# taz.de -- Festival Modaperf in Kamerun: Raum für soziale Bewegung
       
       > In Kamerun, wo seit Jahren ein kaum beachteter Bürgerkrieg stattfindet,
       > organisiert der international gefeierte Performer Zora Snake das Festival
       > Modaperf.
       
 (IMG) Bild: Die Performances finden meist im öffentlichen Raum statt. Festivalszene von Modaperf in Jaundé, der Hauptstadt Kameruns
       
       Jaundé, 32 Grad. Ab und zu stürzt ein Regenschauer herab. „Ich danke dem
       souveränen Volk, das mich gewählt hat“, steht auf großen Plakaten in der
       Hauptstadt von Kamerun. Väterlich blickt der dienstälteste Diktator der
       Welt, Paul Biya, 92 Jahre alt, auf Verkäuferinnen herab, die köstlich
       geröstete Erdnüsse in alten Whiskyflaschen verkaufen. Auf Mobilfunkhändler,
       Kioskbesitzer zwischen Sonnenschirmen, stinkende gelbe Taxis, duftende
       Hibiskusblüten an der Straße – wenige Wochen nach seiner vermutlich
       manipulierten Wahl.
       
       In Kamerun hat der mutmaßliche Wahlbetrug [1][Unruhen ausgelöst,] im
       Südwesten gab es Demos, Tränengas, Verhaftungen, Tote. Dort, an der Grenze
       von frankophonem und anglophonem Kamerun, herrscht seit Jahrzehnten ein
       Bürgerkrieg, der schon rund 14.000 Tote gefordert hat und von der Welt
       weitgehend ignoriert wird.
       
       So aufgeheizt war die Lage, dass der Tänzer, Choreograf und Performer Zora
       Snake aus Sicherheitsgründen sein Festival Modaperf nach Jaundé, ins Innere
       des Landes, verlegt hat – obwohl es sonst, seit 2019 alle zwei Jahre, nach
       Dschang und Douala, in entlegene Dörfer und koloniale Orte an der Küste
       reist. In Jaundé dagegen, wo auf einem der sieben Hügel um die Hauptstadt
       auch der monströse, ufo-artige Präsidentenpalast in einer golfartigen
       Anlage liegt, ist die Diktatorenwelt [2][noch unter Kontrolle.]
       
       ## Es herrscht Repression und Angst
       
       „So lange Jaundé atmet, lebt Kamerun“, hat Paul Biya als Parole ausgegeben.
       Hart wird hier kontrolliert: Alle paar hundert Meter gibt es
       Straßenbarrieren, müssen Führerscheine, Visa und Pässe gezeigt werden, und
       auch auf dem Festival erscheinen Regierungsbeamte in Zivil. Über die
       wirkliche Lage im Land, Repressionen und Bedrohung, die willkürliche
       Inhaftierung etwa des Oppositionellen Anicet Ekane, sprechen die anwesenden
       Künstler nur, wenn man ihnen verspricht, keine Namen zu nennen.
       
       Eine Art kollektiver politischer Resignation habe die junge Generation
       ergriffen; Arbeitslosigkeit, Korruption, Armut und eine zunehmende
       Drogenproblematik grassieren in Kamerun mit seinem großen Potenzial,
       erzählt auch die Direktorin des Goethe-Instituts in Jaunde, Thekla
       Worch-Ambara. Sie glaubt, dass die jungen Menschen im Land – im
       Durchschnitt 18 Jahre alt – eher auf den Tod des Diktators hofften, als
       einen realen Umsturz zu planen. Was nicht heißt, dass es danach besser
       würde – auch Biyas 36 Jahre jüngere Ehefrau Chantal stehe in den
       Startlöchern.
       
