# taz.de -- Berliner Transmediale: Mit anderen beben
> Das Festival Transmediale versteht sich als Plattform für kritische
> Reflexion. Die diesjährige Ausgabe verlor sich jedoch vielmehr in
> Beliebigkeit.
(IMG) Bild: Vielleicht besser doch ein Schläfchen? Ein Besucher der diesjährigen Transmediale
„Ein lebendiges, rekursives Trägernetz – eine Hängematte relationaler
Technologien in Praxis, die sich über Breitengrade, Rhythmen und
Wurzelsysteme spannt“ sollte die diesjährige Ausgabe des Berliner
Medienkunstfestivals Transmediale werden – was immer das bedeuten mag.
„Damit eröffnet es sowohl eine geografische als auch eine theoretische
Verschiebung im Diskurs über Technologie und Medien, auf dem unser heutiges
Verständnis des Internets als weltweites Netz basiert.“
Was am vergangenen Wochenende im Silent Green Kulturquartier im Wedding und
in der Eventlocation [1][CANK in Neukölln] tatsächlich zu sehen war, zeigte
allerdings, dass die Umsetzung von wohlklingender, postkolonialer
Kuratorenprosa vom Festival als „einem gemeinschaftlich gestalteten Raum,
in dem die entlang der äquatorumspannenden intertropischen Konvergenzzone
entwickelten Protokolle erfahrbar gemacht und geteilt werden“, nur bedingt
zu überzeugen vermochte.
„Entsprechend dem prozessorientierten Ansatz des Festivals 2026 wird sich
das Programm in den Tagen vor dem Festival weiterentwickeln“, hieß es noch
zwei Wochen vor der [2][Transmediale] in einer Pressemitteilung – was
übersetzt bedeutete, dass es da offenbar noch keine abschließende Planung
gab. Auch beim Festival selbst ruckelte es gelegentlich ganz ordentlich –
ist es beim größten deutschen Medienkunstfestival wirklich nicht möglich,
einen Laptop an einen Beamer anzuschließen, wie bei dem Panel mit DJ Jay
Mitta aus Tansania?
Das Programm, das die Kurator:innen Neema Githere und Juan Pablo García
Sossa unter dem Titel „By the Mango Belt and Tamarind Road“
zusammengestellt hatten, sollte die traditionell eher eurozentristische
Ausrichtung des Festivals korrigieren und brachte eine so noch nie gesehene
Menge von Künstlern aus dem Globalen Süden ins kälteknackende, vereiste
Berlin. Das bescherte dem Festival zwar in Ansätzen eine überfällige
Horizonterweiterung. Leider blieb das in der Umsetzung hinter den
ambitionierten Ankündigungen zurück.
## Unwirtlicher Unort
Da war zunächst einmal eine desinteressiert wirkende Zusammenstellung von
Installationen, die man in den ehemaligen C&A an der Karl-Marx-Straße in
Neukölln gehustet hatte. Die wenigen Besucher, die sich überhaupt an diesen
Unort verirrten, fanden eine unwirtliche, kommentarlose Zusammenstellung
von Werken vor, auf die man sich seinen eigenen Reim machen musste.
Warum da im ersten Stock Gummipuppen auf dem Boden lagen oder wo die
Szenen, die man als Hologramm mit einer Taschenlampe auf Metallplatten
ausleuchten konnte, spielten, oder was die Bewandtnis der auf vertikal
aufgehängten Monitoren gezeigten Tiktoks war, konnte man auch dem Plan mit
den Titeln der Arbeiten nicht entnehmen. Den konnte man im Dunkel der
Ausstellung ohnehin nicht entziffern. Die Künstler, die hier gezeigt
wurden, dürfen sich mit gutem Recht als verheizt betrachten.
Das Festival in den unterirdischen Hallen des Silent Green entbehrte
ebenfalls weitgehend sinnstiftender Kontextualisierung. Auch hier keine
Beschriftungen der gezeigten Arbeiten, keine Führungen oder
Besucherprogramme und übrigens auch kein Pressetermin vor Beginn des
Festivals.
