# taz.de -- Literaturkritik von Denis Scheck: Die Kunst des Verrisses
       
       > In der Debatte über Denis Scheck und seine gefürchtete Mülltonne steht
       > einiges auf dem Spiel. Vor allem: das Recht darauf, die Sau rauszulassen.
       
 (IMG) Bild: Verrissener Typ: Der Literaturkritiker Denis Scheck
       
       Eigentlich wartete man nur darauf, auf den Vorwurf des Elitarismus, in der
       Debatte über Denis Scheck und die zwei jüngst von ihm verrissenen Bücher.
       Überheblichkeit warf man ihm vor, doch das E-Wort, das die Frage nach der
       Existenzberechtigung von Literaturkritik zumeist begleitet, fiel diesmal
       nicht.
       
       Nun ja, Klasse wäre als Argument auch denkbar fehl am Platz, zählen die
       beiden von Scheck minder geschätzten Autorinnen doch nicht nur zu den
       wenigen literarisch Schreibenden, die von ihrer Arbeit leben können, nein,
       sie können das wahrscheinlich auch ganz gut: Ildikó von Kürthy hat mehrere
       Millionen Bücher verkauft, und auch [1][Sophie Passmann] stand mit ihren
       Büchern mehrfach auf der Spiegel-Bestsellerliste.
       
       Vom Rezensionswesen allein können indes die meisten
       Literaturkritiker:innen nicht leben, das nur am Rande. Ohnehin ist
       die Grenze zwischen Kritikerin und Autor nicht so scharf, wie man
       vielleicht meint; Schriftstellerinnen schreiben nebenbei Kritiken und auch
       der ein oder andere Kritiker hat bereits einen Buchvertrag unterzeichnet.
       
       Das war auch früher nicht anders, erinnert sei hier an Kurt Tucholsky oder
       [2][Paul Auster.] Der britisch-amerikanische Romancier Henry James
       kommentierte etwa den literarischen Betrieb scharf in diversen
       Zeitschriften, wie die Metropolitan Review belegt. Von „Fluten lauwarmen
       Seifenwassers“, die unter dem Namen Romane in England „ausgekotzt“ würden,
       ist da die Rede.
       
       ## Zahme Literaturkritik
       
       So drastisch wie bei James fallen die Urteile gegenwärtiger
       Kritiker:innen selten aus. Dass die Literaturkritik heute eher zahm
       daherkommt, [3][könnte dabei durchaus an diesen finanziell bedingten
       Mehrfachbeschäftigungen liegen:] Wer mit spitzer Feder kritisiert, macht
       sich im literarischen Betrieb nicht unbedingt Freunde, so die Befürchtung.
       Dass ausgerechnet dieser Tage die vermeintlich zu scharfe Literaturkritik
       ins Fadenkreuz gerät, ist schon etwas absurd.
       
       Die Politökonomin und Sachbuchautorin Maja Göpel veröffentlichte vor Kurzem
       ein Video auf Instagram, in dem sie Schecks Kritikstil als „brutal“
       beschrieb. Er kritisiere Bücher mit Worten, die „nicht so gut runterlaufen,
       wenn du dir viel Mühe gegeben hast, ein Buch zu schreiben“, so Göpel. Seit
       wann in dieser Gesellschaft Mühe allein belohnt wird, sagt sie nicht.
       
       Man muss Denis Scheck an dieser Stelle nicht verteidigen. In seiner
       ARD-Sendung „Druckfrisch“ wirft er durchgefallene Bücher wenig subtil in
       die Mülltonne und zur Wahrheit gehört auch, dass Schecks Aussagen über
       Autorinnen mitunter durchaus anders geartet sind als jene über männliche
       Kollegen.
       
       Urteile wie die „Schnatterzone der Damentoilette“ (Ildikó von Kürthy) und
       der „Kopf ohne echte Bildungsressourcen“ sowie die „Seichtgebiete eines
       trüben Bewusstseins“ (Sophie Passmann) zielen weg vom Buch und hin zum
       (weiblichen) Körper und sind ohne Zweifel sexistisch. Solche Phrasen
       gehören genauso wenig in die Debatte wie Kommentare zum Erscheinungsbild
       Denis Schecks.
       
