# taz.de -- Armut in der BRD: Ein normales Leben ist kein Luxus
> 16,1 Prozent der Deutschen gelten als armutsgefährdet. Der Film „Rosetta“
> von 1999 zeigt existenzielle Not – und wie wenig sich seither geändert
> hat.
(IMG) Bild: Emilie Dequenne als Rosetta im gleichnamigen Film von 1999
Rosetta ist arm. Sie ist 18 und lebt in einer belgischen Wohnwagensiedlung
mit ihrer Mutter. Wenn Rosetta Regelschmerzen hat, wärmt sie ihren
Unterleib mit einem alten Föhn, den sie unterm Bett lagert. Rosetta ist
stolz. Wenn sie merkt, dass ihre Mutter um einen Fisch gebettelt hat, wirft
sie ihn weg und angelt selbst einen.
Rosetta kämpft. Mit ihrem Chef, der sie nach der Probezeit aus ihrem
Fabrikjob entlässt. Mit einem Bekannten, den sie bei seinem Chef verrät, um
seinen Job bei einem Waffelstand zu bekommen. Und mit ihrer alkoholkranken
Mutter.
Rosetta ist die Hauptfigur im gleichnamigen Film der Dardenne-Brüder von
1999. Der Gewinner der damaligen [1][Palme d'Or] zeigt die
Perspektivlosigkeit existentieller Armut. Und die Resilienz einer jungen
Frau, die sich weigert, daran zu verzweifeln, die Mitleid und Almosen
ablehnt, weil sie sich nach einem normalen, würdevollen Leben sehnt.
16,1 Prozent der deutschen Bevölkerung sind derzeit armutsgefährdet, wie
[2][ein neuer Bericht des Statistischen Bundesamts] zeigt. Viele davon
arbeiten und bleiben, wie Rosetta, trotzdem arm. Nicht, weil sie nicht
kämpfen, sondern weil nicht jede Arbeit gleich sicher ist und die
Lebensumstände zu prekär.
Die Bedingungen, unter denen Rosetta lebt, gelten auch in Deutschland als
Risikofaktoren für Armutsgefährdung. Sie ist jung, weiblich, ihre Mutter
ist alleinerziehend und arbeitslos, Rosetta muss sich wegen ihrer Sucht um
sie kümmern. Hier verfestigt sich Armut, ist keine bloße Gefahr mehr,
sondern wird zur Struktur.
## Ein Leben, das man spüren kann
Merz will dort sparen, wo Menschen ohnehin schon am Existenzminimum leben
oder zumindest bedroht sind. Etwa, wenn er vorschlägt,
[3][Bürgergeldberechtigten die Wohnkosten zu kürzen]. Wenn er Individuen
für ihre Rente verantwortlich macht und Altersvorsorge ins Private
auslagern will. Und wenn er [4][Teilzeit denen verbieten] möchte, die
Vollzeit nicht arbeiten können und dann ganz aus der Arbeitswelt fallen.
Filme wie „Rosetta“ schaffen es, Debatten über Armut auszulösen und
politischen Druck zu leisten. Weil sie nicht abstrakt bleiben, nicht aus
ungreifbaren Zahlen bestehen, sondern ein echtes Leben zeigen, das man
spüren kann. Nach Erscheinen des Films wurde in [5][Belgien das Gesetz
„Rosetta-Plan“] verabschiedet, dessen Ziel es war, Jugendlichen zu helfen,
in den Arbeitsmarkt zu finden, und Unternehmen verpflichtet, junge Menschen
einzustellen.
Rosetta und diejenigen, die ähnlich wie sie leben müssen, fordern keine
Sonderbehandlung, sie nehmen einem nichts weg, sie sind nicht der Feind,
den Konservative bis Liberale aus ihnen machen wollen. Rosetta will
Normalität und leben wie alle anderen auch, ohne sich vor der Zukunft zu
fürchten.
Bevor sie schlafen geht, sagt sie sich, als sei es ein kleines Gebet:
Du heißt Rosetta. Ich heiße Rosetta.
Du hast einen Job gefunden. Ich habe einen Job gefunden.
Du hast einen Freund. Ich habe einen Freund.
Du hast ein normales Leben. Ich habe ein normales Leben.
Du wirst nicht auf der Strecke bleiben. Ich werde nicht auf der Strecke
bleiben.
Gute Nacht. Gute Nacht.
3 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Filmfestspiele-in-Cannes/!6087695
(DIR) [2] https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Einkommen-Konsum-Lebensbedingungen/Lebensbedingungen-Armutsgefaehrdung/_inhalt.html
(DIR) [3] /Millionaer-attackiert-Arme/!6101427
(DIR) [4] /Angriff-auf-Arbeitnehmerrechte/!6148580
(DIR) [5] https://www.eurofound.europa.eu/en/publications/all/rosetta-plan-launched-boost-youth-employment
## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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