# taz.de -- Leak bei der Berliner Polizei: How to Schmerz
> Ein als vertraulich behandeltes Lehrbuch der Polizei ist nun öffentlich.
> Es beinhaltet Anleitungen zu rechtswidrigen Schmerzgriffen.
(IMG) Bild: Kopffixierung wie aus dem Lehrbuch: Mit Druck von unterhalb der Nase können die Polizisten den Demonstranten abführen
Die Polizei Berlin ist in Erklärungsnot. [1][Entgegen den Bemühungen der
Behörden, ein „Lehrbuch zu Schmerzgriffen“ von der Öffentlichkeit
fernzuhalten], erfolgte über die Plattform FragdenStaat dessen
Veröffentlichung. Es beinhaltet Anleitungen, wie Polizeibeamte sensible
Körperstellen ihres Gegenübers effektiv angreifen können.
Die beschriebenen Techniken sind sehr schmerzvoll und hoch umstritten.
Bereits im Jahr 2023 verteidigte sich die amtierende Polizeipräsidentin
Barbara Slowik Meisel nach wiederholten Vorwürfen, [2][indem sie rundheraus
dementierte, dass Schmerzgriffe bei der Polizei unterrichtet werden]. Die
geleakten Unterrichtsunterlagen sprechen eine andere Sprache.
Kreuzfesselgriff, Daumenpresse, Armstreckhebel: Das Nahkampf-Arsenal ist
groß. Die Broschüre umfasst rund ein Dutzend schmerzverursachende „Hebel-,
Druckpunkt und Quetschtechniken“, die den Polizist:innen beigebracht
werden.
Wenn Beamte beispielsweise jemanden mit verdrehtem Handgelenk auf dem
Rücken abführen, handelt es sich um den „Handbeugehebel“. Optional kann
dieser „mit Kopffixierung“ erfolgen, bei dem mit einer Hand von hinten
unter die Nase gefasst wird, wo sich ein besonders empfindlicher Druckpunkt
befindet. Dazu folgt im Heft ein Bild, in dem zwei Menschen den Griff
demonstrieren, darüber dessen Name. „Beachte: Androhung“ steht mustergültig
unter den „Druckpunkt- und Quetschtechniken“, die „mit einer verbalen
Unterstützung einhergehen“ sollen.
## Griff in die Genitalien
Das Handbuch dient vorgeblich der „einsatzbezogenen Selbstverteidigung“.
Dabei führt es die Techniken aber als „Festnahme-, Kontroll- und
Transporttechniken“ auf und adressiert auch das polizeiliche Vorgehen bei
Sitzblockaden. Hier empfielt das Lehrbuch den Handbeugegriff. „Ggf. ist die
Androhung von unmittelbaren Zwang [sic!] nochmals anzudrohen.“
Bemerkenswert ist, dass die Ausbildungsunterlagen an keiner Stelle über
körperliche Risiken oder Folgeschäden der Griffe aufklärt. Dabei führt eine
unverhältnismäßige Anwendung der Griffe zu Knochenbrüchen und Schäden an
Gelenken und Nerven.
Die in den Unterlagen dargestellten Techniken entstammen dem Kampfsport-
und Selbstverteidigungssystem Ju-Jutsu. Während dort Wettkämpfer durch das
Abklopfen jederzeit die Möglichkeit haben, den Gegner zum Aufhören zu
bringen, haben Opfer von Polizeigewalt diese oder vergleichbare
Möglichkeiten nicht. Schreie sind für die Polizei kein Zeichen zur Aufgabe.
Außerdem ist im Vergleich zur Verwendung der Griffe in Ju-Jutsu-Kämpfen das
Instruktionsheft der Polizei um einige unsportliche Techniken erweitert,
darunter auch der Genitalgriff: „Es kann in den Genitalbereich
gegriffen/geschlagen/gestoßen werden.“
Die Polizei bestätigt auf taz-Anfrage die Echtheit des Dokuments. „Das
abgebildete Handbuch Einsatztraining war eine Lehrunterstützung für bereits
mit Lehrberechtigung ausgebildetes und zertifiziertes Lehrpersonal der
Polizei Berlin“, so ein Sprecher. Die Bezeichnung von „Schmerzgriffen“ sei
nicht zutreffend, so der Sprecher. „Sie können Schmerzen erzeugen, wenn die
von der Maßnahme betroffenen Personen dem gesetzten Bewegungsimpuls nicht
folgen.“ Etwa durch absichtliches Sich-Hängenlassen, Versteifen oder
anderweitigen Widerstand.
## Verlust des Überraschungsmoments
Das rund 20-seitige Dokument ersetzte 2020 [3][ein „Handbuch
Einsatztraining“, das seinerzeit bereits über FragdenStaat geleakt wurde].
Beide Dokumente liegen der Öffentlichkeit über das „Portal für
Informationsfreiheit“ vor.
