# taz.de -- Energieversorgung in der Ukraine: Krieger des Lichts
       
       > Russland greift immer mehr die ukrainische Energieversorgung an und
       > bringt Kälte und Dunkelheit. Eine Begegnung mit Männern, die unter
       > Lebensgefahr Leitungen flicken.
       
 (IMG) Bild: Die Elektriker Vitalii Fisun und Oleksandr Zalushnyi suchen die Ursache für einen Stromausfall
       
       Sie tragen den Mann mit dem gelben Helm auf Händen. Sie haben ihn gefragt,
       ob er wirklich einer von denen ist, die dafür sorgen, dass es nach den
       Angriffen aus Russland wieder Licht gibt. Weil er mit diesem gelben Helm
       zum Konzert gekommen ist und in einer grauen Arbeitsjacke. Er hat Ja
       gesagt. Sie haben ihn hochgehoben. Und auf der Bühne spielt die Band sein
       Lied:
       
       Das Kraftwerk arbeitet – 
       
       der Ingenieur schläft. 
       
       Er träumt, dass das Leben 
       
       nur ein kurzer Augenblick ist. 
       
       Die Zeit vergeht unaufhörlich 
       
       wie ein Blitz. 
       
       Die Donnerschläge des Gewitters 
       
       sind nur Erinnerungen an uns. 
       
       „Energetik“, der Titel lässt sich auf Deutsch etwas sperrig mit
       „Energieingenieur“ übersetzen. Es ist der einzige Song an diesem Abend, bei
       dem fast alle im Publikum tanzen, zärtlich, langsam; wer rempelt
       entschuldigt sich. Die Gruppe DK Energetik spielt monotonen Postpunk. Sie
       fasst die dunklen Gedanken in Worte, die viele Ukrainer:innen weder sich
       selbst noch ihren engsten Freund:innen eingestehen: die Angst, von der
       russischen Armee umgebracht zu werden, und dass das dem Rest der Welt egal
       wäre. So sagen es Fans im Saal. Die meisten hier sind jung. 20 Jahre alt,
       25, dazwischen auch welche in ihren 30ern und 40ern. Sie lachen, trinken an
       der Bar, sind gelöst. Es ist der 20. Dezember in Kyjiw, draußen vor dem
       Club haben diese Ukrainer:innen zu Hunderten in langen Schlangen in der
       Kälte gefroren. In der Wärme hier drinnen feiern sie einen Mann, der ihnen
       den Strom wieder anstellt.
       
       Im vierten Winter des Kriegs versucht Russland mit Drohnen und Raketen
       erneut alles zu zerstören, was Menschen in der Ukraine Licht, Wärme und
       Wasser gibt, alles, was Strom erzeugt und leitet. Moskaus Soldaten
       attackieren Kraftwerke, Transformatoren und Überlandleitungen. Vor dem
       Konzert von DK Energetik im Dezember hat es solche Angriffe auf Kyjiw
       bereits gegeben, in vielen Häusern fließt der Strom nur stundenweise,
       Menschen bleiben in Fahrstühlen stecken, Pumpen fallen aus und lassen die
       obersten Stockwerke der Wohnblöcke ohne warmes Wasser.
       
       Es wird noch schlimmer kommen.
       
       In der Nacht vom 8. auf den 9. Januar schlägt Russland so hart zu, dass
       [1][über 400.000 Haushalte keinen Strom mehr haben.] So sagt es Vitali
       Klitschko, der Bürgermeister der Hauptstadt, in ukrainischen Medien, und er
       sagt auch, dass die Hälfte der Wohngebäude ohne Heizung sind. Nachts sinken
       die Temperaturen auf minus 20 Grad. Die Versorgung mit Wasser ist
       stellenweise unterbrochen. Die Lage ist so ernst, dass Klitschko die
       Einwohner:innen von Kyjiw bittet, die Stadt, wenn möglich, zu
       verlassen.
       
