# taz.de -- EU-Abschiebevereinbarung mit den Taliban: „Technische“ Kontakte mit Folterern
> Die EU-Kommission drängt auf eine Abschiebevereinbarung mit dem
> afghanischen Taliban-Regime – und schickte dafür bereits eine Delegation
> nach Kabul.
(IMG) Bild: Straßenszene in Kabul: Nach einem Entscheid des EuGH haben afghanische Frauen generell Anspruch auf Schutz in der EU
Die EU beschleunigt kollektive Schritte, Abschiebungen nach Afghanistan zu
regularisieren. Dazu strebt sie eine Vereinbarung mit dem dortigen von ihr
diplomatisch nicht anerkannten Taliban-Regime an und scheut dabei auch
nicht vor Treffen mit höchst problematischen Akteuren zurück. Ohne viel
Publizität hat bereits vorige Woche eine Delegation von Vertretern aus etwa
20 Mitgliedsstaaten Kabul besucht.
Publik wurde das nur durch [1][belgische Medienberichte] und über die
[2][Webseite von Belgiens Ministerin für Asyl und Migration Anneleen Van
Bossuyt] von der rechtsnationalistischen Partei Neue Flämische Allianz
(N-VA). Der Ministerin zufolge wurde der dreitägige Besuch von der
Europäischen Kommission koordiniert, die über ein Büro in Kabul verfügt.
Ziel der Reise sei eine „Wiederaufnahme der technischen Zusammenarbeit mit
den afghanischen Behörden“, um in Europa lebende Afghanen für eine
„freiwillige“ oder „erzwungene Rückführung“ zu identifizieren. Nach einem
Entscheid des Europäischen Gerichtshofs haben afghanische Frauen generell
Anspruch auf Schutz in der EU.
Van Bossuyt bestätigte Belgiens Teilnahme an der Reise. Allerdings seien
„bewusst“ keine Politiker*innen mitgeflogen, sondern Beamte, [3][in
Belgiens Fall der Chef des Ausländeramts Freddy Roosemont.] Welche Länder
sonst noch dabei waren, ist bisher unklar.
## Vorschlag gemeinsamer Abschiebeflüge von EU-Staaten
Man kann aber davon ausgehen, dass es sich weitgehend um dieselben 20
handelt, deren Innenminister*innen im Oktober [4][per gemeinsamem
Brief EU-Migrationskommissar Magnus Brunner] aufgefordert hatten, das
Rückführungsverbot nach Afghanistan aufzuheben und für mehr Abschiebungen
dorthin zu sorgen.
Neben Belgien waren auch Deutschland sowie das Nicht-EU-Land Norwegen
dabei. Am letzten Freitag schlug [5][Schwedens Migrationsminister Johan
Forssell] noch einmal die Wiederaufnahme gemeinsamer Abschiebecharterflüge
von EU-Staaten nach Afghanistan vor, wie es sie bereits unter der
Taliban-Vorgängerregierung bis 2021 gab.
Roosemont erzählte nach seiner Rückkehr aus Kabul einer belgischen Zeitung,
die Delegation habe dort Beamte der Taliban-Ministerien für Äußeres und
Inneres sowie vom Geheimdienst GDI getroffen. Die beiden letzteren
Gesprächspartner sind besonders pikant: Laut dem
[6][UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte in Afghanistan, Richard
Bennett], sind das GDI und die Taliban-Polizei für „weiterhin weit
verbreitete Folter und Misshandlungen“ in den von ihnen betriebenen
Hafteinrichtungen verantwortlich.
Laut der [7][exilafghanischen Menschenrechtsorganisation Rawadari] sei das
GDI zudem für eine steigende Zahl willkürlicher Inhaftierungen sowie von
Folter in der Haft verantwortlich.
Die Delegation, so insistierte Van Bossuyt, sei aber „eindeutig eine
technische Mission“ gewesen. Minister habe man nicht getroffen. Belgiens
Regierung hege „natürlich keine Sympathien für das afghanische Regime“.
Doch es gebe „Regime mit völlig unterschiedlichen Ansichten über die
Menschheit und die Welt, mit denen wir im Interesse der
Rückführungskontakte administrativ zusammenarbeiten müssen“.
## Koordination von Identitätsprüfungen mit den Taliban
Um regelmäßig nach Afghanistan abschieben zu können, akkreditierte
Deutschland bereits von den Taliban entsandte Konsularbeamte. Mit ihnen
werden Identitätsprüfungen der Betroffenen koordiniert. [8][Das
Bundesinnenministerium schickte Beamte zu Gesprächen mit den Taliban.]
Österreich und die Schweiz empfingen zum gleichen Zweck
Taliban-Delegationen, im Schweizer Fall auf exterritorialem Gelände im
Genfer Flughafen.
Die EU schwieg zu der Reise bisher. Ein Pressestatement dazu gab es nicht.
Auf eine taz-Nachfrage mailte ihr auswärtiger Dienst EEAS erst nach 24
Stunden, „so bald wie möglich“ zu antworten. Bis Redaktionsschluss war das
noch nicht geschehen.
Der Autor war 2003/2004 stellvertretender EU-Sonderbeauftragter für
Afghanistan in Kabul.
28 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://brf.be/national/2043726/
(DIR) [2] https://www.anneleenvanbossuyt.be/nieuws/eerste-europese-doorbraak-in-afghaans-terugkeerdossier
(DIR) [3] https://www.brusselstimes.com/1934811/belgium-negotiates-with-taliban-to-send-unwanted-afghans-home
(DIR) [4] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/abschiebungen-afghanistan-130.html
(DIR) [5] https://www.infomigrants.net/en/post/69422/sweden-calls-for-euwide-action-on-returning-failed-afghan-asylum-seekers
(DIR) [6] https://docs.un.org/en/A/80/432
(DIR) [7] https://rawadari.org/reports/afghanistan-mid-year-human-rights-situation-reportjanuary-june-30-2025/
(DIR) [8] /Abschiebungen-nach-Afghanistan/!6139900
## AUTOREN
(DIR) Thomas Ruttig
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