# taz.de -- Krieg und Kälte in der Ukraine: Aufgeben ist keine Option
       
       > Die Stadt Sumy, nahe der Grenze zu Russland, ist ständigem Beschuss
       > ausgesetzt, es herrschen minus 24 Grad. Die Menschen lassen sich nicht
       > unterkriegen.
       
 (IMG) Bild: Kalt und ohne Heizung: Alltag in Sumy
       
       Die zweite Welle des sibirischen Hochdruckgebiets hat der Ukraine einen
       starken Kälteeinbruch beschert. Am Montag dieser Woche sind die
       Temperaturen in der nordöstlichen Stadt Sumy unweit der Grenze zu Russland
       auf minus 24 Grad Celsius gesunken.
       
       [1][Wegen der eisigen Temperaturen ist die Energieversorgung in der Stadt
       eingeschränkt]: Strom gibt es nur etwa sechs Stunden am Tag. Aufgrund
       russischer Angriffe auf die Infrastruktur kommt es regelmäßig zu
       Unterbrechungen der Wasser- und Heizungsversorgung.
       
       Die Einwohner von Sumy versuchen, die alltäglichen Strapazen nicht zu
       dramatisieren, vor allem, da sie sich mit den Soldaten vergleichen, die die
       Region verteidigen. Ihnen ist klar, was es in diesen winterlichen Tagen
       bedeutet, an der Front Dienst zu tun.
       
       „Selbst wenn wir in Wohnungen auch mal bei plus 14 Grad oder in Büros bei 8
       Grad sitzen und Strom-, Wasser- und Internetausfälle haben, finden wir
       immer noch einen Weg, um uns warm zu halten“, sagt Viktoria Rulko, eine
       Einwohnerin von Sumy. „Unsere Jungs jedoch müssen stunden-, tage- und
       manche sogar wochenlang in ihren Stellungen ausharren: im Freien, in
       Schützengräben, ständig bedroht von Artilleriebeschuss“, sagt sie.
       
       ## Chemische Heizkissen
       
       Dort ein Feuer zu machen, sei unmöglich – die Augen russischer Drohnen
       würden den Standort sofort entdecken. Das Einzige, was helfe, seien
       chemische Heizkissen, die sich von selbst erwärmten. „Ich gehe jetzt gerade
       zur Post, um ein Paket von meiner Tochter aus Kanada abzuholen. Sie und
       ihre Freunde haben mir diese Heizkissen geschickt. Ich werde sie unseren
       Truppen übergeben“, sagt sie.
       
       Die Frontlinie verläuft weniger als 20 Kilometer von Sumy entfernt. Im
       Winter klingt der Krieg anders. In der frostigen, dichten Luft breitet sich
       der Schall jetzt noch weiter und deutlicher aus. Der Kanonendonner von der
       Grenze, das dumpfe Dröhnen und die Beben von Explosionen sind seit Langem
       zu einer gewohnten Kulisse der Stadt geworden. Auf die Idee, sich von der
       Arbeit freizunehmen, kommen trotz der Gefahrenlage wenige. Denn der
       Luftalarm kann hier bis zu 16 Stunden am Tag dauern.
       
       Die Bewohner sind besorgt wegen der direkten Angriffe durch verschiedene
       Typen von Kampfdrohnen. Sie greifen Autos auf den Straßen, Menschen an
       Tankstellen und die Innenhöfe von Privathäusern an. Und sie fliegen in die
       Fenster von Wohnungen in Hochhäusern. Das passierte auch in der Nacht zu
       Dienstag. Zwei Apartments in zwei Hochhäusern wurden getroffen – eins
       brannte völlig aus.
       
       „Ich fühle mich in Sumy besonders unwohl“, sagt Ljudmila aus Ternopil, die
       übers Wochenende ihren Mann, einen Soldaten, besucht hat. „Wenn in der
       Stadt der Strom ausfällt, sind die Straßen vom Brummen Dutzender
       Generatoren erfüllt“, sagt sie.
       
       ## Drohne im Anflug
       
       Wegen dieses Lärms höre man manchmal eine sich nähernde russische Drohne
       überhaupt nicht. Man gehe die Straße entlang und halte das Smartphone in
       der Hand. Plötzlich schrieben Leute, dass eine Drohne direkt über diesen
       Stadtteil hinwegfliege. „Eine Sekunde später sind Schüsse oder
       Überfluggeräusche von Drohnen zu hören. Und oft folgt dann direkt eine
       Explosion“, erzählt Ljudmilla.
       
       Ehefrauen und Freundinnen der im Raum Sumy stationierten Militärangehörigen
       verändern nun wieder das Geschlechterverhältnis in der Stadt. Sie gleichen
       zumindest teilweise den Wegzug einheimischer Frauen und Kinder aus, von
       denen viele während des Krieges in sicherere Regionen geflohen sind.
       
       In den vergangenen Wochen ist die An- und Abreise nach Sumy zu einer
       Herausforderung geworden. Die Autobahnen sind entweder mit Schnee bedeckt
       oder komplett vereist. [2][Auch der Bahnverkehr ist stark eingeschränkt: Da
       Angriffe auf Personenzüge, Bahnhöfe und die Infrastruktur zunehmen, hat
       sich das Risiko von Störungen und Ausfällen erhöht]. Einige Nahverkehrszüge
       wurden bereits gestrichen, andere verspäten sich.
       