       Ist es da ein Wunder, dass Elektriker und Kraftwerksingenieure eine
       ähnliche Wandlung erleben wie schon die Lokführer:innen und
       Schaffner:innen der Ukrainischen Eisenbahnen? Vor dem Krieg waren sie
       oft übersehene Arbeiter:innen, über die man sich ärgerte, weil etwas nicht
       schnell genug ging. Spätestens seit diesem Winter sind sie für viele
       Ukrainer:innen so etwas wie Held:innen.
       
       Aber wie arbeiten sie in diesem Krieg? Kommt etwas von der Verehrung in
       ihrem Alltag an? Wie sieht es im Osten und Südosten des Lands aus, weit weg
       von der Hauptstadt?
       
       ## „Ich liebe Kabel“
       
       17. Dezember 2025, drei Tage vor dem Konzert von DK Energetik. Es ist zehn
       Uhr morgens und zwei Grad über null. Die feuchte Winterkälte betäubt die
       Finger und findet die Haut auch unter mehreren Pullovern. Niemand trägt die
       beiden Elektriker Oleksandr Zalushnyi, 39 Jahre alt, und Vitalii Fisun, 54,
       auf Händen über die löchrigen Straßen und rutschigen Feldwege von
       Vyshchetarasivka, einem Dorf am Fluss Dnipro, 550 Kilometer südöstlich von
       Kyjiw. Das wäre auch schwieriger als bei ihrem schmalen Kollegen in der
       Hauptstadt. Die zwei Männer sind massiv und stabil. Kinne, Nasen und Lippen
       wie aus Granit gebrochen, ihre Stimmen klingen wie das Rollen von Steinen.
       Zwei wie Golem, wenn da nicht die Wärme in den Augen wäre. Witze machen sie
       auch. „Ich liebe Kabel, ich komme einfach nicht von ihnen los“, sagt
       Oleksandr Zalushnyi auf die Frage, warum er diesen Job macht. Vorher hat er
       in einer Kabelfabrik in der nahen Großstadt Saporischschja gearbeitet.
       
       Statt gelber Helme tragen die beiden schwarze. Die sollen Gewehrkugeln und
       Granatsplitter abhalten. Sie tragen auch kugelsichere Westen. Die russische
       Armee hält das andere Ufer des Dnipro seit 2022 besetzt. Etwa zehn
       Kilometer Luftlinie sind es bis dahin.
       
       Von dort schickt Moskaus Militär seine Kamikazedrohnen über das Wasser –
       möglichst billig produzierte Flugmaschinen, bestückt mit den Sprengköpfen
       alter sowjetischer Panzerabwehrwaffen. Sie explodieren beim Aufprall.
       Einige Häuser in Vyshchetarasivka haben seit einem Angriff von drüben
       keinen Strom mehr oder zu wenig, als dass eine Waschmaschine liefe oder
       eine Elektroheizung. Die beiden Elektriker suchen nach der Ursache. „Aber
       das Dorf wurde so oft getroffen, es ist schwer zu sagen, was der Grund
       ist“, sagt Vitalii Fisun.
       
       Er zeigt auf einen Transformator, einen grauen Kasten aus Metall, der den
       Hochspannungsstrom der großen Überlandleitungen in für Haushaltsgeräte,
       Telefone und Lampen verträgliche Stärken umwandelt und an die Häuser des
       Dorfes weiterleitet. Sollte er jedenfalls. Der neben ihm funktioniert schon
       seit einem Jahr nicht mehr, sein Gehäuse ist verbeult, die Türen weg, im
       Inneren gähnen Löcher, wo eigentlich elektronische Bauteile sitzen sollten.
       Das Netz, das sie hier zum Schutz vor Kamikazedrohnen gespannt haben, hängt
       in Fetzen. Flecken und Spritzer in Rauchschwarz künden noch immer von
       Explosionen.
       
