# taz.de -- Olympia 1936: Des Führers Eiche in Koreatown
> Als Olympiasieger erhielt der Afroamerikaner Corny Johnson einen
> Eichensetzling. Hitler schaute weg. Künstler Christian Kosmas Mayer
> folgte der Spur des Baums.
(IMG) Bild: hsprung bei den Olympischen Spielen in Berlin
Cornelius Cooper „Corny“ Johnson zieht die Knie zur Brust, schnell, eins
nach dem anderen. Die Hochsprunglatte liegt auf 2,03 Meter. Seine zwei
verbliebenen Konkurrenten Dave Albritton und Delos Thurber haben schon
gerissen. Er beugt sich vor, stützt sich ab, richtet sich auf, nimmt
Anlauf. Sprint. Sprung. Olympischer Rekord. Der 23-jährige Johnson strahlt.
Noch während er sich die wärmere Hose anzieht, schüttelt er mit breitem
Lächeln Hände.
Bei den olympischen Sommerspielen in Berlin 1936 gewinnen die drei
US-amerikanischen Athleten Bronze, Silber und Gold. Während sie auf dem
Siegertreppchen stehen, wird Johnson wie allen Goldmedaillengewinnern jenes
Jahres ein getopfter Eichensetzling überreicht. Als „The Star-Spangled
Banner“ erklingt, strecken die drei Springer ihre Arme im Bellamy Salute
(einem amerikanischen Nationalgruß mit ausgestrecktem rechten Arm, doch
geöffneter Hand) in Richtung der Führerloge. Doch die hatte Hitler schon
verlassen. Je nach Quelle und Interpretation angeblich, weil die Spiele an
dem Tag zu lange dauerten.
Oder angeblich, weil Adolf Hitler keinen Schwarzen in seine Loge einladen
wollte, so wie er es mit den vorherigen Gewinnern getan hatte. Klar ist: In
[1][Leni Riefenstahls] NS-Propagandafilm „Olympia – Fest der Völker“ sehen
wir den Sprung, doch nicht die Preisverleihung. Klar ist: Es folgte eine
Rüge des Internationalen Olympischen Komitees an Hitler. (Woraufhin Hitler
nur noch die deutschen Sieger in sein Kabuff holte.) Klar ist auch: Zurück
in den USA lud der Demokrat Franklin Delano Roosevelt nur die Weißen unter
den US-amerikanischen Olympioniken ins Weiße Haus ein. Erst Barack Obama
versuchte dies durch Einladung der verbliebenen Angehörigen
wiedergutzumachen.
## Szenenwechsel: Das Museion in Südtirol
[2][Im Museion im Südtiroler Bolzano] recken kleine Eichenkeimlinge in
strahlenden Kästen ihre freundlich rundlichen Blätterkanten ins violette
UV-Licht. Aliengleich räkeln sich ihre gläsernen Wurzeln in einer
Nährlösung. Dicke Eicheln halten die Gewächse in den bauchigen Gläsern in
Balance. Der Künstler Christian Kosmas Mayer hat sie hier hergebracht. An
der Wand eine Videoinstallation. Aufnahmen eines Drohnenflugs.
Eine Gruppe junger Menschen um einen Liegestuhl auf einer
amerikanisch-zubetonierten Fläche unter einer einem knorrigen,
hochgewachsenen europäischen Eichenbaum. Die Drohne entfernt sich, ihr
Blick untersucht die Krone, das Blätterdach, die Umgebung, die
Nachbarschaft. Ein Solitär inmitten von Koreatown, Los Angeles, USA.
Freistehend kann Quercus robur, so der botanische Name der Stieleiche,
einen Stammumfang von bis zu 12 Metern bei einer Höhe von bis zu 40 Metern
entwickeln. Die „Deutsche Eiche“ ist die in Mitteleuropa am weitesten
verbreitete Eichenart. Es verwundert also wenig, dass der Baum auf Englisch
„English“ oder „British Oak“ genannt wird und auch in nationalen
Ikonografien Frankreichs und Italiens Eichenlaub auftaucht.
Quercus-Pflanzungen als Gedenk- und Ehrungsgeste verbreiteten sich in
Deutschland schon im 19. Jahrhundert: Als Luthereichen 1883 zum 400.
Geburtstag des Reformers, später als Kaisereichen, Bismarckeichen,
Hindenburgeichen und 1933, zum 450. Geburtstag Martin Luthers erneut zu
seinen Ehren – und zu Ehren des frischen Führers als Hitlereichen.