       ## Festival für „Tanz, Bewegung und Performance“
       
       Dennoch. Schon zum siebten Mal hat der international gefragte Kameruner
       Performer und Tänzer Zora Snake hier Modaperf organisiert, ein Festival für
       „Tanz, Bewegung und Performance“, mit einer eingeschworenen Freundesgruppe,
       aus „spirituellen und politischen Gründen“, wie er sagt: „Bewegung kann
       auch soziale Bewegung bedeuten. Ich möchte mit Kunst Zukunft kreieren und
       lokale Entwicklung anstoßen, die Gesellschaft heilen – und mit ihrer
       Geschichte versöhnen, uns mit Traditionen verbinden, die durch
       Kolonialismus zerstört worden sind.“
       
       Deshalb finden die Performances auch meist im öffentlichen Raum statt,
       Kulturorte gibt es in Jaundé ohnehin kaum: auf Märkten, an heiligen Stätten
       oder Dorfhöfen. Oder auf belebten Straßen: Mitten in den Verkehrsfluss
       läuft auf einmal die Kompanie Musée de l’art – Kunstmuseum – aus der
       Republik Kongo mit ihren Tamtams. Sie stellen sich vor Autos, werfen die
       Trommeln in die Luft, lassen sie kreiseln. Akrobatik mischt sich mit
       Konzert-Vibes.
       
       Viele Passanten beginnen zu tanzen, laufen mit den Performern die
       Nebenstraße herunter, bis zum Kulturort Afrotopos mit seinem lauschigen
       Innenhof unter einem riesigen Mangobaum. Einst war hier das Privathaus des
       Priesters Pie-Claude Ngumu, der aus der katholischen Kirche austrat, um
       Musikethnologe zu werden. Nach seinem Tod hat er es der Kulturszene
       vermacht. Täglich findet sich hier nun eine bunte Mischung aus Künstlern,
       Anwohnern und Festivalbesuchern ein.
       
       ## Rund 300 Ethnien leben hier
       
       „Cultiver l’union“ heißt das Motto in diesem Jahr, „die Einheit
       kultivieren“. Nicht einfach in einem Land mit rund 300 Ethnien. Zora Snake
       hat große Visionen – und wird doch kaum gefördert, auch nicht vom
       Goethe-Institut. Dennoch werden an den fünf Tagen Arbeiten aus Kamerun,
       Kongo-Brazzaville, Burkina Faso gezeigt, nur die Künstler von der
       Elfenbeinküste haben kein Visum bekommen – das mit 160 Euro (für Europäer)
       ohnehin ziemlich teuer ist.
       
       Zwei französische Gastkünstlerinnen – Karelle Prugnaud und Louise Soulié –
       geben Workshops für den Tanznachwuchs. Einer der Höhepunkte ist ein großer
       Tanzbattle in Krumping und Popping, zu dem Tänzer aus dem ganzen Land
       anreisen. Auch Zora Snake hat seine Kunst auf der Straße gelernt. Ohnehin
       ist er ein Phänomen, eine Künstlerfigur, die spirituelle Traditionen und
       künstlerische Grenzüberschreitung vereint, sich bei seinen Performances
       auch mal selbst verbrennt, Geld ins Publikum wirft.
       
       Feierlich lässt er sich zu Festivalbeginn neben der Bühne rasieren, sitzt
       manchmal koboldhaft im Mangobaum und hält von dort brillante Reden über die
       soziale Funktion der Kunst. Bei seiner Uraufführung „Combat des lianes“ im
       Nationaltheater Brüssel erschien er nach der Vorstellung als Baum
       verkleidet.
       
       Einen der magischsten Momente des Festivals lässt sich in der Chefferie
       Shell Nsimeyong erleben, einer spirituellen Dorfeinheit mitten in der
       Stadt, die als eigene Ordnungseinheit gilt. Mitten im staubigen Yaoundé
       gruppieren sich kleine Häuser um einen wunderschönen Hof.
       
       ## Kunst erleuchtet Orte
       
       Der Chef sitzt im Publikum, es gibt Bier, gegrillte Bananen und
       Fleischspieße, rund 30 Kinder tollen herum. In stiller Konzentration tanzen
       acht Performer in jeder Ecke, klettern auf Dächer, schwingen an
       Fensterläden oder Wäscheleinen, tragen gemalte Bilder triumphierend umher:
       Kunst erleuchtet auch Orte, an die sie sonst nie kommt.
       
       Krass wird es, als die französische Künstlerin Karelle Prugnaud als
       maskierte Braut auf einem Taxi einfährt, Rosenblätter wirft und Likes
       einfordert, den Frauenhass im Netz anprangert und sich anschließend fast
       nackt auszieht – um am Ende die Chefferie-Kinder auffordert, Handyattrappen
       zu zerstören. Doch der Chef lässt die fremde Westkunst im Dorf gewähren und
       segnet zum Schluss alle Gäste einzeln.
       
