# taz.de -- Russischer Drohnenangriff auf Zug: In Stücke gerissene Leichen am Bahngleis
> Russische Truppen haben im ukrainischen Gebiet Charkiw gezielt einen Zug
> mit Zivilisten angegriffen. Mindestens fünf Menschen starben, die Zahl
> könnte noch steigen.
(IMG) Bild: Das vom ukrainischen Katastrophenschutz zur Verfügung gestellte Foto zeigt einen Personenzug, der von russischen Drohnen angegriffen wurde
„Ich hatte meinen Sohn mitgenommen, um ihn seinem Vater zu zeigen! Und das
habe ich auch geschafft“, weint eine junge Frau, während sie von anderen
Passagieren aus einem brennenden Zug geholt wird. Ein Soldat der 93.
Brigade, der mit ihr in diesem Zug saß, trägt ihr Kind. Er hat auch ein
Video von dem Angriff aufgenommen und ins Internet gestellt. Es ist schwer,
die ängstlichen Augen des wenige Monate alten Jungen zu vergessen. Es
scheint, als ob er alles verstehe und deshalb ganz ruhig sei.
Am 27. Januar gegen vier Uhr Nachmittags haben die russischen Streitkräfte
nahe der Kleinstadt Barwinkowe im Gebiet Charkiw, etwa 50 Kilometer
westlich von Slowjansk, den Passagierzug Nr. 47/103 auf der Fahrt ins
westukrainische Lwiw mit 155 Reisenden beschossen.
Die erste Drohne, eine „Geran-2“ (das ist die russische Version der
iranischen „Schahed“-Drohnen; Anm. d. Autors), explodierte direkt neben dem
Zug und brachte ihn zum Stehen.
Die zweite Drohne traf eine Oberleitung, die dritte schlug direkt in einen
Waggon mit 18 Personen ein. Einige konnten fliehen, andere starben, wieder
andere gelten noch als vermisst.
## Genaue Todeszahl steht noch nicht fest
Der Waggon brannte vollständig aus. Vor Ort fanden die Bergungsteams
zahlreiche Leichenteile. Fünf Todesopfer sind sicher, die endgültige Zahl
wird jedoch erst nach einer DNA-Untersuchung bekannt gegeben. „Die Leichen
wurden in Stücke gerissen und verbrannten anschließend“, heißt es aus der
Staatsanwaltschaft des Gebietes Charkiw. Ein 29-jähriger Mann und eine
26-jährige Frau wurden mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, sie sind
nicht in Lebensgefahr.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte zu dem russischen
Angriff: „In jedem Land würde [1][ein Drohnenangriff auf einen
Passagierzug] als reiner Terrorakt bewertet werden. Weder in Europa noch in
Amerika, weder in der arabischen Welt noch in China oder anderswo gäbe es
Zweifel an dieser Einstufung. Es gibt keinen Grund und kann kein
militärisches Ziel sein, Zivilisten in einem Zug zu töten“, so Selenskyj.
## Hybride russische Propaganda
Praktisch nach jedem dieser grundlosen Angriffe auf Zivilisten starten die
Russen hybride Informationskampagnen, um verschiedene Versionen zu
verbreiten und die öffentliche Meinung über den Angriff zu verwässern.
Dieses Mal wurde, ohne die Tat an sich zu leugnen, behauptet, dass hier ein
Militärzug beschossen worden sei. Weil ja ein Soldat der 93. Brigade den
Menschen zu Hilfe kam. Aber diese Version scheint unhaltbar, weil es sich
bei dem Zug Nr 47/103 um einen gewöhnlichen Passagierzug handelt, in dem
jeder, auch Soldaten, mitfahren können.
Der Zug führte keine für Militärtransporte typischen Güterwagen für
Militärtechnik, wie auf Videos und Fotos vom Ort des Geschehens zu sehen
ist. Und in einem normalen Passagierwaggon ist kein Platz dafür.
Soldaten können in der Ukraine für Fahrten nach Hause oder an die Front
jeden beliebigen Zug nutzen. Gerade in frontnahen Regionen, in denen nach
wie vor Millionen Menschen leben, ist das ganz alltäglich.
## Seit einem Jahr Drohnenangriffe auf bewegliche Ziele
Schon seit über einem Jahr greift Russland bewegliche Ziele mit Drohnen an.
Das wurde aus zwei Gründen möglich. Zum einen wurde in das Steuerungssystem
der Drohnen ein Modul zur Erkennung und Zielerfassung installiert. Die
Drohne kann also während des Fluges einen Zug erkennen, ihn als Ziel
erfassen, und selbst wenn Funksignale unterdrückt werden, den Zug einholen
und treffen. Schon früher hatten Russen Lokomotiven während der Fahrt
beschossen. Jetzt gehen sie systematischer vor.
Der zweite Grund ist, dass in russische Drohnen jetzt häufiger
[2][amerikanische Starlink-Antennen] eingebaut sind, die eine stabile
Internetverbindung ermöglichen und mit der man die Drohnen sogar manuell
steuern kann. Darauf hatte bereits der ukrainische Verteidigungsminister
Mychajlo Fedorow hingewiesen und angekündigt, sich diesbezüglich an
Starlink zu wenden.
Am Mittwochmorgen teilte die ukrainische Eisenbahn mit, dass 147 Passagiere
und ein ziviler Evakuierungstrupp aus den 10 nicht zerstörten Waggons des
Zuges evakuiert worden seien. Der Zug setzte dann seine Fahrt fort und
[3][kam, trotz Beschuss und Beschädigung, mit etwa 5 Stunden Verspätung in
Lwiw an].
„Russland muss für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht nur
für die Angriffe auf unsere Menschen, auf unser Leben, sondern auch dafür,
dass sie solche Angriffe überhaupt durchführen können. Die Russen haben
ihre Möglichkeiten, zu töten und zu terrorisieren, erheblich erweitert,
weil sie dort investieren. Und unsere Aufgabe – und das ist es, was alle
normalen Menschen auf der Welt vereinen sollte – ist es, den Fortschritt
beim Schutz des Lebens sicherzustellen. Dies geht, indem Druck auf Russland
ausgeübt und Russland für seine Taten bestraft wird. Dazu muss die Ukraine
unterstützt werden. Ich danke allen, die nicht schweigen, wenn sie sehen,
was russische Terroristen tun“, so Wolodymyr Selenskyj.
Aus dem Russischen Gaby Coldewey
28 Jan 2026
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