# taz.de -- Theater für die Nachbarn: Wenn es sich im Raum plötzlich drei Grad kälter anfühlt
> Die Mitmachformate im Heimathafen Neukölln sind mehr als Kultur. Freitag
> hat das Stück „Müßiggangster“ Premiere.
(IMG) Bild: Ist es noch Müßiggang oder schon Erschöpfung? „Müßiggangster“ heißt ein neues Stück im Neuköllner Heimathafen
Im ausgelagerten Proberaum des [1][Heimathafens Neukölln] spielen vier
Jugendliche eine Szene. Eine ist traurig. Ihre Freundin fragt die Mutter
nach Rat, aber die antwortet brüsk: „Na und? Ich bin auch oft traurig.“ Und
der Arzt sagt: „Kein akuter Notfall. Kein Platz. Keine Zeit.“ Die Szene
endet in dem Satz: „Ich bin doch nur ein Kind.“
Kurz darauf eine andere Szene. Ein Junge spielt einen Vater. Er kommt müde
nach Hause. Ein Mädchen spielt seine Tochter. Sie hat Geburtstag, ihren
elften, und freut sich. Der Vater drückt ihr eine Rolle Tape in die Hand.
Sie soll einen kleinen Kuchen darstellen. Die gefühlte Temperatur im Raum:
drei Grad kälter. Das Mädchen fragt leise, ob es irgendwann einmal ein
richtiges Geschenk geben wird.
Es fallen Sätze, Andeutungen, Brüche. „Die Szene ist noch nicht fertig“,
sagen die beiden nach dem Applaus, aber die Zuschauenden fragen schnell:
„Krieg? Ein Kind, das geht?“ Die Szene endet leise – als würde hier etwas
ausgesprochen, das lange keinen Raum hatte.
Beide Szenen der Jugendtheatergruppe Aktive Player NK sind von den
Jugendlichen selbst erarbeitet. Und beide erzählen viel über ihr Leben,
ihre Nachbarschaft – und darüber, warum Orte wie der Heimathafen Neukölln
politisch immer relevanter werden.
Theater im Kiez – und nicht über ihm
Neukölln ist ein Stadtteil, in dem Armut, prekäre Arbeit und soziale
Unsicherheit für viele Menschen mehr zum Alltag gehören als anderswo in
dieser Stadt – und in dem sich das alles weiter verschärft. Das Leben wird
teurer, die Einkommen stagnieren. Ende vergangenen Jahres legte Neukölln
erstmals einen eigenen Kinderarmutsbericht vor. Er zeigt: Während in Berlin
insgesamt etwa jedes vierte Kind armutsgefährdet ist, gilt das in Neukölln
für jedes dritte.
Genau auf diese Wirklichkeiten reagieren die Mitmachformate des
Heimathafens Neukölln, die Jugendtheatergruppe Aktive Player NK und die
Erwachsenentheatergruppe Kiezklub. Nicht als pädagogisches Hilfsangebot von
oben herab, sondern aus einer künstlerischen und politischen Einsicht
heraus: Wer in einem solchen Kiez Theater macht, bleibt nur relevant, wenn
er sich von den Lebensrealitäten der Nachbarschaft verändern lässt. Nicht
top-down die Türen aufschließen, sondern bottom-up politisch wach bleiben –
darin liegt der Unterschied.
Delisha Garmon arbeitet seit rund einem halben Jahr im Leitungsteam des
Heimathafens. Sie beschreibt, was sie vorgefunden hat: die bewusste Abkehr
von der Fixierung auf klassische Theaterformate. Den Willen, nicht nur
fertige Produktionen zu zeigen und damit ein kalkulierbares Publikum zu
bedienen, sondern die Nachbarschaft einzubinden – ihren Alltag, ihre
Probleme, ihre politischen Erfahrungen: Immerhin gibt es den Kiezklub seit
zwei und die Active Player sogar schon seit 17 Jahren.
Garmon möchte aber noch besser zuhören als in der Vergangenheit. Nicht nur
nach außen, sondern auch nach innen. Sie spricht von Awareness-Arbeit im
Team und im Umgang mit Gruppen, die ins Haus kommen. Und davon, nicht nur
Menschen ins Theater zu holen, sondern selbst rauszugehen. Das ist es, was
sie dem Heimathafen gern hinzufügen würde: einen künstlerischen Beirat
initiieren, der gezielt nach existierenden Formaten sucht – und nach
Gruppen, die am Heimathafen gut funktionieren könnten. Der Anspruch: nicht
über den Kiez zu sprechen, sondern mit ihm.
