# taz.de -- Verlegerin über grönländische Identität: „Wir spüren eine internationale Solidarität“
> Die Grönländerin Laali Lybert hat in der Vulkaneifel den Inuit Verlag
> gegründet. Gleich das erste Buch verknüpft Tradition und Klimawandel.
(IMG) Bild: Soll keinem gehören: Grönlands Hauptstadt Nuuk aus der Vogelperspektive
taz: Frau Lyberth, mit welcher Sprache sind Sie aufgewachsen?
Laali Lyberth: Hauptsächlich mit Dänisch. Das hat mit unserer
Kolonialgeschichte zu tun. Ich bin 1974 geboren, meine Schwestern 1976 und
1979, mein Bruder 1982. Meine Schwester und ich wurden auf Dänisch
unterrichtet und hatten nur einmal pro Woche Grönländisch. 1979 wurde das
erste grönländische Parlament gegründet und es wurden grönländische
Schulklassen eingerichtet. Mein Vater war begeistert, dass wir unsere
eigene Sprache zurückbekamen, und hat meine jüngere Schwester und meinen
Bruder in der grönländischen Klasse angemeldet. Als Kinder hatten wir in
unserer Familie also keine gemeinsame Sprache. Ich spreche ziemlich gut
Grönländisch, aber nicht perfekt. Jedenfalls genug, um gut durch den Tag zu
navigieren.
taz: Welches ist die Sprache Ihres Herzens?
Lyberth: Grönländisch, zu 100 Prozent. Wenn ich es höre und spreche, liebe
ich es. Es ist die Sprache, in der ich mich am stärksten zu Hause fühle.
taz: In welcher Sprache schreiben die Autoren Ihres 2024 gegründeten Inuit
Verlags für grönländische Literatur in deutscher Sprache?
Lyberth: Einige schreiben in beiden Sprachen und übersetzen sich selbst ins
Dänische. Andere schreiben nur auf Grönländisch, weil das ihre stärkste
Sprache ist, weitere auf Dänisch.
taz: Wie finden Sie die Übersetzer ins Deutsche?
Lyberth: Ich habe keinen grönländisch-deutschen Übersetzer. Deshalb lasse
ich aus dem Dänischen oder Englischen übersetzen. Die meisten
grönländischen Bücher werden ohnehin ins Dänische oder gleich ins Englische
übertragen, um ein breiteres Publikum zu erreichen. Wobei mir wichtig ist,
dass der Übersetzer kulturelle Feinheiten angemessen übersetzt. Beim Namen
Angakkoq ist mir zum Beispiel wichtig, dass er als Schamane übersetzt wird.
Und „iggu“ ist ein vielschichtiger Ausdruck, der „attraktiv“, „niedlich“,
aber auch Empathie mit einem Freund bedeuten kann. Man findet es in
verschiedenen Bedeutungen auch in der grönländischen Literatur. So etwas
möchte ich übermitteln, als Eigenart eines lange kolonisierten Landes.
taz: Wie präsent ist der dänische Kolonialismus heute?
Lyberth: Es bleibt ein großes Thema, denn [1][Dekolonisierung] ist ein
langwieriger Prozess. Und in den dänischen Medien findet man weiterhin
rassistische Kommentare über die Grönländer. Es gibt noch ungeheilte
Themen.
taz: Wie die [2][Spiralen,] die Dänemark in den 1960ern und 1970ern über
4.000 grönländischen Frauen einsetzte, um das „zu teure“
Bevölkerungswachstum einzudämmen.
Lyberth: Ja, und die dänische Regierung brauchte bis 2025, um sich zu
[3][entschuldigen]. Aber viele Grönländerinnen waren dankbar für die
Entschuldigung und die Anerkennung des Unrechts. Es wird wohl auch
Entschädigungszahlungen geben. Ob sie ausreichen, kann ich als
Nichtbetroffene nicht beurteilen. Es wurde jedenfalls Zeit, das Thema
öffentlich zu machen: Ein grönländischer Verlag hat jetzt ein Buch mit
Berichten betroffener Frauen herausgegeben. Das sind sehr intensive,
berührende Texte. Ich denke, Grönland war jetzt bereit dafür.
taz: Wäre das auch ein Buch für Ihren Inuit Verlag?
