# taz.de -- Olympische Winterspiele 1936: In Steilkurven lässt sich's leicht stürzen
       
       > Vor 90 Jahren fanden in Garmisch-Partenkirchen Nazi-Spiele statt. Damit
       > tut sich der Ort schwer. Dabei haben die Sportstätten etwas zu erzählen.
       
 (IMG) Bild: Olympia 1936: Bobfahrer inspizieren die Bahn
       
       Heute ist die Bobbahn von Garmisch-Partenkirchen nur noch ein Fußweg in
       einem dichten Wald. Unkraut wächst, alte Holzplanken sind zu sehen und
       piksende Sträucher stören beim Wandern. Vom unterhalb gelegenen Riessersee
       sind Musik und Lachen zu hören, manchmal lässt sich durch die Bäume der See
       mit seinem Strandbad erblicken.
       
       Hier fanden 1936 die Bobrennen der Olympischen Winterspiele statt. Seit
       ihrer Eröffnung 1910 hat man die Bahn immer wieder verändert. Besonders für
       Olympia wurde die Anlage modernisiert und spektakulärer gemacht. Dass die
       „Bayernkurve“ gefährlich war, sieht man noch heute. Eine Tafel listet vier
       Todesfälle an der Steilwand auf. In Betrieb ist die Bahn seit 1966 nicht
       mehr.
       
       Immer wieder muss die Strecke vom wuchernden Gestrüpp befreit werden. Im
       früheren Bobschuppen findet sich ein Museum, das der örtliche Sportclub
       Riessersee eingerichtet hat. Der SC war über Jahrzehnte Deutschlands
       führender Bob- und Eishockeyverein. Die Ehrenamtler des SC kümmern sich um
       die Bahn und pflegen liebevoll die Ausstellung. Alte Schlitten sind zu
       bewundern, historische Fotos zu betrachten, ein Film wird gezeigt, und
       Besucher können sich auch in den Viererbob setzen, mit dem Anderl Ostler
       vom SC Riessersee 1952 in Oslo Olympiasieger wurde. Ein historischer Sieg,
       nämlich die erste deutsche Goldmedaille nach der NS-Diktatur.
       
       Das Thema [1][Olympia 1936] wird in dem Museum nicht verschwiegen, aber
       viel findet sich auch nicht dazu. Keine Rede ist etwa von Philippe de
       Rothschild, einem jüdischen Bobpiloten aus Frankreich. Er gehörte zu den
       heute weitgehend vergessenen Sportlern, die Olympia in Nazideutschland
       boykottierten. Rothschilds Ehefrau und Tochter wurden 1941 in das KZ
       Ravensbrück deportiert, die Frau wurde dort ermordet.
       
       ## Erinnerungsjahr geplant
       
       Im Februar 2026 soll auf einem Teil der alten Bahn ein historisches
       Bobrennen stattfinden, mit anschließender Museumsführung. Für das
       „Garmisch-Partenkirchner Tagblatt“ wird dies ein „Höhepunkt“ des Jahres.
       Die bayerische Marktgemeinde hat nämlich ein Erinnerungsjahr zu den
       Olympischen Spielen 1936 ausgerufen. Schließlich war es ein Weltereignis –
       und zwar eines, ohne das es diesen Ort nicht gäbe. 1935 wurden die
       unabhängigen Marktgemeinden Garmisch und Partenkirchen zwangsvereinigt.
       Aller Selbstinszenierung als ländliche Idylle nahe der Zugspitze zum Trotz,
       ist der Ort [2][bis heute von Olympia geprägt] – mit seinen mehrspurigen
       Straßen, seinen hingeklotzten Bauten und mit seinen Sportstätten.
       
       Dass das Bild der Bobbahn als Natureisbahn so nicht stimmen kann, war schon
       den NS-Organisatoren klar. „Die liebsten Kinder der Technik scheinen doch
       die Bobbahnen zu sein“, schrieb eine deutsche Zeitung damals.
       „Selbstverständlich wurden alle Hilfsmittel verwendet, die für die
       Abwicklung großer Rennen erforderlich sind“, hieß es in einem anderen
       Blatt, und in einer weiteren NS-Zeitung stand: „Bobbahnen für den großen
       Bobsport werden künstlich angelegt.“
       
       Es gab eine Wasserleitung, die für die ständige Vereisung der Bahn sorgte.
       Dazu gab es einen elektrischen Aufzug für die Bobs, die Streckenposten
       waren mit Telefon verbunden, eine Lautsprecheranlage ermöglichte es, die
       Zuschauer in Echtzeit über Rennverlauf und -ergebnis zu informieren, und
       die Eisplatten für die Kurven wurden durch Planen vor der Sonne geschützt.
       Das Eis wurde aus dem hinteren Teil des Riessersees gesägt, denn der fror
       immer schnell zu. Unter anderem der olympische Eisschnelllauf und die
       ersten Spiele des Eishockeyturniers fanden auf dem Riessersee statt.
       