       Spannend und extrem sind auch die Künstlergespräche, die jeden Vormittag im
       Afrotopos stattfinden: tiefe Einblicke in kamerunische Konflikte,
       meisterhaft moderiert vom Wissenschaftler, Performer und
       Modaperf-Mitgründer Toutou Ditchou, eine Mischung aus hitziger Kunstkritik,
       Innenschau, Wut und Versöhnung.
       
       ## Polygamie ist Thema und auch Alltag
       
       Krasse Themen werden angeschnitten: Wie es ist, in einer polygamen Familie
       aufzuwachsen – wo eine permanente Konkurrenzsituation Nebenfrauen und
       Kinderschar untereinander zu Feinden im Alltag macht. Zugleich ist sie ein
       schutzgebendes soziales Konstrukt: Vier der rund zwölf anwesenden Männer
       kennen die Situation oder leben sie mit eigenen Frauen.
       
       Viel wird aber auch über die Lage der Frau und Feminismus diskutiert – der
       hier als Schimpfwort und „westliches“ Konzept gilt. Dennoch erzählen viele
       der jungen Tänzerinnen tapfer, wie sie mit ihren Familien kämpfen, ihren
       Beruf verachtet sehen, sich selbst als „Diamant“ im Inneren des Hauses
       wegsortiert fühlen, weil dies eben spirituelle „Tradition“ sei – ein
       Argument, das man auch wunderbar als dekolonialen „Widerstand“ gegen den
       Westen verdrehen kann.
       
       Eine klare Auflehnung dagegen performt etwa die Künstlerin Reine Eben, 29
       Jahre alt. Für ihre Arbeit „L’attache“ (ein Wortspiel aus „Fessel“ und
       „Pflicht“) hat sie sich in rot-weißes Absperrband gehüllt. Vor einem
       Holzrahmen wickelt sie sich aus, wirft sich auf den Boden, beklagt den
       Männerblick auf ihren Körper, den Druck auf eine Frau, der noch stärker
       wird, wenn sie zur Mutter wird – „Als ich mein neugeborenes Kind verloren
       habe, hat man mir vorgeworfen, ich hätte zu viel getanzt“, sagt sie, „Nun
       möchte ich mit Kunst dafür eintreten, dass Frauen sein können, wie sie
       wollen.“
       
       ## Kolonialismus und Rassismus
       
       Natürlich ist auch Kolonialismus ein Thema. Das Stück „Djabama Land“ kommt
       von der Kompanie Avant-Scène und wurde mit Geldern aus Berlin gefördert. In
       historischen Kostümen zeigt ein Ausschnitt, wie deutsche Kolonialisten
       Kunstgegenstände raubten, rassistisch agierten in den 32 Jahren ihrer
       Herrschaft in Kamerun – die indes nicht ganz so genozidal verlief wie etwa
       in Namibia. Von vielen Kamerunern wird sie auch durchaus positiv gesehen.
       
       „Wenn die Deutschen statt der Franzosen geblieben wären, würde es uns heute
       besser gehen“, sagt etwa ein Festivalbesucher. Warum müsse man immer die
       eigene Viktimisierung betreiben, kritisiert dazu ein anderer Zuschauer. Der
       Kolonialismus sei doch gefühlt seit zehn Generationen vorbei. „Wir sollten
       uns auf unsere Traditionen besinnen, sie vorsichtig modernisieren – aber
       uns nicht immerzu beklagen.“
       
       ## Repressive Endstation für manche
       
       Und dann spürt man am letzten Festivaltag selbst in Jaundé, wie ein großer
       Schock, Trauer und Depression die Kameruner Künstler durchfährt. Der kurz
       nach den Wahlen inhaftierte Oppositionspolitiker [3][Anicet Ekane,] 74
       Jahre alt, ist unerwartet im Gefängnis verstorben. Man hatte ihm [4][bei
       der Verhaftung] sein Sauerstoffgerät nicht zur Verfügung gestellt. Die
       Zeitungen drucken sein Porträt, in Taxen wird leise darüber geflüstert.
       Entsetzen und Elend, Resignation und Trauer mischen sich.
       
       So lebendig, gemeinschaftsstiftend, fröhlich das Festival Modaperf auch war
       – das Land mit dem großen Potenzial ist für manche doch eine repressive
       Endstation.
       
       24 Jan 2026
       
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