# taz.de -- Russische Kriegsführung mit Tieren: Tauben-Armee im Anflug
       
       > Ein russisches Unternehmen präsentiert Tauben mit Gehirnimplantaten –
       > fernsteuerbar wie Drohnen. Macht das Moskaus Spionage noch gefährlicher?
       
 (IMG) Bild: Das Unternehmen Neiry nennt sie „Biodrohnen“: Tauben mit Gehirnchip und Kamera
       
       Eine Frau steht in einem Raum mit einem Käfig in der Mitte, rechts und
       links davon zwei Stühle. Sie hält eine Taube in den Händen, sagt auf
       Russisch „Flieg zur Basis!“ und lässt sie los. Die Taube flattert zum
       Käfig. Sie sagt: „Nach rechts.“ Die Taube fliegt zum rechten Stuhl. „Links“
       – zum linken Stuhl. Das hier ist kein besonders braves oder gut trainiertes
       Tier. Es ist ein „Produkt“, [1][präsentiert von der russischen Firma Neiry
       auf ihrer Jahreskonferenz Ende 2025]: Tauben, steuerbar per
       Gehirnimplantat.
       
       Dazu setzen die russischen Wissenschaftler:innen den Tauben
       chirurgisch Elektroden in jene Regionen des Gehirns, die Bewegung und
       Orientierung steuern. Über Funk werden die Elektroden stimuliert und die
       Taube fliegt in die vorgegebene Richtung. Dafür trägt das Tier einen
       solarbetriebenen Rucksack mit GPS- und Funkmodulen. Über das GPS sieht die
       steuernde Person, wo sich das Tier befindet und kann es lenken. Neiry
       plant, dieses System bald auch auf Krähen oder Möwen auszuweiten.
       
       Boulevard-Medien wie die US-amerikanische [2][Sun] warnen jetzt vor „Putins
       erschreckender Flotte“. Doch so neu ist das Phänomen gar nicht, sagt der
       wissenschaftliche Leiter des Deutschen Spionagemuseums, Florian
       Schimikowski: „Die Verbindung von Spionagetechnik und Tieren geht sehr
       lange zurück.“ Schon im Ersten Weltkrieg spionierten Tauben mit automatisch
       auslösenden Kameras Gegner von oben aus.
       
       Das große Plus der Taube: ihr herausragender Orientierungssinn, bei dem
       noch immer nicht ganz geklärt ist, wie er funktioniert. „Zur Navigation
       können sie möglicherweise Magnetfelder mit empfindlichen Rezeptoren in
       ihren Augen und Schnäbeln wahrnehmen“, sagt Dr. Brandon Mak, der an der TU
       München unter anderem zu Tauben forscht.
       
       ## Tauben sind klein, leise und unauffällig
       
       Seit der Antike nutzen Menschen deswegen Brieftauben, die ihren Weg nach
       Hause allein finden. Im Zweiten Weltkrieg warf der britische Geheimdienst
       nachts Tauben in Käfigen und Säcken mit kleinen Fallschirmen über von der
       Wehrmacht besetztes Gebiet ab. Agent:innen sammelten sie ein, hefteten
       Nachrichten an ihre Beine und ließen sie frei. Die Vögel flogen automatisch
       zurück nach Großbritannien – ohne wie Funkwellen abgehört zu werden.
       
       Auch Tier-Cyborgs sind längst Realität. Die CIA testete in den 1960ern
       Katzen als lebende Wanzen, mit Mikrophonen in den Ohren, Batterien im Bauch
       und einer Antenne im Schwanz. Schon vor zehn Jahren haben russische
       Forschende Mikrochips mit den Gehirnen von Ratten verbunden, um Sprengstoff
       zu finden. Trotzdem sagt Schimikowski: „Wenn die Steuerung der Tauben so
       funktioniert, wie Neiry angibt, ist das ein neues Level.“
       
       In einer Presseaussendung teilt Neiry mit, dass ihre „Biodrohnen“ zum
       Beispiel in der Landwirtschaft oder Logistik eingesetzt werden können.
       Neiry ist zwar offiziell ein privatwirtschaftliches Unternehmen, hat aber
       eine Finanzierung über einen staatlich initiierten Fonds erhalten. Der
       staatliche Gaskonzern Gazprom und die Stadt Moskau nutzen laut
       Neiry-Website seine Produkte. Es drängt sich die Frage auf: Könnte Moskau
       die Tauben militärisch nutzen, etwa in seinem Angriffskrieg in der Ukraine?
       