Rechtsanwälte hatten zuvor versucht, die geheim gehaltenen Unterlagen
mittels einer Klage zu befreien und sie rechtlich prüfen zu lassen. Die
Berliner Polizei stufte das Handbuch aber als vertraulich ein, da sich
daraus „Rückschlüsse auf die gegenwärtige Organisation der
Sicherheitsbehörden, die Art und Weise ihrer Informationsbeschaffung sowie
aktuelle Ausbildungsmethoden ableiten ließen“, wie der Klagebegründung zu
entnehmen ist. Dies führe in der Praxis zum „Verlust des
Überraschungsmoments und ermögliche eine Vorbereitung oder Gegenwehr auf
den polizeilichen Zugriff“.
Dem setzen die Kläger entgegen, dass sich der Überraschungseffekt von
Schmerzgriffen ohnehin in Grenzen halte, denn ein „nach polizeirechtlichen
Grundsätzen rechtmäßiger Einsatz von Schmerzgriffen“ müsse ja zuerst
angedroht werden – und, dass deren „jahrelange Nutzungspraxis
wissenschaftlich dokumentiert sei“. Das Gericht folgte dem Anliegen der
Kläger zur Veröffentlichung der Broschüre jedoch nicht. Weshalb es jetzt zu
dem „Leak“ über das Portal für Informationsfreiheit kam.
## Nichts Überraschendes
An sich sei das, was in dem Handbuch stehe, „nichts Überraschendes“, sagt
der linke Szeneanwalt Lukas Theune. Die Inhalte des Handbuchs „stimmen
überein mit dem Beobachteten, unsere Mandat:innen erleben das oft“. Das
Lehrmaterial der Polizei Berlin zeige, dass die polizeiliche Praxis
systematisch gegen das geltende Recht verstoße. Denn Schmerzensgriffe
entsprächen in der Praxis oft der juristischen Definition von Folter und
verstießen daher gegen das grundgesetzlich verankerte „Verbot der
Misshandlung Festgehaltener“. Entsprechend „krass“ sei es, dass die Polizei
die Schmerzensgriffe bar einer rechtlichen Grundlage trainiert – und
anwendet, sagt Theune.
Die Polizei vertritt naturgemäß eine andere Rechtsauffassung und hält den
Einsatz von Schmerzgriffen grundsätzlich für rechtmäßig: „Sofern die
Anwendung von Eingriffstechniken die Verhältnismäßigkeit berücksichtigt,
ist ein Einsatz rechtlich zulässig“, so der Polizeisprecher.
Doch auch die ist oft nicht gegeben. Erst vor wenigen Wochen [4][befand das
Oberverwaltungsgericht die dienstliche Anwendung eines Schmerzensgriffes
gegenüber einem Klimaaktivisten als rechtswidrig]. Die Beamten hätten den
sich nicht zur Wehr setzenden Demonstranten schlicht wegtragen können.
27 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Umstrittene-Praxis-bei-Berliner-Polizei/!6042904
(DIR) [2] https://www.tagesspiegel.de/berlin/es-gibt-keinen-schmerzgriff-berliner-polizeiprasidentin-wehrt-sich-gegen-vorwurfe-10413904.html
(DIR) [3] https://fragdenstaat.de/artikel/klagen/2023/08/so-lernt-die-berliner-polizei-schmerzgriffe/
(DIR) [4] /Fragwuerdige-Polizeitaktiken/!6145396
## AUTOREN
(DIR) Nathan Pulver
## TAGS
(DIR) Polizei Berlin
(DIR) Polizeigewalt
(DIR) Datenleck
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Polizei
(DIR) Schmerzen
(DIR) Hertha BSC Berlin
(DIR) Neue Generation
(DIR) Polizeigewalt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Empörung über KI-Polizeibild: Blaulicht vom Bot
Eine Polizei-Gewerkschaft bebildert eine Mitteilung mit einem blutenden
Polizisten – nur ist das Foto KI-generiert. Die Kritik ist groß.
(DIR) Schmerzgriffe bei Sitzblockade: Klimaaktivist von Extinction Rebellion bekommt Recht
Das Hamburger Verwaltungsgericht gab einem Klimaaktivisten Recht, der gegen
Schmerzgriffe der Polizei zur Auflösung einer Sitzblockade klagte.
(DIR) Polizeieinsatz gegen Hertha-Fans: Höhepunkt einer bewussten Eskalation
Vor dem Hertha-Spiel gegen Schalke kommt es zu Auseinandersetzungen
zwischen Polizei und Fans. Der Verein kritisiert Polizei und Senatorin
Spranger.
(DIR) Fragwürdige Polizeitaktiken: Angst vor Rücken ist kein Grund zu quälen
Das Oberverwaltungsgericht hat bestätigt: Dass die Polizei einen Aktivisten
der Letzten Generation via Schmerzgriff abführte, war rechtswidrig.
(DIR) Berliner Gericht zu Schmerzgriffen: Schmerzhaft für die Polizei
Das Berliner Verwaltungsgericht hat es der Polizei nun erstmals
bescheinigt: Schmerzgriffe gegen einen Aktivisten der Letzten Generation
waren rechtswidrig.