# taz.de -- Krise der Kritik: Lesen und lesen lassen
> Kann man mit elaborierten Kulturtexten in Zeiten von Social Media denn
> gar keine Aufmerksamkeit mehr erhaschen? Ein Hilferuf aus den
> Content-Minen.
(IMG) Bild: Die „Berliner Szenen“ waren damals auf der Website der taz nicht zu finden, auch wenn sie zu den tollsten Texten im Blatt gehören
Vor gut zehn Jahren muss es eine Neuigkeit gewesen sein, dass man als
Besucher des [1][Berliner Medienkunstfestivals Transmediale] keine
Dauerkarte bekommen hat, sondern ein Kunststoffband mit Chip um das
Handgelenk. Auf jeden Fall habe ich 2015 einen kleinen Text für die taz
über diese Innovation verfasst, [2][in der Kolumne „Berliner Szenen“].
Darin habe ich dieses Kunststoffband als „Bändel“ bezeichnet.
Als ich am Abend wieder eine Transmediale-Veranstaltung besuchte, wurde ich
immer wieder auf den kleinen Text und den von mir geprägten Ausdruck
„Bändel“ angesprochen: beim Rauchen vor dem Bethanien, in der Ausstellung,
bei der Party. Das Ganze kam mir wie ein Riesenerfolg vor, sodass ich am
Ende der Transmediale-Woche [3][nochmals auf das Thema zurückkam].
Ich muss in letzter Zeit immer wieder an die Geschichte mit dem Bändel
denken. Als ein Beispiel dafür, welche Art von Rückmeldung man auf einen
gedruckten Text vor noch nicht allzu langer Zeit bekommen konnte. (Die
„Berliner Szenen“ waren damals auf der Website der taz praktisch nicht zu
finden, auch wenn sie [4][zu den tollsten Texten im Blatt] gehören.)
Auch auf die langen, feuilletonistischen Artikel, die ich im überregionalen
Teil der taz veröffentliche, gab es zu dieser Zeit immer wieder
erfreuliches Feedback. Mal rief der Deutschlandfunk an und wollte mich
interviewen. Ein andermal kam eine E-Mail mit der Einladung zu einem
Vortrag. Oder es war ein Kollege, der erwähnte, dass er da neulich was von
mir gelesen hatte.
All das scheint in den letzten Jahren immer seltener zu geschehen.
Vielleicht sind ja meine Texte inzwischen so schlecht, dass sie niemand
mehr interessieren. Aber dann wäre ein wahrgenommener
Aufmerksamkeitsverlust für das eigene Wirken nicht regelmäßig Thema, sobald
man mit ein paar anderen Schreibern zusammensteht. In der taz konstatierte
zuletzt Jonathan Guggenberger am 13. Januar eine [5][Krise der
Kulturkritik], die unter anderem dazu führe, dass immer weniger Verrisse
geschrieben würden.
## Das Verschwinden aus dem physischen Raum
Die Gründe für diesen Aufmerksamkeitsverlust sind eigentlich bekannt: Immer
weniger Menschen sind bereit dazu, für Information Geld zu bezahlen; die
Auflagenzahlen und die Werbeeinnahmen der Printmedien sind im freien Fall.
Damit einher geht ein rasantes Verschwinden von gedruckten Medien aus dem
öffentlichen Raum. Im Späti ist das Zeitschriftenregal schon lange durch
einen weiteren Kühlschrank mit Craft Beer ersetzt worden. [6][Die taz hat
ihre Werktags-Printausgabe inzwischen eingestellt] und kann nun am eigenen
Medium studieren, ob das Verschwinden aus dem physischen Raum zum
Relevanzverlust führt.
Die Bahnhofskioske, in denen man vor nicht allzu langer Zeit noch den
Figaro, die Graswurzelrevolution oder Fachzeitschriften für Schach oder
Briefmarkensammeln fand, verwandeln sich zunehmend in Verkaufsflächen für
Limo, Süßwaren und andere Snacks. In Cafés, die von jungen Leuten
frequentiert werden, liegen schon lange keine Zeitungen mehr aus, wie einst
in den Kaffeehäusern in Wien und Kreuzberg – wozu auch? Die Gäste hängen eh
alle am Handy.