       Über eine halbe Million Touristen waren in die Marktgemeinde gekommen,
       damals ein Rekord. Allein das Springen von der Schanze sahen über 100.000
       Menschen, das Eishockeyturnier fand vor 200.000 Besuchern statt, und auch
       an der Bobbahn gab es Zuschauerrekorde. Das Skistadion musste während der
       Spiele noch vergrößert werden, damit für die Schlussfeier Menschen mehr
       Platz fanden, insgesamt 130.000. „Meinen und des deutschen Volkes
       tiefgefühlten Dank“ hatte Adolf Hitler nach den Spielen den Herren des
       Internationalen Olympischen Komitees ausgedrückt. Das beschloss prompt, die
       Olympischen Winterspiele 1940, die dem schweizerischen St. Moritz
       abgenommen wurden, erneut in Garmisch-Partenkirchen auszutragen.
       
       ## „Nazipropagandaspiele“
       
       „Das waren Nazipropagandaspiele, ganz klar“, sagt Elisabeth Koch. Die
       CSU-Politikerin ist seit 2020 erste Bürgermeisterin von
       Garmisch-Partenkirchen. Noch 1996 untersagte einer ihrer Vorgänger, Toni
       Neidlinger, ebenfalls CSU, dass beim Olympia-Erinnern Hakenkreuze gezeigt
       würden. Als sich die Marktgemeinde vor 15 Jahren an der Seite Münchens um
       die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele im Jahr 2018 bemühte, schrieb
       der „Spiegel“, Garmisch-Partenkirchen halte seine „Geschichte seit
       Jahrzehnten versteckt wie giftiger Müll“.
       
       Elisabeth Koch will nichts verstecken. „Das Gedenkjahr wird keine
       Jubelveranstaltung“, erklärt sie der taz. Sie will, dass es unter dem Titel
       „Spuren im Schnee“ eine Ausstellung geben wird, „eine äußerst kritische
       Betrachtung“. Noch gibt es diese nicht, die Gelder sind allerdings bereits
       im Haushalt 2026 angemeldet und die Chancen stehen sehr gut, dass die
       Gremien diese Mittel hierfür auch bewilligen werden.
       
       Doch es gibt in Garmisch-Partenkirchen bereits eine Ausstellung, die sich
       kritisch mit den 1936er-Spielen beschäftigt. „Die Kehrseite der Medaille“
       heißt sie und war 2011 im olympischen Skistadion eröffnet worden, im
       Vorfeld der alpinen Ski-WM. 2018 wurde sie abgehängt, weil das Stadion
       erneuert wurde. Doch 2020, als sie wieder aus dem Keller geholt werden
       sollte, wurde die bisherige SPD-Bürgermeisterin abgewählt, Elisabeth Koch
       kam ins Amt.„Das war eine zu einfache Darstellung“, kritisiert Koch die
       alte Ausstellung. „Nur Fotos und Texte an der Wand, das reicht nicht.“ Doch
       die Initiative, im olympischen Skistadion ein modernes Museum und eine
       Forschungsstelle einzurichten, wurde damals verworfen. Es koste zu viel.
       
       Alois Schwarzmüller, ein früherer Schuldirektor und Historiker, der auch an
       der „Kehrseite“-Ausstellung beteiligt war, erinnert sich, er habe
       „vielfache Zusicherungen zur Wiederbelebung der Ausstellung“ bekommen, auch
       von Elisabeth Koch. Die erklärt nun jedoch deutlich: „Es wird diese
       Ausstellung in der bisherigen Form nicht mehr geben, auch nicht
       interimsmäßig, da das Format einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Aber die
       Thematik wird selbstverständlich in ein neues Gesamtkonzept mit aufgenommen
       und behandelt.“ Schwarzmüller vermutet dahinter jedoch eine „[3][Angst vor
       der AfD]“, die die Aufarbeitung der NS-Geschichte behindere.
       
