# taz.de -- +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Waffenruhe auf Zeit bislang ungewiss
> Darf die Ukraine zumindest auf eine zeitlich befristete Waffenruhe
> hoffen? US-Präsident Trump sagt ja, der ukrainische Präsident Selenskyj
> bleibt skeptisch.
(IMG) Bild: Kriegswetter: In Kyjiw herrscht starker Frost, viele tausend Haushalte sind ohne Strom und Heizung nach russischen Angriffen
## Trump spricht von Zusage Putins: Eine Woche keine Angriffe auf Kyjiw
Russlands Staatschef Wladimir Putin hat nach Angaben von US-Präsident
Donald Trump zugesagt, die Angriffe auf Kyjiw und weitere ukrainische
Städte für eine Woche auszusetzen. „Ich habe Präsident Putin persönlich
gebeten, eine Woche lang nicht auf Kyjiw und die anderen Städte zu
schießen“, sagte Trump am Donnerstag bei einer Kabinettssitzung in
Washington und fügte an: „Und er hat dem zugestimmt, und ich muss Ihnen
sagen, das war sehr nett.“
Mit Blick auf die Menschen in der Ukraine sagte Trump: „Sie haben noch nie
so unter der Kälte gelitten.“ Russland hat in den vergangenen Wochen
verstärkt das ukrainische Energienetz bombardiert, durch die Attacken waren
Tausende Haushalte bei eisigen Temperaturen immer wieder ohne Strom und
ohne Heizung.
Der Kreml bestätigte die Aussetzung der Angriffe zunächst nicht. Der
ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bedankte sich bei Trump. „Wir
hoffen, dass die USA dies möglich machen können“, erklärte er.
[1][Die örtlichen Behörden arbeiten intensiv daran, die Wärme- und
Stromversorgung wiederherzustellen]. Für die kommenden Tage hat der
ukrainische Wetterdienst vor extremem Frost mit nächtlichen Temperaturen
von bis zu minus 30 Grad gewarnt. Nach jüngsten Behördenangaben wurden am
Donnerstag bei russischen Angriffen auf Ziele im Zentrum und im Süden der
Ukraine sechs Menschen getötet.
Der US-Sondergesandte Steve Witkoff sagte derweil, Trump und Russlands
Präsident Wladimir Putin hätten eine „Freundschaft“. Er glaube, „das
ermöglicht ihnen, miteinander zu sprechen und eine Beziehung zu pflegen,
die hoffentlich hier die Dinge voranbringt, zu einer Einigung führt und
viele Leben rettet“, sagte Witkoff bei der Premiere eines Dokumentarfilms
über Trumps Ehefrau Melania vor Journalisten in Washington. (afp)
## Selenskyj nach Trumps Ankündigung einer Waffenruhe skeptisch
Kommt es zu einer von US-Präsident Donald Trump angekündigten begrenzten
Waffenruhe für die Ukraine? Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj
äußerte sich zurückhaltend dazu. Er dankte zunächst den USA für die
Bemühungen, ein Moratorium für russische Angriffe auf Energieanlagen zu
erreichen. „Die Lage jetzt in der Nacht und in den kommenden Tagen, die
tatsächliche Situation in unseren Energieanlagen und Städten“ werde zeigen,
ob es eine solche Waffenruhe tatsächlich geben werde, sagte Selenskyj in
seiner abendlichen Videobotschaft.
Trump hatte erklärt, dass er Kremlchef Wladimir Putin bei einem Telefonat
wegen der enormen Kälte in der Ukraine gebeten habe, eine Woche lang auf
Schläge gegen Städte und Energieanlagen im Nachbarland zu verzichten. Putin
habe dieser Bitte zugestimmt, sagte Trump. Er sagte dabei nicht, ab wann
dieser Verzicht gelten soll – aus Moskau selbst gab es keine offizielle
Bestätigung dafür.
Allerdings hatte es bereits vor Trumps Ankündigung Spekulationen über eine
begrenzte Waffenruhe gegeben – sowohl in der Ukraine als auch in Russland.
Nach Angaben des russischen Militärbloggers Romanov Light soll das
Verteidigungsministerium in Moskau ein Verbot, ukrainische Städte und
Energieanlagen zu beschießen, bereits am Donnerstagmorgen in Kraft gesetzt
haben. Auch im Blog Rybar, der dem russischen Verteidigungsministerium
nahesteht, wurden Gerüchte über eine bevorstehende Teilwaffenruhe erwähnt.
