# taz.de -- Stromausfälle in Odessa: „Jetzt schützt uns nicht einmal mehr das Meer vor der Kälte“
> Auch in der südukrainischen Stadt Odessa leiden die Menschen unter
> russischen Angriffen und eisiger Kälte. Doch im Vergleich zu anderen
> Städten hat man noch Glück.
(IMG) Bild: Winter am Strand in Odessa
„Es gibt eine Stadt am Meer, die sehe ich im Traum. Ach, wenn Sie nur
wüssten, wie lieb mir diese Stadt ist …“ Mit der Melodie dieses fast
hundert Jahre alten Liedes, das die Schönheit der südukrainischen Stadt
Odessa gerade im Frühling besingt, werden alle Reisenden auf dem
Hauptbahnhof von Odessa über Lautsprecher empfangen oder verabschiedet.
Vom Frühling kann man aktuell in Odessa nur träumen. Bei Temperaturen von
oftmals zehn Grad unter null scheint die Stadt stillzustehen. „Jetzt
schützt uns nicht einmal mehr das Meer [1][vor der Kälte,]“ klagt eine
Verkäuferin.
„Sie wollen also in die Europäische Straße“, vergewissert sich der
Taxifahrer. „Wissen Sie, wie diese Straße früher geheißen hat? Sie hieß
Katerininskaja. Diese Fanatiker haben nichts Besseres zu tun, als
Straßennamen zu ändern.“ Jetzt müsse er noch nach über 40 Jahren Dienst als
einheimischer Taxifahrer neue Straßennamen auswendig lernen.
Überhaupt sei dies ein Krieg des Kapitals. „Mit Krieg kann man viel Geld
machen“, erklärt er. Und deswegen werde dieser Krieg nicht so schnell
aufhören. Doch genau das wolle er: „Dass dieser Krieg so schnell als
möglich endet.“
## Weitgehend entmachtet
Ein Treffen im Einkaufszentrum „Athen“ im ersten Untergeschoss ist
bombensicher. In einem Café nippt Wjatscheslaw Asarow an einem Heißgetränk.
Der Blogger, Anarchist und Herausgeber eines demnächst erscheinenden Buches
über die Verfolgung von Linken in der Sowjetunion wundert sich nicht über
die Äußerungen des Taxifahrers.
Diese seien zwar interessant, würden aber weder zur Meinungsbildung
beitragen noch sonst etwas bewegen. „Im Augenblick gibt es nur zwei
Akteure, die die Politik in der Ukraine machen: die Präsidialadministration
und die Nationalisten.“ Alle anderen Kräfte seien weitgehend entmachtet.
In Räumlichkeiten an der Kanatska-Straße sitzen Journalisten vor ihren
Laptops. Auch Alexander Sibircew arbeitet heute hier. Der Journalist des
lokalen Nachrichtenportals „Dumskaya“ – in der Stadt bekannt für seine
Recherchen zur organisierten Kriminalität – scheint mächtig unter Zeitdruck
zu sein. Pausenlos hämmert er auf seine Tastatur ein.
„Einem wahnsinnigen Serienmörder darf man nicht trauen.“ Wen er meint, ist
klar: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Der Krieg werde erst zu Ende
gehen, wenn Putin nicht mehr lebe. „Der Krieg findet auf ukrainischem
Territorium statt. Russland ist der Aggressor. Wir verteidigen uns.
Angenommen, Sie werden auf der Straße überfallen, dann rufen Sie doch auch
nicht nach Verhandlungen“, sagt er.
Wieder sei in dieser Nacht ein Bewohner von Odessa unweit des Bahnhofs
durch einen russischen Luftangriff ums Leben gekommen. Er glaubt nicht,
dass es Russland irgendwann gelingen werde, Odessa einzunehmen.
## Enorme Arbeitslosigkeit
„Obwohl viele Einwohner Odessas Russisch sprechen, gehört Odessa zur
Ukraine. Wir wollen kein Teil Russlands sein und werden es auch niemals
werden. Die russische Sprache ist kein Monopol Russlands. Wir können und
werden viele Sprachen sprechen, denn das ist Odessa, das sind unsere
Geschichte und unser Hintergrund“, sagt Sibircew.
Auch Lidia glaubt nicht, dass die Russen Odessa einnehmen werden, wenn auch
aus einem anderen Grund. Die Frau, Mitte 50, hat einen kurzen Stopp im
„Coffee Ocean“ eingelegt. Sie sei stolz auf ihre Tochter, die trotz enormer
Arbeitslosigkeit beruflich Erfolg habe.
Ab dem Abschluss eines Englischstudiums und einer Fachschule für Verwaltung
arbeite sie als Maklerin. „Jeden Monat verkauft sie eine Wohnung.“ Bei
Preisen zwischen 65- und 100.000 Dollar sicherlich kein schlechter Gewinn
für eine Berufsanfängerin. Die meisten verkauften Wohnungen hätten einen
Blick aufs Meer, die Käufer seien vor allem UkrainerInnen, die im Ausland
lebten. „Das heißt“, schlussfolgert sie, „dass viele UkrainerInnen an ein
blühendes ukrainisches Odessa glauben.“
Angst hat sie hingegen um ihren Sohn. Er ist im wehrfähigen Alter und kann
jederzeit eingezogen werden. „Einmal hatten sie ihn schon, aber weil er ein
widerspenstiger Typ ist, kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung.
Dabei ist es ihm gelungen, den Leuten der Wehrbehörde durch die Lappen zu
gehen.“
## Ein Lächeln
Im Vergleich zu anderen Städten hat Odessa noch Glück. Während die Menschen
[2][in der Hauptstadt Kyjiw] durchschnittlich jeden Tag nur vier Stunden
Strom haben, ist es in Odessa genau umgekehrt: hier haben sie in der Regel
vier Stunden keinen Strom.
Doch das kann auch, je nach Viertel, ganz unterschiedlich sein. Während ein
Großteil der Bevölkerung ungefähr zwei Stunden täglich auf Strom verzichten
muss, gibt es manche Viertel, in denen er mehr als zwölf Stunden pro Tag
ausfällt. Das ist auch an diesem Nachmittag so. Überall ist das Geräusch
brummender Generatoren zu hören. Plötzlich huscht ein Lächeln über Lidias
Gesicht. Sie hat soeben erfahren, dass sie Großmutter geworden ist.
11 Feb 2026
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(DIR) Bernhard Clasen
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