       ## Das Recht darauf, die Sau rauszulassen
       
       Mit Letzteren hält sich jedoch zumindest [4][Elke Heidenreich] nicht
       zurück. Als „hysterisches Rolltreppendickerchen“ bezeichnete sie Scheck
       bereits, mit dem „merkwürdigen Mann in den aus der Zeit gefallenen Anzügen
       mit lustigen Einstecktüchlein“ begnügte sie sich zuletzt in der Zeit. In
       einem wütenden und etwas konfusen Text (was hat „das beknackte Gendern“ mit
       der Debatte zu tun?) fordert sie die Absetzung Schecks und konstatiert, an
       die Debatte über Caroline Wahl erinnernd: „Wir Frauen lassen jetzt ab und
       zu mal die Sau raus – manchmal trauen wir uns sogar, uns ähnlich bescheuert
       zu benehmen wie Kerle.“
       
       Was daran gut sein soll, führt Heidenreich nicht weiter aus. Klar ist
       jedoch, wer im Feminismus zuvorderst das universelle Recht auf schlechtes
       Benehmen vertritt, hat die bessere Welt für alle aus den Augen verloren.
       
       Als die mittlerweile millionenschwere Caroline Wahl, deren Romane zumeist
       die weniger wohlhabende Bevölkerung in den Blick nehmen und durchaus den
       Verdacht der Armutsromantisierung erregen, ihre Liebe für schnelle, teure
       Autos bekundete und daraufhin einiges an Kritik erfuhr, sprangen ihr Frauen
       aus verschiedenen politischen Lagern bei. Plötzlich wurde vehement das
       Recht aufs Porschefahren verteidigt.
       
       Nun hat man in diesem Land zu allem möglichen Recht, das Recht etwa,
       Kassierer:innen von oben herab zu behandeln, ein fieser Chef zu sein
       oder auch das Recht, Privatjet zu fliegen. Nur wird das Recht ab einem
       gewissen Geldbetrag eher vom Privileg abgelöst, und das galt es anscheinend
       in der Debatte zu verteidigen.
       
       ## Toxische bis tödliche Männlichkeit
       
       Dass das eine schräge Haltung für Linke ist, sollte klar sein. Wahr ist
       allerdings auch: In einer vor zunehmend toxischer bis tödlicher
       Männlichkeit triefenden Welt sind es vielleicht nicht die Köpfe junger
       Frauen, auf die der diskursive Kochlöffel zuerst einschlagen muss. Die
       Rezensentin sieht sich daher gleich vor die nächste Frage gestellt: Muss es
       unter all den schlechten Büchern, die erscheinen, unbedingt das der
       Nachwuchsautorin sein, das verrissen wird?
       
       Eine Anekdote. Man schlägt, als junge Kritikerin, rein aus Interesse den
       neuen Bodo Kirchhoff auf und ärgert sich über das zugrundeliegende
       Geschlechterbild. So weit, so erwartbar. Vielleicht, so denkt man dann
       großzügig, muss man die literarisierten Eheprobleme eines beinahe 50 Jahre
       älteren Schriftstellers aber auch nicht zwingend kommentieren. Zu wissen,
       wo aufgrund von Ressentiments und politischer Antipathie das
       unvoreingenommene Urteil schwerfiele, gehört eben zur Eigenverantwortung
       des Literaturkritikers.
       
       „Bin ich nicht, versteh ich nicht, mag ich nicht“: Es sind simple Parameter
       der Urteilsfindung, die Elke Heidenreich Denis Scheck in der Zeit
       unterstellt, zumindest in Bezug auf ihr eigenes Buch, „Altern“, das sich
       ein Jahr lang auf der Spiegel-Bestsellerliste hielt. Also: Lieber nur noch
       urteilen über Bücher, deren Verfasser:innen der eigenen Verfasstheit in
       puncto Alter und Geschlecht entsprechen?
       
       Dann landet man womöglich doch bei Caroline Wahl oder Sophie Passmann.
       Letztere hat in der Vergangenheit ihren Unmut darüber geäußert, dass es vor
       allem Frauen seien, die sie kritisierten. Ganz überraschend ist das nicht,
       nimmt man den PR-Apparat rund um „Wie kann sie nur?“ mit in die Gleichung,
       denn das Buch wird als „highly relatable“ vermarktet. Und relaten, das
       können eher – junge Frauen.
       
       Wir leben in Zeiten, in denen gute und schlechte Werbung vor allem eines
       ist: Werbung. Und so dürften am Ende alle gewinnen. Gut verdienende
       Autor:innen wie Ildikó von Kürthy und Sophie Passmann werden noch mehr
       Bücher verkaufen. Und Denis Scheck? Der wird wohl auch weiter Bücher in die
       Tonne werfen. Wer mit Blackfacing davonkommt, der dürfte auch diese Debatte
       überleben.
       
       17 Apr 2026
       
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