       So, wie der Transformator aussieht, sieht auch Vyshchetarasivka aus:
       zerbrochene Steine, geborstene Balken. Die Bewohner:innen, die nicht
       geflohen sind, holen sich ihr Trinkwasser mit Kanistern und Plastikflaschen
       von einem per Lkw herbeigeschafften Tank ab.
       
       Vitalii Fisun will nach oben, hoch auf den Strommast neben dem
       Transformator, ein paar der Kabel dort sind intakt, andere halb
       zerfleddert, eins hängt zerfetzt herunter, liegt auf dem Feldweg.
       Vielleicht ist da das Problem für den Stromabfall? Er schnallt sich
       Steigeisen an die Schuhe und ein Klettergeschirr um den Körper. Während er
       sich Meter für Meter in die Höhe hievt, fällt der Schlamm in Fladen von
       seinen Schuhen.
       
       Ein dumpfer Knall, der gar nicht so weit weg klingt. „Drohne“, sagt
       Oleksandr Zalushnyi ruhig. Während sein Partner oben arbeitet, dreht er die
       zerrissene Leitung wieder zusammen, umwickelt sie mit Kabelresten, die hier
       auf den Wegen, in den Büschen liegen. Was nicht völlig zerstört ist, nimmt
       er mit. Das kann noch als Ersatzteil dienen. Immer wieder schaut er in den
       Himmel. Nichts als graue Wolken. Es ist schwer, davor Drohnen zu erkennen.
       Ständig explodiert etwas. Mal vergehen zehn Minuten von einem Knall zum
       anderen, mal zwei, mal eine halbe Stunde.
       
       Wenn die Drohnen nicht explodieren, dann hört man sie fliegen. Brummen,
       sirren, tuckern, mal lauter, mal leiser, je nach Typ und Größe. Hier lauern
       nicht nur die kleinen Kamikazedrohnen am Himmel, sondern auch solche, die
       Granaten fallen lassen; und die Shaheds, größer und langsamer, ursprünglich
       vom Iran konstruiert und von Russland verbessert. Bei Kollision zerstören
       sie Häuser und verbrennen Menschen.
       
       Auch ohne auf einen Mast zu klettern, sieht man von hier Europas größtes
       Atomkraftwerk. Hinter dem Wasser des Dnipro recken sich die Türme des
       [2][AKWs Enerhodar] in den Himmel, knapp 20 Kilometer entfernt. Ukrainische
       Medien haben recherchiert, dass Russland dort Drohnenpiloten unterrichtet.
       Die ukrainische Armee versucht, das Kraftwerk nicht zu beschießen. Alle
       kennen die Geschichte der Katastrophe von Tschernobyl.
       
       Die Menschen im Dorf und die ukrainischen Soldat:innen in der nahe
       gelegenen Stadt Marhanez sagen, das mit der russischen Flugschule habe zwei
       Seiten: Einerseits steuerten die unerfahrenen Soldaten ihre Drohnen noch
       nicht so sicher und tödlich, andererseits sei auch viel weniger
       vorhersehbar, auf wen sie ihre Waffen losschicken. Vitalii Fisun und
       Oleksandr Zalushnyi hat es 2024 fast erwischt. Das ausgebrannte Wrack ihres
       Autos steht noch im Nachbardorf. Sie sind damals rechtzeitig
       rausgesprungen, bevor die Drohne einschlug.
       
       Zalushnyi verlässt sich nicht nur auf seine Augen und Ohren. An seinem
       Gürtel hängt ein schwarzes Kästchen, das der Hersteller unter dem Namen
       Zukorok verkauft. Zukor heißt Zucker auf Ukrainisch, Zukerka bedeutet
       Süßigkeit. Es soll piepen, wenn sich Drohnen nähern. Auch viele ukrainische
       Soldaten besitzen so ein Gerät.
       