Auf beiden Kanälen wurde eine mögliche Waffenruhe scharf kritisiert. Der
Beschuss ziviler Infrastruktur gilt dort als legitimes Druckmittel gegen
Kyjiw.
Russland hat die Ukraine in diesem relativ strengen Winter mit schweren
Luftangriffen überzogen. [2][Das ohnehin stark geschwächte Strom- und
Wärmenetz wurde weiter systematisch attackiert]. So trafen zwei schwere
Angriffe Kyjiw bereits in der ersten Januarhälfte.
Nach erneutem Beschuss der Heizkraftwerke am Samstag waren etwa 6.000
Wohnblöcke und damit gut die Hälfte der Millionenstadt bei teils
zweistelligen Minusgraden ohne Fernheizung. Inzwischen sind es „nur noch“
etwa 450 Wohnblöcke.
Nach zwei Tagen mit leicht über null Grad wird für das Wochenende wieder
starker Frost mit zum Teil unter minus 20 Grad in der Nacht erwartet.
Bürgermeister Vitali Klitschko hat die Einwohner bereits aufgefordert, wenn
möglich, Kyjiw zumindest für kurze Zeit zu verlassen. (dpa)
## Ungewissheit bleibt
Selenskyj ist nicht der Einzige in der Ukraine, der der Ankündigung aus
Washington mit einer gewissen Skepsis begegnete. Der Bürgermeister von
Lwiw, Andrij Sadowyj, rief seine Landsleute dazu auf, sich auf den
Katastrophenfall vorzubereiten. Russland könne den Kälteeinbruch nutzen, um
noch einmal eine schwere Angriffswelle zu starten.
Und wirklich ruhig blieb es in der Nacht tatsächlich nicht: Der ukrainische
Gouverneur der umkämpften Region Saporischschja, Iwan Fedorow, teilte mit,
dass es einen Drohnenangriff auf die Gebietshauptstadt gegeben habe.
Getroffen worden sei ein Industrieobjekt, schrieb er bei Telegram. Dort sei
ein Feuer ausgebrochen, Verletzte habe es ersten Informationen nach nicht
gegeben. Nähere Angaben zur Art der getroffenen Anlage machte er nicht.
(dpa)
## Russland wirbt mit Boni und Haftentlassung für den Kampfeinsatz
Um die Zahl der Soldaten für den Krieg in der Ukraine wieder zu erhöhen,
setzt Moskau auch unlautere Methoden ein. Männer aus Staaten wie Indien
oder Kenia berichten, sie seien mit falschen Jobversprechen angelockt
worden. Der Kreml spricht von freiwilligen Meldungen.
Für Durchschnittsverdiener in Russland kommt es einem großen Zahltag
gleich. Für Straftäter, die den harschen Bedingungen und den Misshandlungen
im Gefängnis entkommen wollen, ist es eine Chance auf Freiheit. Und für
Einwanderer auf der Suche nach einem besseren Leben ist es ein
vereinfachter Weg, die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Alles, was
sie tun müssen: sich zum Kampf in der Ukraine verpflichten.
Russland muss nach fast vier Jahren Krieg wieder neue Soldaten rekrutieren,
will aber eine unpopuläre landesweite Mobilmachung vermeiden. Hilfe kommt
dabei auch aus dem Ausland. Nach der Unterzeichnung eines gegenseitigen
Verteidigungsabkommens mit Moskau 2024 entsandte Nordkorea Tausende
Soldaten, um Russland bei der Verteidigung der Region Kursk gegen einen
ukrainischen Einfall zu helfen.
Laut Putin kämpfen 700.000 russische Soldaten in der Ukraine.
Auch Männer aus südasiatischen Staaten wie Indien, Nepal und Bangladesch
wurden für den Kriegseinsatz rekrutiert. Viele von ihnen beklagen aber,
dass sie dabei getäuscht worden sein. Rekrutierer hätten sie mit
Jobversprechen dazu verleitet, sich zum Kampf zu melden. Behördenvertreter
aus Kenia, Südafrika und dem Irak erklären, dasselbe sei Bürgern aus ihren
Ländern passiert.
Der russische Präsident Wladimir Putin sagte bei seiner
Jahrespressekonferenz im Dezember, 700.000 russische Soldaten kämpften in
der Ukraine. Dieselbe Zahl nannte er 2024, im Dezember 2023 lag die Zahl
geringfügig niedriger, bei 617.000. Ob die Angaben korrekt sind, ist nicht
klar. Noch nicht bekannt sind die Zahlen militärischer Opfer. Das britische
Verteidigungsministerium erklärte im vergangenen Sommer, mehr als eine
Million russische Soldaten könnten getötet oder verletzt worden sein. In
einem neuen Bericht der Denkfabrik CSIS von dieser Woche wurde diese Zahl
mit 1,2 Millionen angegeben.