Lyberth: Ja. Ich möchte so viel Verschiedenes wie möglich veröffentlichen
und sowohl Traditionen als auch aktuelle Politik aufgreifen. Unser erstes,
zur Frankfurter Buchmesse 2025 erschienenes Kinderbuch „Sila“ von Lana
Hansen verbindet grönländische Mythen und Sagen mit dem Kampf gegen den
Klimawandel. Und zur diesjährigen Leipziger Buchmesse wollen wir Maria Bach
Kreutzmanns „Bestiarium Groenlandica“ veröffentlichen, ein Handbuch über
grönländische Mythen, Geister und Tiere.
taz: Wie steht es um zeitgenössische Literatur?
Lyberth: Sie wird fester Bestandteil des Verlagsprogramms sein. Ich plane
unter anderem ein Buch mit Short Stories von [4][Sørine Steenholdt,] die
sehr packend über die Atmosphäre im modernen Grönland schreibt.
taz: Und wie war die Atmosphäre in dem First Nations Frauenhaus in Kanada,
wo Sie einige Jahre gearbeitet haben?
Lyberth: Es war ein kleines Frauenhaus in Ottawa und die Atmosphäre eine
besondere – wie auch in den Kindergärten und Jugendhäusern und
medizinischen Zentren für First Nations in der Stadt. In dem Frauenhaus
suchten die Frauen die Heilung ihrer physischen und psychischen Wunden in
einer Mischung aus westlichen und traditionellen Therapien.
taz: Welche zum Beispiel?
Lyberth: Es gab von Großmüttern – eine Chiffre für alte weise Frauen –
geleitete Gesprächsrunden, in denen sie ihr Wissen teilen und eine
besondere Kultur des Zuhörens einübten. Außerdem gab es den traditionellen
Trommeltanz und die Powwows – große First-Nations-Treffen, wo gefeiert,
musiziert und Gemeinschaft gelebt wurde.
taz: Auch Sie selbst haben dort den Trommeltanz entdeckt.
Lyberth: Ja. Ich bin in Grönlands Hauptstadt Nuuk ohne traditionelle
Unterweisungen aufgewachsen. Als ich mit Anfang 20 auf einem Fest zum
ersten Mal das traditionelle Trommeln hörte, fühlte ich mich sofort zu
Hause. Ich hatte Tränen in den Augen. Es ist wie mein eigener Herzschlag.
Als ich im November 2025 beim 50. Jubiläum der Autorenvereinigung in
Sisimiut war, traf ich eine Trommeltänzerin, die meinen Puls maß und sagte:
In alter Zeit folgte man als Trommler dem Tempo seines eigenen Pulses. Wie
ich sind viele Grönländer nicht mit dieser Tradition aufgewachsen und
entdecken sie jetzt wieder.
taz: Spielt auch der Schamanismus wieder eine Rolle?
Lyberth: Ja, wir haben einige Schamanen in Grönland. Das war wie das
Trommeln von der dänischen Kirche verboten, wurde aber im Geheimen
weiterpraktiziert, sodass die Melodien erhalten blieben. Und es kommt
wieder. Mein Onkel ist der Schamane Angaangaq, über den ich übrigens meinen
Mann, den Fotografen Sven Nieder, kennengelernt habe, mit dem ich
inzwischen in der Eifel lebe. Sven hatte den Auftrag, ein Feuerritual von
Schamanen aus aller Welt zu fotografieren, das mein Onkel organisierte. Ich
war auch dort, und so lernten wir uns kennen. Wobei Schamanen natürlich
modern leben und ganz normal zum Zahnarzt gehen.
taz: Und wie macht sich der Klimawandel bemerkbar?
Lyberth: Er schreitet fort, das haben Nomi Baumgartl, Sven Nieder, Yatri N.
Niehaus und ich 2012/2013 in dem Foto- und Filmkunstprojekt „Stella
Polaris* Ulloriarsuaq. Das leuchtende Gedächtnis der Erde“ in Aufnahmen
schwindender Eisberge und Gletscher dokumentiert. Der Film wurde 2017 auf
dem Filmfestival Los Angeles gezeigt.
taz: Wie manifestiert sich die Erderwärmung vor Ort?