       Fühlen sich die zwei denn wie Soldaten? Sie antworten auf Fragen wie diese
       erst drei Stunden, nachdem Vitalii Fisun auf seinen Mast und wieder
       heruntergestiegen ist, erst, nachdem sie beide das entscheidende kaputte
       Kabel gefunden und geflickt haben. Für ein Gespräch haben sie kaum Zeit,
       ohnehin wäre es zu gefährlich, zu lange an einem Ort zu bleiben, wegen der
       Drohnen. Außerdem wollen sie weiter. Schließlich sind da noch andere Dörfer
       ohne Strom.
       
       „Wir riskieren unser Leben, wir verstecken uns vor Drohnen, alleine heute
       drei Mal“, sagt Fisun. „Wir sind wie Soldaten, nur ohne Waffen.“ Er war mal
       Soldat bei der Roten Armee. Als Ostdeutschland noch die DDR war, hat er
       dort Offiziere herumgefahren. Bei Stendal war das. Der Job hier ist
       gefährlicher, aber er macht ihn weiter. Warum? „Wir lieben die Extreme“,
       sagt Zalushnyi, und sie lachen. Und Fisun sagt, dass er seinen Job seit 33
       Jahren macht. „In meinem Alter ist es schwer, etwas Neues zu finden.“
       
       Beide sind bei DTEK angestellt, dem größten privaten Energieunternehmen der
       Ukraine, Eigentum von Rinat Akhmetov, dem reichsten Mann des Lands. 20.000
       Hrywnja verdienen Elektriker bei DTEK, derzeit sind das etwa 400 Euro, ein
       Durchschnittsgehalt. Fisun und Zalushnyi bekommen Zulagen, weil sie in
       einem besonders gefährlichen Gebiet arbeiten.
       
       Bevor sie weiterfahren, zeigt Vitalii Fisun noch das Bild von ihm und dem
       Präsidenten. Auf dem Handyfoto stehen er und Wolodymyr Selenskyj sich
       gegenüber. Der Politiker überreicht dem Elektriker einen Orden. Am 22.
       Dezember 2024 war das, dem Tag der Energieindustrie, eine
       Hinterlassenschaft der Sowjetunion, die in vielen Ländern fortbesteht. Es
       wird nicht recht klar, ob Fisun ein Anhänger Selenskyjs ist, aber sein
       Stolz auf diesen Orden ist deutlich zu sehen.
       
       Die Männer steigen ins Auto, wollen ins nächste Dorf. Zu diesem Zeitpunkt
       stehen hier, genau wie in Kyjiw, die schlimmsten Angriffe des Winters erst
       noch bevor. Am 7. Januar attackiert Russland die Städte Dnipro und
       Saporischschja sowie die Regionen ringsherum mit Drohnen und Raketen und
       schneidet rund 800.000 Menschen von der Stromversorgung ab.
       
       18. Dezember, Krywyj Rih, eine lang gezogene Industriestadt, in der es
       immer nach Chemie riecht, der Präsident wurde hier geboren. Krywyj Rih
       liegt ebenso in der Region Dnipropetrovsk wie das Dorf Vyshchetarasivka,
       mit dem Auto fährt man von dort länger als drei Stunden bis hierher.
       Eigentlich wären es nur zwei, aber die kürzere Strecke über Nikopol ist zu
       gefährlich, dort gehen russische Soldaten auf „Human Safari“. So nennen es
       die Ukrainer:innen, wenn die Besatzer mit Drohnen Menschen jagen.
       
       In der Charkiwer Straße, nahe am Stadtzentrum, tackert ein Mann Platten aus
       hellem Holz vor die durchlöcherte Front seiner Wohnung im ersten Stock
       eines Mehrfamilienhauses. Russland hat gestern Abend Shahed-Drohnen
       geschickt. Die Luftabwehr hat die meisten abgeschossen, aber die Trümmer
       sind in die Straße gestürzt, haben Häuser beschädigt und Elektroleitungen
       zerrissen. Ein Teil eines schwarzen Drohnenflügels liegt noch in einem
       Vorgarten. Er ist leicht für seine Größe und fühlt sich an wie
       Rauhfasertapete. Einem Strommast hat es die steinerne Haut weggefetzt,
       Metallstreben sind zu sehen.
       