Was unter anderen Umständen möglicherweise spontane Überraschungserlebnisse
ermöglichen könnte, wurde in der Masse zur beliebigen und irgendwann
überfordernden Aneinanderreihung von exotischen Schauwerten. Eine
Lecture-Performance über Karaoke auf den Philippinen und ein Konzert mit
Karinding, einer Mundharmonika aus Bambus aus West-Kalimantan. Filme über
den Wasserverbrauch bei der Herstellung von Computerchips in Taiwan und ein
„afrofuturistisches Sci-Fi-Punk-Musical“.
Und ganz viele Aktivitäten zum Dabeisein und Mitmachen: Siebdrucken,
Sauerteig ansetzen, sich die Nägel machen lassen, allmorgendliche
„ritualistische Spaziergänge“. Sowie eine Veranstaltung mit dem Titel
„Bedrot With Me“, bei der man gemeinsam mit der Künstlerin İdil Galip am
Handy hängen konnte – „ein kollektives Experiment, bei dem man fast nichts
tut. Diese Sitzung ist eine Einladung, gemeinsam zu liegen und zu scrollen,
zu träumen und abzudriften, in Stasis zu ruhen.“ Ok, das war dann schon
wieder irgendwie lustig – wenn es nicht als ein Höhepunkt des
Diskursprogramms angekündigt worden wäre.
## Negation der Mediation
Festivals sind immer Wundertüten. Aber so, wie sich die diesjährige
Transmediale der Vermittlung verweigerte, war sie ein leuchtendes Beispiel
für den neuen kulturellen Stil, den die amerikanische Autorin Anna Kornbluh
in ihrem aktuellen Buch „Immediacy, or The Style of Too Late Capitalism“
(2024) beschrieben hat. Kennzeichnend für diese Kulturform ist eine
„Negation der Mediation“; im Zeitalter von Social Media und FOMO ersetzt
Unmittelbarkeit (Immediacy) die vermittelnde, distanzierende Funktion von
Kunst; (angebliche) Authentizität triumphiert über Reflexion und Diskurs –
so wie beim gemeinsamen rituellen Coca-Tee-Trinken, tatsächlich ein
Programmpunkt bei der diesjährigen Transmediale.
Was bei [3][früheren Transmedialen] oft ins Unendliche ausuferte, nämlich
das Reden über statt des Präsentierens von Kunst, fehlte diesmal
weitgehend. Entsprechend empfahl der malische Literaturwissenschaftler
Manthia Diawara in einem Vortrag, der wohl programmatisch gedacht war, in
Anlehnung an den frankokaribischen Dichter Édouard Glissant eine „Poetik
der Mangrove“. Wie die aussieht? „Dem Zittern des anderen zuzustimmen und
mit ihm zu beben“.
Wo Debatte durch „Wahlverwandtschaft“ ersetzt wird, passt es ins Bild, dass
einer der wenigen Programmpunkte, bei dem überhaupt ernsthaft diskutiert
wurde, in einer zugigen Ecke ohne Bestuhlung stattfand. Wer auf dem Boden
hockend wissen wollte, wer da gerade worüber sprach, musste den
Tontechniker fragen. Der tippte einem dann die Webadresse der
„Veranstaltung in der Veranstaltung“ in den Browser auf dem Smartphone.
Die Beliebigkeit des diesjährigen Festivals ist übrigens offenbar gewollt:
Ein ominöses „Advisory Board“ hat der Transmediale im vergangenen Jahr
verordnet, dass die Kuratoren der Veranstaltung jedes Jahr ausgetauscht
werden. So überlässt man die Transmediale Durchreisenden, die ihre Vita um
einen Eintrag erweitern möchten und keinen Bezug zum Ort des Festivals
entwickeln. Die diesjährigen Kuratoren Githere und Sossa dürfen sich auf
jeden Fall ab heute nach neuen Jobs umsehen – so wie alle, die in Zukunft
die Transmediale leiten werden. Vielleicht erklärt das ein Stück weit die
Wurstigkeit der diesjährigen Veranstaltung.
5 Feb 2026
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