits zweimal hat den CDU-Spitzenkandidaten der Instinkt verlassen.
Erlebt Berlin gerade eine Wegner-Dämmerung?
Einer, der selbst etwas hält auf seinen politischen Instinkt, kommentiert
das so: „Ein Regierungschef, der über X um Mehrheiten für
Selbstverständlichkeiten bettelt, ist politisch am Ende“, schrieb der
frühere FDP-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Kubicki auf X.
30 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Uwe Rada
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(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Berlin
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