       ## Der Ton ist rau, freundlich beleidigend
       
       Es ist eine Minute vor vier Uhr am Nachmittag, und Oleksandr Pasytnichenko,
       36, Elektriker der Notfallbrigade für Oberleitungen, gibt einer jungen
       Anwohnerin – rosa Jacke, rosa Lippenstift, Handyhülle in Perlmutt – ein
       Versprechen: „Bis sieben Uhr habt ihr wieder Licht.“ Zu acht sind er und
       seine Kollegen hier, und sie sind mit schwerem Gerät angerückt. Ein Lkw mit
       einem Kranaufleger steht in der Straße, auf der Ladefläche liegt ein neuer
       Strommast, dahinter parkt ein Traktor mit einem Bohrer und ein weiterer Lkw
       mit Kran. An dessen Ende ist eine Plattform, damit müssen die Elektriker
       hoch zu dem beschädigten Mast und die Leitungen abtrennen, damit er
       ausgetauscht werden kann.
       
       Bevor sie überhaupt anfangen können, sorgt ein Ingenieur dafür, dass die
       riesige Hochspannungsleitung ausgeschaltet wird, die sich über dem
       beschädigten Strommast die Straße entlangzieht und die die vielen Fabriken
       der Stadt versorgt. So nah am Starkstrom zu arbeiten, wäre
       lebensgefährlich. Auch hier vergisst man nicht, dass es neben den Gefahren
       des Kriegs auch noch die eines normalen Elektrikerlebens gibt. Um 20 nach
       vier wird es dunkel, die Männer arbeiten im Licht von Scheinwerfern und
       Taschenlampen. Die Tonlage ist die einer gut geführten Baustelle: rau,
       freundlich beleidigend, nicht herabsetzend.
       
       16.30 Uhr. Noch zweieinhalb Stunden Zeit für Oleksandr Pasytnichenko und
       die anderen Arbeiter, sein Versprechen zu erfüllen. Sie fahren einen der
       Männer mit der Plattform nach oben, er dreht die Kabel per Hand vom
       beschädigten Mast ab. Unten graben sie das Ding mit Schaufeln aus. Um 16.45
       Uhr zieht der andere Kran den kaputten Pfahl aus der Erde, drei Minuten
       später ist er draußen. Ein Mann, der aussieht wie die wettergegerbte
       Version von George Clooney, verbreitert mit dem Bohrtraktor das Loch in der
       Erde, es riecht nach Staub und Würmern. „Oleg, ein wenig zurück!“, ruft
       Oleksandr Pasytnichenko. Um vier Minuten vor fünf legt der Kran den
       kaputten Mast auf die Straße, um 17.06 Uhr steht der neue in seinem Loch.
       Ein Arbeiter schiebt ihn mit einem Dreizack in die richtige Position,
       Pasytnichenko dirigiert ihn. Um 17.13 Uhr schütten die Arbeiter das Loch um
       den neuen Pfahl zu, einer fährt nach oben und macht die Kabel wieder fest.
       Um 18.05 Uhr schalten sie die große Hochspannungsleitung wieder an, und um
       18.20 Uhr leuchten die Lichter in der Charkiwer Straße wieder. Oleksandr
       Pasytnichenko hat sein Versprechen gehalten.
       
       Zwischendurch hat noch seine Frau angerufen. „My love“, leuchtete es in
       Englisch auf seinem Handydisplay auf. Sie ist in der 39. Woche schwanger.
       