## Spielen ohne Druck
Garmon sitzt im Foyer des Heimathafens an einem großen Holztisch. Über den
Köpfen hängen schwere Kronleuchter, die den Raum in warmes Licht tauchen,
wie um gegen den kalten Wintertag draußen anzustrahlen. Hier sind alle für
die taz zusammengekommen: Garmon, Leute von der Theatergruppe,
Mitarbeitende – und hier wird weitergeredet über das, was im Proberaum mit
den Jugendlichen begonnen hat.
Valentina Leone ist 20 Jahre alt und seit sechs Monaten Teil der Active
Player. Sie ist aus Köln nach Berlin gekommen und suchte einen Ort zum
Spielen – ohne Casting, ohne Leistungsdruck. Am Heimathafen, sagt sie,
„kann man über alles sprechen, was einen bewegt“, auch wenn es thematische
Vorgaben gebe.
Das aktuelle Stück der Gruppe feiert am 6. Februar Premiere und heißt
[2][„Wie kann ich dir helfen, Habibi?“]. Der Titel rund ums Thema
künstliche Intelligenz stand von Anfang an fest, alles andere entwickelte
sich aus der Gruppe heraus. 14 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13
und 26 Jahren arbeiten daran – und sprechen dabei manchmal wie im
ausgelagerten Proberaum lieber über Krieg und Depression als über KI.
Manche der Jugendlichen kommen aus Neukölln, andere aus anderen Bezirken.
Unterschiedliche kulturelle Hintergründe, unterschiedliche Biografien –
aber ein gemeinsamer Raum.
In einem Stadtteil mit wenigen nichtkommerziellen Jugendorten ist das
politisch relevant. Hier wird nicht nur Theater gemacht, sondern Alltag
verhandelt: Freundschaft, Streit, Loyalität, Verlust – oft näher an der
Lebenswirklichkeit als an jedem abstrakten Oberthema.
## Ein Schutzraum, kein Schonraum
Während Leone von der Arbeit in der Gruppe erzählt, hört Mohammad Eliraqui
zu. Er ist seit sieben Jahren am Haus, zuerst als Schauspieler, inzwischen
als Regisseur der Jugendtheatergruppe. Was Leone beschreibt, kennt er aus
vielen Durchgängen. Er beschreibt den Heimathafen als „Rückzugsort, Ventil,
eine Art Zuhause“. Viele kämen zunächst nur zum Zuschauen. Manche wollten
anfangs gar nicht schauspielern. Dann blieben sie.
Seine Aufgabe sieht er weniger im Inszenieren als im Ermöglichen. „Ich
stelle ein Gerüst auf“, sagt er, bringe Ideen ein – vieles komme aus der
Gruppe selbst. Es gehe darum, dass Menschen sich öffnen können. Ohne
Hierarchien. Auf Augenhöhe.
Eliraqui widerspricht der Vorstellung, solche Orte würden Jugendliche in
einer Blase halten. Viele gingen weiter, in Film, Theater oder andere
Berufe. Manche kämen immer wieder zurück, sagt er, so wie Wael Alkhatib,
der für seine Rolle als einer der Jugendlichen aus der Gropiusstadt in
[3][Daniel Wnendts Romanverfilmung „Sonne und Beton“] ausgezeichnet wurde.
Am Abend im ausgelagerten Proberaum war er einfach nur einer der
Jugendlichen im Heimathafen Neukölln.
## Faulheit als politische Gegenrede
Während die Jugendlichen noch proben, ist der Kiezklub im Heimathafen
Neukölln bereits einen Schritt weiter. Wegen der bevorstehenden Premiere am
Freitag finden die Proben inzwischen auf der Studiobühne statt – dort, wo
das Stück auch aufgeführt werden wird.
In [4][„Müßiggangster“] geht es ebenfalls um Biografisches, diesmal um
Arbeit und Faulheit – aber nicht als Klamauk, sondern als präzise gesetzte
Kritik an der politischen Gegenwart. Die Szene, an der sie arbeiten, als
das Gespräch im Foyer endet, ist eine Art Einführung: Wie man richtig
nichts tut. Gammeln. Lümmeln. Verweilen. Chillen. Trash-TV gucken, in
Schubladen wühlen. Snacks oder Spaßgetränke in Griffweite bereithalten. Für
Fortgeschrittene: Wolken beobachten.
