# taz.de -- Polizeieinsatz gegen Hertha-Fans: Höhepunkt einer bewussten Eskalation
       
       > Vor dem Hertha-Spiel gegen Schalke kommt es zu Auseinandersetzungen
       > zwischen Polizei und Fans. Der Verein kritisiert Polizei und Senatorin
       > Spranger.
       
 (IMG) Bild: Die Fans sind weg, die Botschaft bleibt: „ACAB“
       
       An einem Blockeingang zur Ostkurve, dem Bereich der Hertha-Fanszene im
       Olympiastadion, stehen sich Ultras und behelmte Einsatzkräfte gegenüber.
       Die Fans wollen ein Eindringen der Polizei in ihre als selbstverwaltet
       verstandene Kurve verhindern, einige versuchen noch mit Hilfe eines Ordners
       ein Tor zu schließen. Doch dann eskaliert die Situation, Polizist:innen
       rücken vor, verteilen Faustschläge und versprühen eine Wolke Pfefferspray,
       die Fans ziehen sich zurück, ein Bierbecher fliegt durch die Luft.
       
       Auf Videos im Netz ist die zentrale Szene der [1][Auseinandersetzungen
       zwischen Polizei und Fans vor Beginn von Herthas Heimspiel gegen Schalke
       04] am Samstagabend zu sehen. Dem vorausgegangen war die Festnahme eines
       Fans. Doch es ist bei Weitem nicht der einzige Vorfall. Andere Videos
       zeigen, wie sich Polizist:innen rücksichtslos den Weg durch die Menge
       auf dem Vorplatz des Stadions bahnen, Umstehende anrempeln und wegschubsen.
       In einem weiteren wird ein am Boden liegender Fan von vier Polizisten
       fixiert, einer schlägt mehrfach auf ihn ein. Aufnahmen zeigen zudem, wie
       die Polizei am S-Bahnhof Olympiastadion ohne ersichtlichen Grund in die
       Menge der abreisenden Schalker stürmt.
       
       Die Hertha-Ultras hatten nach dem Zusammenstoß noch ihre vorbereitete
       Choreografie gezeigt [2][und dann das Stadion aus Protest verlassen].
       Zurück blieben in der halb gelehrten Kurve ein Schriftzug aus Stofffetzen:
       „ACAB“. Stimmung wurde im Verlauf der Partie keine mehr gemacht, auch die
       Schalker Fanszene hatte sich dem Boykott angeschlossen und sprach im
       Nachhinein von einem „extrem aggressive[n] Verhalten der eingesetzten
       Polizeikräfte über den gesamten Tag hinweg“.
       
       Die Fanhilfe von Hertha BSC, die Rechtshilfeabteilung des Förderkreises
       Ostkurve, spricht in einem [3][Statement] von den „tätigsten Übergriffen
       der Berliner Polizei gegen Herthafans seit mehreren Jahrzehnten“. Ihr
       zufolge habe es mindestens 30 verletzte Fans gegeben: Vier von ihnen
       „mussten umgehend ins Krankenhaus eingeliefert werden“, zwei hätten
       erhebliche Gesichtsverletzungen erlitten, einer „durch Schläge und Tritte“
       kurzzeitig das Bewusstsein verloren. Auch Angestellte des Vereins seien
       unter den Verletzten.
       
       Dass die Polizei in einer Mitteilung von 21 Polizisten und 32 Fans mit
       „leichten Verletzungen“ spricht, „verhöhnt die Betroffenen des
       polizeilichen Gewaltexzesses“, so die Fanhilfe. Kritisiert wurde ebenso,
       dass Polizist:innen noch vor dem Krankenhaus, in das die Fans
       eingeliefert wurden, sich postiert hatten und in der Umgebung Fans „durch
       die Straßen jagten“.
       
       ## Konfrontation mit Vorgeschichte
       
       Die Eskalation am Samstag wird dabei nicht nur von den Fans als Ergebnis
       einer sich bereits seit Monaten andauernden Zuspitzung zwischen Polizei und
       Fanszene gesehen. Ein Kipppunkt sei dabei das Spiel gegen Dynamo Dresden
       Anfang November gewesen, bei dem es vor Beginn zu einem kurzen
       Schlagabtausch zwischen einigen Fans im Oberrang gekommen war.
       
