# taz.de -- Attentat von Davos 1936: Ein Mord, den Hitler nutzte
> 1936 erschießt ein jüdischer Medizinstudent den NSDAP-Funktionär Wilhelm
> Gustloff. Ein Attentat, das zeigt, wie früh Widerstand bereits möglich
> war.
(IMG) Bild: Student David Frankfurter (rechts) mit seinem Rechtsanwalt kurz vor seiner Abreise nach Palästina am Berner Bahnhof im August 1945
Der Abend des 4. Februar 1936 verspricht in dem kleinen, tief verschneiten
Schweizer Kurort [1][Davos] ruhig zu werden. Im Haus sind manche Bewohner
um kurz vor 20 Uhr schon zu Bett gegangen, als es bei Familie Gustloff im
3. Stock klingelt.
Hedwig Gustloff öffnet die Tür, und als der junge männliche Besucher fragt,
ob er ihren Mann sprechen könne, geleitet sie ihn in dessen Arbeitszimmer
und bittet ihn, dort zu warten. Er telefoniere noch, werde sich aber gleich
um den Besucher kümmern.
Dass so spät noch fremde Besucher um ein Gespräch mit Wilhelm Gustloff
bitten, ist nicht ungewöhnlich, denn der 41-jährige Deutsche ist der Führer
einer Organisation, die in der Schweiz für viel Aufsehen und Kritik sorgt:
der Auslandsorganisation [2][der NSDAP], deren Aufgabe es ist, die
NS-Ideologie unter den im Ausland lebenden Deutschen zu verbreiten.
Gustloff, geboren im mecklenburgischen Schwerin, lebt seit 1915 in Davos
und geht seiner Aufgabe in der Alpenrepublik mit großem Eifer nach.
Als er gegen 19.55 Uhr sein Arbeitszimmer betritt, erwartet ihn dieser
unbekannte junge Mann, richtet eine Pistole auf ihn und drückt ohne zu
zögern viermal ab. Drei Kugeln treffen den Hausherrn, der blutend
zusammenbricht. Anschließend flieht der Täter aus der Wohnung.
Herbeigerufene Ärzte können das Leben des Opfers nicht mehr retten.
## Warum wurde er erschossen?
Kurze Zeit später stellt sich der Täter freiwillig der Polizei und wird
verhaftet. Im ersten Verhör stellt sich heraus, um wen es sich bei diesem
Mann handelt. Sein Name lautet David Frankfurter. Er ist ein
Medizinstudent, wohnhaft in Basel, mit jugoslawischer Staatsangehörigkeit.
Als er am selben Abend der frischgebackenen Witwe zur Identifizierung
gegenübergestellt wird, antwortet er auf ihre Frage, warum er ihren Mann
erschossen habe: „Weil [3][ich Jude] bin.“
Im Laufe der folgenden Verhöre wird deutlich, dass Frankfurter höchst
empört ist über die antisemitische Politik des Nazi-Regimes in Deutschland,
die gerade durch die Nürnberger Rassegesetze vom September 1935 einen neuen
Höhepunkt erreicht hat. Er beschließt, etwas dagegen zu tun, indem er den
offiziellen Repräsentanten der NSDAP in der Schweiz umbringt. Er leugnet zu
keiner Zeit seine Tat und erklärt, dass er sie nicht bereue.
Der Mord an Gustloff erregt weltweit Aufsehen. Die Regierung in Bern ist
bemüht, Adolf Hitler zu besänftigen. Doch dessen Propagandaminister Joseph
Goebbels frohlockt in Wahrheit. Ein Repräsentant des Dritten Reiches,
erschossen von einem Juden – etwas Besseres kann dem NS-Regime, das sich in
einem Krieg gegen das „internationale Judentum“ sieht, gar nicht passieren.
Der in der deutschen Bevölkerung völlig unbekannte Gustloff wird zu einem
„Märtyrer der Bewegung“, einem „Blutzeugen“ des Kampfes gegen das Judentum
stilisiert. Er bekommt ein Staatsbegräbnis in seiner Heimatstadt, zu dem
Hitler und Goebbels sowie andere führende Vertreter des Regimes anreisen.
Das berühmteste Kreuzfahrtschiff der Freizeitorganisation „Kraft durch
Freude“ trägt alsbald seinen Namen.
Der Fall Frankfurter/Gustloff hat große Ähnlichkeiten mit dem Fall des
jüdischen Jugendlichen Herschel Grynszpan, der knapp drei Jahre später, am
7. November 1938, in Paris ein Attentat auf den deutschen
Botschaftssekretär Ernst vom Rath verübt und damit ungewollt Goebbels einen
willkommenen Vorwand für die Reichspogromnacht zwei Tage später gibt.
