# taz.de -- Armut ist eine Systemfrage: Ein Gefühl von Ausschluss
> Wenn zum Jahresende kostenlos Gänsekeulen verteilt werden, verfestigt
> sich das Gefälle von Arm und Reich. Und die Systemfrage wird ausgelagert.
(IMG) Bild: Second-Hand-Gymnastikschläppchen sind aus mehreren Gründen gut, darunter Kosteneinsparung und ökologische Nachhaltigkeit
Der Musiker Frank Zander und weitere Promis servieren jedes Jahr
Weihnachtsgänse, das Kinderhilfswerk Arche in Berlin verteilt Geschenke an
„bedürftige“ Kinder, die Berliner Tafel verschenkt Gutscheine und
Lego-Sets. Selbst das Hofbräuhaus am Berliner Alexanderplatz lädt
bedürftige Familien am Heiligabend zum Essen ein.
Ich bin eine solche „Bedürftige“ und trotzdem frage mich immer wieder: Bin
ich die Einzige, der all das aufstößt? Ja, es sind tolle Angebote, und die
meisten Beschenkten freuen sich darüber. Als alleinerziehende Mutter mit
zwei Kindern bin ich ergänzend auf Bürgergeld angewiesen. Kostet eine Gurke
nur 1,39 Euro, freue ich mich darüber, wie über alles, was unseren Alltag
finanziell erleichtert. Wenn der dritte verlorene Handschuh vom Schulkind
oder die herausgewachsenen Hausschuhe vom Kitakind Sorgen bereiten,
reduzieren Geschenke meine Sorgen.
Gleichzeitig möchte ich diese Dankbarkeit mit so etwas wie Stolz und auf
Augenhöhe ausdrücken. Bei der Tafel anzustehen, nichts anfassen zu dürfen,
das Lego-Set mit der Bitte überreicht zu bekommen, dass meine Kinder als
Dankeschön ein Bild für die Spender malen sollen, löst ein großes Unbehagen
in mir aus. Ebenso wenn der Pfarrer immer wieder von „bedürftigen Kindern“
redet. Meine Kinder bedürftig? Ja, sie gelten als arm. Doch diese Kluft,
das distanzierende Wir-sie-Denken – wir, denen es gut geht, und sie, denen
es schlecht geht – [1][ist ein Gefälle], das auch Projektionsfläche für das
gute Gefühl von Ehrenamtlichen darstellt.
## Wenn arme Kinder in der Schule Spenden sammeln
Auf dieser Ebene wird Armut ausgelagert. Sie findet quasi nicht statt
beziehungsweise nur an bestimmten Orten: in der Arche, in der Schlange bei
der Tafel, unter der Brücke. Dass in der Schulklasse, in der Spenden für
Kinder der Berliner Tafel gesammelt werden, selber ein Teil als arm gilt,
wird kaum wahrgenommen.
Vor allem zu Weihnachten oder in der Laternenzeit, in der gern erklärt
wird, wie gütig Sankt Martin war, der seinen Mantel geteilt hat, werden
„arme Menschen“ homogenisiert. Wer ist denn dieser Bettler am Jahresanfang
im Schnee? Der durch die U-Bahn wandert und um Spenden bittet. Warum ist er
arm und der heilige Martin reich? Der Bettler bleibt namenlos. Auch in den
Medientexten, Podcasts, Videos gibt es dasselbe Schema: Promis werden
individuell dargestellt, die Menschen mit Bürgergeldbezug als „arme Masse“.
Dass wir mehr sind als nur eine Bedarfsgemeinschaft, würde uns zwar
keine*r absprechen, doch die Erzählung, warum Alleinerziehende mit Kindern
in Armut leben, ist unzureichend. Möglicherweise ist bekannt, dass die
meisten von uns nicht Vollzeit arbeiten können, weil dann die
Kinderbetreuung nicht gewährleistet ist. So verdienen wir zu wenig, um uns
eine angemessen große Wohnung leisten zu können und all die Dinge, die den
Alltag erleichtern. Vergessen wird aber meist, dass wir in der Regel 24/7
allein für alles zuständig sind. Krankheit, Wege, Zuständigkeiten – alles
muss man allein bewerkstelligen.
