# taz.de -- Ein Blick auf Berlins Gehwege: Wer im Winter das Tausalz wert ist
       
       > Beim Schneeräumen zeigen Städte, wen sie schützen wollen. Die auf den
       > Gehwegen, vermutet unsere Kolumnistin, sind es wohl eher nicht.
       
 (IMG) Bild: Hier sind zum Glück keine Spuren eines Ausrutschers zu sehen
       
       Party ist ja bekanntermaßen immer irgendwo in Berlin, in diesem Winter sind
       es vor allem Rutschpartys, denn es hat geschneit. Sanft legt sich das Weiß
       über die notorisch schmutzigen Straßen der Hauptstadt – dieser wohltuende
       Zustand dauert zumindest im Innenstadtbereich etwa 50 Minuten, dann hat
       sich der Schnee dort in grauen, glitschigen Matsch verwandelt. Nun wird es
       knifflig, jedenfalls dann, wenn es richtig kalt ist, der graue Matsch also
       spätestens in der Nacht gefriert.
       
       Denn in Berlin ist der Einsatz von Tausalz auf Gehwegen verboten, auf
       Fahrwegen dagegen darf es verwendet werden. Fußgänger:innen haben also
       die Arschkarte gezogen, Radfahrer:innen Glück, wo der Radweg auf der
       Straße ist, und Pech dort, wo er über den Bürgersteig führt. Zudem sind für
       das Schneeräumen auf den Gehwegen die jeweiligen Anrainer:innen
       zuständig – mit anderen Worten: die Eigentümer:innen der Immobilien,
       vor denen es geschneit hat. Nun sind Immobilienbesitzende – sicher nicht
       alle, no offense! – zumindest in Berlin kaum dafür bekannt, sich um das
       Wohlergehen anderer Menschen zu sorgen, sondern eher für das ihres eigenen
       Portemonnaies.
       
       Die meisten lassen also vor ihren Häusern nicht aufwändig Schnee räumen,
       sondern einfach schnell und billig Schotter streuen. Diese kleinen
       schwarzen Steinchen sinken im Tagesbetrieb in die matschig gewordene
       Schneeschicht und blinken der Fußgängerin am nächsten Morgen, in der Nacht
       eingefroren in einer spiegelglatten Eisschicht, schelmisch entgegen, wie
       kleine Warnlichter: Rutsch bloß nicht aus! Kunststück! Da wird in kalten
       Schneewintern wie diesem dann selbst die Arschkarte noch zur Glückssache:
       Die meisten Menschen fallen beim Ausrutschen auf andere, empfindlichere
       Körperteile, brechen sich Knochen und füllen die Krankenhäuser, die zu Fuß
       Gehende deshalb dazu aufrufen, besser zu Hause zu bleiben. Ein stark
       erhöhtes Aufkommen von Autounfällen meldet die Berliner Polizei hingegen
       nicht: Auf die Straßen (mit den umweltschädlichen Autos) darf ja das
       umweltschädliche Tausalz!
       
       Menschen mit Gehbehinderungen, Rollatoren oder Kinderwagen sieht man in
       diesen kalten Schneetagen deshalb eher selten auf den vielerorts
       spiegelglatten Gehwegen Berlins.
       
       „Beim Schneeräumen zeigen Städte, wen sie schützen wollen und wen nicht“,
       sagt der finnische Stadtplaner Pekka Tahkola Mitte Januar [1][in einem
       <i>Spiegel-</i>Interview]. Deutsche Städte bräuchten dafür vielleicht
       keinen Fuhrpark wie seine Stadt Oulu nahe dem Polarkreis: „Aber das
       bisschen Schnee, das selten mal fällt, zu beseitigen, sollten sie
       hinbekommen.“ Und weiter sagt der Experte aus der Stadt, die als besonders
       fahrradfreundlich gilt: „Vor allem Fußgänger brauchen den Winterdienst noch
       dringender als Radfahrer, aber Autofahrer müssen wirklich nicht an erster
       Stelle stehen.“
       
       In seinem wunderschönen Text über die Geschichte der Gehwege, der 2025 im
       „Handbuch Infrastrukturgeschichte“ erschienen ist, [2][erinnert Roland
       Stimpel], Kämpfer für Fußgängerrechte im Fuß e. V., an die „Republik der
       Fußgänger“, die während der französischen Revolution als Lobbyorganisation
       für sichere und saubere Gehwege auch für die eintrat, die nicht in Kutschen
       durch die Stadt fahren konnten. Diese „Reichen und Vornehmen mit ihren
       Kutschen besitzen das barbarische Vorrecht, das Volk auf der Straße zu
       überfahren und zu verstümmeln“, zitiert er die Klage eines Zeitgenossen.
       
       Berlin – auch das weiß ich von Stimpel – führte 1829 eigens die Hundesteuer
       ein, um „Trottoirs“ auch dort anlegen zu können, wo Bürger sie nicht selbst
       bezahlen konnten. Heute schützt man in Berlin lieber wieder Eigentum –
       Autos: Sie sind das Tausalz wert. Wer zu Fuß gehen muss oder möchte,
       dagegen nicht.
       
       26 Jan 2026
       
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