Die unabhängige russische Nachrichtenseite Mediasona hat zusammen mit der
BBC und einem Team von Freiwilligen Nachrichtenmeldungen, soziale Medien
und Regierungswebsites durchforstet und die Namen von mehr als 160.000
getöteten Soldaten zusammengetragen. Mehr als 550 von ihnen waren Ausländer
aus mehr als zwei Dutzend Staaten. CSIS geht von 325.000 getöteten
russischen Soldaten seit Kriegsbeginn aus.
[3][Anders als die Ukraine, wo seit Beginn der russischen Invasion im
Februar 2022 Kriegsrecht und eine landesweite Mobilisierung gelten,] hat
Putin davon abgesehen, eine allgemeine Mobilmachung anzuordnen. Als eine
begrenzte Mobilisierung von 300.000 Mann in jenem Jahr getestet wurde,
flohen Zehntausende Menschen ins Ausland. Der Versuch wurde nach einigen
Wochen gestoppt, nachdem das Ziel erreicht worden war. Doch Putin ließ die
Tür für eine weitere Einberufung offen. Außerdem wurden alle
Militärverträge praktisch unbefristet ausgestellt und Soldaten dürfen den
Dienst nicht kündigen oder entlassen werden, es sei denn, sie erreichen
bestimmte Altersgrenzen oder sind aufgrund von Verletzungen dienstunfähig.
Seither stützt sich Moskau weitgehend auf das, was es als freiwillige
Meldungen bezeichnet. Der Zustrom freiwilliger Rekruten, die
Militärverträge unterzeichneten, sei weiterhin stark und habe im
vergangenen Jahr bei über 400.000 gelegen, sagte Putin im Dezember.
Unabhängig war diese Angabe nicht zu überprüfen. Ähnliche Zahlen wurden
2024 und 2023 bekannt gegeben.
Aktivisten zufolge sehen diese Verträge oft eine feste Dienstzeit von
beispielsweise einem Jahr vor, was manche potenzielle Rekruten zu der
Annahme verleite, dass es sich um eine befristete Verpflichtung handle.
Aber die Verträge würden automatisch auf unbestimmte Zeit verlängert.
Die Regierung bietet den Rekruten einen hohen Sold und umfangreiche
Sozialleistungen. Regionalbehörden bieten Boni, die manchmal umgerechnet
Zehntausende Euro ausmachen. In der Region der Chanten und Mansen in
Zentralrussland etwa erhält ein Rekrut nach Angaben der örtlichen Regierung
umgerechnet mehr als 40.000 Euro an Boni – mehr als das Doppelte des
dortigen durchschnittlichen Jahreseinkommens. Zudem gibt es
Steuererleichterungen, Schuldenerlasse und andere Vergünstigungen.
Trotz der Angaben des Kremls, man verlasse sich auf freiwillige Meldungen,
berichten Medien und Menschenrechtsgruppen, dass Wehrpflichtige – Männer im
Alter von 18 bis 30 Jahren, die einen befristeten Wehrdienst ableisten und
von der Entsendung in die Ukraine ausgenommen sind – oft von ihren
Vorgesetzten dazu gezwungen würden, Verträge zu unterzeichnen, die sie in
den Kampf schicken.
Die Rekrutierung erstreckt sich auch auf Gefangene und Personen in
Untersuchungshaftanstalten, eine Praxis, die zu Beginn des Krieges vom
verstorbenen Söldnerchef Jewgenij Prigoschin eingeführt und vom
Verteidigungsministerium übernommen wurde. Die Gesetze erlauben nun die
Rekrutierung sowohl von Verurteilten als auch von Verdächtigen in
Strafsachen.
Auch Ausländer werden rekrutiert, sowohl in Russland als auch außerhalb. Es
wurden Gesetze verabschiedet, die Soldaten eine beschleunigte Einbürgerung
in Russland ermöglichen. Russische Medien und Aktivisten berichten
außerdem, dass Razzien in Gebieten, in denen Migranten typischerweise leben
oder arbeiten, dazu führen, dass sie zum Militärdienst gedrängt werden.
Neue Staatsbürger werden zu Einberufungsämtern geschickt, um festzustellen,
ob sie als Wehrpflichtige infrage kommen. Im November verfügte Putin, dass
der Militärdienst für bestimmte Ausländer, die eine dauerhafte
Aufenthaltsgenehmigung beantragen, obligatorisch ist.