Diese Szene entsteht nicht beiläufig, das wird schon nach wenigen Minuten
klar. Sie wird immer wieder geprobt, geschärft, neu justiert. Die
Darsteller*innen arbeiten hart daran, den übermäßig ernsten Ton und die
geleckte Ästhetik von Youtube-Tutorials und Coaching-Workshops
einzubringen: mal ruhig, erklärend, einfühlsam, mal überschwänglich und
motivierend. Zwischenrufe aus dem Publikum werden aufgenommen,
eingearbeitet, Weg vom Zuschauen, hin zum Aushandelnweitergedacht. Am Ende
wirkt das Ganze tatsächlich wie eine Anleitung zum Faulsein aus dem
Hochglanzprospekt.
Das ist witzig, sarkastisch. Und sehr genau. Denn unter der humorvollen
Oberfläche liegt eine klare Setzung: eine Antwort auf Debatten, in denen
von angeblicher Arbeitsverweigerung die Rede ist. Die Realität vieler der
Beteiligten hier sieht anders aus. Sie arbeiten viel, übernehmen
Verantwortung und werden schlecht bezahlt – in der Pflege, im Care-Bereich,
an Universitäten.
## Kultur als soziale Infrastruktur
Die Darsteller*innen wurden nicht wegen Bühnenerfahrung ausgewählt,
sondern wegen ihrer Lebensrealität, erklären die Regisseurinnen Margret
Schütz und Sophia Maria Keßen in einer Probenpause. Was hier entsteht, ist
kein pädagogisches Mitmachtheater, sondern eine künstlerisch ernst zu
nehmende Auseinandersetzung mit der Frage, wer in dieser Gesellschaft
eigentlich als „leistend“ gilt – und wer übersehen wird. „Im Grunde wollten
wir eine Gegenrede zu Friedrich Merz entwerfen“, sagen sie.
Man könnte also sagen: Der Applaus bei der Premiere am Freitag ist sicher.
Viele der Menschen, die hier auf der Bühne stehen und auch jene, die das
Stück sehen werden, verdienen wenig mehr als die frühere Grundsicherung und
arbeiten längst überm Limit. Für sie muss die bevorstehende Einführung der
neuen Grundsicherung mit ihren verschärften Sanktionslogiken wie ein Hohn
wirken. Ausgerechnet jene, die ohnehin kaum noch können, werden nun auch
noch politisch unter Generalverdacht gestellt.
Die Mitmachformate des Heimathafens Neukölln lösen keine sozialen Probleme
wie steigende Mieten. Aber sie schaffen etwas, das in einem Stadtteil wie
Neukölln auch deshalb immer knapper wird: Räume für Selbstwirksamkeit,
Austausch und Sichtbarkeit, in denen kreativ gearbeitet wird – ernsthaft,
differenziert, mit Anspruch. So entstehen hier Theaterstücke, die aktuelle
Fragen der Zeit verhandeln und weit über den Kiez hinaus interessieren
sollten.
Und übrigens: Es ist wird die wenigsten wundern, dass der Heimathafen diese
Arbeit unter prekären finanziellen Bedingungen leistet, in Zeiten, wo in
dieser Stadt Kultur vor allem kaputtgespart wird. Das Haus finanziert die
Formate von Jahr zu Jahr neu, streckt Fördermittel vor, versucht,
Querfinanzierungen zu finden.
Die mageren Eintrittsgelder decken gerade so Technik, Verwaltung,
Organisation. Gagen für die jungen Laiendarsteller*innen gibt es
deshalb keine, für die älteren nur Aufwandsentschädigungen. Gut, dass ihre
Anleitung zum Faulsein in Wahrheit eine Anleitung zum Durchhalten ist.
Das Stück „Müßiggangster“ vom Kiezklub hat am Freitag um 19 Uhr Premiere,
das Stück „Wie kann ich dir helfen, Habibi?“ von Active Player NK am 6.
Februar um 19 Uhr. www.heimathafen-neukoelln.de
22 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://heimathafen-neukoelln.de/
(DIR) [2] https://heimathafen-neukoelln.de/events/wie-kann-ich-dir-helfen-habibi/
(DIR) [3] /Romanverfilmung-Sonne-und-Beton/!5916418
(DIR) [4] /Wenn-Arbeitslose-einfach-gluecklich-sind/!1332997&s=m%C3%BC%C3%9Figgangster/
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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