       Im Statement der Fanhilfe heißt es nun, sie habe schon lange vor einer
       solchen Situation gewarnt und „auf die Zunahme polizeilicher Provokationen
       hingewiesen“; doch Vermitlungs- und Gesprächsangebote vom Verein seien „von
       Seiten der Polizei und der Innensenatorin ausgeschlagen“ worden. Bereits in
       der Woche vor dem Spiel war die Polizei bei mehreren Fans wegen Graffiti an
       zwei Zügen zu Hausdurchsuchungen angerückt und habe dabei „rechtsstaatliche
       Grenzen derart überschritten, dass selbst wir als Fanhilfe überrascht
       sind“.
       
       Der auf die Berliner Fanszenen spezialisierte Strafverteidiger Rene Lau
       sagt gegenüber der taz, dass seit Monaten „viel mehr Polizei“ bei Herthas
       Spielen präsent sei, und nennt dies „völlig unerklärlich“. Schon im August
       beim Spiel gegen Karlsruhe, zu deren Fans eine intensive Fanfreundschaft
       gepflegt wird, seien Hubschrauber und Wasserwerfer vor Ort gewesen. Lau
       betont, dass der Einsatz von uniformierter Polizei im Bereich des
       Ostkurveneingangs, wo sich auch ein Fanwagen und die Fanbetreuung befinden,
       laut Sicherheitabsprachen nicht vorgesehen sei.
       
       Ein möglicher Hintergrund ist, dass sich Schalke-Fans auch Tickets für den
       an die Ostkurve angrenzenden Heimbereich besorgt hatten und ein
       Aufeinandertreffen der als verfeindet geltenden Lager verhindert werden
       sollte. Doch das massive Auftreten im Bereich der Hertha-Ultras ist im
       Kontext eines grundsätzlichen Spannungsverhältnisses zwischen Ultras und
       der Polizei eine Provokation. Dazu passt die Beschreibung aus Sicht der
       Polizei: Nachdem die aktive Fanszene „den Einlass passierte, weigerte sie
       sich, weiter in Richtung Stadionvorplatz zu gehen, da sie dafür am Ort
       stehende Polizeikräfte hätte passieren müssen“. Fananwalt Lau kritisert:
       „Einzig die Polizei hält sich nicht an die getroffenen Absprachen.“
       
       ## Massive Kritik an Spranger
       
       Lau spricht von einer „repressiven Linie“ von Innensenatorin Iris Spranger
       (SPD), die für die überdimensionierten Einsätze die Verantwortung trage.
       Dabei sei Herthas Szene eine „engagierte“, keine sonderlich
       konfliktsuchende. Von der Fanhilfe fällt die Kritik an der Senatorin noch
       härter aus. Diese setze „einzig und allein auf Eskalation“ und sei damit
       „direkt verantwortlich für jede verletzte Person“. Schon im Dezember hatten
       Berlins [4][Fanszenen scharfe Kritik an Spranger geübt], weil diese sich im
       Vorfeld der Innenministerkonferenz nicht gegen verschärfte
       Sicherheitsmaßnahmen gegenüber Fans ausgesprochen hatte.
       
       Im Interview mit 11 Freunde am Sonntag berichtet Fanhilfen-Sprecher Fritz
       Müller von einer aufgeladenen Situation beim Pokalspiel gegen
       Kaiserslautern im Dezember, bei der sich Hertha-Präsident Fabian Drescher
       lautstark mit dem Einsatzleiter gestritten habe. Weiter sagt er: „Als unser
       Präsident sich bei der Innensenatorin darüber beschwerte, schrie sie ihn
       ebenfalls an.“ Von Spranger, „die sich bisher jedem Dialog sowohl von
       Vereins- als auch von Fanseite verweigert“ habe, erwarte er, „dass diese
       Polizeimaßnahmen gegen Fans sofort gestoppt werden“.
       
       Auf Anfrage der taz kündigte Spranger am Montag an, Mitte der Woche ein
       Gespräch mit Hertha-Geschäftsführer Peter Görlich und der
       Polizeipräsidentin Dr. Barbara Slowik Meisel zu führen. Die Frage, wann sie
       zuletzt an Sicherheitsgesprächen teilgenommen habe, blieb unbeantwortet.
       
       19 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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