Aber auch online lesen die Leute offenbar nicht meine liebevoll
gedrechselten Artikel. Die stehen sogar alle frei zugänglich im Internet,
ohne dass es die Resonanz erhöhen würde. Die sozialen Medien, die es
eigentlich mal jedem erlauben sollten, sich jenseits der Massenmedien
äußern zu können, sind für mich als Vertriebskanäle kaum noch nützlich.
Ich poste zwar fleißig Links zu meinen Texten in meinen Socials. Aber bei X
hat Elon Musk den Algorithmus so verändern lassen, dass Links zu fundierter
Information und „legacy media“ praktisch nicht mehr angezeigt werden.
Seither besteht mein Feed vorwiegend aus Ragebait von Sofagenerälen,
Bitcoinpredigern, „Patrioten“, „Israelkritikern“ und „Selberdenkern“. In
diesem ohrenbetäubenden Dröhnen geht jedes differenzierte Argument unter.
Auch bei Bluesky gibt es null Reaktion. Lediglich bei Facebook lassen
manchmal Schulfreunde „ein Like da“; neulich hat sich sogar mal jemand für
einen Text von mir bedankt. Ich komme mir vor wie ein Bergmann, der in
einer unterirdischen Content-Mine Inhalte schürft, an denen die einstigen
Abnehmer das Interesse verloren haben.
## Debatten kommen aus den sozialen Medien
Ich beginne herumzufragen. Als Erstes rufe ich [7][Thierry Chervel] an, den
Chef des Perlentauchers. Das ist eine tägliche Presseschau im Internet, die
es seit über einem Vierteljahrhundert gibt und die Pflichtlektüre für jeden
deutschen Kulturschreiber ist. Auch er hat beobachtet: „Die großen Debatten
in der Kulturszene kommen heute aus den sozialen Medien“ – so wie die
Diskussion über antisemitische Kunst bei der letzten documenta, die von
einem Twitter-Nutzer mit 50 Followern ausgelöst wurde. Viral gehende Posts
hätten die Rolle übernommen, die früher Künstler und Autoren wie Günter
Grass oder Marcel Reich-Ranicki im Diskurs gehabt hatten.
Aber in den sozialen Medien betätige ich mich doch auch! Ich wende mich an
meine Studierenden. In einem Seminar über die „Dark Maga“-Bewegung lege ich
einen Artikel vor, den ich [8][in der Jungle World] zum Thema
veröffentlicht habe. Er stößt auf freundliches Interesse. Schließlich frage
ich, ob sie von sich aus auf diesen Text gestoßen wären. Die Reaktion ist
schieres Unverständnis – die Kulturtechnik, ein Printmedium aktiv zu
verfolgen, ist hier nicht mehr bekannt.
Auch das ist im Prinzip nichts Neues: Über ein Drittel der 18- bis
24-Jährigen beziehen ihre Informationen nur aus den sozialen Medien,
Zeitungen, zumal auf Papier, spielen praktisch keine Rolle mehr. Wer zur
Kenntnis genommen werden möchte, muss seine Inhalte in der
Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes irgendwie in den Social-Media-Feed
seiner potenziellen Leser eingespeist bekommen.
Aber das macht die Jungle World doch, wende ich ein, und rufe [9][den
Insta-Kanal] auf. Der löst bei den Studierenden schieres Entsetzen aus –
wie sieht das denn aus? Unklar und uneinheitlich! Als Vorbild wird mir der
[10][Instagram-Auftritt von Jacobin] empfohlen. In der Tat herrscht hier
ein rigider Wille zur Ordnung mit zwei grafischen Templates. Das Angebot
der Jungle World – [11][wie auch der taz] – sieht im Vergleich aus wie ein
ungejäteter Gemüsegarten.
To add insult to injury überschlägt ein Student die Zeit, die man benötigen
würde, um meinen Einseiter zusammenzufassen. Das müsste man doch in einer
Minute mündlich erklären können, schätzt er, daraus könnte ich ja dann ein
Videoreel machen, um Interesse zu wecken.
