# taz.de -- Ausstellung zum Festival CTM: Der Sound einer multipolaren Welt
       
       > Die brutale weltpolitische Realität hat das Berliner Festival CTM
       > eingeholt. Das macht sich in der Ausstellung „Echoes of Tumult“
       > bemerkbar.
       
 (IMG) Bild: Lippenstift-Installation von Ioana Vreme Moser
       
       Und dann war Krieg.
       
       Gleich im ersten Raum der Ausstellung „Echoes of Tumult“ ist man mitten
       drin in den Verwüstungen, die Fassbomben und Marschflugkörper, Drohnen und
       Sprengsätze in den letzten Jahren rund um den Globus angerichtet haben. Die
       iranische Künstlerin Hoda Afshar hat Found Footage gesammelt, das
       Bombenangriffe auf Wohnhäuser, Bürogebäude und Moscheen im düsteren
       Video-Schwarzweiß zeigt. Allerdings laufen die Aufnahmen in ihrer
       Installation „Undone“ rückwärts ab: Aus Rauchschwaden und aufgewirbeltem
       Staub erstehen die getroffenen Gebäude wieder neu – wie am Ende von
       [1][Elem Klimows sowjetischem Antikriegsfilm „Komm und sieh“ von 1985].
       
       Mag sein, dass Afshar wie [2][Walter Benjamins Engel der Geschichte] mit
       Hilfe ihres Medienarsenals die Toten erwecken und das Zerschlagene wieder
       ganz machen möchte. Doch sollte dies ihre Absicht gewesen sein, wird sie
       überlagert von einer Totalität der Zerstörung, die von Kriegsschauplätzen
       in aller Welt in den Ausstellungsraum einströmt.
       
       ## Lärm der Luftschutzsirenen
       
       Im gegenüberliegenden Raum geht es in der Klanginstallation „Tryvoha. (Die
       Sirene und der Mast)“ [3][des ukrainischen Künstlers Nikita Kadan] gleich
       weiter mit dem kriegerischen Bombardement der Sinne: Wer sich einer
       Metallstange in der Mitte des Raums nähert, löst den dämonischen Lärm der
       Luftschutzsirenen aus, die in Kyjiw derzeit Tag für Tag und Nacht für Nacht
       heulen – so scheint es zumindest. Doch ganz so buchstäblich dokumentarisch
       ist die Arbeit nicht: Kadan hat das langgezogene, ohrenbetäubende Heulen
       von einer Mezzosopranistin und einem Violinisten nachsingen und nachspielen
       lassen.
       
       Das sind ganz andere Klänge als bei früheren CTM-Ausstellungen. Ging es
       dort oft um Genderthemen, Identitätspolitik, Postkolonialismus oder
       Netzkultur, hat in diesem Jahr eine brutale weltpolitische Realität das
       Festival eingeholt. Es ist der Sound einer multipolaren Welt, der sich in
       den Ausstellungsräumen ohne Schallschutz überlagert und übertönt.
       
       Da werden sogar Lippenstifte zu Kriegsgütern, wie in der Installation der
       Rumänin Ioana Vreme Moser. Bei ihrer Recherche zu Inhaltsstoffen von
       Kosmetik fand sie so viel Schwermetall in alten Schminkstiften, dass sich
       daraus kleine Radioempfänger bauen ließen. Im Zweiten Weltkrieg, so fand
       sie heraus, wurden die Drehhülsen von Kosmetika tatsächlich zu
       Patronenhülsen umfunktioniert. Eine Armada teils hundert Jahre alter
       Lippenstifte hängt nun wie ein Schwarm von Projektilen unter der Decke und
       krächzt historische Radiowerbung für Make-up.
       
       Doch es sind nicht nur Kriege, die uns im Safe Space des Kunstraums
       glücklicherweise bisher nur als die Echos des Ausstellungstitels erreichen.
       Auch ohne politische Konflikte schafft es die Menschheit, den einen
       Planeten, der ihr zur Verfügung steht, mit dröhnender, bebender Zerstörung
       zu überziehen. Sissel Marie Tonnn und Jonathan Reus haben ein Archiv der
       seismografischen Aufzeichnungen der schweren Erdbeben zusammengestellt,
       welche von der Gasförderung in Groningen ausgelöst wurden. Mit Westen und
       Kopfhörern ausgestattet kann der Besucher am eigenen Leibe erfahren, wie es
       sich anfühlt, wenn unter einem der Boden wegrutscht, weil der Energiehunger
       der Niederlande befriedigt werden muss.
       
       Da wirken die Aufnahmen von den Wiesen, die in den letzten zwei Jahren im
       ehemaligen Becken des Staudamms von Kadyrova gewachsen sind, in der
       Multimedia-Installation der [4][Ukrainerin Zhanna Kadyrova] geradezu
       bukolisch – wenn man vergessen hat, dass die Russen den Damm 2023 gesprengt
       haben, um die Stadt Cherson und mehr als 40 weitere Ortschaften zu
       überschwemmen.
       
       26 Jan 2026
       
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