## Perfide Propagandawelle
1938 rollt das NS-Regime eine perfide Propagandawelle gegen die Juden aus.
Alleine in der Nacht vom 9. auf den 10. November und in den Tagen danach
sterben rund 1.000 Juden, und etwa 30.000 werden in Konzentrationslager
verschleppt. Synagogen brennen, Geschäfte und Wohnungen jüdischer
Bürgerinnen und Bürger werden geplündert.
Aber jetzt, Anfang Februar 1936, bleiben solche von oben gelenkten
Ausschreitungen aus, obwohl Goebbels nur zu gerne den Mord von Davos zum
Anlass nehmen würde, gezielt gegen die deutschen Juden vorzugehen. Die
Frage ist, warum er das nicht macht.
Ein Blick in den Kalender zeigt es. Zwei Tage nach Frankfurters Tat in
Davos beginnen rund 180 Kilometer nordöstlich in Garmisch-Partenkirchen die
Olympischen Winterspiele. Sie sind für das Dritte Reich ein wichtiges
Propaganda-Ereignis, das durch nichts gestört werden darf. Zwar stehen sie
an sich im Schatten der Sommerspiele, die vom 1. bis 15. August in Berlin
stattfinden sollen. Aber seit dem Machtantritt Hitlers hat es eine breite
internationale Boykottbewegung in mehreren Ländern, allen voran den USA,
gegeben.
Ihr Ziel ist es, zu verhindern, dass die eigene Nation an den Spielen in
Garmisch-Partenkirchen und Berlin teilnimmt. Die Winterspiele sollen
zeigen, dass Nazi-Deutschland ein freundliches Gesicht hat und Juden sich
hier angeblich keinerlei Diskriminierungen ausgesetzt sehen.
Daher gibt es auch aus Berlin die klare Anweisung, mögliche Hinweise darauf
– wie zum Beispiel weitverbreitete Schilder mit der Aufschrift „Juden sind
hier nicht erwünscht“ – für die Zeit der Spiele abzubauen. Ausgerechnet am
Veranstaltungsort hat es diesbezüglich in den Wochen vor dem 6. Februar
Probleme gegeben. Und besonders ärgerlich ist aus Sicht der Führung, dass
in der Gegend rund um Garmisch-Partenkirchen vereinzelt Volksgenossen gegen
jüdische Bürger vorgehen, nachdem die Nachricht vom Mord an Gustloff
bekannt geworden ist.
Es sind die Geister, die die Propaganda selbst gerufen hat, aber diesmal
müssen sie noch stillhalten. Nur ein scharfer Befehl von
Reichsinnenminister Frick kann das unterbinden. Die Spiele werden aus
NS-Sicht ein großer Erfolg und anschließend bricht die internationale
Protestbewegung zusammen.
## Widerstand gegen die Nazis war schon früh möglich
Im Wissen um die Ereignisse von 1938 wird klar, dass die Olympischen
Winterspiele im Februar 1936 möglicherweise vielen deutschen Juden das
Leben retten.
David Frankfurter wird im Dezember 1936 in Chur zu einer 18-jährigen
Haftstrafe verurteilt. Schon damals munkeln viele Schweizer, er werde von
diesen 18 Jahren nur die 1000 Jahre des Dritten Reiches absitzen müssen. So
kommt es: Frankfurter wird am 1. Juni 1945, wenige Wochen nach der
deutschen Kapitulation, aus dem Gefängnis entlassen und aus der Schweiz
ausgewiesen.
Er zieht nach Palästina, arbeitet später für das israelische
Verteidigungsministerium, stirbt 1982. Vor seinem Tod bekundet er mit Blick
auf seine Tat von 1936: „Wahrscheinlich würde ich es wieder machen.“
Ganz gleich, wie man zur Tat Frankfurters Tat steht, immerhin handelt es
sich um einen Mord: Der junge Jude zeigt damit – genau wie Herschel
Grynszpan oder der Arbeiter Georg Elser –, dass Widerstand gegen den
Nationalsozialismus viel früher möglich war als erst im Angesicht des
Untergangs des Dritten Reiches.
Vielleicht gerät Frankfurter so wie Grynszpan und Elser gerade deshalb nach
dem Krieg schnell in Vergessenheit, weil daran in Deutschland kaum jemand
gerne erinnert werden möchte.
4 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Armin Fuhrer
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