       Gleichzeitig sind viele Menschen aus Grenzdörfern und Kleinstädten nach
       Sumy gezogen. Viele dieser Orte sind heute praktisch von der Landkarte
       verschwunden – zerstört und niedergebrannt von der russischen Armee. Ihre
       Bewohner versuchen jetzt, sich in Sumy ein neues Leben aufzubauen.
       
       ## Verkohlte Schaufensterpuppen
       
       Anzhelika Skorochod stammt aus der Siedlung Welyka Pyssariwka. Zu Beginn
       von Russlands vollumfänglicher Invasion besaß sie dort ein gut gehendes
       eigenes Bekleidungsgeschäft. „Am frühen Morgen des 24. Februar 2022 gelang
       es mir, mit meiner Familie in die Westukraine zu fliehen“, erinnert sich
       die Geschäftsfrau.
       
       „Eine Granate schlug im Laden ein und löste einen Brand aus, der fast die
       gesamte Ware zerstörte. Die Feuerwehrleute, die auf den Notruf reagiert
       hatten, waren entsetzt, hatten sie doch die verkohlten Leichen zweier
       Kinder im Inneren entdeckt. Glücklicherweise handelte es sich aber
       lediglich um täuschend echt wirkende Schaufensterpuppen“, sagt sie.
       
       Anzhelika versuchte einen Neuanfang: Sie kehrte nach Hause zurück, mietete
       neue Räumlichkeiten, eröffnete einen zweiten Laden und begann, den alten zu
       renovieren. Doch gerade als sich die Lage zu bessern begann, nahm der
       Beschuss wieder zu, und auch diesen Laden ereilte dasselbe Schicksal wie
       sein Vorgänger.
       
       „Irgendwann bin ich dann ganz nach Sumy gezogen und habe ein Geschäft
       eröffnet. In meinem Geburtsort Welyka Pyssariwka zu bleiben und zu
       arbeiten, wurde unmöglich“, sagt sie.
       
       ## Bauernhof und Bäckerei
       
       Anzhelika wuchs in einer Unternehmerfamilie auf. Ihr Vater besaß einen
       Bauernhof, einen Getreidespeicher und eine Bäckerei. Selbst während der
       Besatzung und der heftigsten Kämpfe in der Region Sumy versorgte die
       Bäckerei die Bewohner der umliegenden Gebiete weiterhin mit Brot, wenn die
       reguläre Versorgung unterbrochen war.
       
       Der regelmäßige Beschuss des Landwirtschaftsbetriebes führt nun nicht nur
       zu Zerstörungen, sondern auch zu Arbeitsunterbrechungen,
       Einkommensverlusten und einer ständigen Gefährdung der dort arbeitenden
       Bevölkerung. „Meine Mutter besaß zwei Lebensmittelläden in benachbarten
       Dörfern. Vor ein paar Monaten stürzte eine FPV-Drohne in den einen und eine
       Rakete in den anderen“, erzählt Angelica. „Eine Verkäuferin und eine Kundin
       kamen dabei ums Leben.“
       
       Anzhelika, ihre Eltern und viele andere Bewohner der Region Sumy geben
       jedoch nicht auf. Nach jedem weiteren Beschuss macht sich zwar kurzzeitig
       Apathie breit – doch sie finden immer wieder die Kraft, sich an die Arbeit
       zu machen und so auch die Wirtschaft der Region am Laufen zu halten. Diese
       ist seit nunmehr vier Jahren der nordöstliche Außenposten des Landes.
       
       Trotz Krieg, Stromausfällen und wirtschaftlichem Druck hat in Sumy immer
       noch ein Café mit dem ungewöhnlichen Namen „Valhalla“ geöffnet. In der
       nordeuropäischen Mythologie war dies der Name der legendären „Halle der
       Gefallenen“. Der Legende nach wurden dorthin nur die tapfersten Krieger
       gebracht – jene, die nicht geflohen und im Kampf gestorben waren. Die
       Besitzer wählten diesen Namen bewusst: als Zeichen des Gedenkens an die
       Verteidiger der Ukraine, die nicht von der Front zurückkehren würden.
       
       ## Gedeckter Tisch als Symbol
       
       „Der Name und das Konzept selbst sind eine Hommage an die gefallenen
       ukrainischen Soldaten im russisch-ukrainischen Krieg“, erklärt die
       Cafébesitzerin Olha. Ihr Mann kämpfe seit zehn Jahren, ihre Familie kenne
       den Krieg aus eigener Erfahrung nur zu gut.
       
       Das Café Valhalla beteiligt sich an der Kampagne „Tisch der Erinnerung“,
       eine landesweite Initiative. Restaurants und Cafés decken am Gedenktag für
       die Verteidiger der Ukraine symbolisch einen Tisch für getötete Soldaten.
       
       „Wir reservieren diesen Tisch für diejenigen, die für unsere Freiheit
       gestorben sind und laden ihre Familien ein, damit die Menschen mit ihrer
       Trauer und ihrem Verlust nicht allein gelassen werden. Generell versuchen
       wir, die ukrainischen Streitkräfte durch Spenden kontinuierlich zu
       unterstützen. Natürlich ist es unter diesen Bedingungen nicht einfach, ein
       Unternehmen zu führen: Allein ein Benzingenerator kostet bei regelmäßigen
       Stromausfällen rund 350 Euro im Monat“, erzählt Olha.
       
       Doch nicht nur sie, sondern auch andere Gewerbetreibende, Cafés und Läden
       machen weiter, um ein wenig Alltag in Sumy aufrechtzuerhalten – trotz
       allem.
       
       Aus dem Russischen [3][Barbara Oertel]
       
       3 Feb 2026
       
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