       ## „Spannungsgeladenes Thema“
       
       Koch hingegen sagt: „Es geht uns nicht darum, dass nur etwas an der Wand
       hängt.“ Sie will auf der Basis sorgfältiger Recherche gegen die AfD
       vorgehen. Daher müsse die Geschichte ohne eine konkrete Orientierung auf
       das Datum des anstehenden Olympiajubiläums im Februar aufgearbeitet werden.
       Koch hat sich dazu die Unterstützung der Historikerin Miriam Zadoff geholt.
       Die leitet das NS-Dokumentationszentrum München. Mit allzuviel Opposition
       rechnet Koch nicht. „Bislang wurde so etwas nicht an mich herangetragen.“
       
       In ihrem Grußwort zum Gedenkjahr spricht Koch jedoch von einem
       „spannungsgeladenen Thema“, das „immer wieder zu kontroversen Diskussionen“
       führe. Skeptisch ist auch Alois Schwarzmüller: „Die Ängste vor einer
       deutlichen Auseinandersetzung mit den NS-Winterspielen 1936 sind nach
       meiner Beobachtung immer noch zu spüren.“
       
       Es gibt tatsächlich in der Marktgemeinde noch viel Lobhudelei der
       Nazispiele. Ausgerechnet auf der Website der Garmisch-Partenkirchen
       Tourismus GmbH, eine hundertprozentige Tochter der Marktgemeinde, wird ein
       tolles Gefühl beschworen, „das die Urlaubsregion am Fuße der Zugspitze seit
       den Olympischen Spielen 1936 geprägt hat“, nämlich: „Der Hauch von
       Siegeswillen und Ruhm“. Der sei heute noch zu spüren. Elisabeth Koch ist
       Aufsichtsratsvorsitzende der Tourismus GmbH. Zu dem Text auf der Website
       sagt sie: „Das wird geändert.“ Üblicherweise nehme sie keinen Einfluss aufs
       operative Geschäft, hier aber schon. „Was wir planen, hat ja auch Bedeutung
       für den Tourismus.“
       
       Koch setzt auf eine langfristige Auseinandersetzung mit den Nazispielen,
       die sich für sie nicht nur auf 1936 beschränken. Vieles, was man in der
       Stadt mit Olympia verbinde, sei für die Spiele gebaut worden, die vier
       Jahre später stattfinden sollten. Beispielsweise das Skistadion. „So wie es
       heute steht, war es für die Spiele 1940 gebaut worden“, erklärt Koch, die
       heutige Hufeisenform gab es 1936 noch nicht.
       
       ## „Neue gewaltige Sportanlagen“
       
       1939 hatte der Völkische Beobachter das Programm skizziert: „Neue gewaltige
       Sportanlagen entstehen.“ Bei den Bauarbeiten wurden auch Zwangsarbeiter
       eingesetzt, von denen einige zu Tode kamen. Auch an sie möchte Koch
       erinnern. Alois Schwarzmüller hat recherchiert, dass 40 französische
       Kriegsgefangene im Ski- und 30 im Eisstadion eingesetzt wurden. Sogar im
       Dezember 1941 notierte die Schutzpolizei noch: „Zur Fertigstellung der im
       Bau begriffenen Olympiabauten stehen dem Bürgermeister des Marktes
       Garmisch-Partenkirchen 170 russische Kriegsgefangene zur Verfügung.“
       
       Olympia 1940 fand wegen des Weltkriegs nicht statt, aber die Sportstätten
       wurden weiter genutzt und ausgebaut, auch die Bobbahn am Riessersee. 1938
       fanden hier Weltmeisterschaften statt. Nach 1945 ging es weiter: 1953, 1958
       und 1962 gab es am Riessersee Weltmeisterschaften. Seit 2003 steht das
       gesamte Ensemble unter Denkmalschutz. Mittlerweile friert der See in den
       Wintermonaten nur noch für wenige Tage zu, im vergangenen Winter war er nur
       an zwei oder drei Tagen betretbar.
       
       Schon 1936 konnten die NS-Organisatoren nicht so ganz auf Schnee und Eis
       vertrauen. Wenige Tage vor Beginn hatte es noch nicht geschneit. Die
       NS-Zeitungen hatten die Bobbahn im Vorfeld „Schmerzenskind“ oder
       „Sorgenkind“ getauft. Erst kurz vor der Eröffnung wurde die mit 20.000
       Eisziegeln ausgestattete gefährliche „Bayernkurve“ fertig. „Um 4 Uhr am
       Mittwochmorgen war die Riesenarbeit geschafft, das stolze Kunstwerk der
       Bobbahn vollendet“, wie eine Zeitung schrieb. Am Donnerstag, 6. Februar,
       hat Adolf Hitler die Spiele eröffnet.
       
       3 Jan 2026
       
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