# taz.de -- NS-Gegner und Anarchist Otto Weidt: Kein Schicksal wird es biegen
       
       > Seit wenigen Wochen steht in Berlin eine Gedenkstele für Otto Weidt. An
       > ihn erinnert nun auch eine Graphic Novel, die beklemmende Fragen
       > aufwirft.
       
 (IMG) Bild: Der Betreiber der Berliner Blindenwerkstatt, Otto Weidt
       
       Wie sah es aus, das Berlin der Nazis? Wie fühlte es sich an, durch
       hakenkreuzbeflaggte Straßen zu gehen? An zerbrochenen Scheiben,
       eingeschlagenen und mit Judenhass beschmierten Schaufenstern vorbei?
       
       Eine Graphic Novel bietet zusätzlich zum Wort noch eine Bildebene an, die
       das, was so vielfach schon von Zeitzeug*innen erzählt wurde, auf andere
       Weise gestaltet. „Man könnte das Genre als einen Film auf Papier
       beschreiben“, sagt Illustrator und Autor Niels Schröder, der mit
       „[1][Blindes Vertrauen. Otto Weidt, ein ‚Gerechter unter den Völkern‘]“ nun
       schon seine dritte Graphic Novel zu einem Thema des Deutschen Widerstands
       vorgelegt hat.
       
       Schlägt man das Buch auf, steht man vor dem Brandenburger Tor im Jahr 1941.
       Es ist das dritte Jahr des Zweiten Weltkriegs, aber schon das achte Jahr
       des Kriegs gegen die Juden, so heißt es gleich auf der ersten Seite.
       „Deutsche, wehrt euch! Judas verrecke! Juden ist das Betreten des Bades
       verboten.“ Neben den Hetzplakaten stehen breitbeinig und in braunen
       Uniformen die Nazis. Die Synagogen brennen. Auf der Ladefläche eines Wagens
       dicht zusammengerottet Braunhemden, eine undurchdringliche Front. Passanten
       werden auf der Straße angehalten, am Kragen gepackt, weggeschleppt,
       Entsetzen im Gesicht.
       
       ## Wo stünde man wohl selbst?
       
       Die Graphic Novel „Blindes Vertrauen“ zieht mit ihrer beklemmenden
       Vergegenwärtigung die Betrachterin hinein in diese finstersten
       Verhältnisse, die vor 80 Jahren die Berliner Straßen beherrschten:
       Verhältnisse, vor denen man fliehen, denen man sich unbedingt entziehen
       möchte, und die mit der Frage konfrontieren, wo man wohl selbst stünde,
       wäre man in diese Zeit hineingeboren.
       
       Fliehen konnten die Jüdinnen und Juden seit Kriegsbeginn so gut wie nicht
       mehr. Nicht entzogen haben sich einer empfundenen Mitverantwortung für die
       jüdischen Menschen nur wenige.
       
       Als ein extrem kreativer, geradezu ausgefuchster Helfer und Retter sollte
       sich der Tapezierer und erklärte [2][Anarchist Otto Weidt (1883–1947)]
       erweisen. Als Weidt, schon über 50, fast vollständig erblindete, ließ er
       sich zum Bürstenmacher ausbilden und eröffnete zusammen mit Gustav Kremmert
       1939 seine Bürstenwerkstatt, in der er rund 30 fast ausschließlich jüdische
       Blinde, Seh- und Hörbehinderte beschäftigte.
       
       Sie werden zu Hauptfiguren in der Graphic Novel, in Nahansicht zu sehen:
       Leo Goldstein, Siegfried Lewin, die vierköpfige Familie Horn, die Weidt
       zehn Monate in der Werkstatt verstecken konnte, bevor sie bei einer Razzia
       entdeckt und deportiert wurden. Alice Licht, Weidts junge Sekretärin, der
       es noch vom Transport nach Auschwitz gelang, eine Postkarte aus dem Zug zu
       werfen – die Weidt erreichte.
       
       Mit einer kaum begreiflichen Furchtlosigkeit machte Otto Weidt, der nun
       schon jahrelang die Gestapo bestochen, Pässe gefälscht, Verstecke besorgt
       hatte, sich auf, um unter dem Vorwand seines ja kriegswichtigen
       Bürstenbetriebs Informationen über Alice Licht und ihre Eltern in Auschwitz
       zu erhalten.
       
       ## Wie ein Film rollt sich die Graphic Novel vor den Augen ab
       
       Schröders schreckensvoller „Film auf Papier“ ist meist in düsteren Farben
       gehalten, aus denen das Gelb von Weidts Blindenbinde, das Gelb des
       Judensterns ebenso herausschreien wie das Blutrot der Naziflaggen an den
       Häusern. In Textblöcken am Rand der Bilder sind die sich überschlagenden
       Ereignisse dieser Jahre notiert. Gerade für ein junges, historisch bereits
       weit von der Nazizeit entferntes Publikum ist die Graphic Novel der
       perfekte „Film“, um sich anhand dieses konkreten Dramas den Jahren
       anzunähern, die Deutschland bis heute zeichnen.
       
       Nach dem Krieg werden [3][Otto und Else Weidt] beim Aufbau eines jüdischen
       Waisenheims helfen. Otto Weidt stirbt, entkräftet, schon 1947. Das Buch
       endet mit Weidts eigenen Gedichtzeilen aus dem Jahr 1917, als er noch nicht
       ahnen konnte, wie viel ihn diese Selbstverpflichtung kosten würde: „[…] Ich
       kann enden, kann vollenden / Immer in den eignen Händen / Wird mein Glück
       und Unglück liegen / und kein Schicksal wird es biegen.“
       
       Weidt, so sagte es Inge Deutschkron, Weidts Mitarbeiterin und
       Hauptverantwortliche für das Gedenken an ihn, „tat etwas für jene Zeit
       Unglaubliches, er behandelte uns wie Menschen …“.
       
       14 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/blindes-vertrauen.html
 (DIR) [2] /Das-Zimmer-hinter-dem-Schrank/!5931798/
 (DIR) [3] /Das-Versteck-in-der-Rosenthaler-Strasse/!233967/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernadette Conrad
       
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