Einige werden Berichten zufolge von Menschenhändlerringen mit dem
Versprechen auf Arbeit nach Russland gelockt und dann dazu gebracht,
Militärverträge zu unterschreiben. Die kubanischen Behörden haben 2023
einen solchen Ring, der von Russland aus agierte, identifiziert und
versucht, ihn zu zerschlagen.
Der damalige nepalesische Außenminister Narayan Prakash Saud sagte der
Nachrichtenagentur AP 2024, sein Land habe Russland gebeten, Hunderte
nepalesische Staatsangehörige, die für den Kampf in der Ukraine rekrutiert
worden waren, zurückzuschicken und die Überreste der im Krieg Getöteten zu
überstellen. Seitdem hat Nepal seinen Bürgern unter Verweis auf die
Rekrutierungsbemühungen die Einreise nach Russland oder in die Ukraine zum
Zweck der Arbeit untersagt.
Ebenfalls 2024 gab die indische Bundesermittlungsbehörde bekannt, dass sie
ein Netzwerk zerschlagen habe, das mindestens 35 indische Staatsbürger
unter dem Vorwand einer Anstellung nach Russland gelockt habe. Die Männer
seien für den Kampfeinsatz ausgebildet und gegen ihren Willen in der
Ukraine eingesetzt worden, wobei einige schwer verletzt worden seien.
Aus dem Irak heißt es, dass sich etwa 5.000 Bürger dem russischen Militär
angeschlossen hätten. Hinzu komme eine unbekannte Anzahl, die an der Seite
der ukrainischen Streitkräfte kämpfe. Beamte in Bagdad gingen hart gegen
solche Rekrutierungsnetzwerke vor. Manche Familien berichten, dass
Verwandte unter falschem Vorwand nach Russland gelockt und zur Einberufung
gezwungen worden seien. In anderen Fällen haben sich Iraker freiwillig
gemeldet, um den Sold und die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten.
Unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angeworbene Ausländer seien
besonders gefährdet, da sie kein Russisch sprächen, keine militärische
Erfahrung hätten und von den Militärkommandeuren, „um es ganz offen zu
sagen, als entbehrlich“ angesehen würden, sagt Anton Gorbazewitsch von der
Aktivistengruppe Idite Lesom („Zieht Leine“), die Männern beim Desertieren
hilft.
Eine ukrainische Behörde für die Behandlung von Kriegsgefangenen gab in
diesem Monat an, dass mehr als 18.000 Ausländer auf russischer Seite
gekämpft hätten oder kämpften. Fast 3.400 seien getötet worden, und
Hunderte Bürger aus 40 Ländern würden in der Ukraine als Kriegsgefangene
festgehalten.
Kateryna Stepanenko, Russland-Expertin am Institute for the Study of War in
Washington, sagt, der Kreml sei in den vergangenen zwei Jahren kreativer
geworden, was die Anwerbung neuer Rekruten angehe. Doch die
Rekrutierungsbemühungen würden für Russland, das mit einer sich
abschwächenden Konjunktur zu kämpfen hat, „extrem kostspielig“. (ap)
30 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Russischer-Energie-Terror/!6149049
(DIR) [2] /Russischer-Energie-Terror/!6149049
(DIR) [3] /Mobilisierung-in-der-Ukraine/!6115075
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Kälte
(DIR) Waffenstillstand
(DIR) Luftangriffe
(DIR) Strom
(DIR) Heizung
(DIR) Infrastruktur
(DIR) Soldaten
(DIR) Mobilmachung
(DIR) Russland
(DIR) Wolodymyr Selenskyj
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Friedensgespräche für die Ukraine: Erweiterte Kampfstrategie
Russland erreicht nicht wie gewünscht seine Kampfziele – und wählt seine
Angriffsziele gezielter aus. Zusätzlich zu den üblichen Bombardierungen.
(DIR) Russischer Energie-Terror: Eiskalt den Tod mit einkalkuliert
Den strengen Winter in der Ukraine nutzt Russland für gezielte Angriffe auf
die Energieinfrastruktur. In Kyjiw erfrieren Menschen in ihren Wohnungen.
(DIR) Energieversorgung in der Ukraine: Vergesst uns nicht
Während die Welt nach Grönland blickt, leiden die Ukrainer unter dem
täglichen russischen Beschuss. Doch sie wollen sich nicht einschüchtern
lassen.