# taz.de -- Russischer Energie-Terror: Eiskalt den Tod mit einkalkuliert
       
       > Den strengen Winter in der Ukraine nutzt Russland für gezielte Angriffe
       > auf die Energieinfrastruktur. In Kyjiw erfrieren Menschen in ihren
       > Wohnungen.
       
 (IMG) Bild: Andryj Hruschetskyj, ein Mitarbeiter des Wasserbetriebes, und sein Partner Wolodymyr Lasorenko, Kyjiw, 26. Januar
       
       An einem frostigen Januarabend kommt die 40-jährige Alla Kostenko von der
       Arbeit nach Hause. Eisregen hatte in Kyjiw Straßen und Bürgersteige in
       Rutschbahnen verwandelt. In ihrem Stadtteil gab es an diesem Abend keinen
       Strom. Die Häuser lagen im Dunkeln, auch Straßenbeleuchtung gab es nicht.
       Nur vom Schaufenster eines Lebensmittelgeschäftes kam ein Lichtschimmer,
       [1][dort lief ein Generator].
       
       Und genau in diesem Moment hört Alla in der Dunkelheit die Stimme einer
       jungen Frau: „Großmutter, haben Sie sich verlaufen?“ Eigentlich will Alla
       schnell nach Hause. Aber sie begreift, dass sie jetzt nicht einfach
       weitergehen kann. Also geht sie näher in die Richtung, aus der die Stimme
       kommt. Eine junge Frau mit Hund bemüht sich um eine alte Frau. Diese trägt
       keine Jacke, dafür Hausschuhe, und wirkt stark desorientiert.
       
       Alla ruft die Polizei. Der Mann in der Funkleitstelle bittet sie, vor Ort
       zu bleiben, bis der Streifenwagen eintrifft. Währenddessen stellen Alla und
       das Mädchen der alten Dame einfache Fragen. Wie sie heiße, wo sie wohne,
       wohin sie unterwegs sei. Nur mühsam erinnerte sich die Frau an ihren Namen
       und ihr Geburtsjahr, aber schon ihre Adresse weiß sie nicht mehr. Als sie
       merkt, dass sie selbst auf die einfachsten Fragen keine Antwort mehr weiß,
       bekommt sie Angst.
       
       Die Mädchen hat kein Telefon dabei, sie hatte nur kurz ihren
       Jack-Russel-Terrier Gassi führen wollen und ist selbst nicht warm genug
       angezogen. Trotzdem massiert sie nun der alten Dame Hände und Schultern
       gegen die Kälte. Dann kommt die Polizei und nimmt die alte Frau mit auf die
       Wache, um ihre Angehörigen ausfindig zu machen.
       
       Wie diese Geschichte ausging, weiß man nicht. Aber war die Frau unterkühlt?
       Und hat der Stress durch Krieg, Blackouts und Angst auf der dunklen Straße
       ihre Demenz unbemerkt verschlimmert? Sehr wahrscheinlich lautet die Antwort
       auf diese beiden Fragen: „Ja.“ Wie auch auf die Frage, ob Russland daran
       schuld sei. Wenn auch indirekt, aber eindeutig: „Ja.“
       
       ## Eisiger Völkermord
       
       Im Januar 2026 erreichte ein kräftiges sibirisches Hochdruckgebiet aus
       nordöstlicher Richtung die Ukraine. Trockene, arktische Luft und hoher
       Luftdruck blockierten die warmen, atlantischen Luftmassen. Die Temperatur
       fiel auf minus 20 Grad, an einigen Orten sogar auf minus 25 Grad. In einer
       anderen Realität hätte dies ein fast märchenhafter Winter sein können mit
       strahlendem Sonnenschein, knirschendem Schnee und einem Frost, der im
       Winter bis vor Kurzem in diesen Breiten normal war.
       
       Aber fast vier Jahre des vollumfänglichen Krieges haben die Wahrnehmung von
       Kälte verändert. Russland hat den Frost zu einem Druckmittel gemacht. Wenn
       die Temperaturen niedrig sind, sind die Angriffe auf die
       Energieinfrastruktur besonders zerstörerisch. Infolgedessen sieht sich die
       Ukraine mit einer noch nie dagewesenen humanitären Krise konfrontiert.
       Mitten im Winter bleiben die Menschen ohne Strom, Heizung und Wasser.
       Besonders schlimm ist dies in den frontnahen Gebieten und der Hauptstadt
       Kyjiw.
       
