# taz.de -- Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen“: Details, in denen man sich verlieren könnte
> Das Kunstmuseum Stuttgart holt Werke des fast vergessenen Rolf Nesch
> hervor und stellt sie der Gegenwartskunst von Nadira Husain und Ahmed
> Umar gegenüber.
(IMG) Bild: Blick in die Ausstellung, links „Der Heilige Sebastian“ von Rolf Nesch, rechts Arbeiten von Nadira Husain
1942 erreichte den Künstler Rolf Nesch eine Falschmeldung, die ihn zutiefst
erschütterte: Pablo Picasso, dessen „Guernica“ er ein paar Jahre zuvor in
Oslo gesehen hatte, sei von den Deutschen nach Auschwitz verschleppt
worden. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Nesch gerade an einem großformatigen
Relief, einundeinhalb Meter hoch, drei Meter breit, aufgebaut wie ein
christliches Altarbild, zusammengesetzt aus allem möglichen Material, aus
Zinn und Glas, Mosaiksteinen, Fliesen und Steinen.
Seit der Besetzung Norwegens 1940, wohin Nesch kurz nach der
Machtergreifung 1933 ausgewandert war, suchte er zunehmend bei religiösen
Motiven nach Bildern für die Verfolgung und die Leiden des Krieges.
So auch bei dieser Arbeit. In der Mitte der titelgebende „Heilige
Sebastian“, ein grüner Körper durchbohrt von Pfeilen, die Arme nach oben
gereckt, die Beine gekrümmt. Rechts und links spannen Fabelwesen ihre
Bögen, ein listiges Schildkrötenwesen, eines mit drohend aufgerissenem
Fischmaul. Freundlicher gesinnt der Violinist ganz links im Bild, bekleidet
nur mit einer Kette mit den Symbolen für Glaube, Liebe und Hoffnung, und
die spitznasige Figur ganz rechts, die ein Schild mit einer norwegischen
Widmung hochhält: „Til Pablo Picasso“ (Für Pablo Picasso).
Zwischen 1941 und 42 entstanden, gilt „Der Heilige Sebastian“ als
Schlüsselwerk [1][Neschs]. Seit 1959 ist der Sebastian im Besitz der
Galerie der Stadt Stuttgart, Vorgängerinstitution des Kunstmuseums
Stuttgart. 1964 war er bei der documenta III in Kassel zu sehen. Umfassend
restauriert hängt er jetzt im [2][Kunstmuseum Stuttgart] in der Ausstellung
„Prägungen und Entfaltungen“.
Von den vielen seit den 1960ern nicht mehr gezeigten Werken Neschs – in
Norwegen ist der Künstler bekannter –, die sich in der Sammlung des
Kunstmuseums befinden, ging Kuratorin Eva-Marina Froitzheim aus. Statt in
einer Retrospektive entschied sie sich jedoch, diese gemeinsam mit Arbeiten
von [3][Nadira Husain] und Ahmed Umar auszustellen. Husain,
indisch-baskisch-französische Künstlerin, geboren 1980 und in Berlin
lebend; Umar, Jahrgang 1988, aus dem Sudan stammend, heute in Norwegen
lebend, nicht nur als Künstler, sondern auch als queerer Aktivist. Geboren
beide lange nach Neschs Tod, 1975 starb er in Oslo.
## Migrationserfahrungen haben alle drei
Wie es im Katalog zur Ausstellung heißt, eröffne sich „ein Dialog dreier
transkultureller Künstler:innen über das Verhältnis von Kunst, Migration
und kultureller Identität in Zeiten geografischer, sozialer und
wirtschaftlicher Veränderungen“. Alle drei, so heißt es weiter, brächten
Migrationserfahrungen unmittelbar in ihre künstlerischen Ausdrucksformen
mit ein, die jeweils auf Materialität, die Sinnlichkeit von Oberflächen und
die Freiheit des Experimentierens setzten.
So wie Nesch 1925 zunächst eher aus Versehen die Druckplatten für seine
„Steinernen Jungfrauen“ so lange im Säurebad ließ, bis sich Löcher
hineinätzten. Oder wie er später, in einer Serie zu Brücken seines
damaligen Wohnorts Hamburg, spontan Drähte und Geflechte auf seine
Druckplatte lötete. Auch diese Werke sind zu sehen. Und auf einer
großgezogenen Fotografie Neschs Hände, wie sie an einem seiner Metalldrucke
arbeiten. Sie schieben bemalte Formen und kleine Objekte aus Metall wie für
eine Collage übers Papier.
Briefe aus dem Exil nähern sich seiner Person an. Ebenso ein [4][Ausschnitt
aus der SWR-Landesschau] über dessen Ausstellung 1959 in der Staatsgalerie:
Der Künstler führt darin selbst durch die Räume, zeichnet seine Biografie
nach, ganz nüchtern, ohne die Miene zu verziehen, erzählt vom Aufwachsen im
Schwäbischen, von Ausbildung und Studium – an der Kunstakademie Dresden war
Kokoschka sein Professor. Und davon, wie er 1933 von einer Ausstellung
ausgeschlossen wurde und beschloss, das Land zu verlassen.
Vom Umzug nach Norwegen, seiner Begegnung mit dem von ihm verehrten
[5][Edvard Munch], der ihn freundlich zum Tee empfing. Auch seine Technik
erklärt er. Eine Zigarre zwischen den Fingern balancierend, bewegt sich
seine Hand vor einem seiner Materialbilder genannten Reliefs, in die er
verschiedenartige Objekte einarbeitete, verweist auf malerische Wirkungen,
auf Licht und Schatten.
## Sonderbare Gestalten
Überhaupt sind es die Details, in denen man sich verlieren könnte.
Gebraucht hätte Neschs Kunst die Gegenüberstellung mit Husain und Umar
nicht, doch sie hat ihren Reiz. Das Auge sucht nach Ähnlichkeiten. Bei
Husains von indischer Miniaturmalerei und europäischen Comics inspirierten
malerischen Installationen findet es diese vielleicht bei den bunten Formen
und den sonderbaren Gestalten, die in der Kunst beider auftauchen.
Bei Umar ist es eher das Material und die Art und Weise, wie er sich dieses
aneignet, was an Nesch erinnert. Gipserne Hände lässt Umar durch die Wand
wachsen, gestenreich zeigen sie filigrane Schätze aus Glas, Hölzern,
Hörnern, Leder vor. Seit 2018 arbeitet der Künstler an der Serie „Glowing
Phalanges“, verwendet darin Objekte und Fundstücke aus Afrika und Asien,
die als Souvenirs auf norwegischen Flohmärkten landeten. „Glowing
Phalanges“, glühende Fingergelenke – der Titel verweist auf sufistische und
wahhabitische Gebetsrituale. Das Erstaunliche, es versteckt sich auch hier
im Detail.
12 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Austellung-in-Stade/!5068615
(DIR) [2] /Portraetmalerei-aus-der-Weimarer-Zeit/!5983068
(DIR) [3] /Ausstellung-von-Nadira-Husain/!5863096
(DIR) [4] https://www.ardmediathek.de/video/swr-retro-abendschau/ausstellung-rolf-nesch-in-der-staatsgalerie-stuttgart/swr/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEyMDkyMTU
(DIR) [5] /Edvard-Munch-in-Oslo/!5937246
## AUTOREN
(DIR) Beate Scheder
## TAGS
(DIR) China
(DIR) Olympia 1936
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