Lyberth: Sehr deutlich. Ich war von Oktober bis Dezember 2025 dort, und
meine riesigen, kniehohen Schneestiefel habe ich im November nur zwei-,
dreimal getragen, weil kaum Schnee lag. Ein paarmal brauchte ich sogar mein
Regencape, das ich sonst nur in Deutschland trage – in Grönland im
November! In meiner Jugend sind wir im Winter noch mit Auto oder
Hundeschlitten auf dem gefrorenen Ozean gefahren. Die Jäger gingen zum
Jagen aufs Eis. Inzwischen haben sie es schwer, weil man nie verlässlich
weiß, wie der Winter wird. Vor drei, vier Jahren war es besonders arg. Es
[5][gab kein Eis,] und die Regierung musste die Jäger finanziell
unterstützen. Die Jägerkultur ist sehr wichtig für uns Grönländer, denn wir
brauchen diese lokalen Lebensmittel.
taz: Was wird gejagt?
Lyberth: Seehunde, im Norden und Osten auch Polarbären. Außerdem Rentiere,
Moschusochsen, Wal. Wobei das staatliche Naturinstitut entscheidet, wie
viel man jagen darf, damit das ökologische Gleichgewicht gewahrt bleibt.
taz: Und dann gibt es noch die begehrten Bodenschätze. Wie leicht sind sie
zugänglich?
Lyberth: Ich bin keine Geologin, aber ich weiß: Es ist extrem teuer, sie
abzubauen. Grönlands Eisberge sind massiv. Es ist schwer, von A nach B zu
kommen. Es gibt weder Autobahnen noch Schienen. Man ist auf Schiff,
Flugzeug, Hundeschlitten oder Schneemobil angewiesen. Die Eisberge führen
ein Eigenleben: „Sila“ – der Titel unseres Buchs – heißt sowohl „Wetter“
als auch „Vernunft“. Es ist eins der wichtigsten Worte für uns. Wir sagen:
„Sila entscheidet“, also: Das Wetter entscheidet. Wenn es schneit, nehmen
wir es hin. Es ist keine große Sache. Wir sind stark mit Sila verbunden.
Das ist auch auf spiritueller Ebene wichtig.
taz: Zum Beispiel in puncto Klimawandel?
Lyerth: Ja, denn Sila heißt auch „Vernunft“. Wenn du vernünftig bist,
nimmst du das Rad statt des Autos oder entschädigst die Natur auf andere
Art. Sila kann moralischer Kompass sein und Empathie wecken für all die
Menschen, die vom Klimawandel betroffen sind. Wir haben die Macht, unsere
Vernunft zu nutzen: auf Regierungs- und individueller Ebene, in Städten und
Gemeinschaften, jeden Tag.
taz: Und wie ist derzeit die Stimmung angesichts der Drohungen des
US-Präsidenten Trump, Grönland zu kaufen oder zu annektieren?
Lyberth: Einige sorgen sich, andere weniger. Wie überall gibt es
unterschiedliche Meinungen und Gefühle. Aber alle sind froh, dass sich
unsere fünf Parteien zusammengetan und hinter Außenministerin Vivian
Motzfeldt gestellt haben. Sie sagen: Wir wollen keine Amerikaner sein,
keine Dänen, sondern Grönländer.
taz: Die größte Angst ist, dass man über die Grönländer spricht statt mit
ihnen.
Lyberth: Ja, und das hat Dänemark in der Vergangenheit leider schon oft
getan. Aber inzwischen habe ich den Eindruck, dass sie uns ernst nehmen.
taz: Sind Sie persönlich um Ihre Verwandten in Grönland besorgt?
Lyberth: Im Moment nicht. Die Menschen stärken und trösten einander, auch
über Social Media, und das sogar international: In Kanada lebt eine Inuit,
die darüber sehr viel postet und schon etliche Follower hat. Ich spüre da
auch eine internationale Solidarität. Die Menschen – nicht nur die
Inuit-Community – kümmern sich umeinander.
15 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
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