       ## Der Preis für Wärme
       
       Trockene Nachrichtenberichte darüber, dass „Kyjiw in Dunkelheit versinkt“,
       können nicht wiedergeben, was in der Stadt wirklich passiert. Im Alltag
       wird es schnell ein Kampf um grundlegende Dinge wie Wärme, Wasser,
       Kommunikation und den gewohnten Alltag.
       
       Mitte Januar starben drei Menschen an Kohlenmonoxidvergiftung, weil in
       ihrer Wohnung ein Generator lief. Vor dem Hintergrund der anhaltenden
       Stromabschaltungen und der Kälte suchen die Kyjiwer ständig nach
       Möglichkeiten sich aufzuwärmen und wenigstens ein Minimum an Strom zu
       bekommen. Unter diesen Bedingungen kann jeder Fehler, sei er aus Müdigkeit,
       Panik oder Unkenntnis heraus, das Leben kosten. [2][Und leider sind solche
       Tragödien nicht nur einmal und nicht nur an einem Ort passiert].
       
       Aber würde es geschehen, wenn die Menschen nicht im Überlebensmodus wären,
       in den Millionen Ukrainer durch russische Angriffe auf die
       Energieinfrastruktur getrieben wurden?
       
       ## Geld ist gekommen, Fenster nicht
       
       Anfang Oktober zog das Rentnerehepaar Sinaida und Oleksandr Loskutow in die
       Wohnung ihres Enkel. Sie hatten gerade ihre Umzugskartons ausgepackt, als
       am 22. Oktober direkt neben dem Haus eine russische Rakete explodierte. Von
       der Druckwelle waren Hochhäuser in vier benachbarten Stadtvierteln
       betroffen.
       
       Die Loskutows hatten Glück. Am Tag vor dem Beschuss hatte Sinaida, als
       hätte sie das Unglück vorausgeahnt, die Fenster mit Klebeband abgeklebt.
       Das Band hielt einen Teil der Glasscheiben zusammen, sodass keine Splitter
       in die Wohnung flogen. Aber die Fenster selbst mitsamt der Rahmen und sogar
       die Küchentür wurden buchstäblich aus der Wand gerissen.
       
       Noch am selben Tag kamen Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, um die
       Fenster provisorisch mit Sperrholzplatten zu verschließen. Sinaida
       beantragte eine staatliche Entschädigung für die zerstörte Wohnung. Zwar
       kam das Geld schnell auf ihr Konto. Aber wie sollte man nun Fenster und
       Türen in den 11. Stock bringen, wenn es im Haus fast keinen Strom gab und
       der Aufzug nicht funktionierte?
       
       Die Januarfröste machten die Reparatur fast unmöglich. Selbst für
       Handwerker ist es unter diesen Umständen schwierig, Fenster einzubauen und
       abzudichten. Die Loskutows isolierten die Sperrholzplatten mit Folie,
       Brettern und Schaumstoff, aber das half nur wenig. Seit drei Wochen liegt
       die Temperatur in der Wohnung bei 7 Grad plus. „Warm angezogen, unter drei
       Decken und mit mehreren Wärmflaschen einzuschlafen, ist noch machbar“, sagt
       Sinaida Loskutowa. „Aber den ganzen Tag in der Wohnung zu bleiben, ist
       unerträglich.“
       
       Sie studiert an der Universität des 3. Lebensalters – einer internationalen
       Bildungsbewegung für ältere Menschen, in der Rentner kostenlos Vorlesungen
       besuchen, sich austauschen, digitale Kompetenzen und Sprachen lernen und
       Kultur- und Gesundheitskurse besuchen könen. Für Sinaida ist das auch eine
       Möglichkeit, sich zu beschäftigen und nicht mit ihren Ängsten allein zu
       bleiben.
       
       ## Sich nicht beschweren
       
       Maya Nagornyak nimmt derzeit an einem Onlinekurs in Psychologie teil. Sie
       ist über 50 und Dozentin am Institut für Journalismus der Nationalen
       Taras-Schewtschenko-Universität in Kyjiw. Für ihr Zweitstudium hat sie sich
       von ihrer Lehrtätigkeit eine Auszeit genommen.
       