Und in der Tat: Die Autoren von Jacobin müssen sich wie Tiktok-Influencer
ans Studiomikrofon setzen und in Kurzvideos bei Instagram ihre Texte
anteasern. Wer dann noch nicht weitergescrollt hat, kann auf den „Link in
der Bio“ klicken. Als Beweis, dass man so nicht nur Leser, sondern auch
zahlende Kunden gewinnen kann, zieht der Student die gedruckte
Jacobin-Ausgabe aus seinem Jutebeutel; die hat er abonniert. Soso.
## Videoschnipsel statt elaborierte Texte
Dass man mit Videoschnipsel-Debattenbeiträgen mehr Aufmerksamkeit als mit
elaborierten Texten erhalten kann, ist zwar keine neue Erkenntnis. Ich war
bloß noch nie auf die Idee gekommen, dass das auch für mich und meine
Kulturartikel gelten könnte. Doch offenbar bewegen wir uns dank Social
Media und Videoreels wieder in Richtung einer oralen Kultur, wie sie der
Literaturwissenschaftler Walter Ong beschrieben hat.
Wer im endlosen Malstrom des Content überhaupt noch zur Kenntnis genommen
werden will, ist wohl gut beraten, sich an dieses Ökosystem anzupassen.
Oder man teilt irgendwann das Schicksal von Stummfilmmusikern,
Bierkutschern und Telefonistinnen. Oder man wird, schlimmer noch, zum
unbezahlten Lieferanten von Textmaterial, das nur noch dazu dient, die
Large Language Models amerikanischer KI-Unternehmen zu trainieren.
Den Wechsel von Schriftlichkeit zu Mündlichkeit empfinde ich als Autor
natürlich erst einmal als einen Weg zu geringer inhaltlicher Komplexität.
Andererseits war in der Antike die Kunst der freien Rede eine bewunderte,
intellektuelle Qualität. Der griechische Philosoph Sokrates hat seine Ideen
bekanntlich nur im Dialog vermittelt, weil er glaubte, dass
Verschriftlichung zum Vergessen führen würde. (Glücklicherweise hat Platon
diese Einsicht niedergeschrieben, sonst hätte niemand von ihr gehört.)
Doch anders als bei Sokrates sind die mündlichen Ausführungen in den
Videoreels bei Tiktok und Instagram keine Dialoge, so oft es auch heißt:
„Was denkt ihr? Schreibt’s in die Kommentare!“ Vielmehr gehören sie zu dem,
was Walter Ong als „sekundäre Oralität“ beschreibt – also aufgezeichnete
und medial verbreitete Selbstäußerungen. Je länger ich darüber nachdenken,
desto mehr fällt mir auf, wie Influencer die speziellen Eigenschaften der
sekundären Oralität als rhetorische Techniken nutzen, wenn sie sich an ihr
Publikum wenden.
## Neue Gatekeeper
Muss ich das in Zukunft etwa auch tun? Diejenigen, die diese Methoden
beherrschen, sind im Begriff, die neuen Gatekeeper für gesellschaftliche
und kulturelle Debatten zu werden. Der Medienwissenschaftler Christoph
Engemann prophezeit in seinem aktuellen Buch „Die Zukunft des Lesens“
schon, dass die Fähigkeit zum Selberlesen zu einer Art „neuem Latein“ wird,
das nur noch wenige beherrschen.
Die breite Masse wird von den verbliebenen Schriftkundigen, von Podcastern,
Influencern und Chatbots, in einem endlosen Laberflash häppchenweise und
vorgefiltert informiert. Wahrscheinlich ist das bereits der Status quo und
ich wollte es nur nicht wahrhaben.
Die spezielle deutsche Form des Feuilletons gibt es seit weit über einem
Jahrhundert; während der Weimarer Republik erlebte es mit Autoren wie Kurt
Tucholsky, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, [12][Gabriele Tergit] oder
Vicki Baum eine international bewunderte Blüte. Es hat die Einführung von
Radio, Fernsehen und Internet überstanden. Ob es auch Tiktok überlebt,
erscheint mir neuerdings unwahrscheinlich.
11 Feb 2026
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