## Der Baum als ideologische Metapher
So wie sich der intellektuelle Samen der nationalsozialistischen Gesinnung
in alle Himmelsrichtungen streuen sollte, so sollte sich auch das Deutsche
Reich in der Welt verwurzeln. Es war die Idee des Berliner Gärtners Hermann
Rothe, den Wettkampfsiegern neben der Goldmedaille auch eine getopfte
„Deutsche Eiche“ zu überreichen. Dass ausgerechnet der Afroamerikaner Jesse
Owens als Einziger gleich vier der insgesamt 124 Bäumchen zurück in die
Staaten brachte, birgt eine gewisse Ironie der Geschichte.
Auch der Hochsprungsieger Corny Johnson nahm seinen Setzling zurück nach
Los Angeles und pflanzte ihn in den Garten seines Elternhauses, Nummer 1156
S Hobart Blvd – dem heutigen Koreatown. 1938 beendete er seine sportliche
Karriere, verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Postboote, trat später
der Armee bei und starb schon zehn Jahre nach seinem olympischen Rekord mit
nur 33 Jahren an einer Lungenentzündung.
Das Haus samt Eiche gingen in den Besitz seines Bruders über, von dem es
wiederum die mexikanische Einwandererfamilie Tomas kaufte. Der 1976
geborene deutsche Künstler Christian Kosmas Mayer stieß 2014 während eines
Aufenthalts eines Residenzprogramms in Los Angeles auf die Geschichten der
Olympia-Eichen und begab sich auf die Suche nach ihrem Verbleib. Durch
kleinteilige Archivarbeit erfuhr er vom Haus Johnsons – und fuhr dort
vorbei.
Ein bisschen erschrocken habe sich die Familie schon, erzählt Mayer, als
er, der Deutsche, nach der Herkunft der Eiche gefragt habe. Trotzdem
entspann sich schnell eine Art Freundschaft. Die Familie berichtete über
ihr Leben mit dem Baum und Mayer filmte. Aus Eicheln des Baums züchtete er
die Keimlinge in Nährlösung, die nun im Bozener Museum vor sich hin
schwimmen.
## Die Eiche als Weltbürger
Da der europäische Baum verwirrt vom Klima Kaliforniens seine Früchte nur
selten zur Reife bringt, musste der Künstler zunächst zusammen mit einem
Labor künstliche Nachkommen züchten. Aus Gründen des Pflanzenschutzes
schmuggelte er diese heimlich nach Europa: Ein in Nordamerika häufig
verbreiteter schädlicher Pilz verbietet die Einfuhr der Stieleiche – und
sei sie noch so steril geklont.
Die Eichenkinder sowie Mayers Videoarbeit von 2017 werden nun gemeinsam mit
historischen Olympia-Fackeln, eingebaut in eine große Installation der
Südtiroler Künstlerin Sonia Leimer, im Museion in Bolzano gezeigt – auf
halber Strecke zwischen Mailand und Cortina, [3][wo jetzt die 25.
Olympischen Winterspiele beginnen].
Und der alte Baum? Die Familie Tomas habe das Haus 2019 verkauft, berichtet
Mayer. Ein Unternehmer wollte das Gelände „entwickeln“. Nachbarn
informierten den Künstler. Dieser zögerte nicht und setzte sich gemeinsam
mit der Kuratorin Susan D. Anderson des California African American Museum
und dem botanischen Huntington Gardens beim Denkmalamt von LA dafür ein
Haus und Gebäude zu bewahren. Mit Erfolg.
Seit 2022 steht das Ensemble unter Denkmalschutz. Fragt man Mayer, warum
ausgerechnet diese Eiche nicht gefällt werden sollte, ist seine Antwort
klar: „Sie erzählt von Resilienz: davon, wie man Wurzeln schlägt, allen
Widersprüchen zum Trotz. Davon, widerständig zu bleiben, und
weiterzuwachsen nach eigenen Bedingungen. In ihr mischt sich der Optimismus
des Lebens mit einer Warnung: wie leicht selbst das Lebendige zum Symbol
gemacht, vereinnahmt und umgedeutet werden kann und wie wichtig es ist,
solchen Erzählungen die tatsächliche, komplexe Geschichte
entgegenzuhalten.“
Einen lebendigen Nachkommen hat Mayer bisher nicht ausgepflanzt – der
Kontext der unverrückbaren Geste muss gut gewählt sein.
7 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hilka Dirks
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