       Als in ihrer Wohnung der Strom ausfiel, musste sie für die Zoom-Konferenz
       in ein kleines Café laufen, das dank eines Generators Strom und WLAN hat.
       In ihrem Haus, noch dazu im 14. Stock, hängt alles vom Strom ab. Wenn der
       ausfällt, gibt es auch kein Wasser mehr – die Pumpen schaffen es nicht,
       Wasser nach oben zu befördern.
       
       „In meiner Wohnung sind es gerade mal 8 Grad plus. Da fällt es schwer, sich
       zu konzentrieren“, sagt Maya Nagornyak. Sie versucht, sich nicht zu
       beklagen – vor allem, weil sie ständig an die Umstände denkt, unter denen
       ihr Mann, ein Deutschlehrer, seit vier Jahren an der Front lebt. Maya
       erzählt, dass er überrascht sei, wie sehr sich die Menschen im Haus-Chat
       beklagten. Im Vergleich zu der Eiseskälte im Schützengraben seien die
       Unannehmlichkeiten in der Stadt doch ganz andere.
       
       ## Die Stadt ist am Limit und die Technik ebenfalls
       
       [3][Auch die Mitarbeiter der Versorgungsbetriebe sind ratlos]: Die Menschen
       vergessen zunehmend, dass der Mangel an Strom, Heizung und Wasser nicht auf
       „mangelhafte Serviceleistungen“ zurückgeht, sondern auf die russischen
       Angriffe. Die Mechaniker, viele von ihnen bereits im Rentenalter – arbeiten
       sieben Tage die Woche, rund um die Uhr. Sie sind erschöpft und nervös.
       
       Sie beginnen um fünf Uhr morgens und laufen täglich Tausende Treppenstufen
       hinauf und hinunter. Die Aufzüge sind außer Betrieb, die Anrufe reißen
       nicht ab. Die Kälte verschlimmert die Lage nur noch – häufig kommt es zu
       Unfällen. Ständig müsse man in Kellern oder unter Dächern herumkriechen,
       die Rohre mit Heizmatten erwärmen und geplatzte Rohre schweißen oder
       ersetzen, erklärt Andryj Hruschetskyj, ein Mitarbeiter des Wasserbetriebes.
       
       Sein Partner, Wolodymyr Lasorenko, erzählt von einer Tragödie der
       vergangenen Woche: Zwei Klempner eines Notfall-Teams starben an
       Überarbeitung. „Früher war ein Team für zwei Wohnhäuser zuständig, jetzt
       für zwanzig“, sagt er. „Es ist schlicht unmöglich, auf jeden der vielen
       Notrufe zu reagieren.“
       
       ## Punkte der Unbeugsamkeit
       
       Seit drei Tagen arbeitet Ihor Serhyenko als medizinischer Psychologe in
       einem der „Punkte der Unbeugsamkeit“ in Kyjiw. Das sind große Zelte, in
       denen die Menschen die Zeit überbrücken, bis der Strom wieder kommt.
       Serhyenko arbeitet bereits seit 17 Jahren für den psychologischen Dienst
       des Staatlichen Katastrophenschutzdienstes der Ukraine (SES).
       
       Seinen Beobachtungen offenbare gerade die Einfachheit der Bedürfnisser der
       Kyjiwer Bevölkerung die Erschöpfung der Stadt. Meistens wollten die
       Menschen ihr Handy aufladen, Tee trinken, sich aufwärmen und miteinander
       reden. „Ältere Menschen möchten lesen oder Kreuzworträtsel lösen“, erzählt
       er. „Für die Kinder habe ich Zeitschriften, Bücher, Kreuzworträtsel,
       Knetmasse, Farbstifte und Malbücher bestellt“, sagt Serhyenko.
       
       Unterdessen sind die Schulen geschlossen – die Innentemperatur liegt nur
       bei etwa 6 Grad. Daher, so Serhyenko, verbrächten manche Kinder ganze Tage
       in den Zelten, während ihre Eltern arbeiteten.
       
       Nach und nach entwickeln sich diese Treffpunkte zu kleinen Gemeinschaften:
       Die Menschen lernen schnell die Regeln, helfen einander und sorgen für
       Ordnung. Und in Kriegszeiten – besonders, wenn es kalt und dunkel ist –
       wird dies genauso wichtig wie Generatoren und Steckdosen. Die Stadt wird
       irgendwie zusammengehalten – durch einfache, alltägliche Gesten
       gegenseitiger Hilfe.
       
       Aus dem Russischen Gaby Coldewey und Barbara Oertel
       
       27 Jan 2026
       
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