# taz.de -- Energieversorgung in der Ukraine: Vergesst uns nicht
> Während die Welt nach Grönland blickt, leiden die Ukrainer unter dem
> täglichen russischen Beschuss. Doch sie wollen sich nicht einschüchtern
> lassen.
(IMG) Bild: In Wärmezelten könenn sich Bewohner*innen in Kyjiw aufhalten, wenn die Wohnungen zu kalt werden, wie hier am 21. Januar 2026
Als ich das Wohnhaus in [1][Kyjiw] betrete, schaue ich auf das Thermometer
meiner Uhr. 1 Grad über null ist es im Eingangsbereich des 22-stöckigen
Gebäudes. In den Wohnungen war es nur unwesentlich wärmer. Hier leben wir
bei kalten 5 Grad Celsius.
Viele Bewohner haben die Stadt Mitte Januar verlassen. Einige leben
abwechselnd in kalten Wohnungen und Rettungszelten. Millionen Ukrainer
schweben infolge russischer Raketenangriffe bei Temperaturen [2][bis zu
minus 15 Grad Celsius zwischen Leben und Tod.] Und trotzdem zwingt
US-Präsident Donald Trump mit seiner Absicht, die strategisch wichtige
Insel Grönland für die Vereinigten Staaten zu erobern, die Welt dazu, sich
darauf zu konzentrieren und Russlands Krieg in der Ukraine zu vergessen.
[3][Denn Grönland sei nicht nur ein „Stück Eis“], sondern ein neues Zentrum
der globalen Geopolitik. Am Tag, als Trump in Davos eine Rede über Grönland
hielt, erblickte ich Eiszapfen an den Rohren im Aufgang meines Wohnhauses.
Ich konnte es nicht länger ertragen und schrie laut auf: Geht’s noch?
Europa, Welt – hört her! Ich kann es nicht fassen, dass ihr euch an die
Nachrichten aus der Ukraine über die täglichen(!) Angriffe dieser
russischen Barbaren auf Wohnhäuser und zivile Ziele in der Ukraine und ihre
Versuche, Großstädte mit über einer Million Einwohnern lahmzulegen, gewöhnt
habt. Man sollte sich eine einfache Sache vor Augen halten: Das russische
Vorgehen erinnert an den Holodomor [eine 1932/1933 von Josef Stalin
initiierte Hungersnot, der schätzungweise drei bis sieben Millionen
Ukrainer zum Opfer fielen, Anm. d. Red.].
## Warten auf die Kälte
Anfang 2026 warteten die Russen auf strenge und anhaltende Fröste, wie es
sie seit Kriegsbeginn nicht mehr gegeben hatte. Nach mehreren Versuchen
gelang es ihnen, die Städte Odessa, Dnipro, Kyjiw und das Umland von der
Außenwelt abzuriegeln.
Russische ballistische Raketen griffen gezielt Stromübertragungspunkte
zwischen Kraftwerken und Verbrauchern sowie Fernwärmenetze an. Während
Energietechniker die beschädigten Bereiche reparierten, starteten die
Russen weitere Angriffe.
Just in diesem Moment begann Donald Trumps die „Grönlandkampagne“ und
kündigte [4][einen sogenannten Friedensrat an]. Er lud Russland und Belarus
zum Beitritt ein und reiste nach Davos, um Europa und den ukrainischen
Präsidenten Wolodymyr Selenskyj über die Ideale des Friedens zu belehren.
Ich frage mich: Was denken die Menschen in Kyjiw über diese Eskapaden?
## Weg mit der rosaroten Brille
Diejenigen, die in ihren Wohnungen Campingzelte aufstellten, um sich zu
wärmen, grillten in ihren Gärten Fleisch über offenem Feuer, standen
Schlange, um ihre Geräte aufzuladen, schickten ihre Kinder zu Verwandten
auf Dörfer und kauften feuerfeste Ziegel in Baumärkten.
Diese legten sie auf Gasbrenner, damit sie sich erhitzen und mehr Wärme in
die Wohnung abgeben. Ist diese Überlebensmethode im weit entfernten
Grönland bekannt? Haben europäische Staats- und Regierungschefs Trump in
Davos davon erzählt?
Es wäre gut, wenn sie das täten. Damit auch diejenigen, die noch alles
durch eine rosarote Brille sehen, Lehren aus diesem Winter und all den
vorangegangenen russischen Verbrechen ziehen könnten.
Für die Ukrainer, die derzeit in ihren Hochhäusern mit Dunkelheit und Kälte
zu kämpfen haben, klang Trump in Davos angesichts des Scheiterns all seiner
„Abkommen“ mit Putin erbärmlich und komisch.
## Hart und unnachgiebig
Was für Feiglinge müssen Staatschefs sein, dass sie sich ständig vor Trump
verbeugen?
Ein Weltkrieg beginnt mit der Angst vor einer Eskalation und dem Satz: „Das
geht uns nichts an.“ So war es damals, so ist es auch heute. Die Welt ist
zur Logik des Rechts des Stärkeren zurückgekehrt, wonach der Wille des
Stärksten die Spielregeln bestimmt und das Völkerrecht praktisch nicht
funktioniert.
Die einzige wirkliche Chance für die Ukraine besteht daher darin, so hart,
unnachgiebig und teuer zu werden, dass jeder Versuch der Außenstehenden,
„ohne uns eine Einigung zu erzielen“, die Pläne aller anderen durchkreuzen
würde; nicht Mitleid zu erregen, sondern Probleme zu schaffen. In diesem
Spiel gebührt Respekt nicht denen, die bemitleidet werden, sondern denen,
die den Zeitplan durcheinanderbringen.
Das bedeutet, durch Schmerz erwachsen zu werden, ohne Illusionen über
Gerechtigkeit in der Welt. Nur eigene Stärke und die Bereitschaft, Dinge
bis zum Ende durchzuziehen, werden uns retten – selbst wenn alle um einen
herum so tun, als suchten sie nach einem Ausweg.
Die Ukrainer sind momentan wie Akkus: aufgeladen, entladen, wieder
aufgeladen. Wir laden unsere Kräfte wieder auf, also vergesst uns nicht.
Aus dem Russischen von [5][Barbara Oertel]
23 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Juri Konkewitsch
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