# taz.de -- Tödliche Schüsse in Minneapolis: Auch Deutschland ist im Abschiebewahn
> Deutsche Politiker empören sich über das Vorgehen der ICE-Beamten in den
> USA. Aber so sehr unterscheidet sich die deutsche Abschiebepolitik nicht.
(IMG) Bild: Drohen in Deutschland amerikanische Verhältnisse? ICE-Chef Greg Bovino am 21. Januar in Minneapolis
Die [1][neuerlichen Todesschüsse von Minneapolis] haben in Deutschland
parteiübergreifend Entsetzen hervorgerufen. Grünen-Chef Felix Banaszak
spricht von „offenkundigen Hinrichtungen durch ICE-Agenten, die
schockieren“. Er legt nahe, den US-Botschafter einzuberufen und
ICE-Kommandeure auf EU-Sanktionslisten zu setzen. Selbst Jens Spahn
beobachtet die Entwicklung in den USA „mit großer Sorge“, wie er der
Bild-Zeitung verriet.
Nur die AfD in Bayern liebäugelt offen mit einer Truppe „ähnlich wie das
ICE“, die ähnlich erbarmungslos zur Sache geht. Aber der Vorsitzende der
Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, wiegelt ab: Ein Einsatz wie in
Minneapolis wäre hierzulande „ausgeschlossen“, beruhigt er – das gäben die
Polizeigesetze und die Aufgaben der deutschen Polizei schlicht nicht her.
Das ist in der Tat beruhigend. Dennoch ist es zu einfach, sich über die
Zustände in den USA zu empören und in der wohligen Gewissheit zu wähnen,
dass so etwas hierzulande nicht möglich wäre. Denn die Todesschüsse von
Minneapolis sind nur der bisherige Höhepunkt einer Migrationspanik, die
viele Länder weltweit ergriffen hat und die auch an Deutschland nicht
spurlos vorbeigegangen ist.
## Angstmache vor „Masseneinwanderung“
Die Angst vor einer vermeintlichen „Masseneinwanderung“ und
„Unterwanderung“ durch „illegale Migranten“ hat auch hierzulande zu einer
Abschiebewut geführt, die sich zwar in Form und Ausmaß von den Exzessen in
den USA zum Glück deutlich unterscheidet, aber eine ähnliche Tendenz
aufweist.
Zur Erinnerung: Es war ein sozialdemokratischer Kanzler, der einst
Abschiebungen „im großen Stil“ versprach, um einer angeblich
unkontrollierten Einwanderung Herr zu werden. Schon unter der
Ampel-Regierung wurden allein im Jahr 2024 über 20.000 Menschen aus
Deutschland abgeschoben. Meist wurden sie nachts oder morgens aus ihren
Betten geholt – wegen angeblicher Fluchtgefahr. Mit ihrem
„Rückführungsverbesserungsgesetz“ hat schon die Ampel die Abschieberegeln
verschärft und die Befugnisse der Polizei erweitert.
Der Union war das noch nicht genug, weshalb sie ihren Wahlkampf mit dem
Versprechen einer „Migrationswende“ bestritt. Dieses Versprechen setzt
CSU-Innenminister Alexander Dobrindt nun um. In fast jeder seiner Reden
rühmt er sich damit, die Zahl der Asylanträge deutlich gesenkt und die Zahl
der Abschiebungen erhöht zu haben – und hält das für ein Argument gegen die
AfD.
## Dobrindts „wohltemperierte Grausamkeit“
Außerdem will [2][Dobrindt ausländische Straftäter nach Afghanistan,
Syrien, Iran] abschieben lassen, gemeinsam mit anderen EU-Ländern drängt er
auf die Errichtung von Abschiebezentren außerhalb der EU – in diesen
„Return Hubs“ sollen abgelehnte Asylbewerber künftig untergebracht werden,
um sie schneller abzuschieben. Ob sich diese geplanten EU-Abschiebezentren
so stark von den „Detention Centers“ in den USA, die
Hochsicherheitsgefängnissen mit Zellkäfigen und Maschendrahtzäunen
gleichen, unterscheiden werden? Das wird man sehen.
Dobrindt ist in seinem Abschiebewahn gar nicht so weit von den
„Remigrationsfantasien“ einer AfD entfernt, wie er glauben machen möchte.
Auch er neigt zur „wohltemperierten Grausamkeit“, wie sie nicht nur der
AfD-Hardliner Björn Höcke, sondern auch der in konservativen Kreisen
beliebte Medien-Philosoph Peter Sloterdijk in der Migrationspolitik schon
empfahlen.
Es ist in der Tat beruhigend, dass es in Deutschland nicht möglich wäre,
die Bundespolizei mit solchen Mitteln, Befugnissen und Aufgaben
auszustatten, wie es Donald Trump in den USA mit der Einwanderungs- und
Zollbehörde ICE getan hat, indem er ihr Budget stark aufstockte, ihr
Personal mehr als verdoppelte und ihre Befugnisse stark ausweitete. Diese
Omnipotenz hat zu den Verhaftungen und Todesfällen geführt, die nun
weltweit für Aufsehen und Erschrecken sorgen.
## Wenn die Pistole zu locker sitzt
Doch auch [3][deutschen Polizeibeamten sitzt die Pistole manchmal etwas zu
locker]. Jedes Jahr werden rund ein Dutzend Menschen durch Polizisten
erschossen – im Jahr 2025 waren es 16, im Jahr davor sogar 22, und zu
Verfahren oder gar einer Verurteilung kommt es kaum.
Deutschland ist damit immer noch weit entfernt von Verhältnissen wie in den
USA: Dort hat die Polizeigewalt seit jeher ganz andere Dimensionen.
Jährlich fallen dort Hunderte, meist schwarze Menschen Polizeikugeln zum
Opfer, die Situation wird durch die liberalen Waffengesetze in den USA
verschärft.
Das Besondere an den jüngsten tödlichen Schüssen in Minneapolis ist auch,
dass die Opfer in beiden Fälle Weiße waren, die sich beide gegen die
Razzien gegen Einwanderer stellten. Andere von solchem Engagement
abzuschrecken, ist das Ziel der entfesselten Gewalt der ICE-Agenten, die
mit einem harten Kurs gegen „illegale“ Migranten begründet wird. Dieser
Kurs findet grundsätzlich Zuspruch, hier wie in den USA. Nur solche
hässlichen Szenen wie in Minneapolis möchte man nicht sehen.
26 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
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