Auch Politiker*innen zeigen sich gerne an den Ausgabestellen von
Tafeln und Suppenküchen und loben in ihren Schürzen die karitative Arbeit.
Dabei ist das Problem hausgemacht: Von den vielen unterschiedlichen
Leistungen für Familien profitieren Alleinerziehende am wenigsten. Eva
Maria Hohnerlein, Rechtswissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für
Sozialrecht und Sozialpolitik in München, spricht von kannibalisierenden
Wechselwirkungen. [2][Die unterschiedlichen Leistungen wie Unterhalt,
Unterhaltsvorschuss, Kinderzuschlag, Bürgergeld, Wohngeld fressen sich
gegenseitig auf.]
Das Armutsrisiko für Ein-Eltern-Familien steigt so seit Jahren. So bekomme
ich seit diesem Januar 8 Euro weniger Bürgergeld – weil das Kindergeld um 4
Euro ansteigt. Mir wird als „Bedürftige“ das Mehr an Kindergeld gleich
wieder vom Regelsatz meiner Kinder abgezogen, während die Gurke weiterhin
1,39 kostet. Die Inflation wird bei der neuen Grundsicherung ignoriert.
Statt in den Supermarkt geht es zur Tafel, dadurch entstehen zwei getrennte
Welten. Armut ist nicht per se ein Identifikationsmerkmal, sie kann aber
eins werden, wenn man nicht merkt, dass sie strukturelle Ursachen hat. Die
Haltung „Ich bin nicht arm, ich werde arm gemacht“ ermöglicht eine andere
Betrachtungsweise und wirkt empowernd.
## Kinder werden dem Staat mehr einbringen als sie kosten
Es gibt in Berlin Reiseangebote für Familien mit Bürgergeld, es gibt
Essensausgaben und Kleiderkammern. Das hat alles seine Daseinsberechtigung,
ich möchte nicht undankbar sein. Aber ich merke, dass ich den Kopf
einziehe, wenn ich bei der Tafel Schokolade für meine Kinder bekomme. Ist
es Scham? Ja, auch. Ist es ein Gefühl von Ausschluss? Ja. Ich fühle mich
tatsächlich nicht zugehörig. Ist es ein [3][Gefühl von Ungerechtigkeit]?
Auch das. Hätte ich keine Kinder, wären Konsum und ein gutes Auskommen
unproblematisch. Dabei werden meine Kinder später, wenn sie selbst
arbeiten, dem Staat mehr einbringen, als sie heute kosten. Das haben
Berechnungen gezeigt.
Ja, es wäre schön, wenn ich für meine zwei kleinen Fachkräfte und
Steuerzahler ein Lego-Set im Laden kaufen könnte. Ich möchte auch nicht auf
eine Gruppenreise fahren, bei der „Bürgergeldfamilien“ unter sich sind und
noch einen Erziehungsworkshop aufgedrückt bekommen, nach dem Motto: Die
haben es nötig. Ich möchte Inklusion und Teilhabe, so wie viele andere
Alleinerziehende auch. Wir sind keine homogene arme Masse – von der
Anwältin mit drei Kindern und Burn-out bis hin zur Krankenschwester, die
ihr eigenes Kind, das nur mit einer Magensonde leben kann, pflegt. Wir sind
viele verschiedene Mütter und Väter mit völlig unterschiedlichen
Bildungsbiografien und Bildungsressourcen.
Augenhöhe hole ich mir, indem ich auf Nachbarschaftsportalen und in
Elternchatgruppen nach Gymnastikschlappen in Größe 27 frage – die einen
wegen der Nachhaltigkeit, ich primär aus ökonomischen Gründen.
22 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sabine Schwedt
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verschärfen.