       Im Vergleich zu den meisten anderen Drohnen sind Tauben sehr klein, leise
       und dadurch unauffällig, vor allem in städtischen Gebieten, wo sie ohnehin
       herumflattern. Tauben können bis zu 400 Kilometer am Tag fliegen. Das ist
       deutlich weiter als die meisten kleinen Aufklärungsdrohnen – die
       [3][Mikado] der Bundeswehr etwa, die vor allem im städtischen Gelände
       eingesetzt wird, hat nur eine Reichweite von einem Kilometer. Laut
       Schimikowski könnten die Cyborg-Tauben für die russische Kriegsführung –
       [4][etwa im Krieg in der Ukraine] – trotzdem höchstens eine kleine
       Ergänzung sein. „Wenn Moskau wirklich Technik hätte, von der es sich einen
       enormen Vorteil verspricht, würde es den Teufel tun und das in die Welt
       hinausblasen“. Das Programm stünde unter höchster Geheimhaltung.
       
       ## Und wie geht es eigentlich den Tieren selbst?
       
       Spionage an sich spielt im Krieg in der Ukraine eine große Rolle.
       Insbesondere die Ukraine ist auf diese Informationen angewiesen und setzt
       vor allem auf technische Spionage: Satellitendaten von westlichen Partnern
       zeigen Truppenbewegungen, elektromagnetische Signaturen verraten, wo
       gefunkt wird, Drohnen liefern Aufklärung über den Gegner.
       
       Russland setzt neben modernster Technik verstärkt auf gute alte menschliche
       Agent:innen. Schon im Zuge der Annexion der Krim durchsetzten russische
       Spion:innen die ukrainischen Sicherheitskräfte. Heute können teilweise
       Chatbots „Wegwerfagenten“ über Telegram-Gruppen rekrutieren, heißt es in
       einem [5][Bericht des Verfassungsschutzes] vom Mai 2025. Sie werden mit
       Kryptowährung für kleine Aufträge bezahlt. Bei einer Festnahme können sie
       nichts verraten, weil sie selbst kaum wissen, für wen sie arbeiten.
       
       Ganz Europa und die westlichen Verbündeten der Ukraine sind dabei ins
       Visier geraten. „Russland spioniert in Europa, um herauszufinden, wo die
       Waffenlieferungen herkommen und wie die einzelnen Länder politisch stehen“,
       sagt Schimikowski.
       
       Und es bleibt nicht beim Auskundschaften. Längst greifen russische
       Geheimdienste aktiv ein. Wie im Sommer 2024, als Pakete mit Brandsätzen an
       mehreren DHL-Standorten auftauchten und explodierten. [6][Laut
       Ermittlungen] steckt dahinter der russische Militärgeheimdienst GRU. Auch
       [7][Drohnen über Bundeswehrkasernen, Desinformation und Cyberangriffe] sind
       Teil des Repertoires. „Das Vorgehen ist in den letzten Jahren immer
       aggressiver geworden“, sagt Schimikowski. Durch diese Aktionen seien die
       westlichen Verbündeten der Ukraine längst Teil dieses hybriden Krieges.
       Angesichts dieser Bedrohungen wirken die Cyborg-Tauben fast harmlos. Aber
       sie zeigen, wie analoge und digitale Spionage heute verschmilzt.
       
       Und wie geht es eigentlich den Tieren selbst? Neiry betont auf der
       Webseite, sich gut um die Tiere zu kümmern. Aber unabhängige Bewertungen
       oder Langzeitdaten etwa zu ihrem Wohlergehen finden sich dort keine. Auf
       eine Nachfrage der taz reagierte Neiry nicht. Taubenforscher Mak zeigt sich
       jedenfalls schockiert über das Projekt. „Tiere haben keine Möglichkeit,
       einer solchen Praxis zuzustimmen“, sagt er. Müssten die Tauben regelmäßig
       große Distanzen von 400 Kilometern überwinden, würden die meisten wohl vor
       Anstrengung sterben. „Technologie sollte den Einsatz lebender Tiere
       ersetzen und nicht umgekehrt.“
       
       Klare internationale und ethische Regeln beim Verschmelzen von Lebewesen
       und Technik fehlen bislang. Während in der EU zum Beispiel Richtlinien des
       Tierschutzes greifen würden, sind in Russland Tiere in wissenschaftlicher
       Forschung davon ausgenommen. Zumindest [8][verabschiedete die UNESCO], in
       der Russland Mitglied ist, Ende 2025 die erste globale Empfehlung zur Ethik
       der Neurotechnologie bei Menschen. Sie betont den Schutz der geistigen
       Integrität, Transparenz, Einwilligung.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=O0I6xhK2AFk&t=4697s
 (DIR) [2] https://www.the-sun.com/news/15557255/putin-scientists-launch-chilling-remote-controlled-spy-pigeons/
 (DIR) [3] https://www.bundeswehr.de/de/ausruestung-technik-bundeswehr/luftsysteme-bundeswehr/drohne-mikado
 (DIR) [4] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [5] https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/publikationen/DE/spionage-und-proliferationsabwehr/2025-05-gefaehrdungen-durch-russische-spionage-sabotage-und-desinformation.pdf?__blob=publicationFile&v=5
 (DIR) [6] /Brandsaetze-in-Luftfracht/!6083801
 (DIR) [7] /Deutsche-Geheimdienste-warnen/!6039805
 (DIR) [8] https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000394861
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jana Lapper
       
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