       Wie seine Kollegen in Vychshetarasivka arbeitet Pasytnichenko von sieben
       Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Aber er macht – wie alle – oft
       Überstunden. Am Tag vorher war er um ein Uhr nachts zu Hause, heute könnte
       es vielleicht neun Uhr werden. 30 Leute sind sie in der Notfallbrigade und
       verantwortlich für die Oberleitungen einer ganzen Großstadt. Manche
       Kollegen hätten den Job gewechselt, sagt er, mindestens einer hat die
       Ukraine verlassen. Er hat sein Gesicht mit einer Balaklava, einer Art
       Sturmhaube, gegen die Kälte abgeschirmt. Aber man sieht die Augenringe und
       ein Müdigkeitsgrau, das sich nicht abwaschen lässt, in seinem Gesicht.
       
       Er möge seinen Job, sagt Oleksandr Pasytnichenko. Aber „ehrlich gesagt,
       würde ich gern irgendwo hingehen, raus aus der Ukraine oder einfach nur in
       den Wald, dahin, wo es ruhig ist“. Seine Stadt wurde nicht nur gestern
       angegriffen. Russland schickt ständig Drohnen, die Nächte sind laut, nicht
       nur das Arbeiten ist mühsam, das Schlafen ist es auch.
       
       Wenigstens muss er, anders als seine Kollegen in Vychshetarasivka, keine
       kugelsichere Weste tragen, die Rückenschmerzen bleiben ihm erspart. Aber
       wie sein dortiger Namensvetter und wie Vitalii Fisun ist er vom Dienst in
       der Armee befreit. Er sagt, DTEK kümmere sich um die Sicherheit seiner
       Arbeiter:innen. Wenn sie zu einer Reparatur ausrücken, bekommen sie ein
       Dokument mit einem QR-Code. Scannen sie den mit ihrem Handy, werden ihnen
       die nächstgelegenen Bunker angezeigt. Dort steht auch eine Liste mit den
       Gefahren, die sie vor Ort erwarten, offene Leitungen etwa oder wütende
       Anwohner:innen.
       
       Die gibt es auch. Nicht für alle Ukrainer:innen sind Oleksandr
       Pasytnichenko und seine Kollegen Held:innen, manche beschimpfen sie auch.
       Es sind Gerüchte im Umlauf, der Präsident stehle Strom und verkaufe ihn ins
       Ausland. Belege dafür gibt es nicht. Aber im [3][November wurde ein
       Korruptionsskandal] bekannt, in dessen Zentrum ein Energiekonzern steht:
       Energoatom. Beim Bau von Schutzanlagen für die Energieinfrastruktur sollen
       bis zu 86 Millionen Euro an Schmiergeldern geflossen sein, zwei Minister
       sind deswegen zurückgetreten. Zwei Verdächtige, darunter ein enger
       Vertrauter Selenskyjs, sind ins Ausland geflohen.
       
       „Das kümmert mich nicht“, sagt Oleksandr Pasytnichenko. Er kenne nicht
       einmal die Namen der Beteiligten. Ihm seien die ebenso egal wie alles, was
       US-Präsident Donald Trump, jemand aus Russland oder der EU zur Zukunft der
       Ukraine sage. „Nur Gerede, bei diesen Friedensgesprächen wird doch nicht
       wirklich über Frieden gesprochen.“ Eine Haltung, die er mit seinen Kollegen
       in Vychshetarasivka teilt. Er fürchtet, dass Russland das Energiesystem
       weiter zerstören wird. Er weiß, dass er und seine Kollegen auch in den
       kommenden Wochen und Monaten zerfetzte Stromkabel flicken müssen.
       Eigentlich will er lieber nach Hause zu seiner schwangeren Frau.
       
       Aber die Menschen brauchen Strom. Also wird er sich auch morgen früh wieder
       darum kümmern, dass das Licht nicht zu lange aus bleibt.
       
       Anmerkung der Redaktion: Wir haben eine Stelle zum Drohnenaufbau
       korrigiert. Vielen Dank eine:r Leser:in für den Hinweis.
       
       20 Jan 2026
       
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