# taz.de -- Attacken auf die Ukraine: Kyjiwer haben kaum noch Hoffnung auf Wärme
       
       > Nach den russischen Angriffen haben einige Viertel der ukrainischen
       > Hauptstadt seit zehn Tagen weder Strom noch Heizung. Und das bei
       > Dauerfrost.
       
 (IMG) Bild: „Essen gibt die Möglichkeit, sich aufzuwärmen und wenigstens ein wenig Kraft zu tanken“: Ausgabestelle in Kyjiw
       
       Seit fast zwei Wochen kann Dascha Gretschanowa nicht mehr in ihrer Wohnung
       leben. Die 30-jährige Juristin ist im achten Monat schwanger, sie schafft
       es nicht mehr zu Fuß in den 12. Stock. Nach den russischen Angriffen gibt
       es in ihrem Haus in Kyjiw weder Strom noch Heizung.
       
       „Ich musste zu Verwandten ziehen. Auch dort gibt es keinen Strom und keine
       Heizung, aber sie wohnen wenigstens im Erdgeschoss. Aufgrund meiner
       Schwangerschaft bin ich gerade besonders sensibel und halte diese Situation
       kaum aus“, sagt Gretschanowa. Sie steht mit ihrer Oma und ihrem
       Vierjährigen draußen in einem Wärmezelt, das ukrainische Rettungskräfte in
       einem Wohngebiet aufgestellt haben. Sie teilen Suppe aus. Der Borschtsch
       ist die erste warme Mahlzeit seit zwei Tagen für sie und ihre Familie.
       
       [1][Russland bombardiert die ukrainische Hauptstadt derweil weiter]. Nach
       dem jüngsten Angriff am Dienstag brach in vielen Teilen von Kyjiw auch die
       Wasserversorgung zusammen. Derzeit seien etwa 4.000 Kyjiwer Häuser noch
       ohne Heizung und fast 60 Prozent der Stadt ohne Strom, sagte der
       ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.
       
       Kyjiws Bürgermeister [2][Vitali Klitschko] sagte der Times, dass im Januar
       600.000 Menschen die Hauptstadt verlassen hätten. Aufgrund von Schäden an
       den Fernwärmenetzen, Kapazitätsengpässen und extremer Kälte verzögert sich
       die Wiederherstellung der Wärmeversorgung.
       
       ## Kein Zufluchtsort
       
       In dem Wärmezelt gibt es keine Sitzplätze mehr. Aber für die hochschwangere
       Dascha wird ein Stuhl frei gemacht.
       
       „Mein Sohn ist erst vier. Und auch ich bräuchte normale Lebensbedingungen.
       Aber in unserer Wohnung sind nur drei Grad plus. In unserem Haus lebte ein
       Mann, der aufgrund einer Kriegsverletzung nicht laufen konnte. Er ist
       einfach erfroren. Wir leben ja auch bei meiner Oma, aber aus Kyjiw können
       wir nicht weg“, erzählt Gretschanowa.
       
       Sie und ihr Mann stammen aus Luhansk, das derzeit russisch besetzt ist. Sie
       haben beide keine Angehörigen in Gebieten, in denen die Stromversorgung
       normal funktioniert. Die Wärmezelte sind für sie die einzige Zuflucht,
       solange in Kyjiw Minusgrade herrschen.
       
       „In Kyjiw betreiben wir rund um die Uhr 115 Notunterkünfte – 24 stationäre
       und 91 mobile. Dort sind unsere Mitarbeiter und Psychologen im Einsatz. Es
       ist warm, es gibt Ladestationen für Telefone und Spielzeug für Kinder“,
       sagt Pawlo Petrow, Sprecher der staatlichen Katastrophenschutzbehörde, zur
       taz. Nicht nur wegen der Luftangriffe und Stromausfälle haben er und seine
       Kollegen gerade mehr zu tun als sonst. Viele Menschen heizen Ziegelsteine
       auf Gasöfen oder nutzen Kerosinheizungen in ihren Wohnungen. Das führt oft
       zu Bränden und Unfällen.
       
       ## Essen bedeutet Hoffnung
       
       „Entschuldigung, wir können nur eine Portion Borschtsch pro Person
       ausgeben. Wir haben uns bei der Kalkulation etwas verrechnet. Aber morgen
       bringen wir mehr mit“, ruft Daria, Freiwillige bei World Central Kitchen
       den Wartenden im Wärmezelt zu. Seit einigen Tagen liefert die Organisation
       täglich an 50 Standorte Essen. Insgesamt sind es bereits mehrere
       Hunderttausend Portionen. Im Angebot sind neben Borschtsch auch Maisbrei
       und Hühnchen mit Gemüse.
       
       „Wir glauben, dass Essen Hoffnung bedeutet. Die Ukrainer können wirklich
       viel aushalten – sowohl Beschuss als auch Kälte. Aber dafür braucht man
       Kraft. Und Essen gibt die Möglichkeit, sich aufzuwärmen und wenigstens ein
       wenig Kraft zu tanken. Alle fragen nach unserem Borschtsch. Denn Borschtsch
       ist einfach in der DNA der Ukrainer verankert“, sagt Daria und sammelt
       Plastikschüsseln vom Mittagessen ein.
       
       Doch während das warme Essen den Kyjiwern Hoffnung gibt, scheint die
       Situation mit der Heizung ausweglos. Die 34-jährige Iryna Rudenko zeigt auf
       die geborstenen Heizungsrohre in ihrer Wohnung.
       
       „Gestern haben sie versucht, die Heizkörper anzuschalten, Wasser
       durchlaufen zu lassen, aber die Rohre sind im ganzen Haus geplatzt. Ich
       glaube nicht, dass das in diesem Winter noch repariert wird. Also zähle ich
       einfach die Tage bis zum Frühling“, sagt Rudenko.
       
       Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey
       
       21 Jan 2026
       
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